Der König hat gehustet

“Der König hat gehustet” – die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, auch wenn keiner genau sagen konnte, wie. Es stand nicht in der Zeitung, es wurde nicht im Radio bekanntgegeben und niemand war so unschicklich, es laut auszusprechen und doch wusste es bald jeder. So wie man nicht erst den Donner hören muss, um zu wissen, dass ein Gewitter aufzieht. “Der König hat gehustet” – die Spatzen pfiffen es von den Dächern, die Bienen tanzten es über der Wiese, die Wolken schrieben es in den Himmel.

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(“Der König hat gehustet” – die Waschmaschinen flüsterten es den Wäschekörben.)

Natürlich rief dies sofort die Übereifrigen auf den Plan. Lange bevor die Nachricht die Runde gemacht hatte, begannen sie selbst zu husten, leise erst, doch immer lauter und selbstbewusster, demonstrativer. Endlich zahlte sich ihre Aufmerksamkeit aus, endlich machte es sich bezahlt, dass sie ihre Nase höher trugen als andere, um im Wind auch noch die leiseste Ahnung einer Nachricht zu erschnüffeln. In den nächsten Wochen würden sie uns bei jeder Gelegenheit spüren lassen, dass sie schon vor uns mit dem König husteten, sie würden uns geringschätzig anschauen und sarkastische Bemerkungen über die Gesundheit unserer Kehlen machen. “Ich huste ja schon beinahe immer”, würden sie sagen, “es ist praktisch ein Teil von mir.”

Sie würden freilich nie so weit gehen, sich mit dem König zu vergleichen oder auch nur des Königs Husten zu erwähnen und doch wäre ihre Botschaft klar: Wir sind die wahren Untertanen, wer seid ihr?
Wenn Sie mich fragen, sind das alles Angeber und Heuchler und auf die Gefahr hin, dem einen oder anderen Unrecht zu tun: Ich glaube, sie missbrauchen und betrügen unseren König, indem sich sein Husten wie einen Mantel umhängen, um sich selbst zu erhöhen.

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Natürlich habe auch ich gehustet! Wie konnte ich nicht husten, wenn der König gehustet hat! Sind wir nicht alle nur Glieder des großen Körpers, dessen Geist, Herz und Seele der König ist?!
Natürlich habe auch ich gehustet! Doch ich hustete im Stillen. Warum sollte ich dem Pöbel meine Loyalität demonstrieren, wer würde es wagen, an ihr zu zweifeln?! Warum sollte ich Vorgesetzte beeindrucken und Gleichgestellte beschämen, in dem ich doppelt so oft und doppelt so laut wie sie hustete? Ich wollte nichts als meinem König nahe zu sein und indem ich sein Husten teilte, ein immaterielles Band zwischen uns zu knüpfen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bilde mir nicht ein, durch mein Husten selbst königlich geworden zu sein, nein mein Husten und ich blieben stets ganz gewöhnlich menschlich. Doch indem ich mir dessen bewusst war, konnte ich mich ihm spirituell nähern, ohne der Versuchung der Anmaßung zu erliegen. Ich war wie ein Kind, das mit Armgefuchtel von einem Stuhl springt und sich für einen winzigen Moment den Vögeln am Himmel nahe fühlt.

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(“Sie da, ja, Sie. Nun tun Sie mal nicht so!”)

Zwei Wochen husteten wir, die einen hohl und laut, die anderen, wie ich, still und demütig, doch als schließlich die Nachricht kam (unhörbar und doch klar wie eine frische Brise an einem drückenden Sommertag), dass ein Fehler und falscher Alarm gewesen war, waren wir alle doch insgeheim froh, weil unsere Kehlen gerötet waren, vor allem aber, weil es bedeutete, dass es dem König gut ging.
Unnötig zu erwähnen, dass jene, die zuerst und am lautesten gehustet hatten nun auch die ersten waren, die sich (mit rauher Kehle) über das Husten mokierten. “Also dieses Gehuste ist ja äußerst peinlich”, sagten sie laut und genossen die entsetzten Blicke jener, die etwas länger brauchten, um zu begreifen. Was man mit dem Husten überhaupt andeuten wolle, fragten sie, ob man etwa an der Gesundheit des Königs zweifle?
Nun, mir, der ich stets im Stillen gehustet — was mir kurz zuvor noch einige scheele Blicke seitens der Demontrationshuster eingebracht hat — konnte niemand etwas vorwerfen.
Da! Hören — oder besser: Spüren Sie es auch? Es ist etwas geschehen … der König hat gefurzt …

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(Glücklich, wer keine Nase hat.)

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