Warum ich vielleicht nicht wählen gehe

EDIT, 10.9., 13.00 Uhr: Bei Facebook kriege ich für den Beitrag ein bisschen auf den Deckel, aber auch Eisangebote. Ich versuche dort, so halbwegs auf alles einzugehen, auch auf meine Fehler im untenstehenden Post.

Am Tag der letzten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vor ziemlich genau einem Jahr saß ich gegen 17 Uhr auf einer Wiese im Jahn-Sportpark als mich ein Passant (im Folgenden Arsch genannt), Mitte dreißig, Bart, Mens Bun, Oberarmtattoos, amerikanischer Akzent – ich beschreibe das nicht aus Hipster-Hass so genau,sondern weil man wegen dem, was er am Ende dieses Absatzes zu mir sagen wird, eher von einem schlecht integrierten Siemensstädter mit nahöstlichem Migrationshintergrund ausginge – als mich jedenfalls besagter Arsch ohne irgendwelche Präliminarien mit der Frage behelligte, ob ich schon gewählt habe .

Wobei „bellte mich an: Hast du gewählt?!“ den Vorgang genauer beschreibt. Bevor mir die einzige richtige Antwort einfiel („Geht dich’n Scheiß an!“), rutschte mir ein „nein“ heraus, woraufhin der Arsch „Scheiß Deutscher!“ rief und weiterging.

(Ich hab nicht genug Wahlfotos, darum: Wuppertal. Fängt auch mit W an.)

Ich fand das beinahe ebenso skurril wie unangenehm. Möglicherweise wollte er zum Ausdruck bringen, dass er Nichtwähler als Steigbügelhalter des Faschismus sieht, eine leider sehr weitverbreitete Fehlinterpretation des Wahlrechts und -systems in der BRD.

„Scheiß Deutscher“ fand ich in diesem Zusammenhang trotzdem sehr merkwürdig, da es ja eigentlich aussagt, dass alle Deutschen scheiße sind. Vielleicht hätte er mich bei jeder Antwort beleidigt, so wie jemand, der einen unvermittelt in der Dorfdisco fragt, ob man ihn Arschloch genannt habe, in der Regel auch nicht an einer Aufklärung eines eventuellen Missverständnisses interessiert ist.

(Wow, ein voll toller Hashtag und ein schlechtes Wortspiel, das komplett am Kern des Problems vorbeigeht: Nichtwähler hassen Wahlen nicht. Sie desinteressiert oder glauben nicht an ihre Relevanz oder möchten sich aus tausend seltsamen Gründen nicht daran beteiligen. Warum Wahlwerbung auch noch so oft so schlecht sein und die Intelligenz des Betrachters beleidigen muss, ist mir schleierhaft.)

Es ist einfach nicht wahr, dass eine nicht abgegebene Stimme eine Stimme für Rechtsextreme oder Rechtspopulisten ist. Nur eine abgegebene Stimme für Rechtsextreme und Rechtspopulisten ist eine Stimme für Rechtsextreme und Rechtspopulisten. In einer geheimen Wahl sind die, die nicht wählen sogar die einzigen, bei denen man hundertprozentig sicher sein kann, dass nicht für Rechtsextreme und Rechtspopulisten gestimmt haben!

Wenn mich nicht alles täuscht, gingen bei den letzten Wahlen viele Stimmen von Menschen, die ansonsten nicht gewählt hätten, an die AfD. Es ist sicher nicht ganz abwegig, sich vorzustellen, dass unter denen, die schon lange nicht mehr wählen, der Anteil der Politikverdrossenen und unter diesen wiederum der Anteil derer, die mit rechts sympathisieren, nicht gerade gering ist. Wer also glaubt, man müsse nur die Nichtwähler an die Urnen treiben, und die AfD hätte sich erledigt, könnte sich möglicherweise sehr irren.

Klar: Wenn weniger Leute wählen, profitieren davon kleinere Parteien. Also auch die Magdeburger Gartenpartei (MG) , die Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklich-Sein aller (MENSCHLICHE WELT), die Grauen, die Violetten und die SPD (Entschuldigung ;) – solange man davon, dass die Anhänger dieser kleinen Parteien ohnehin schon zu 100% wählen gehen und sämtliche Nichtwähler-Stimmen am Ende den großen Parteien fehlen.

Korrigiert mich, falls ich hier kompletten Stuss schreibe (bei Statistik verknotet sich sehr schnell mein Gehirn), aber wenn man davon ausgehen muss, dass die AfD über 5% kommt, ist dann nicht nach dieser Logik auch jede Stimme für eine Partei, die nicht über die 5%-Hürde kommt, eine Stimme für die AfD, weil diese Stimmen dann den anderen im Parlament vertretenen Parteien fehlen und die AfD dadurch mehr Mandate bekommt? Müssten dann nicht AfD-kritische Anhänger von PARTEI , Piraten und MLPD zähneknirschend CDU wählen, um ganz sicher zu gehen, dass ihre Stimme eine Stimme gegen rechts ist?

(W wie Wand. Bei Königs W-usterhausen!)

Das alles ist ziemlich bekloppt und ich schätze, dass man sich die Statistiken so basteln kann, wie man sie braucht (zum Beispiel, indem man willkürlich zugrunde legt, was die Nichtwähler mutmaßlich wählen würden). Aber es gibt eine Tatsache, die ebenso unumstößlich ist wie positiv ist:

Freue dich, lieber Wähler,

denn jeder Nichtwähler gibt DEINER STIMME mehr Gewicht!

Hey, ho!

Mich stört aber auch generell die Idee, dass man die AfD aus dem Bundestag raushalten müsse. Wir leben in einer parlamentarischen und repräsentativen Demokratie und wenn ein relevanter Teil des „politischen Meinungsspektrums“ von der Politik nicht mehr repräsentiert wird, ist das Ganze nur noch ein Witz. Und, tja, was soll ich sagen: Es gibt diese Menschen und diese Meinungen und sie haben, vorsichtig ausgedrückt, weltweit gerade einen ganz guten Lauf.  Diese Leute und diese Meinungen verschwinden ja auch nicht einfach, wenn sie nicht im Parlament vertreten sind.

(Hier nochmal – ich schwöre zum letzten Mal – mein auf die wesentlichen Aussagen eingedampfter Zusammenschnitt eines Interviews mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin, weil sie darin unter anderem einen sehr schönen Witz über die Chancen der SPD auf einen Wahlsieg macht (indem sie behauptet, es gäbe sie).)

Ein anderes Pro-Wahlargument ähnelt ein bisschen dem guten alten „Die Kinder in Afrika wären froh“-Argument, wenn man früher seine Schulstullen nicht aufgegessen hatte: „Die Menschen in Diktaturen wären froh über die Freiheit zu wählen!“

Das mag ja stimmen, aber sie wären vielleicht auch froh über die Freiheit, auf das Wählen verzichten zu können, ohne Repressionen befürchten zu müssen.

In der DDR gab es keine Wahlpflicht, aber wenn man 17 Uhr noch nicht im Wahllokal aufgetaucht war, schneiten ein paar freundliche Kollegen und Nachbarn und die Lehrer der Kinder vorbei, um einem ins Gewissen zu reden. Die Argumente und der Ton und die Empörung, mit denen man auf Nichtwähler einhackt, erinnern mich manchmal an die schlechte alte Zeit. (Ja der Vergleich ist unsachlich und unfair, aber was soll man machen?)

Es gibt noch so ein Kindergartenargument gegen das Nichtwählen: „Wenn das nun alle (nicht) machen würden“. Das wird nicht passieren. Punkt. Mehr muss man dazu nicht sagen.

 

Ich empfinde die ständigen, teilweise aggressiven oder herablassenden Wahlaufrufe, diese Selbstverständlichkeit mit der davon ausgegangen wird, dass man gefälligst wählen zu gehen habe, das Herbeigerede einer moralischen Pflicht als Zumutung und manchmal – siehe oben – als nervig und übergriffig und selbstgerecht.

(Okay, manche Sachen sind auch hübsch, der Clip von Sophie Passmann zum Beispiel. Er wird wahrscheinlich niemanden ins Wahllokal locken, der dort nicht ohnehin hingegangen wäre (warum auch?!), aber eine schöne Satire auf Unboxing-Videos und“Influencer“ ist er auf jeden Fall.)

Ich bin nicht politikverdrossen, ich habe de Glauben an die parlamentarische Demokratie noch nicht verloren – oder sagen wir so: Mir hat noch niemand eine Alternative präsentieren können, die nicht noch schlechter wäre – ich glaube nicht, dass Wahlen nichts bringen und ich bin nicht der Meinung, dass ausnahmslos alle Politiker korrupt und dumm sind.

Aber es kann sein, dass ich mich nicht entscheiden kann oder will oder meinetwegen einfach keine Lust habe und beschließe, dass ihr das schon ohne mich hinkriegt oder aus welchem Grund auch immer am Wahlsonntag zuhause bleibe. Und dafür will ich mich weder rechtfertigen müssen, noch beschimpfen lassen. Und wehe, ihr klingelt um 5 an der Tür und fragt nach, ob ich schon wählen war.

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5 comments on “Warum ich vielleicht nicht wählen gehe”

  1. Tom

    Ich hab mich ja beim Lesen Deines Beitrags dabei erwischt, mich zu fragen, ob das nicht vielleicht Deine Tochter in einem unbeobachteten Moment geschrieben hat. Und ein andermal hab ich mich gefragt: „Häh?“ (Sorry, ist jetzt nicht so böse gemeint, wie es klingt.)

    Letzteres zum Beispiel an der Stelle, wo Du Dich über die „Wählen-gehen“-Werbung aufregst. Häh? Ich lass ich mich doch bei der Frage, ob ich wählen gehe, nicht davon beeinflussen, ob mir eine Werbung ge- oder missfällt. Ich weiß doch selbst, ob ich mein Wahlrecht in Anspruch nehmen will oder nicht. Überhaupt, wer Wahlwerbung bei seiner Wahlentscheidung braucht, geht lieber überhaupt nicht wählen, denn dann hat man die letzten vier Jahre nicht aufgepasst.

    Im übrigen, „nervige Werbung“ ist ja doch eher eine Tautologie. Hast Du jemals in Deinem Leben ein Produkt gekauft, für das auch geworben wurde? Fandest Du die Werbung dann immer super?

    (Für das demokratische Wahlrecht zu werben finde ich allerdings auch nicht so schlimm. Wenn man bedenkt, für was für einen Scheißdreck sonst so geworben wird… Dass die Werbung schlecht ist, geschenkt.)

    Natürlich gibt es keine „moralische“ Pflicht, wählen zu gehen. Man kann sich auch dagegen entscheiden (wie die meisten, mich eingeschlossen, z.B. bei der Sozialwahl). Das ist definitiv eine individuelle Entscheidung. Und nicht wählen gehen ist eine demokratische Entscheidung.

    In diesem speziellen Fall würde ich aber schon das Argument mit der AfD anbringen. Dann wählt man eben die Partei, die einem am wenigsten nicht gefällt… oder so ähnlich. Du findest bestimmt eine, die Dir näher steht als die AfD … Das aber nicht aus „moralischen“ Gründen, die mir von außen angetragen werden, sondern weil ich das will. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. (Und ich hoffe, es gibt nicht wieder eine große Koalition.)

    Dass man nun dafür sein müsse, dass die AfD in den Bundestag kommt, weil diese Partei eben einen relevanten Teil des Meinungsspektrum repräsentiere, ist dann doch ein Kindergartenargument (um diese Formulierung aufzugreifen) bzw. eigentlich überhaupt kein Argument. Denn um das herauszufinden, darum geht es doch gerade bei einer demokratischen Wahl!! Das ist doch gerade der Punkt!!
    Wenn ich derzeit so im Internet unterwegs bin, hab ich nicht das Gefühl, dass dieses Meinungsspektrum unterrepräsentiert ist.

    • Volker

      Vielleicht ist einiges Kindisches in dem Beitrag, mir wurde bei Facebook bereits eine kindische Trotzhaltung attestiert und Eis angeboten. Einige Sachen würde ich auch nicht noch einmal so schreiben, aber …

      “ Dass die Werbung schlecht ist, geschenkt“ – Ich ärgere mich nicht über dussliege Waschmittelwerbung, aber über bekloppte Werbung für wichtige Dinge ärgere ich mich sehr. Ist mit den meist grässlichen Kampagnen für Themen wie Gleichberechtigung, Toleranz etc. dasselbe. Außerdem ist das Werbebashing in meinem langen Artikel nur eine Bildunterschrift. Ansonsten geht es hauptsächlich um die … nennen wir sie virale und persönliche Werbung bei FB oder wo immer man Leute trifft. Um den Imperativ, die groß herumgetragene moralische Richtigkeit, die Selbstverständlichkeit, davon auszugehen, dass ja wohl jeder mit ein paar Tassen im Schrank das genauso sieht. Und es ging mir um die oft falschen oder teilweise falschen Argumente, die mich auch ärgern.

      „Dann wählt man eben die Partei, die einem am wenigsten nicht gefällt… oder so ähnlich.“

      Ja, das ist das, was man dauernd zu hören bekommt. Was man doch aber wohl mindestens in Frage stellen darf, oder? Man könnte sogar noch weiter gehen und fragen, wo wir eigentlich gelandet sind, wenn man nur noch auf „das kleinere Übel“ hoffen darf – und es unterstützen MUSS.

      Obwohl:
      „Natürlich gibt es keine „moralische“ Pflicht, wählen zu gehen. Man kann sich auch dagegen entscheiden“

      Das ist mein Hauptpunkt: Dass ich schon das Gefühl habe, dass einem eine moralische Pflicht vorgehalten wird. Keine juristische, denn „man kann sich auch dagegen entscheiden“, aber dann ist man eben ein Unterstützer der Rechten und nicht viel besser als die.

  2. Tom

    Dann mach es doch wie ich und lies nicht so viel Facebook. Da wird man ja bekloppt. Ich wusste nicht, dass dort eine nicht existierende Wahlpflicht als moralische Monstranz … , ein Satz, der genauso wenig zuende gedacht ist wie das, was er ausdrückt.

    Mir war die „Wählen gehen“-Kampagne übrigens auch noch nicht aufgefallen, zumindest nicht bewusst … ich achte generell nicht so auf Werbung.

    Allerdings ist die politische Diskussion momentan sowieso etwas heiß gelaufen, und alle — und zwar alle alle — schießen über sämtliche Ziele hinaus. Und dann kriegt man Schnappatmung und läuft rot an und heult herum und vermischt alles mit allem. Irgendwann beruhigen wir uns wieder.

    Vielleicht ist das ja gar nicht so schlecht, denn es zeigt doch, dass wieder politisch diskutiert und gerungen wird — wenn auch gelegentlich nicht auf dem höchsten Niveau –, was nach vier Jahren großkoalitionären Einheitsbreis doch auch positiv ist.

    Ich wäre auch gegen eine Wahlpflicht, sowohl einer tatsächlichen als auch einer moralischen. Dennoch gibt es Länder, wo eine Wahlpflicht besteht, die aber deswegen nicht undemokratisch sind. Wie auch immer…

    Natürlich darf man die Wahl des „kleineren Übels“ in Frage stellen, aber das in Frage stellen darf man auch in Frage stellen. Eine Aussage kritisieren heißt ja nicht, die Äußerung zu unterbinden.

    Das mit dem „kleineren Übel“ ist aber auch fast unvermeidbar. Was wäre denn die Alternative? Eine Partei, die in allem, was sie sagt, meinem politischen Standpunkt entspricht? Das ist möglich, aber unwahrscheinlich. Man mag im Umweltschutz den Grünen zuneigen, aber in der Schulpolitik eher der CDU Recht geben oder so. Dann muss man sich eben überlegen, ob einem Umweltschutz oder Schulpolitik wichtiger ist. Oder man gründet eine eigene Partei. Oder man geht nicht wählen. Oder man ändert das System komplett. Ich wüsste nur nicht wie.

    „Und es ging mir um die oft falschen oder teilweise falschen Argumente, die mich auch ärgern.“ – Und da hast Du Dir gedacht, schmeiße ich noch ein paar mehr falsche Argumente in die Debatte, um alle vollends zu verwirren. :)

    Und ich antworte auch nur, um zu sehen, ob sich diese Antwort jetzt noch weiter von links einrückt. (Ne Quatsch.)

    • Volker Struebing

      >> „Und es ging mir um die oft falschen oder teilweise falschen Argumente, die mich auch ärgern.“ – Und da hast Du Dir gedacht, schmeiße ich noch ein paar mehr falsche Argumente in die Debatte, um alle vollends zu verwirren. :) <<

      Mit den falschen Argumenten ist es wie mit Schokolade: wenn die anderen welche haben, will ich auch welche :)

  3. Volker Struebing

    Vielen Dank noch einmal für alle Kommentare und Antworten. Vieles fand ich sehr interessant, einiges überzeugend, manchem kann oder will ich immer noch nicht zustimmen.
    Eines wurde oft missverstanden, darum noch letztes Mal: Weder wollte ich jemandem das Wählen ausreden, noch halte ich Wahlen für schlecht oder sinnlos. Ich wollte stattdessen der allgemeinen Bewahlräucherung, den Hinweis zur Seite stellen, dass auch das Recht, nicht zu Wählen eine der Freiheiten ist, die wir genießen (und eine persönliche Option, die ich nicht ganz ausschließe). Außerdem wollte ich mich über einige falsche, missverständliche, teilweise übergriffige oder kontraproduktive Argumente der Alle-müssen-wählen-Fraktion echauffieren (wobei mir selbst einige Argumentationsfehler unterliefen).

    Was mich wirklich erschreckt hat, ist, dass neben der Ablehnung und Verurteilung des Nichtwählens auch die Meinung schon so weit verbreitet ist, man dürfe nur Parteien wählen, die ganz sicher im Bundestag vertreten sein werden und kein F im Namen haben. Das ist nur noch einen kleinen Schritt entfernt von der Forderung, man müsse nun unbedingt die CDU wählen. Und ich glaube nicht, dass wir schon an dem Punkt angekommen sind.

    Etwas, das ich bei Facebook immer wieder lese, in Gesprächen häufig höre und wohl oft auch selbst denke, ist, dass man „das kleinere Übel“ wählen wolle/solle. Eigentlich habe ich beinahe nur das gehört und nur in wenigen Ausnahmefällen: Ich wähle XYZ aus voller Überzeugung. Aber das, und was es über die Situation aussagt, ist schon wieder ein ganz anderes Fass.

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