Die graue Maus im Bällebad

Über Blogs, den Katholizismmus, peinliche Lieder und eine Milliarde Euro. 

 

Dan Richter, mein alter Chaussee-der-Enthusiasten-Kollege und Kumpel hat den Schnipselfriedhof mit einem „Liebster-Award“ bedacht und bei der Gelegenheit sehr schöne Dinge über ihn und mich geschrieben, die ich mich aus lauter zum Himmel stinkender falscher Bescheidenheit hier kaum zu verlinken traue … das heißt 1.) dass er den Schnipselfriedhof toll findet (hurra!), dass er mir 2.) ein paar Fragen stellt, die ich im Folgenden beantworten werde und dass ich 3.) (jetzt kommt das dicke Ende …) ein anderes Blog nominieren muss/darf.

(Blumen, Sempf und Ketchup am Lieblings-See. Die Bilder haben wie so oft nichts mit dem Text zu tun, mussten nur endlich mal weg ;)

Das ist aus zwei Gründen schwierig, weil ich selbst niemanden mit Nominierungen nerven will. Bei Facebook enden alle Nominierungsspielchen bei mir in einer Sackgasse. Dan scheint es eigentlich ähnlich zu gehen, weshalb er mich vorher höflichst per PN fragte, ob er mein Blog nominieren dürfe.

Außerdem lese ich kaum noch Blogs.

Liest irgendwer noch Blogs? Also so richtig per Feed-Abo oder sogar auf die echte Genießer-Art: Morgens beim Kaffee die eigene Blogroll abgrasen in der Hoffnung, dass die Autorinnen und Autoren der Lieblingsblogs fleißig waren? Ich hab das vor einigen Jahren noch mit Begeisterung getan und war froh, ein kleines bisschen zur Blogwelt beitragen zu können. Heute lese ich noch immer viele Blogbeiträge, aber eigentlich nur, wenn Facebook so gnädig ist, mir die Links in die Timeline zu spülen. Es bleiben dann auch einzelne Textinselchen ohne den Zusammenhang, die Entwicklung, das ganze dezent soap-hafte der Blogosphäre von „damals“.

(Das erste Bild vom Film. Assen, NL)

Obwohl ich kaum noch Blogs lese, schreibe ich in  letzter Zeit wieder mehr auf dem Schnipselfriedhof, und finde es aus dieser Perspektive sehr schade, dass für die meisten Leser jeder Beitrag für sich allein steht. Dass Beitrag und potentielle Leser nur zusammenfinden, wenn Facebook gnädigerweise den von mir geteilten Link in ihre Timeline spült und außerdem Titel, Vorschaubild und Vorschausatz zufällig genau in den 0,5 bis 1,5  Sekunde, die sie beim Scrollen auf dem Bildschirm zu sehen sind, bei den Scrollenden einen hinreichend starken Reiz auslösen, um sie kurz aus dem Sog der schnellen, bunten Neuigkeiten herauszureißen.

(Amsterdam Sloterdijk)

Vielleicht ist das der Unterschied: Früher reichte es, Texte zu schreiben, und wenn sie halbwegs gut waren, fanden sie irgendwie schon ihre Leser, Menschen abonnierten Blogs und gaben allem, was dort veröffentlicht wurde eine Chance. Heute ist jeder einzelne Beitrag ein Produkt, das beworben werden und sich gegen den Strom der kurzen, knackigen Sensationen und Emotionen bei Facebook durchsetzen muss.  Da wirkt ein Text schnell wie eine graue Maus im Bällebad.

Als Produzent beklage ich die Entwicklung, als Konsument leiste ich meinen Beitrag. Ich habe keinen Feeds abonniert und lese Blogeinträge nur, wenn ich über einen Link stolpere oder (was selten vorkommt) einen von Leuten direkt empfohlen bekomme.

Ich möchte euch, liebe, wie auch immer hier gelandete, Leserinnen und Leser, drei Blogs vorstellen, auf denen ich ziemlich oft lande und immer sehr froh darüber bin. Dies ist weder eine vollständige Liste meiner  liebsten Blogs (da gäbe es schon noch einige), noch eine Liebster-Award-Nominierung (dann hätte ich nur ein Blog vorstellen dürfen und müsste diesem 11 Fragen stellen, aber soviele Fragen hat doch kein Mensch!)

(Wijk aan Zee)

Puppenlustig.de

Stefanie kann toll zeichnen, schreibt Kinderbücher, fotografiert wenn’s sein muss auch mit einer alten Großformatkamera und Tuch über’m Kopf und allem, was dazugehört, castet pod, gärtnert, kocht, bäckt, näht, hat das schöne Raubtiernummerplakat entworfen, das schönste existierende Portaitfoto von mir gemacht und interessiert sich für Fußball, aber niemand ist perfekt. Außerdem ist Bring mich zum Rasen, ein Buch, das sie mal geschrieben hat, das einzige Fußballbuch aller Zeiten der Welt, dass ich mit großer Freude gelesen habe, weil es vor allem um Leute und weniger um Sport geht.

Über Puppenlustig schreibt sie:

Ein Blog wie eine Streuobstwiese. Immer findet man irgendwas Schönes, das zu teilen sich lohnt. Gartenkram, Ausmalbilder, Bücher, Trickfilme. Für große und kleine Menschen, für drinne und für draußen.

Mein Blog-Highlight diesen Sommer war ihre kleine (21-teilige) Urlaubs-Uckermark-Polaroid-Serie. Jeweils ein verwaschenes Foto und ein manchmal beinahe Haiku-artiges Textchen, schön und ruhig und beim Lesen selbst ein kleiner Urlaubsmoment. Hier gehts zum ersten Post der Serie …

 

(Amsterdam Sloterdijk)

markus-freise.de/blog

Markus ist Zeichner. Comic Zeichner. Und Slammer und Lesebühnenautor und Designer und Kreativunternehmer. Ich würde mein linkes Auge dafür geben, wenn ich so gut zeichnen könnte wie er, oder zumindest meinen Blinddarm plus die Mandeln. (Ich nehm diesen Beitrag gleich mal zum Anlass endlich seine Graphic Novel Großväterland zu bestellen, die schon viel zu lange auf der Muss-ich-unbedingt-lesen-Liste steht.)

In seinem Blog gibt es immer wieder tolle Zeichnungen. Was mir vor allem gefällt, sehr oft aus der Seele spricht und ab und zu wertvolle Anregungen liefert, sind seine Gedanken zu Kreativität, Leben und Arbeit als Freibeufler, den stetigen Kampf um Aufmerksamkeit und den eigenen Umgang damit, das Schaffen von Freiräumen und -zeiten … Neben seinen eigenen Texten gräbt er auch immer schöne Beiträge auf anderen (meist englischsprachigen) Blogs zu diesen Themen aus und kommentier und verlinkt sie.

(Wien  halt. Wo sonst fände man eine derartige Zusammenstellung von Geschäften?)

http://ruhmundelend.de/blog

Andreas Webers Blog ist genau das, was ich eigentlich vermisse, obwohl es ja noch da ist, aber ich hänge ja lieber auf Facebook rum, als was Schönes zu lesen. In meiner Timeline kommt es, weiß der Zuckerberg warum, nur sehr  selten vorbei, darum habe ich erst jetzt mitgekriegt, wie viel Andreas schreibt. Und alles ist lesenswert. „Glossen und Gedanken“ ist der Untertitel. „Beobachtungen“ könnte da auch noch stehe, denn beobachten, das kann er wirklich gut und mit diesen Beobachtungen schöne Bilder im Kopf des Leser malen erst recht.

So, der Beitrag ist schon viel zu lang, niemand liest so lange Blog-Einträge! Darum schnell noch die Frage, die ich Stefanie, Markus und Andreas stellen möchte und die sie  beantworten oder einfach ignorieren können:

Was ist für euch besonders – von Freundschaft, Liebe und Familie abgesehen?

(Kurze Erläuterung: ich denke manchmal, dass das Besondere verschwindet, weil (in der ersten Welt) fast alles immer sofort verfügbar ist. Man kann nicht mehr von einer Reise erzählen, ohne dass die Hälfte der Freunde schon dort war. Man kann kein tolles Bier mehr in einer kleinen Brauerei irgendwo auf dem land entdecken und dann von der Erinnerung zehren, weil man es bald darauf auch im Späti um die Ecke findet. Man kann ein tolles Foto nicht mehr bewundern, weil man schnell weiterscrollen muss, weil es noch soviele tolle Fotos bei Instaram zu sehen gibt. Anders gesagt: Plötzlich ist alles Karamell-Meersalz. Oder etwa nicht?)

Jetzt aber: Improgedanken fragt, Schnipselfriedhof antwortet …

(Backstage)

 1. Wer ist dein liebster lebender und wer dein liebster toter Dichter deutscher Sprache?
Es ist komisch, aber das kann ich nicht beantworten. oder nicht mehr. Früher konnte ich Lieblingsfilme, -bücher, -bands etc. noch problemlos benennen, aber das hat sich geändert. Und bevor ich jetzt eine unvollständige Liste aufschreibe, möchte ich die Frage lieber gar nicht beantworten.
2. Was würdest du mit einer (plötzlich geschenkten) Million Euro tun?
Superlangweilig: Ein Haus kaufen. Und dann versuchen, ohne ökonomischen Druck im Grunde das selbe zu tun wie jetzt.
3. Welche drei Filme, die man gesehen haben muss, hast du nicht gesehen?
E.T., Titanic, Dirty Dancing.
4. Was fasziniert dich am Katholizismus am meisten?
Ich halte Religionen für Quatsch, aber wenn schon Quatsch, dann darf gerne mit Soße, also ein bisschen Spaß und Farbe und Trallala. Evangelisch klingt für mich nach Schmucklosigkeit, Arbeitsanbetung und Schuldgesuhle. In einer (unverfilmten) Kloß-und-Spinne-Folge über die Reformation sagt Kloß:
Nee, das ist ja gerade das Üble an der ganzen Reformationskiste: Statt dass die Priester in der Kirche einfach Hokuspokus machen und unverständliches Latein vor sich hinbrabbeln, sollten auf einmal alle die Religion verstehen. Lehrsätze statt Mysterien. Rituale reichen nicht mehr, Schluss mit: Fröhlich sündigen und dann hier ’ne Kerze, da ’n Vaterunser, dort ’n Ablassbrief und ansonsten lässte Gott ’n guten Mann sein, nee, auf einmal ist das ganze Leben ein einziger Gottesdienst. Und immer schön arbeiten, arbeiten, arbeiten, nee, nee, nee. Reformation=Glaube minus Spaß, Trost und Vergebung
Beim Katholizismmus gibts Weihrauch und Putten und Wallfahrten, einen Splitter vom echten Kreuz hier, einen Zehennagel von irgendeinem obskuren Heiligen dort, Lampionumzüge und symbolischen Kannibalismus, die bessere Architektur, Musik und bildende Kunst, das bessere Verständnis für die menschliche Seele.
5. Ein peinliches Lied aus deiner Jugend, das du immer noch gerne hörst? (Ich habe ein Fragezeichen gesetzt, obwohl es keine Frage ist. Krass.)
Ich habe niemals peinliche Lieder gehört. Nie. Nein. Niemals!
6. Welche deutsche Mundart (außer Thüringisch oder Berlinerisch) hörst du gern?
Norddeutsch.
7. Wann ist ein Science Fiction Roman gut?

Das gelten alle Kriterien, die auch einen guten „normalen“ Roman ausmachen. Mindestens zwei Sachen kommen bei  bei SF (und Fantasy) noch dazu: Dass zum einen eine konsistente Welt geschaffen wird. Die kann so phantastisch sein, wie sie will, aber sie muss in sich stimmen. Die Autorin oder der Autor muss der Versuchung widerstehen, Plotpoints aufzulösen, in dem er einfach ein neues technisches Gerät/einen neuen Alien-Artefakt/ einen neuen Zauberspruch / ein neues Naturgesetz aus dem Ärmel schüttelt. Außerdem muss er die Konsequenzen seines Weltentwurfs auf alle Handlungen bedenken. Es ist zum Beispiel sinnlos, einerseits eine problemlose Beam-Technologie zu postulieren und dann den Held auf den Bus warten zu lassen.

8. Welche Fremdsprache (außer Englisch und Niederländisch) würdest du gern perfekt sprechen können?
Irgendeine asiatische. Chinesisch, Japanisch, Indonesisch.
9. Und was, wenn es eine Milliarde Euro sind?
Dann würde ich hoffentlich selbst die eine oder andere Million verschenken. Und dann erstmal ein Jahr mit einem riesigen Segelschiff m die Welt fahren, um in Ruhe nachzudenken, was ich mit dem Rest mache. Auch ne langweilige Antwort, was?
10. In welchen Situationen bist du wie jener legendäre Sachse „zufrieden, ruhig und glücklich“?
Hm. War das nicht „zufrieden, froh und glücklich“? Egal.  Wenn meine Tochter auf meiner Brust einschläft oder mit ihrer Hand in meiner. Wenn ich nach Hause komme und sie mich sieht und strahlt. Solche Sachen.
11. Was würdest du dem zwölfjährigen Volker raten?
Oh, so vieles. Aber alles lieber unter vier Augen …
Naja, dreiSachen kann ich verraten: Ich hab damals (aja, vielleicht war ich schon 13)  viel fotografiert mit meiner Exa 1b und hatte zuhause eine Dunkelkammer. Aber ich habe nur Mist fotografiert. Blumen. Reprofotografien von Bravo-Postern. Schnulli. icch würde sagen: Volker, mach jede Wocche mindestens einen Film voll. Fotografiere im Unterricht, beim Fahnenapell, beim Pionier- und FDJ-Nachmittag. Mach Fotos von der Gemüseauslage in der Kaufhalle und von deinen Freunden an der Tischtennisplatte. Vom 1.Mai-Umzug und vom Hausgemeinschaftsfest. Von der Schlange an der Currywurstbude und der Schulspeisungsessensausgabe. Von einfach allem, was dir zu langweilig und banal erscheint, um es zu fotografieren. Von allem, von dem du glaubst, du hättest noch dein ganzes Leben Zeit, Fotos davon zu machen.
Sieh zu, dass du dir bis spätestens 2011 ein paar Tausend Bitcoins beschaffst und heb sie auf bis Oktober 2017.
Und hör nicht auf Blogs zu lesen …

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8 comments on “Die graue Maus im Bällebad”

  1. gegenglueck

    > Liest irgendwer noch Blogs? Also so richtig per Feed-Abo

    Icke. Auch wenn ich selbst nix mehr schreibe. (Allerdings bin ich auch nicht bei Fatter, Twicebook und wie das alles heißt.)

    • volkerstruebing

      Mensch, hallo! Hach, das waren noch Zeiten, was? (Oh nein, hab ich das wirklich geschrieben?)

  2. Matze

    Ich lese Dich via Feedreader wie alle anderen Blogs. Anders geht das doch gar nicht, oder?

  3. Tom

    Danke für den Text! War das fehlende „R“ in „Freibeufler“ Absicht? Klingt nach „Freibeuter“.

  4. Pingback: Über Volker Strübing und die wichtige Antwort auf „Was ist das besondere?“Markus Freise | Internet . Illustration . Design . Poetry-Slam | Bielefeld

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