Gestern Nacht beim Zähneputzen vor dem Schlafengehen haben meine Gedanken noch einen Purzelbaum geschlagen und eine ebenso falsche wie schöne Theorie aufgstellt, die ich unbedingt der Weltöffentlichkeit mitteilen muss!
Ich muss ein bisschen ausholen. Nachdem ich die letzten Tage vor allem damit zugebracht habe, im Wettstreit mit meinem Nachbarn vor dem Computer zu glucken oder bis an den Rand mit Büchern gefüllte Rollkoffer durch zugige Alsterstädte zu tragen, passierte gestern, was passieren musste: Beim morgendlichen Duschen rammte mir jemand einen rostigen Schraubenzieher oder etwas ähnliches zwischen die Schulterblätter. Von da an konnte ich mich nur noch wie ein 50erJahre-Roboter oder ein Zombie bewegen. Abends hatte ich dann einen Auftritt, den ich weder absagen konnte, noch wollte. Im Kookaburra wurde eine Mischmasch-Comedy-Show für den Bezahlsender Sat1-Comedy aufgezeichnet und ich durfte und sollte dort zwei Geschichten vorlesen. Inzwischen hatte ich mich ordentlich eingesalbt und mit Ibuprofen zugedröhnt (das übrigens tolle Träume macht, Mannomann! Nee, nüscht sexuelles!). Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, solange ich mich nur weiterhin wie ein Kleiderständer bewegte. Da ich also vermutlich eine etwas merkwürdige Figur auf der Bühne abgeben würde, baute ich das in die Ansage ein. Ich sagte sowas wie: „Berühmt wurde ich ja für die Nummer, wo ich einhändig Handstand mache und mit der freien Hand eine Jungfau zersäge während ich mit den Füßen 5 brennende Meerschweinchen jongliere … das alles mit verbundenen Augen … auf dem Rücken eines Kamels … das von einem weißen Tiger über die Bühne gejagt wird. Aber dann habe ich mir heute morgen den Hals verrenkt und darum lese ich stattdessen eine Geschichte vor.“ Ich fand das lustig und die Zuschauer fanden das zum Glück auch. (Abschweifung: Dieser Satz ist grammatikalisch und/oder ausdrucksmäßig falsch und unschön noch dazu. Ich fand das lustig und die Zuschauer auch klingt besser, ist aber inhaltlich falsch, weil ich ja nicht die Zuschauer lustig fand. Ich fand, dass das lustig war und die Zuschauer fanden das zum Glück auch ist korrekt aber hässlich. Sowohl ich als auch die Zuschauer fanden das lustig ist auch oll. Ach egal. Ich mach mal weiter mit dem, was ich eigentlich erzählen wollte. Abschweifung Ende.)
Und jetze kommts: Nach der Show, als ich mit schalumwickeltem Hals steif wie ein Legomännchen durch die Gegend stakste, sprachen mich mehrere Leute (bezeichnenderweise alles Fernsehmenschen) erstaunt an und sagten sowas wie: „Ach, Mensch, sag bloß: Das war gar nicht gespielt mit dem Hals?!“
Und darüber habe ich dann gegrübelt und mir folgende Theorie zurechtgelegt: Als Kinder des Medienzeitalters sind wir daran gewöhnt, dass Leute uns ein Leben vorspielen, dass nicht ihres ist. Gerade muss ich an die Spielberg-Verfilmung von Krieg der Welten denken, in der Tom Cruise für eine Millionengage einen ganz normalen Mann aus der Arbeiterklasse spielt und zwar so überzeugend, wie das kein ganz normaler Mann aus der Arbeiterklasse je hinbekommen würde.
Das Phänomen der Schauspielerei findet man freilich auch im sogenannten „echten Leben“ (hier würde sich wieder eine Abschweifung anbieten, aber ich kann nicht den ganzen Tag für einen Weblogeintrag opfern …) Da gibt es die alternden Männer, die Teenager spielen oder irgendwelche popligen Mittelständler aus der Medien- oder Sanitärzubehörbranche, die mit teurem Mantel und teurem Handy lautstark den Weltenlenker geben; da gibt es lustig anzuschauende Gruftis, die selbst beim Kauf von Toilettenpapier und Gummibären bemüht sind, die Würde und Tragik eines gefallenen Engels auszustrahlen; da sind die Frauen, die mühelos zwischen der Rolle als Sexobjekt und der als toughe Geschäftsfrau hin- und herspringen usw. usf.
Der Unterschied zur Bühne oder zum Film ist natürlich, dass die Menschen im Leben eine Rolle spielen, von der sie meinen, dass sie ihrem Selbst enspricht. Manch einer wird eben nie erwachsen, mach einer hält sich für Gott oder einen gefallenen Engel.
Oh je … worauf wollte ich jetzt eigentlich hinaus?
Ach so. Also. Ich bin kein guter Schauspieler. Die einzige Rolle, die ich gut spielen kann, ist die, von der ich meine, dass sie meinem Selbst entspricht. Ich bin also auf der Bühne zwar nicht unbedingt ich selbst, aber doch ziemlich nah an dem dran, was ich auch bin, wenn ich nicht auf der Bühne stehe … äh … Also, ich kann erfundenes Zeugs erzählen, aber ich kann (und will) keine Bühnenfigur erfinden, die das dann erzählt, sondern benutze stets dieselbe Figur, die ich mir für das normale Leben zurechtgebastelt habe. Wenn ich also ohne schauzuspielern auf der Bühne stehe, falle ich damit aus dem bühnenüblichen Rahmen. Etwas, das aus dem Rahmen fällt, wirkt auf der Bühne aber zwangsläufig gekünstelt, gewollt, affektiert … also so, als sei es gespielt … äh … einem gutem Schauspieler mit gesundem Hals hätte man die Halsschmerzen wahrscheinlich viel eher geglaubt … hm … ach was weiß ich. Gestern Nacht erschien mir dieser Gedanke höchst logisch und wichtig. Dabei war ich nicht mal betrunken. Ibuprofen. Teufelszeug.
(Volker Strübing)
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