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  • 2016 – Das Jahr des Staubsaugers

    2016 – Das Jahr des Staubsaugers

    Das Jahr 2016 brachte einige bemerkenswerte Neuanschaffungen mit sich. Unter anderem einen AEG Ultra Silencer Öko, eine goldene Spätzlepresse, einen C64 und eine Tochter.

    Der AEG Ultra Silencer Öko ist offiziell ein Staubsauger, ich würde ihn aber eher als Offenbarung, Wunder und Erlösung bezeichnen, denn der Ultra Silencer ist ultra silent! Stets war das Staubsaugen für mich die schrecklichste aller Hausarbeiten, was wahrscheinlich zurückgeht auf Traumata aus der Zeit der Pubertät, auf verdrängte Erinnerungen an die schrecklichen Sonntagmorgende nach den ersten mit massivem Alkoholkonsum verbundenen Diskobesuchen, wenn die Mutter im Flur den Staubsauger aufheulen ließ und extra lange und gründlich mit dem … ähm … Staubschnabel oder wie das heißt, das Ding halt, das vorne am Staubsaugerrohr dran ist … die Türschwelle meines Zimmers reinigte. Mutter und Staubsauger – Scylla und Charybdis der Adoleszenz!

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    Allen Staubsaugertraumatageschädigten sei hiermit der AEG Ultra Silencer Öko ans verwundete Herz gelegt! Macht euren Frieden mit dem Staubsaugen! Mit dem AEG Ultra Silencer Öko wird es zum puren Vergnügen, zu einem Tanz, wenn ihr wollt, im Takt der Bachschen Cello-Suiten, die leise aus einer Box in der Zimmerecke tröpfeln und sich mühelos gegen das sanfte Waldesrauschen des AEG Ulta Silencer Öko durchsetzen!

    Bevor sich jemand fragt: Ich werde nicht von AEG oder sonstwem für diese Empfehlung bezahlt, nein, hier spricht ein Mann, der nur dies will: die Welt zu einem saubereren, ruhigeren, lebenswerterem Ort machen, dem Fortschritt zum Durchbruch verhelfen und flüsternd den Staub der dunklen Vergangenheit aus den Ecken saugen, auf dass die Zukunft hell erstrahle!

    (Wobei ich nichts dagegen hätte, wenn der Chef oder so von AEG über diesen Blogartikel stolperte und sich mit einem Paket Ersatzbeutel oder meiner Ernennung zum offiziellen, hochbezahlten AEG Hof-Dichter erkenntlich zeigte.)

    Um es mit Manfred Maurenbrecher zu sagen: „Da muss ein Staubsauger ran!“

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    (Die goldene Spätzlepresse)

    Eine weitere bemerkenswerte Neuanschaffung war eine goldene Spätzle-Presse. Diese freute mich aus zwei Gründen, zum einen wurden wir von den Nachbarn schon lange scheel angeschaut, weil wir der letzte Haushalt in Prenzlauer Berg ohne Spätzle-Presse waren, zum anderen hat es etwas Besonderes damit auf sich: Die Spätzle-Presse ist nämlich der Preis für den Sieg bei den deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2016 in Stuttgart. (Die ganze Geschichte habe ich hier schon einmal aufgeschrieben: Make Team LSD Great Again!)

    Irgendwann im Sommer war es mal wieder Zeit, mir einen neuen Computer zuzulegen. Ermüdet von den halbgaren Rechnern und Betriebssystemen, mit denen die heutigen Hard- und Softwarehersteller ihre Kunden als zahlende Betatester und Bug-Scouts missbrauchen, beschloss ich, auf ein gut eingeführtes System zu setzen. Mit einem C64 konnte ich nichts falsch machen und tatsächlich: bis heute hat er sich nicht ein einziges Mal während der Arbeit heruntergefahren, um irgendein Update zu installieren.

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    Okay, der eigentliche Grund,mir den C64 (und bei der Gelegenheit gleich noch einen KC85/3) zuzulegen, war der: Zusammen mit monstamovies wollte ich für ZDF info eine Doku über die Heim-Computerszene in der DDR drehen. Wir haben ein paar Monate daran gearbeitet, haben tolle Interviewpartner gefunden – von Leuten, die bei Robotron Homecomputer entwickelten über Computerclub-Leiter bis zum digitalen Untergrund der Cracker- und Demoszene – ich hatte für ein paar Specials und Reenactments die oben erwähnten Rechner nebst jeder Menge Zubehör besorgt, wir hatten Probedrehs für die Special FX gemacht (im Film sollten ab und zu ein paar Original-Sprites durchs Bild turnen), wir hatten die ersten Interview- und Drehtermine festgesetzt, ich hatte eine ganze Reihe von Auftritten im vorgesehenen Dreh- und Schnittzeitraum abgesagt … und dann kam von ZDF info die … haha …Info, dass die mündlich bereits fest zugesagte Produktion leider ein wenig aufgeschoben werden müsse. Nach monatelangem Hinhalten kam Ende des Jahres die Nachricht, dass unser Projekt gestorben sei und wir alles Geld und alle Arbeit in den Wind schreiben könnten. Klar, das Geld ist knapp, und bevor man es für kleine unabhängige Produktionsfirmen und obskure Themen verplempert, spart man lieber auf die nächste Helene-Fischer-Show oder was weiß ich, schließlich sind die Großproduktionen im Hauptprogramm wichtiger und teurer.

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    Aber immerhin: Ohne das Ganze hätte ich mir vielleicht keinen C64 geholt, so hat eben alles auch sein Gutes. (Naja, sofort fallen mir auch einige Dinge ohne ihr Gutes ein, aber ihr wisst schon, was ich meine.)

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    (Okay, nur ein kleiner Test zum Spaß, andererseits … hm …)

    ***UPDATE, April 2017: WIE ES WEITERGEHT MIT „Kloß und Spinne – 8bit edition“ STEHT HIER: 

    http://schnipselfriedhof.de/wp-admin/post.php?post=6765&action=edit ***

    Den 64er werde ich nicht alleine benutzen, er soll natürlich auch zur Informatikgrundausbildung meiner Tochter dienen. Sobald sie ihn beherrscht,  können wir über ein iPad oder einen Laptop reden. 

    Ach so, ja, apropos. Eine Tochter habe ich 2016 auch noch bekommen. Aber leider ist der Beitrag jetzt zu Ende.

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    (Symbolbild Tochter)

    Achtung, Achtung! Es geht weiter mit:

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    Und jetzt die Raubtiernummer! 29.1.2017, 20.00 Uhr im Café Butter, Pappelallee 73. Mit Renee van Bavel, Volker Strübing und Supersondergaststar Lea Streisand!

    PS: Die Grafiken habe ich mit GangEd 2 ins C64-Format konvertiert, die Screenshots habe ich mit dem VICE-Emulator gemacht, aber es sind echte 64er-Grafiken.

  • Make Team LSD great again!

    Make Team LSD great again!

    Team LSD ist Sieger im Teamwettbewerb der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2016!
    Am Sonnabend gewannen wir im Theaterhaus Stuttgart vor 1100 Zuschauern den Teamwettbewerb der diesjährigen deutschsprachigen Meisterschaften! Wie schade, dass diese Nachricht jetzt von einer ganz anderen Siegesnachricht überschattet wird, aber ich habe es nicht eher geschafft, etwas zu schreiben, da es gleich danach noch auf Tour ging und ich erst jetzt langsam wieder zu mir komme.
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    Poetry Slam Team Finale im Theaterhaus Stuttgart
    (Foto: Fabian Stürtz / WebsiteFacebook / Instagram)

    2006 und 2008 hatten wir – Micha Ebeling und ich – schon einmal das Glück, die Ehre und die olfaktorische Extremerfahrung, den nach Generationen von Slammerschweiß duftenden Team-Siegerkranz für ein Jahr beherbergen zu dürfen. Damit sind wir rein meisterschaftstechnisch gesehen das erfolgreichste deutschsprachige Poetry Slam Team aller Zeiten der Welt des Universums mit Sahne!

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    Max Kennel und Indiana Jonas aka Das Lumpenpack moderierten das Teamfinale.
    Unscharf im Hintergrund: Wir! (Foto: Marvin Ruppert / Website / Facebook / Instagram)

    Ich danke (sicher auch im Namen von Micha) allen, die den SLAM2016 möglich und toll gemacht haben, dem Orga-Team, das zwei Jahre mit den Vorbereitungen beschäftigt war und allen Helfern, die letzte Woche wahrscheinlich kaum ein Auge zugetan haben. Den Moderatorinnen und Moderatoren und Featured Poets und allen, die mit ihren Slams irgendwo in Deutschland geholfen haben, die Szene zu der „alles verschlingenden Hydra“ (Team LSD) zu machen, die solche Festivals ermöglicht. An alle Slammerinnen und Slammer, im Team und Einzeln, die in Stuttgart dabei waren und gelacht, getrunken, geslammt und geheult haben. Danke auch an das Team vom maritim-Hotel, das mit großer Geduld Textfassung um Textfassung für uns ausdruckte und das ewige „Bitte nicht stören“-Schild an meiner Zimmertür vorbildlich beachtete. Vielen Dank auch an Marvin Ruppert und Fabian Stürtz für die vielen grandiosen Fotos vom Slam2016 (und sorry, dass wir keine Actionmotive bieten konnten 😉
    Und ganz besonders danke ich Micha, meinem Teampartner für Visionen, Ideen, Kraft, Ausdauer, Witz und Worte und dass er den Siegerkranz nach Hause getragen hat!

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    „Freudentaumel LSD-Style“ hat Marvin dieses Bild genannt.

    Herzlichen Glückwunsch an Casino Wetzlar und Zum Goldenen Schmied (Fatimah Moumouni / Laurin Buser), die mit uns im Finalstechen waren und überhaupt alle Teilnehmer des Finales! Herzlichen Glückwunsch an Philipp Scharrenberg TAFKA Philipp Scharri, der am Freitag den Einzelwettbewerb gewonnen hat, hey, ho! Das Ulkige daran ist, dass Phillipp ebenfalls schon einmal gewonnen hat, 2009 war das, weshalb jetzt allenthalben von einer Rückkehr der alten Herren die Rede ist, worüber ich mich beschweren würde, wenn wir es nicht selber angekündigt hätten („Das geht raus an alle Hater / heut‘ verkloppen euch die Väter“ – Team LSD).

    Wahrscheinlich sind nicht alle glücklich mit diesem Ausgang und mir selbst ist das ganze ein bisschen unheimlich. Es wären doch mal andere dran gewesen! Das stimmt. Bis auf die einfache Tatsache, dass es beim Slam, und erst recht bei den Meisterschaften, offensichtlich kein Dran-Sein gibt.

    Ganz ohne Zweifel haben wir extrem von einer glücklichen Startplatzauslosung profitiert – wir waren die Vorletzten. Nach sechs Teams (zwölf für die Zuschauer, die schon das unmittelbar vorher stattfindende Halbfinale gesehen hatten), die ihre Texte auswendig und oftmals sehr expressiv und hervorragend choreografiert vortrugen, war es plötzlich eine Abwechslung, dass da zwei Leute einfach rumstanden und vom Blatt ablasen. Auf Startplatz Drei hätten wir sicher keine Chance gehabt.
    Dazu kommt, dass bei den Meisterschaften das Publikum ganz anders als bei regulären Slams ist. Der Anteil an Leuten, die noch nie bei einem Slam waren ist höher, der Altersdurchschnitt wahrscheinlich auch.

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    (Foto: Fabian Stürtz)

    Performance mal so, mal so. Oben das wunderbare Team Interrobang ( Manuel Diener / Valerio Moser) aus der Schweiz, die 2015 den Kranz nach Hause trugen. Unten: Team LSD.

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    (Foto: Marvin Ruppert)

    Aber wie auch immer: Offensichtlich haben wir es gut gemacht. Das war vielleicht der krasseste Auftritt meines Lebens. Ich war so unsicher vorher, so aufgeregt, hatte wacklige Knie und dann standen wir auf der Bühne und als wir fertig waren, fegte uns ein Applaus-Tsunami von der Bühne und ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich stand ersteinmal bloß mit offenem Mund herum, zu den wackligen Knien, kamen zittrige Hände; ich rannte zur vorsorglich für solche Fälle bereitstehenden Backstage-Whiskey-Flasche und nahm einen großen Schluck und der Rest rauschte dann an mir vorbei. Auch, dass wir dann nochmal im Finalstechen auf der Bühne standen und irgendwann klar war, dass wir wirklich noch einmal gewonnen haben.

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    Toll: Im Backstage des Theaterhauses hing noch ein Plakat der Meisterschaften 2004. Micha und ich hatten damals (allerdings noch nicht als Team) teilgenommen. Für mich war es das Ereignis, bei dem ich mich unrettbar in den Slam und die Menschen beim Slam verliebte.

    Danke für alle Glückwünsche, ich hoffe, dass nicht allzuviele sauer auf uns sind. Wir wollen die Meister aller Slammer sein! Jetzt ist die Zeit die Wunden zu verbinden und zusammenzukommen! Die vergessenen Slammer und Slammerinnen unseres Landes werden nicht länger vergessen sein! Millionen Slammer werden Startplätze bekommen, wir werden uns um die Veteranen kümmern, wir werden das Wachstum verdoppeln! Wir werden die Team-LSD-Interessen zuerst im Blick haben, aber immer fair bleiben und Partnerschaft statt Konflikt suchen!

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    Aida-Fotobombing nach dem Finale während ein netter Mensch uns zu interviewen versucht. Micha hat sogar erschöpfend antworten können, während ich nur „Schnaps“, „Ich glaube, ich freu mich“ und „Sind wir bald fertig?“ hervorstammeln konnte.
    (Foto: Fabian Stürtz)

    Die Team LSD-SLAM2016-FAQ

    F: Hattet ihr die besten Texte?
    A: Nein!
    F: Hattet ihr die beste Performance?
    A: Nein! (Aber zum Zeitpunkt unseres Auftritts eine voll freshe, in diesem Finale nie zuvor gesehene!)
    F: Saht ihr besser aus als alle anderen?
    A: Nein! (Obwohl … an irgendwas muss es ja gelegen haben …)
    F: Schreibt ihr eure Texte wirklich im Zug auf dem Weg zur Meisterschaft?
    A: Micha meint ja, wir sollten diesen Mythos ruhig pflegen, und ich bin auch geschmeichelt davon, dass man uns das zutraut, aber: Nein! In den Texten stecken Zeit, Schweiß und Tränen (vor allem Michas Tränen – ich werde leider immer zu einem unerträglichen Drecksack, wenn wir Texte schreiben).
    F: Wollt ihr nicht langsam mal aufhören und andere ranlassen?
    A: Nein! Aufhören jedenfalls nicht.
    F: Seid ihr der Donald Trump des Poetry Slam?
    A: Nein! Wir sind der Harald Juhnke des Poetry Slam!

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    (Foto: Marvin Ruppert)

  • Kloß und Spinne – Das Buch

    Kloß und Spinne – Das Buch

    Das Buch ist da! Sonnabend, über einen Monat vor der offiziellen Premiere am 30.10. im Café Butter, kam das Paket an! Ab sofort ist es im Buchhandel oder beim Verlag bestellbar oder bei Auftritten mit Unterschrift und allem Drum und Dran direkt bei mir zu erwerben. Kost‘ 10 Euro!

    Damit man weiß, worum es geht, folgt: Das Vorwort!

    Tach allerseits!

    Das Leben ist wie ein Glas Bier. Für die einen halbvoll, für die anderen halb leer. Und manchmal eben auch einfach ganz leer oder ganz voll. Oder vielleicht gar kein Glas Bier, sondern ein Glas Brause.
    Wenn das Leben wie ein Glas Bier ist, dann ist eine Kneipe wie das Universum, und wir können alle Geheimnisse des Lebens ergründen, indem wir uns an die Bar setzen und beobachten. Stephen Hawking hat einen Bestseller mit dem Titel „Das Universum in der Nussschale“ geschrieben. Hier nun also: „Das Universum in der Eckkneipe“.

    Die Kneipe, von der wir hier erzählen, befindet sich irgendwo in Ostberlin. Gegenüber ihren Paralleluniversen in Westberlin, München oder Eisenhüttenstadt hat sie einen entscheidenden Vorteil: Sie ist gleich bei mir um die Ecke.

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    (www.quasimodo.de)

    Den Namen der Kneipe möchte ich nicht verraten, nennen wir sie „Schrödingers“, denn solange man nicht hineinschaut, weiß man nie, ob die Katze auf der Fensterbank noch lebt oder schon tot ist. Man könnte also sagen, dass die Kneipenkatze gleichzeitig lebendig und tot ist und würde damit eindrucksvoll beweisen, dass man keine Ahnung von Quantenmechanik hat. Wenn man sich die Mühe macht, hineinzuschauen wird man jedenfalls erleichtert feststellen, dass die Katze noch lebt.
    Außer der Katze haben es sich noch ein paar Stammgäste bequem gemacht: An seinem Platz direkt am Zapfhahn, dort, wo das nächste Bier nie weit entfernt ist, sitzt Kloß. Kloß würde das Leben niemals mit so erfreulichen Analogien wie Biergläsern oder Pralinenkästen beschreiben, denn Kloß hat schlechte Laune. Immer. Kloß ist die Mutter aller Miesepeter und das uneheliche Kind von Bernd dem Brot und Marvin dem Roboter. So wie Licht für jeden Beobachter stets die selbe Geschwindigkeit hat, hat Kloß für jeden Beobachter unabhängig von dessen eigener Stimmung konstant die schlechteste Laune im ganzen Universum, sprich der ganzen Kneipe.
    Sein Kumpel Spinne ist das genaue Gegenteil: Nichts tut seiner Lebensfreude Abbruch, kein Thema ist so deprimierend, dass er ihm nicht auch etwas Positives abgewinnen könnte, und selbst wenn all seine Versuche, in seiner Stammkneipe ein schönes Glas Brause zu bekommen, am archaischen Kneiperstolz des Wirtes scheitern, kann das nichts an seiner guten Laune ändern. Man kann auch ohne Brause glücklich sein!

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    (www.raubtiernummer.de)

    Auf dem Platz an der Wand hockt manchmal Wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Dirk und sagt unvermittelt »Hitler«. Ganz selten verirrt sich sogar ein gänzlich Fremder in die Kneipe; meist ein junger Mann mit Bart, der aber in der Regel nur mal schnell aufs Klo will, weil er woanders so viel Kaffee oder Beck’s to go getrunken hat.

    Und schließlich ist da noch Horst: ein rosa bepulloverter Geist, ein bebrillter blinder Fleck, eine kleine verschüchterte Bewegung im Augenwinkel. Man muss schon sehr genau hinschauen, um ihn überhaupt zu bemerken. So genau schaut aber niemand hin. Horst ist tatsächlich wie Schrödingers Katze, nur eben leider keine Katze, sondern ein derart langweiliger und eigenschaftsloser Mensch, dass sich auf Teufel komm raus niemand findet, der sich die Mühe machen würde, seinen zwischen Existenz und Nichtexistenz oszillierenden Zustand durch Beobachtung festzulegen.

    Germanistikstudenten späterer Generationen werden kluge Arbeiten schreiben, in denen sie Horst mit dem Autor dieser Zeilen gleichzusetzen versuchen. Totaler Quatsch, aber immer noch besser, als wenn sie Marketing studieren würden.

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    (Ich hätte vielleicht Marketing studieren sollen. Dann dürfte ich für andere Werbung machen und nicht immer nur für mich selbst.)

    In jeder Galaxie und jeder Kneipe dreht sich alles um das Zentrum beziehungsweise den Wirt. Im Falle der Milchstraße handelt es sich um ein gigantisches Schwarzes Loch von 4,3 Millionen Sonnenmassen, im Falle der Kneipe handelt es sich um Norbert, der auch ein bisschen Übergewicht hat. Ein ärmelloses Unterhemd bringt seinen Bierbauch bestens zur Geltung. Wenn ihn nicht gerade ein Gast stört, verbringt Norbert seinen Arbeitstag in stummer Meditation, wobei er oft zu Einsichten von erhabener Weisheit gelangt, an denen Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf den folgenden Seiten teilhaben können.

    Viel Spaß beim Lesen! Um mit den Helden dieses Buches zu sprechen: “Hihi, das ist lustig!” — “Isses nich.”

     

  • Schnipsel vom 15.9.2016 – Über die  Weltverbesserungsformel und asoziale Technologie

    Schnipsel vom 15.9.2016 – Über die Weltverbesserungsformel und asoziale Technologie

    1. Das Wichtigste zuerst

    2. Asoziale Technologie

    3. Weltverbesserungsformel

    4. Sprachsoftware

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    (Deprimierte Technologie – besser als deprimierende Technologie.)

    1. Das Wichtigste zuerst:

    Ein bisschen Werbung in eigener Sache: Am 25.9.2016 geht es weiter mit „Und jetzt die Raubtiernummer!“ – Texte, Musik, Quiz und Leuchtkaninchen, jeden letzten Sonntag im Monat, mit Renee van Bavel und mir. Am 25. sind der Musiker Luutzen und mein Schnaps-und-Würde-Kumpel Malte Rosskopf zu Gast. Hier habe ich eine schöne Website gebastelt: www.raubtiernummer.de und hier findet man die Raubtiernummer auf Facebook: www.facebook.com/raubtiernummer/

    Am Donnerstag, dem 29.9. mache ich das erste Mal seit Jahren (und sicher das Letzte Mal für lange lange Zeit) eine Solo-Show in Berlin – hurra! Im Quasimodo! Ja, genau, dem Quasimodo! Präsentiert von den Wühlmäusen und natürlich werde ich nicht nur lesen, sondern auch singen und was mir noch so einfällt. Und es gibt einen Überraschungsgast! Sei auch Du Überraschungsgast! Komm vorbei!

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    Sicher habe ich am 29.9. auch schon die ersten Exemplare des Kloß-und-Spinne-Buches bei. Offzielle Buchvorstellung ist aber erst am 30.10. im Rahmen der Oktoberausgabe der Raubtiernummer.

    2. Asoziale Technologie

    Ich glaube fest, dass es so etwas gibt wie asoziale Technologie: Dinge, die keinen anderen Zweck haben, als die Welt schlechter und einige wenige Menschen reich zu machen. Viele dieser Dinge sind Gegenstand von Waffenkontrollgesetzen. Laubgebläsen leider nicht …
    Man könnte sogar argumentieren, dass Waffen besser sind als Laubgebläse, immerhin ist ja denkbar, dass sie nicht aus asozialen Beweggründen entwickelt und angeschafft wurden (man denke etwa an das Manhattan-Projekt). Für Laubgebläse gibt es absolut keine Rechtfertigung. Laubgebläse auf Straßen und Gehwegen sind vollkommen sinnlos, es ginge immer schneller mit einem Besen. Sie wurden entwickelt aus Menschenhass und Profitgier und werden von Stadtreinigungsbetrieben und Kleingärtnern aus Menschenhass oder Blauäugigkeit angeschafft.

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    (Erst ma eene roochen!)

    3. Weltverbesserungsformel

    Meine Formel zur Weltverbesserung: Weniger Laubgebläse, mehr Damentoiletten.

    (Damit wären noch nicht alle Probleme gelöst, aber ein erster Schritt wäre getan.)

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    (Erst ma eene roochen II – Gesichter des Todes)

    4. Sprachsoftware

    Bei asozialer Technologie denkt man natürlich schnell an Telefonwarteschleifen und Telefonantwortsysteme, die partout den Satz „Ich hab WEITER GESAGT, DU SCHEISSBLÖDES KACKDRECKSARSCHLOCH-TEIL“ nicht verstehen und mit ruhiger Computerstimme antworten: „Sie haben BEENDEN gesagt. Vielen Dank für Ihren Anruf. Wir hoffen, dass wir Ihnen helfen konnten.“ Mit dieser elegenaten Überleitung wären wir beim Thema „sprechende Computer“.

    Nachdem ich neulich schon über Neuronale Netze und Bockwurstbilder schrieb, stieß ich jetzt auf Artikel über WaveNet, eine Text-To-Speech-Software. (Links:  Artikel in der NZZ, Artikel im DeepMind-Blog)WaveNet wird entwickelt von von Google Deep Mind, von denen auch AlphaGo stammt – die Software, die erstmals besser Go spielte als menschliche Profis. Wie AlphaGo oder Deep Dream basiert WaveNet auf neuronalen Netzen. Die Software generiert die Sprache Sample für Sample, statt mit einer Datenbank von Soundschnipseln zu arbeiten, die dann zu Wörtern und Sätzen zusammengebaut werden. Das Netzwerk lernt sozusagen von menschlichen Vorbildern. Das ganze klingt noch nicht ganz perfekt, aber doch schon besser als, ick sach ma: die automatisierten Ansagen auf Bahnhöfen oder die besonders grusligen „Fahrstuhl fährt“-Nachrichten in manchen Fahrstühlen. WaveNet hat von den menschlichen Sprechern sogar die Atempausen und Mundbewegungsgeräusche gelernt. Ganz nebenbei kann die Software auch noch ein bisschen Musik komponieren.

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    (Das A sieht ein bisschen wie ein R aus, aber eigentlich steht da DLAG (Das Leucht-Augen Gesicht).)

    Ich nehme an, dass Computer nie so klug sein werden wie Menschen. Im Sinne von: auf die selbe Art klug (oder dumm) wie wir. Aber – nach dem alten DDR-Motto „Überholen ohne einzuholen“ – irgendwann in nicht allzuferner Zukunft wesentlich klüger. Vielleiht werden wir echte künstliche Intelligenz erst einmal gar nicht bemerken, weil wir immerzu nach etwas Ausschau halten, das genauso tickt wie wir, mit Bewusstsein, Emotionen und dem ganzen Krempel.

  • Ich sehe kackende Menschen

    Ich sehe kackende Menschen

    Immer wieder für interessante Situationen sorgt der nur für Menschen mit einem Abschluss in Philosophie, Informatik und Raumfahrttechnik durchschaubare Schließvorgang der Behinderten-WCs in ICEs, für welchen die Bedienung bzw. Beachtung von drei Knöpfen (zwei rot, einer grün) und einer Leuchte, die je nach Status der Toilettentür verschieden blinkt oder leuchtet, nötig ist. Während die beiden mit Pfeilen und relativ leicht verständlichen Worten („Öffnen“, „Schließen“), den Benutzer in dem trügerischen Glauben wiegen, die Toilettentürtechnik meistern zu können, lässt der dritte Knopf mit der für einen Knopf doch relativ komplexen Beschriftung „Bei Blinklicht bitte verriegeln“ die meisten Benutzer scheitern.

    P1050702(Statt Klo-Fotos ein paar romatische Impressionen von der niederländischen Nordseeküste)

    Vielen ist es wahrscheinlich einfach zu viel Text und hoffen, durch Betätigung des Schließen-Knopfes für hinreichende Privatsphäre gesorgt zu haben, andere lesen vielleicht das ganze knopfgroße Handbuch durch, sind guten Willens alle Anweisungen zu befolgen, geben jedoch irgendwann aufgrund steigenden inneren Drucks die Suche nach einem Riegel, den sie verriegeln könnten, auf und kommen bei einer kurzen Risikoabwägung zu dem Schluss, dass die Möglichkeit auf der Toilette von fremden Menschen gesehen zu werden der sicheren Peinlichkeit einer vollgemachten Hose vorzuziehen ist.
    Warum die Türen nicht einfach über einen Riegel verfügen bleibt ein Geheimnis. Wenn man den Knopf wenigstens mit „Bei Blinklicht bitte drücken“ beschriftet hätte, wäre wahrscheinlich auch schon vielen geholfen. Wie so oft kommen zwei Erklärungen in Frage: Achtlosigkeit und Bosheit und wie so oft frage ich mich, welche von ihnen ich schlimmer finden soll.

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    Ich selbst habe übrigens dank meiner wirklich sehr sehr großen und genialischen Geisteskräfte die Bedienung äußerst schnell verstanden und in der Praxis umsetzen können. Seither traue ich mir auch zu, ein Atomkraftwerk zu leiten oder einen Jumbo mit drei brennenden Triebwerken bei Sturm auf dem Aldi-Parkplatz zu landen.
    Dennoch versuche ich die Benutzung zu vermeiden Zum einen, weil selbst ein erfahrener ICE-Behinderten-WC-Tür-Kommandant wie ich eine quälende halbe Minute braucht, bis er endlich dem zu verrichtenden Geschäft nachgehen kann, da sich sich Tür mit der Gemächlichkeit einer Blüte öffnet und wieder schließt. Zum anderen weil – ihr ahnt es – man sehr häufig mit Menschen konfrontiert wird, die von diesem Intelligenz- und/oder Aufmerksamkeitstest überfordert wurden. Schön sind solche Begegnungen nicht, für keine der beiden Seiten.

     

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    (Zu diesem Bild gehört eine ebenso lustige wie dramatische Geschichte, für die im Internet aber grad kein Platz mehr ist.) 

    Gestern habe ich mal wieder einen kackenden Mann gesehen (ich nehme an, dass es um das große Geschäft ging, da er bereits Toilettenpapier in der Hand hielt). Er guckte mich aus großen Augen an, als die Tür sich langsam öffnete und uns einander offenbarte wie Kandidaten einer Datingshow aus der Hölle. Sein Blick ließ mich unwillkürlich an ein angeschossenes Rehkitz denken, wobei ich noch nie ein angeschossenes Rehkitz gesehen habe und mich frage, ob ich, falls ich je ein angeschossenes Rehkitz sehen sollte, dann wiederum denken würde, dass es wie ein kackender Mann im Behinderten-WC des ICE 526 guckt, aber ich schweife ab!

    Wie leid er mir tat! Wie gern ich ihn irgendwie getröstet hätte, ihm gesagt hätte, dass es alles nur halb so schlimm sei, 80 Prozent der Menschen seien zu blöd, die Tür richtig zu bedienen, und 100 Prozent der Menschen müssten auch ab und zu auf Klo, sogar Chuck Norris und deine Mutter! Wie gern ich ihn in den Arm genommen hätte, naja, das nun nicht, zumindest nicht während er auf dem Klo saß, aber natürlich verbat sich all das. Es blieben drei Optionen:
    1. Wegrennen
    2. Smartphone zücken und ein lustiges Bild für Facebook machen
    3. Helfen

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    Ich entschied mich für Option 3, denn ich bin nicht nur sehr, sehr klug, sondern auch sehr, sehr freundlich.
    Ein hübsches perfides Detail ist, dass die Toilettentür weder von außen (wo es nur einen Knopf zum Öffnen, aber nicht zum Schließen der Tür gibt), noch vom WC aus bedienbar ist, so dass ich einen beherzten Schritt ins Innere des Klos auf den kackenden Mann (dessen Augen aus diesem Anlass noch ein bisschen größer wurden) zu machen musste, um den Schließknopf betätigen zu können. Vielleicht sind die Behinderten-WC-Türen deshalb so langsam: Um die Menschen die die Klotür öffnen, während jemand anders darauf sitzt, nicht mit ihnen eingesperrt werden, wenn sie helfen wollen. Ich drückte den „Schließen“-Knopf, hechtete aus dem WC, warnte einen mir entgegenkommenden Klogänger vor dem Behinderten-WC (selbstverständlich konnte ich es nicht verriegeln, denn dazu hätte ich mich wirklich mit, nennen wir ihn Kacki, einschließen müssen).

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    Die kleine Pointe an der Geschichte ist, dass der kackende Mann mir seit seit mehren Stunden an einem Vierer-Tisch gegenüber saß und jetzt, während ich dies schreibe wieder sitzt. Wir ignorieren uns, er hat sich nicht bedankt, mir nur kurz mit schiefem Mund zugenickt, als er an den Platz zurück kam. Etwas anderes habe ich nicht erwartet, solche Dinge regeln wir Männer auf sehr diskrete Art.
    Diese Geschichte ist für Dich, Kacki, auch wenn ich hoffe, dass Du sie nie lesen wirst …

  • Weil die Menschen mich fragten …

    Weil die Menschen mich fragten …

    Häufig fragen mich Leute: Wann trittst Du denn mal wieder in Berlin auf? Naja. Was heißt häufig. Manchmal fragen mich Leute … gelegentlich … es ist jedenfalls schon vorgekommen, dass mich Leute … also ein Leut hat mich jedenfalls schonmal gefragt, wann ich wieder in Berlin auftrete. Nun kann ich antworten: Jetzt gleich! Und urst oft!
    Zuerst am 24.5. in der Buchhandlung Schatzinsel in Bernau, gleich am nächsten tag, dem Mittwoch im „Alten Roten Löwen Rein“ mit der Schnaps- &  Lesebühne „Schnaps und Würde“, am 28.5. außerdem seltsamerweise am Hauptbahnhof, der 10 Jahre alt wird. Ich weiß aber noch nicht wo und wann. Am 29.5. bin ich jedenfalls im Butter:

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    Das letzte Mal „Und jetzt die Raubtiernummer!“  vor der Sommerpause! (Naja, mal gucken, vielleicht gibt es am 26.6. ein kleines, ähm, Trostnümmerchen.) Diesmal mit Sven van Thom, dem Gitarrengott, Loopstationzauberer, Stimmwunder und bestangezogenen Mann diesseits der Appalachen. Mitglied von „Tiere streicheln Menschen„, der Lesebühne mit dem besten Lesebühnennamen, bevor „Und jetzt die Raubtiernummer!“ startete. Und Jochen Schmidt, der mehr Bücher geschrieben hat, als es überhaupt Buchstaben gibt und unzählige phantastische, komische, tragische und immer schöne Kurzgeschichten. Ehemals Mitglied der „Chaussee der Enthusiasten“, einer der berühmtestesten und schönsten Lesebühnen aller Zeiten, Comic-Übersetzer und Mitglied der deutschen Fußball Nationalmannschaft (der Autoren).

    Außerdem, wie immer: Renee van Bavel, icke und Kloß und Spinne!

    Und weil es so schön passt: „Nicht schon wieder Sommer“ von Sven van Thom! Wir sehen uns am 29.5. um 8 im Butter!

  • Zitronenkuchen und Stalinorgeln

    Zitronenkuchen und Stalinorgeln

    Heute ist die Nachbarin 87 Jahre alt geworden. Wir haben ihr ein Buch mit alten Bildern aus dem Prenzlauer Berg geschenkt. Sie ist hier geboren, hat nie in einem anderen Bezirk gewohnt. Erst hat sie sich sehr über das Buch gefreut, doch es brachte auch die schlimmen Erinnerungen zurück und sie erzählte wieder vom Krieg.  Sie war gerade 16 geworden, als die Schlacht um Berlin tobte. Bei Kaffee und ihrem tollen Zitronenkuchen erzählte sie von Stalinorgeln am Gesundbrunnen, von der SS am Humann-Platz, von Panzern in der Stargader und provisorischen Bestattungen im St. Josefsheim. Sie musste mit ansehen, wie auf der Pappelallee ein LKW voller Volkssturmleute von einer Rakete getroffen wurde, sie war dabei, als Granatsplitter den Oberschenkel ihres jüngeren Bruders durchschlugen und seinen Freund töteten. In einer zerstörten Fleischerei sah sie einen Soldat, der noch ein Essbesteck in der Hand hielt, aber sein Kopf fehlte.

    Sie schwieg eine Weile und sagte dann: “Das ganze Leid, die ganzen Leben, alles für nichts und wieder nichts. Und heute denkt man: Die Menschen haben doch nichts gelernt.”

     

     

     

     

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    (Narben. Foto: Atari)

    Irgendwann kamen wir wieder zu den schönen Geschichten: Der erste Nachkriegskuchen Weihnachten `45, ihre Hochzeit 1949 in der Gethsemane-Kirche, der Garten …

    Kurz nachdem ich gegangen war, erhielt sie – ausgerechnet heute – einen Untersuchungsbefund ihrer Hausärztin und eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus. Ich hoffe sehr, dass sie bald zurück kommt. Drückt ihr die Daumen.

  • Kloß und Spinne: Die Ludovico-Olive

    Kloß und Spinne: Die Ludovico-Olive

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    Spinne:  Tach allerseits!

    Norbert: Tach!

    Kloß: Tach!, sagt Kloß, der ewig deprimierte Stammgast neben mir am Tresen.

    Spinne: Norbert machste mir ne Brause?

    Norbert: Nee, Brause macht verrückt.

    Spinne: Was? Wie kommsten darauf?

    Norbert: Stand örjendwo im Internet.

    Spinne: Wo denn?

    Norbert: Weeß nich mehr. Vielleicht hab ichs selbst reingeschrieben. Aber pass uff, der entscheidende Beweis ist doch, dass es nirgendwo in der Systempresse stand! Nachtigall, ick hör dir trapsen.

    Spinne: Hihi, du bist lustig. Und wenn du mir die Brause in nem Aluhut servierst?

    Norbert: Aluhüte machen erst recht verrückt.

    Spinne: Tja, dann wirds wohl wieder mal nüscht mit der Brause. Und Kloß, wie geht’s?

    (Kloß starrt auf sein Smartphone und steckt sich mit angewidertem Gesichtsausdruck eine Olive aus einem kleinen Schälchen in den Mund.)

    Kloß: Bäh! ,antwortet Kloß und greift nach einer weiteren Olive.

    Spinne: Was machst du denn da?

    Kloß: Ich esse Oliven.

    Spinne: Aber du hasst doch Oliven.

    Kloß: Eben.

    (Spinne versucht, einen Blick auf Kloßens Handy zu erhaschen.)

    Spinne: Ist das da deine Freundin?

    Kloß: Ja.

    Spinne: Muss ich das verstehen?

    Norbert: In seiner Nachbarschaft hat ein Flüchtlingsheim eröffnet.

    Spinne: Und deshalb isst er Oliven, die er eklig findet und guckt sich dabei Bilder seiner Freundin an?

    Norbert: Er hat eben Angst.

    Spinne: Ah! Angst vor Islamisierung, steigender Kriminialität, Sexmobs. Aber warum …

    Kloß: Nee. Wenn ich ehrlich bin, hab ich vor allem Angst, dass die Flammen übergreifen, wenn jemand das Flüchtlingsheim anzündet.

    (Kloß steckt sich eine weitere Olive in den Mund und beißt darauf.)

    Kloß: Bäh! Ich meine, das geht doch alles nicht mehr gut aus, diese ganze Wut, dieser ganze Hass, all die Angst und Unsicherheit, die angesammelten Demütigungen und Ungerechtigkeiten, die Hoffnungslosigkeit, die Ablehnung, dieser Wille zur Gewalt, zur Zerstörung, zur Vernichtung der gesamten Menschheit …

    Spinne: Häh? Wovon redest du?

    Kloß: Oh, ich beschreib bloß meine eigene geistige Verfassung nachdem heute nachmittag der Telefonroboter von UPS die Frage „Wo ist mein verdammtes Päckchen, ihr kotzverpopelten Schweinearschpickel?“ zum dritten Mal mit: „Ich habe ihre Eingabe nicht verstanden. Wählen Sie die 1, um uns den Buckel runterzurutschen, die 2, um uns am Arsch zu lecken, die 3, um sich ins Knie zu ficken“ beantwortet hat. BÄH!

    Spinne: Okay, aber was hat das denn jetzt mit Oliven und Flüchtlingsheimen zu tun?

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    Kloß: Ich meine ja bloß. Hängt doch alles miteinander zusammen. Wenn ein friedlicher Bürger wie ich schon so drauf ist, weil mein Päckchen mit Johanniskraut nicht rechtzeitig ankommt, wie krass drauf sind dann erst all die bekloppten Typen da draußen?! Das wird doch nicht einfach wieder gut, da beruhigt sich doch niemand, da hört doch keiner einfach auf mit Schreien, diese ganze unterdrückte Wut muss doch irgendwo hin. Nazis, Islamisten, besorgte Bürger und bekloppte Politiker, Euro-Zusammenbruch, Peak-Oil, Putin, Tinder, Terror, Trump und Facebook und Assad und Junggesellen-Abschiede, Klimawandel, Atombomben — das ist wie eine Lawine. Der Schnee kann ewig am Hang liegen und warten, aber wenn er einmal ins Rutschen kommt, zermalmt er alles. Und zuallerst diejenigen, die sich ihm in den Weg stellen. Nach 70 Jahren Frieden ist Europa doch wie ein trockener Alkoholiker, der sich nur ein kleines Schnäpschen genehmigen will. Aber dann war’s das mit dem Fireden, dann wird alles nachgeholt. Dann brennen die Häuser und auf der Straße liegen tote Menschen und Leute werden abgeholt und niemand ist mehr sicher und Hölle, Hölle, Hölle, wie schon Wolfgang Petry prophezeite, dessen Nachname auch kein Zufall sein kann – BÄH!

    Spinne: Herrje, jetzt hör doch mal mit diesem Olivengefresse auf und mach mal halblang. So schlimm wirds schon nicht kommen. Wer wird denn gleich tot auf der Straße rumliegen? Na, wir jedenfalls nicht, das kann ich mir nicht vorstellen. Da sind wir doch gar nicht die Typen für! Da sind wir doch gar nicht für qualifiziert! Dieses ganze Tot-auf-der-Straße-Rumgeliege und Abgeholt-Gewerde und Häuser-Abgebrenne, das ist doch eher so Osteuropa- oder Naher-Osten-Style, ich glaub nicht, dass sich das hier durchsetzt, dafür gibts doch hier gar keinen Markt! Ich meine, guck dir doch die Leute da draußen an, die haben doch ganz andere Sorgen, als tot auf der Straße rumzuliegen, da haben die doch gar keine Zeit für! Das ist wie mit diesen afrikanischen Kindern im FernseheNorbert: so ein Hungerbauch an einem europäischen Kind, das geht doch gar nicht, wie würde das denn aussehen! Nee, nee. Und überhaupt: Sagst du mir jetzt endlich, was das mit diesen Oliven soll? Du ekelst dich doch vor Oliven.

    Kloß: Darum esse ich sie ja.

    Spinne: Und guckst währenddessen Bilder deiner Freundin an?!

    Kloß: Meiner Noch-Freundin. Ich versuche gerade, mich zu entlieben.

    Spinne: Was?

    Kloß: Ja, die Idee hab ich aus Clockwork Orange. Ludovico-Technik. Aversionstherapie. Wenn ich in Zukunft jedesmal, wenn ich meine Freundin sehe, an Oliven denken muss, dann ist es kein Problem mehr, mich von ihr zu trennen.

    Spinne: Du willst dich von deiner Freundin trennen? Ich dachte, du liebst sie.

    Kloß: Genau.

    Spinne: Du willst dich von deiner Freundin trennen, obwohl du sie liebst?

    Kloß: Nein. WEIL ich sie liebe. Und das versuche ich gerade zu ändern, verstehst du?

    Spinne: Nö. Klingt vollkommen verrückt.

    Norbert: Wahrscheinlich zuviel Brause getrunken.

    Kloß: Versteht ihr denn nicht? In solchen Zeiten wie heute ist es einfach besser, niemanden zu lieben. Das würde dich doch erst richtig krank vor Angst machen. Ich meine, stell Dir vor, es ist Krieg, und es gibt Menschen, die du richtig doll lieb hast und wärst ständig in Sorge, dass ihnen was passiert! Das wär doch schrecklich! Da kann ich echt drauf verzichten. Liebe ist ein Luxus für gute Zeiten, aber die sind vorbei. Da will ich vorbereitet sein. Emotionell, meine ich, nicht wie diese Hoschis, die Konserven und Klopapier horten und lernen, wie man mit ein bisschen trockenem Reisig, einem Feuerstein und kleinen Ästen einen WLAN-Hotspot einrichtet, statt sich erstmal von ihren Frauen und Kindern zu trennen. Ich meine, Weltuntergang ist schon alleine schlimm genug, ohne dass man um die Familie Angst haben muss! Einsamkeit ist der beste Bunker!

    Norbert: So’n Quatsch. Gerade in dunklen Zeiten braucht man doch die Liebe. Die Liebe ist nämlich das Größte was es gibt. Die Liebe gibt dir Mut, sie ist stärker als der Hass und die Niedertracht, die Liebe ist das Licht in der Dunkelheit und das Ende des Tunnels!”

    Kloß: Bäh, sagt Kloß, obwohl er gar keine Olive geschluckt hat. Wo hast’n das her?

    Norbert: Aus’m Internet. Stand gleich unter der Sache mit der Brause.

    Spinne: Ach, ihr seid ja doof. Ich finde, da ist viel Wahres dran. Die Liebe ist die eine Kraft, die stärker ist als das Böse. Nichts kann die Liebe besiegen.

    Kloß: Außer, das Böse kann Karate.

    Norbert: Also, ich will euch mal was sagen.
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    Norbert: Ich will euch mal was sagen.

    (Norbert schweigt.)

    Spinne: Ja?

    Kloß: Und zwar?

    Norbert: Ach, nee, doch nicht. Ich versteh die Welt auch nicht mehr, ich glaub die ham einfach alle zuviel Brause getrunken. Hat der Trick mit den Oliven jetzt eigentlich geklappt?

    Kloß: Nee, totaler Anschiss. Ich hab meine Freundin immer noch lieb und … auf einmal schmecken mir Oliven! So ein Mist!

    Spinne: Hurra. Die Kraft der Liebe, ihr Zauber besiegt alles, sogar den Olivenekel!

    (Kloß steckt sich die letzte Olive in den Mund.)

    Kloß: Ach, sei bloß still …

  • Chuck Norris zerkleinert nicht.

    Chuck Norris zerkleinert nicht.

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    (Salzburg, ARGEkultur, 12.2.2016)