Im Juni, nach einer Woche in Rotterdam, während der ich fast nur Englisch gesprochen hatte, war es schwer, wieder auf Deutsch umzuschalten und nicht ständig „It’s awesome!“ oder „Man, that was hilarious!“ oder „You guys are amazing!“ zu rufen, wie es die Amerikaner praktisch den ganzen Tag lang tun.
In der letzten Woche habe ich nur so Sachen gesagt wie: „Ich nehme das Holzfällersteak!“, „Einen Schierker Feuerstein bitte!“ oder: „Ja, Sie können das Zimmer jetzt sauber machen.“
Dies nur zur Erklärung und als vorauseilende Entschuldigung, falls ich in den nächsten Tagen zu jemandem komische Sachen sagen sollte.
Kategorie: Unterwegs
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Braunlage (VI) – Mögliche Spätfolgen
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Braunlage (V) – 1100 Ostschrippen
Rast in der Rodelbaude. Ich trinke einTässchen Kaffee. Der Kellner bringt mir eine Rechnung über 2,80 Euro. Als ich das lese, bin ich plötzlich sehr, sehr froh, dass der Kaffee so widerlich war. Ansonsten hätte ich womöglich mit noch einer Tasse meine Urlaubskasse ruiniert.
Dankbar gebe ich 3 Euro.PS: Ja, ich weiß. In der Bahn ist der Kaffee fast genauso teuer (siehe: Verrückte Welt: Kaffee teurer als LSD). Aber dort kriegt man 0,2 l, der Kaffee ist erträglich und man wird nicht mit: „Die Gefühle haben Schweigepflicht“ beschallt, einem grässlichen Schlager, den ich in den 20 Minuten, die ich dort mit meinem Flüssiggold zubrachte, 3 mal hören musste.
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Braunlage (IV) – Problembeeren
Die Waldblaubeeren sind schon ganz okay. Allerdings – und auch Mutter Natur muss sich ab und zu Kritik gefallen lassen – könnten sie ruhig etwas … naja … blaubeeriger schmecken. Ich finde sie ein bisschen fad. Blaubeerjoghurt zum Beispiel schmeckt viel doller nach Blaubeeren als Blaubeeren. Dazu kommt, dass skoliosegeplagte Menschen wie ich es zu schätzen wissen, dass er ohne langes Bücken mit einem Griff aus dem Kühlregal entnommen werden kann.
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Braunlage (III) – Das muss wohl Urlaub sein
Gute Nachrichten: Es gibt nichts zu erzählen. Ich könnte berichten, dass der Kaffee in Königsbrück lecker, aber sehr teuer ist, dass das riesengroße Holzfällersteak im „Alten Forsthaus“ sehr gut schmeckt, dass (wenig überraschend) der Wald noch immer an Ort und Stelle und seit Montag kein bisschen hässlicher geworden ist, dass die neue Regenjacke hervorragende Arbeit als Anti-Regenzauber leistet und dergleichen mehr. Aber trotz der in der Blogosphäre üblichen Publikationshemmschwelle muss das ja nicht sein.
Es ist so, wie ich es geplant habe: Schön und ziemlich ereignislos. Was hier des Sehens würdig ist, entscheide ich und nicht irgendein Faltblatt der Tourismusinformation oder der „Lonely Planet Harz“. Sehr sehenswert sind zum Beispiel: Mein Balkon, meine Zimmerdecke, die Kneipe am Markt und der Wald hinter dem Hotel.
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Braunlage (II) – Wandern
Montag:
Sonnenschein.
Frühstück in „Omas Kaffeestube“, einem Cafe, dem ich trotz des leicht angebrannten Butterkuchens wegen der Instrumentalversionen von James-Last-Klassikern und dem Widerstand gegen das Genitiv-Apostroph die Treue halten werde.
Direkt hinter meinem Hotel beginnt der Wald. Ich wandere an der Bode entlang, vorbei an Heidelbeersträuchern und Glockenblumen, auf denen Schmetterlinge sitzen. Die Bäume rauschen, der Bach gurgelt. Die Natur hat hier ganz tief in die Heimatkitschkiste gegriffen. Es ist wunderschön.
Rast auf einem umgestürzten Baumstamm über der Bode. Schade, dass niemand da ist, um mich zu fotografieren: Mit gefurchter Denkerstirn über dem plätschernden Bächlein, in der einen Hand das Buch mit den Naturgedichten, in der anderen den Harzer Käse …
Beim Versuch, das Foto mithilfe des Selbstauslösers hinzukriegen, rutsche ich beim Zurückeilen ab, platsche mit einem Fuß in Wasser, ratsche mit der linken Hand über die Borke des Baumes, und nur ein großer flacher Stein im Wasser bewahrt mich vor einem unfreiwilligen Bad. Vielleicht auch besser so. Wahrscheinlich hätte ich auf dem Foto doof geguckt und die gnadenlose Abbildung der Realität hätte das eitle, aber ach so schöne Bild in meinem Kopf widerlegt.Abends im Hotel. Stille, nur die Bäume rauschen (und die Mutter im Nachbarzimmer brüllt ihr Kind an – aber nur kurz! Dann wieder Stille …)
Ich habe mir den Sessel auf den geräumigen Balkon gestellt. Ich mache es mir gemütlich, trinke eine Flasche Harzer Schlehenwein und lese Heine … oder war es „Der Eiserne Rat“ von China Mieville? -
Braunlage (I) – 40 Euro Sonnenscheinaufschlag
Mein klitzekleines Urlaubstagebuch
Sonntag:
Ankunft in Braunlage im Harz. Regen. Ortsbesichtigung mit zwei übereinandergezogenen, rasch durchgeweichten Pullovern. Es gibt „Omas Kaffeestube“, ein „Altes Forsthaus“, aber auch ein „Bierbarbistro“. Auf dem Bürgersteig muss man wegen der zahlreichen Restaurant-Werbeschilder, die „Seniorenteller“ anpreisen, Slalom laufen. Es gibt einen O2-Laden, aber im ganzen Ort keinen Empfang für mein O2-Handy. Am Donnerstag spielen Kretschkes Oberkrainer („Die Sterne am Oberkrainer Musikhimmel“). Vielleicht gehe ich aber stattdessen in die Flippothek („Ihr Entertainment Paradies“).
Auf dem Rückweg zum Hotel eine teure Regenjacke gekauft, weil es 1. keine billigen gibt und ich 2. sicher stellen will, dass den Rest des Urlaubs die Sonne scheint.
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(Konstanz III) Ich mache mir Sorgen um: Die Schweizer
Eigentlich sind die Schweizer ja ganz putzige Gesellen. Ich bin zwar froh, nicht so wie sie zu reden, aber zuhören macht ab und zu schon Spaß – auch wenn es in Kreuzlingen am Bodensee doch sehr nach Schwäbisch klingt. Sehr erfreut hat mich ein Haustiergeschäft („Zoohüsli“), das im Schaufenster „Terrarien / Landschildkrötli / Zwerghäsli“ anpries.
Ins Grübeln brachte mich allerdings die „Bildungsanstalt Bau Mode“. Hier wächst zusammen, was nicht zusammengehört, wie man unschwer schon an den so gar nicht zusammenpassenden Schriftarten erkennt (siehe Foto unten). Ich würde da gerne mal hospitieren. So eine Klasse aus Bauprolls und angehenden schwulen Modegestaltern stelle ich mir lustig vor. Ich befürchte allerdings, dass Absolventen einer solche Schule später zu Verhaltensauffälligkeiten und Psychotherapien neigen. Möglicherweise werden sie eines Tages so wie der komische Mann im Bodensee: Beim Baden haben wir einen unnatürlich gebräunten Mann um die 50 beobachtet, der einen Stock ins Wasser geworfen hat. Dann ist er dem Stock nach, hat ihn in die Luft gehoben und ein Stück weiter geworfen. Dann ist er zum Stock gewatet, um ihn wieder zu werfen und selbst zu apportieren und immer so weiter. Er hat dabei eine bemerkenswerte Ausdauer an den Tag gelegt. War sein Hund gestorben und er hat sich gedacht: „Fiffi ist tot, doch ich werde sein Werk weiterführen“? Wollte er wissen, wie man sich als Tier fühlt und konnte sich nicht zu einem Selbstversuch als Zwerghäsli oder Landschildkrötli durchringen? Oder war er einer der zweifellos merkwürdigen Dozenten an der „Bildungsanstalt Bau Mode“?
Falls jemand mehr weiß oder eine vernünftige Arbeitshypothese hat, würde ich mich über einen Kommentar freuen.
(geschrieben gestern im Zug)

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(Konstanz II) Noch drei Kleinigkeiten, dann kann mich der Teufel holen
Vor 2 Jahren sind MichaEbeling und ich schon einmal zum Slam nach Konstanz gefahren und damals haben wir einen großen Fehler gemacht: Wir sind am nächsten Tag schon nach Berlin zurückgefahren – 17 Stunden Zugfahrt für 5 bis 10 Minuten Auftrittszeit, einen (sehr guten) Slam und einen kurzen Blick auf den Bodensee. Diesmal habe ich noch einen Tag in Kreuzlingen, dem schweizer Teil von Konstanz, drangehängt. Zusammen mit Mirco Buchwitz und Frank Kloetgen waren wir zu Gast bei Charlotte und Thomas, die in einer großen WG in einem wunderschönen (und im Winter unbeheizbaren) Haus mit Garten wohnen. Die beiden organisieren Slams und Lesungen in Konstanz und betreiben das CD-Label Sprechstation. Mein Rat: Die CDs von Sebastian 23 und Gabriel Vetter kaufen, anhören und sich anschließend darüber freuen, diesen, meinen Rat beherzigt zu haben!
Den Sonnabend habe ich zu einem Großteil mit Gartengammeln, Kaffeetrinken und Zeitunglesen verbracht. (Bin ich übrigens krank, weil ich das trotz der grauenvollen Nachrichten in der Zeitung als angenehm empfunden habe? Wahrscheinlich. Und verwende ich eigentlich zuviele Klammern? Wahrscheinlich.)
Am späten Nachmittag waren wir im Bodensee baden, womit ich den Punkt „Baden im Bodensee“ nun endlich auch auf der „Liste der Dinge, die ich unbedingt noch im Leben machen will“ abhaken kann. Bin inzwischen ziemlich weit mit dem Abarbeiten dieser Liste gekommen. Jetzt muss ich nur noch in den Weltraum fliegen, die Welt retten und auf dem 50. Geburtstag meiner Ururenkelin nackt und betrunken auf dem Tisch tanzen, und dann kann ich zum Sterben auf den Berg gehen.
(geschrieben gestern im Zug)
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(Konstanz I) Slam
Am Sonnabend war ich zum Open Air Slam in Konstanz eingeladen. Die Bühne war ein Garagendach neben einem Club in einem hässlichen Industriegebiet. Der Platz vor und neben der Garage war mit Sand aufgefüllt, es gab Liegestühle und sogar zwei klitzekleine Swimmingpools. Es war großartig! Vielleicht hätte man die Wände der umliegenden Lagergebäude noch mit Wellen, Delphinen und überfüllten Flüchtlingsschiffen (Entschuldigung) bemalen können, aber ansonsten gab’s nichts zu meckern. Es waren 300, vielleicht auch 400 Zuschauer gekommen, und die Stimmung war toll. Leider hat uns gegen Mitternacht die Polizei vom Strandparadies ins Innere des Clubs vertrieben und dort wurde es unangenehm. Vor allem wegen der Leute, mit denen man dann zu tun bekam. Da war ein Arschloch-DJ, der nicht einsehen konnte, dass die blöden Poeten jetzt in seinem Reich rummurksen und ein paar Bilderbuch-Security-Bodybuilder (ich finds immer wieder überraschend, wenn Leute irgendwelche Klischees zu 100 % erfüllen), die wahrscheinlich noch in 5 Jahren am Security-Stammtisch erzählen werden, dass sie mal bei einer Veranstaltung Ordner gemacht haben, bei der – Puhahahaha! – so’n paar Trottel GEDICHTE vorgetragen haben.
Ich hatte Glück bei der Auslosung und bin gleich als Zweiter rangekommen. Normalerweise ein doofer Startplatz, aber diesmal waren die zu bemitleiden, die am Ende dran waren und drinnen lesen mussten. Neben dem schlechten Ton und der schlechten Luft mussten sie gegen Gesprächslärm von der Bar ankämpfen und vor allem gegen ein paar Kumpels der Security-Truppe, von denen zwei irgendwann anfingen, die Leute am Mikro durch „Hör doch auf, du Arschloch“-Rufe zu … hm … stören wäre ein zu schwaches Wort …
Zum Glück sind sie da bei Etrit Hasler an den Falschen geraten. Es war unglaublich: Etrit, selbst eher schmächtig und klein, ist auf den Brüllaffen losgegangen, hat ihn ans Mikro gezerrt und zurückgebrüllt: „Los, jetzt sag, was du zu sagen hast, du Arschloch!“ Cool. Natürlich kam da nicht viel – er hat „Deutschland“ gerufen, die Arme hochgerissen und dann gesagt: „Ich gehe jetzt nach Hause und feiere Klinsmann. Und Euch nicht!“
Schade, dass es dem Typen wahrscheinlich nicht einmal peinlich war und er der Meinung ist, den blöden Studenten mal richtig die Meinung gesagt zu haben.
Klarer Sieger des Abends war Gabriel Vetter.
(geschrieben gestern im Zug)
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Verrückte Welt: Kaffee teurer als LSD!
Der Kaffee in den Zugkneipen der Deutschen Bahn ist teurer geworden. Nur um 10 Cent, aber eigentlich fand ich den bisherigen Preis von 2,60 Euro schon ziemlich gewagt. Immerhin war er damit teurer als eine zweistündige Lesung im Zosch. Und ich finde: Meistens ist LSD besser als die Bahnplörre.
Die Berliner Lesebühnen sind so ziemlich das Einzige, was noch immer soviel kostet wie vor 5 Jahren. Die letzte Preisänderung bei LSD gab es mit Einführung des Euro – von 5 DM auf 2,50 Euro, also 4,88 DM oder so.
Hin und wieder diskutieren wir über Preiserhöhungen. Bis jetzt war ich immer dagegen. Man muss ja nicht jeden Scheiß mitmachen.
Das Hauptargument für höheren Eintritt ist gar nicht der zu erwartende Gewinn, sondern die Überlegung, dass das, was wir machen, unseren Besuchern doch mehr wert sein sollte, als eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wein – aber ich denke, das ist es ihnen. Wir müssen sie nicht unbedingt zwingen, das an der Kasse zu beweisen.
Trotzdem: Eines Tages wird der Preis raufgehen. Bei LSD werden wir sicher auf den Lesebühnenstandardpreis von 3 Euro erhöhen. Bei der Chaussee der Enthusiasten wird eventuell schon in ein oder zwei Monaten jeweils der erste Donnerstag im Monat 3,50 Euro kosten. Dafür wird an dem Tag aber viel geboten: Die Improtheatergruppe „Die Bö“ wird ein monatliches musikalisches Gastspiel im Rahmen der Lesung absolvieren und wir konzentrieren unsere Diskoambitionen auf diesen Tag, um einmal im Monat eine richtig gute Aftershowparty zu machen, anstatt wöchentlich etwas demotiviert rumzustümpern. Außerdem bleibt der erste Donnerstag natürlich weiterhin rauchfrei (zumindest bis zum Ende der Lesung).