Kategorie: Weltuntergang

  • Liebe Piraten: Fickt euch. Aber nicht mich.

    Achtung: Noch hast Du die Möglichkeit, diesen Beitrag nicht zu lesen. Wenn Du es doch tust, möchte ich hinterher keine Beschwerden darüber hören, dass der Inhalt dem fetzigen Titel nicht gerecht werde, sondern insgesamt zu versöhnlich sei. Die Überschrift wurde ausschließlich in der Hoffnung gewählt, möglichst viele Leute neugierig zu machen – ganz im Sinne einiger Piraten, die die Hauptaufgabe und -qualifikation eines Künstlers darin zu sehen zu scheinen, auf sich selbst aufmerksam zu machen.

    Ich habe mir einige Aussagen der „101 Piraten für ein neues Urheberrecht“ vorgenommen und kommentiert. Vorher aber noch kurz etwas zu mir und der Situation, aus der heraus ich die Diskussion betrachte: Ich bin Urheber (obwohl mir das ein bisschen zu sehr nach Möbelträger klingt), Autor, um genau zu sein. Seit 11 Jahren bin ich freischaffend. Viele Jahre habe ich meinen Lebensunterhalt mit 150 bis 180 Auftritten pro Jahr bestritten, in den letzten Jahren wirkte ich an drei Produktionen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit und lebte zu einem wichtigen Teil davon. Letztes Jahr war ich für ein halbes Jahr als Aufstocker beim Jobcenter, das nur zur Info, weil Leute dazu tendieren zu glauben, man habe ausgesorgt, wenn man mal was fürs Fernsehen gemacht hat. Momentan stehe ich wieder vor allem auf Bühnen. Nächstes Jahr gibt’s ein neues Buch,

    Meine Versuche, im Internet mit den von mir frei zur Verfügung gestellten Inhalten Geld zu verdienen, waren bisher nicht besonders erfolgreich (trotzdem Dank an alle, die mir über Flattr etwas haben zukommen lassen). Das liegt vielleicht nur daran, dass ich mich dabei nicht besonders geschickt angestellt habe – mit Kloß und Spinne hätte sich vielleicht etwas machen lassen – aber ehrlich: Ich stecke meine Kraft und Zeit und mein Talent nunmal lieber in die kreative Arbeit, als in die Selbstvermarktung.

    Beim Lesen der Statements der 101 Piraten hatte ich generell den Eindruck, man würde unter Urhebern vor allem Musiker und Softwareentwickler verstehen und – wie es scheint der einzige wirkliche parteiinterner Konsenz –  als sei die GEMA der Leibhaftige. Ich kann und will mich dazu nicht äußern, aber da die Diskussion alle Arten von Urheberschaft betrifft, kann noch ein bisschen Autorensenf nichts schaden.

    So, aber jetzt mal Butter bei die Fische. (mehr …)

  • Nochmal: Schokoladen

    Spider hat es schon geschrieben: Der Schokoladen soll geräumt werden. Im Schokoladen sah ich 1996 das erste mal Leute, die wöchentlich mit selbstgeschriebenen Texten auf eine Bühne gingen und diese einfach vorlasen, eine Lesebühne eben, die „Reformbühne Heim & Welt“; im Schokoladen traute ich mich daraufhin das erste Mal mit eigenen Texten auf eine Bühne. Im Schokoladen hat die von mir mitbegründete Lesebühne LSD ihre jetzige Heimat gefunden. Und soll sie nun wieder verlieren. Von den Menschen, die dort wohnen, die sich ihre eigenen (und sinnvollen) Arbeitsplätze geschaffen haben, von den Theater- und Musikprojekten ganz zu schweigen. Ein toller und wichtiger Ort muss sterben für noch mehr luxussanierte Wohnungen für Berlin Mitte, noch eine Boutique oder eine Edelbar oder was auch immer.

    Klar, Städte müssen sich verändern – der Schokoladen war schließlich auch eine Veränderung – aber wenn praktisch alle Veränderungen nur dem Wohl der Begüterten dienen, wenn die Sachen, die Berlin interessant und lebenswert machen, konsequent zerstört werden, dann ist Wut angebracht (vorbehaltlich der Möglichkeit, dass es gerade luxussanierte Wohnungen, teure Bars und hochgeklappte Bürgersteige in Investitionsgebieten sind, die Berlin interessant und lebenswert machen).

    Die Berliner Lesebühnen haben einen Aufruf verfasst – Spider hat den hier schon mal verlinkt, ich setze den aber hier nochmal als vollständigen Text ins Blog. Noch ist es nicht zu spät, die Hoffnung stirbt zuletzt. („Aber sie stirbt“, um an dieser Stelle mal – wenn auch kontraproduktiv – den großartigen Nico Semsrott zu zitieren.)

    Mischa-Sarim Vérollet bat mich, seinen Namen und den der Lesebühne Spree vom Weizen noch unter den Aufruf zu setzen, was ich natürlich gerne tue.

    Berliner Lesebühnen fordern:
    Schokoladen schließen!
    Klappt die Bürgersteige hoch!
    Der Letzte macht das Licht aus!

    Seit 1989 sind in Berlin Dutzende von Lesebühnen entstanden: Ensembles von Autorinnen und Autoren, die in Kneipen und Clubs ihre neuen Geschichten vorlesen.

    Berlin schmückt sich gern mit diesen Veranstaltungen, die jedes Jahr von Tausenden von Berlinern und Touristen besucht werden und die inzwischen etliche namhafte Kabarettisten und Schriftsteller hervorgebracht haben.

    Leider interessiert sich die Berliner Politik nicht dafür, was für die Entstehung einer solchen lebendigen Szene notwendig ist: Cafés, in denen die Getränkepreise so niedrig sein können wie der Eintritt. Kneipen, in denen Künstlerinnen und Künstler einfach etwas ausprobieren können, ohne dass es Geld abwerfen muss. Clubs, deren Betreiber sich nicht ständig sorgen müssen, wie sie die grotesken Renditen für die Hausbesitzer erwirtschaften können.
    Nun soll auch der Schokoladen schließen und von der Polizei geräumt werden.

    Ohne Orte wie den Schokoladen wären die Berliner Lesebühnen nie entstanden!

    Bis vor wenigen Jahren konnten wir uns leicht trösten, wenn wieder einer dieser Orte schließen musste. Es gab ja noch andere. Das war einmal. Heute gibt es praktisch keine Orte mehr, an denen noch etwas entstehen könnte.

    Die östliche Innenstadt nähert sich einem Zustand der Stagnation.

    Wir können an dieser Stelle nicht ausführlich auf den Prozess der Gentrifizierung eingehen, den wir ohne es zu wollen selbst mit angestoßen haben. Dazu haben sich andere bereits fundierter geäußert, als wir es könnten. Doch wir sehen mit Wut, wie das allgemeine und für alle Bevölkerungsschichten geltende „Recht auf Stadt“ immer mehr zum Privileg der Gut- und Besser- und Bestverdiener zu werden droht.

    Die Berliner Lesebühnen und ihre Freunde beteiligen sich an den Aktionen zur Rettung des Schokoladens. Und wir bitten alle, die uns kennen, uns dabei zu unterstützen.

    -> Kommt zur Demo gegen die Räumung des Schokoladens:
    Dienstag 21. Februar, 17.30 Uhr
    Klub der Republik, Pappelallee 81
    (U-Bhf. Eberswalder Str.)

    -> Stellt euch der Räumung in den Weg:
    Mittwoch 22. Februar, 8 Uhr
    Schokoladen, Ackerstrasse 169
    (U-Bhf. Rosenthaler Platz)

    Unterzeichner/innen

    Einzelpersonen

    Ahne , Andreas „Spider“ Krenzke, Andreas Gläser, Andreas Jeromin, Andreas Kampa, Andreas Scheffler, Anselm Neft, Bov Bjerg, Clint Lukas, Dan Richter, Daniela Böhle, Elis, Falko Hennig, Felix Jentsch, Frank Sorge, Frédéric Valin, Hans Duschke, Heiko Werning, Hinark Husen, Horst Evers, Ingolf Penderak, Ivo Smolak aka Ivo Lotion, Jacinta Nandi, Jakob Hein, Jochen Schmidt, Judith Hermann, Jürgen Witte, Karsten Krampitz, Kirsten Fuchs, Konrad Endler, Lea Streisand, Lt. Surf, Manfred Maurenbrecher, Martin „Gotti“ Gottschild, Micha Ebeling, Mischa-Sarim Vérollet, Paul Bokowski, Robert Naumann, Robert Rescue, Robert Weber, Sarah Bosetti, Sarah Schmidt, Sebastian Krämer, Sven van Thom, Thilo Bock, Tilman Birr, Tobias „Tube“ Herre, Udo Tiffert, Uli Hannemann, Volker Strübing, Volker Surmann, Wladimir Kaminer

    Lesebühnen

    Brauseboys
    Chaussee der Enthusiasten
    Der Frühschoppen
    Kantinenlesen
    Liebe statt Drogen
    Radio Hochsee
    Rakete2000
    Reformbühne Heim & Welt
    Spree vom Weizen
    Surfpoeten
    Texte im Untergrund
    Tiere streicheln Menschen

     

  • Sowas wie ein Nachruf

    Auch wenn es wie eine Übertreibung klingt: Andreas war der beste Wirt der Stadt. Nicht unbedingt immer und jedem gegenüber der freundlichste im landläufigen Sinne – im Sinne der berühmt-berüchtigten Berliner Freundlichkeit aber schon. Ein grundsympathischer, lustiger und interessanter Mensch, der eine der wenigen schönen Kneipen im Prenzlauer Berg betrieb, das 5 Ziegen in der Lychener Straße, in dem ich seit Beginn der 90er Jahre gottweißwieviele schöne Abende und Nächte mit Freunden oder meinem Notizbuch oder eben bei Andreas an der Bar verbracht habe. Nicht selten hat er mir die Welt erklärt, manchmal auch ich sie ihm oder wir gemeinsam einem wehrlosen Betrunkenen an der Bar. Und er hat mir das Kneipenverbot immer nur angedroht, wenn ich es wiedermal für witzig hielt, nachts um zwei einen Latte Macchiato mit extra Milchschaum zu bestellen.

    Andreas ist im Januar gestorben. Lieber Andreas, Du fehlst mir und Du fehlst dieser Stadt, in der es viel zu viel kalte, professionelle Höflichkeit, studentische Tresenkräfte und Bars mit unbequemen 70er-Jahre-Sesseln und niedrigen Tischen gibt. Ich kann nur versprechen, dass ich durch regelmäßige Besuche meinen Beitrag leisten werde, den schönen Ort, den uns geschenkt hast,
    zu erhalten.

    (Immer ein freundliches Lächeln. Cuba Libre im 5 Ziegen.)
    (Vielleicht nicht das Beste für die Augen, aber schön: Schreiben bei Kerzenlicht im 5 Ziegen.)

    (VS)

  • Der Rabe

    Gestern ist es mir passiert. Also MIR. Also dass mir mal so etwas passieren würde! Ich habe mein Kind in´ner Eisdiele vergessen. Mannmannmann!

    (Andreas Krenzke)

  • Muss ja

    Ein Mann, der in einem Ferienlager Jagd auf Jugendliche macht und vermutlich all seine propagandistischen Ziele erreichen wird („Klar ist der Typ völlig krank. Aber was hat ihn denn so krank gemacht? Ich meine, das mit der Multikulti-Kulturmarxisten-Gutmenschen-Diktatur stimmt doch, oder?“), die USA vor der Pleite, Europa kommt mit dem Flicken der Lecks kaum hinterher, Ungarn gibt sich kaum noch die Mühe, demokratisch zu wirken, Amy Winehouse ist tot,  irgendwas in Ostafrika und so weiter und so weiter. Aber das wird schon wieder. Muss ja.

    Ich fliege morgen nach Beirut. Monstamovies dreht wieder eine Fernsehserie und ich mache mit. In einer Woche sind wir wieder in Berlin – es ist erst mal nur eine Vorrecherche, die richtige Drehreise geht Anfang September los. Wann immer ich dazu komme, werde ich von unterwegs berichten – allerdings kann und will ich noch nicht erzählen, worum es eigentlich geht.

    Blöd eigentlich: Da gibt es endlich mal wieder einen Sommer in Berlin nach meinem Geschmack und ich fliege ans Mittelmeer. Wie auch immer: Ich wünsch mir eine gute Reise 😉

    (VS)

  • Ist Zivilisationskritik eigentlich eine Zivilisationskrankheit?

    (Spoilerwarnung: Teile dieser Geschichte werden wohl in den nächsten Kloß-und-Spinne-Film Eingang finden!)

    Nach einer Lesung in Olten tranken Micha, einige liebe Menschen und ich noch ein Bier in der Bar des Veranstaltungsortes. Ich staunte über ein altes Telefon, das an einem Pfeiler der Bar hing. Mit Wählscheibe, Münzeinwurfschlitz, grauem Hörer und allem drum und dran. Dazu wurde uns folgende Geschichte erzählt:

    Einige Tage zuvor hatte ein sehr junger Mann die Barfrau gefragt, ob er mal telefonieren könne, sein Handyakku sei alle. Die Barfrau wies stumm auf das altertümliche Gerät, der Mann nickte und stand dann unschlüssig vor dem Telefon, bis die Barfrau sich erbarmte und ihm erklärte, dass er seinen Zeigefinger in das Loch mit der zu wählenden Ziffer zu stecken und dann die Scheibe im Uhrzeigersinn bis zum Anschlag zu drehen habe. Begreifen und wohl auch eine vage Erinnnerung zeichneten sich auf dem Gesicht des Mannes ab; er machte sich umgehend ans Werk, wählte sichtlich aufgeregt Ziffer um Ziffer – und hob anschließend den Hörer ab.

    So siehts aus. Schon tauchen die ersten Leute auf, die nichteinmal mehr mit einem Slider-Handy mit Tasten klarkommen, sondern verzweifelt über das Display wischen, wenn man es ihnen in die Hände drückt.

    Das iphone wird uns alle zu Idioten machen. Ich weiß: Das ist auch schon vom Fernsehen und tausend anderen Dingen behauptet worden, aber diesmal stimmt es!

    Zu glücklichen Idioten immerhin, die niedliche Spiele mit witziger Cartoongrafik spielen, in sozialen Netzwerken vor sich hinschnattern und sich in Kneipen gegenseitig ihre tollsten Apps zeigen. Als H. G. Wells „Die Zeitmaschine“ schrieb, da schrieb er über uns, die selig über ihre Displays wischenden Eloi und die Morlocks von Apple und Co.

    Liebe im Jahr 2015, wie muss man sich das vorstellen? „Hallo Mädchen, bitte streiche mir mit den Fingern über den Hosenstall, um meine Penis-App zu starten.“ – „Ja, Junge. Und dann ziehe ich den BH aus, damit du meine beiden Gefällt-mir-Buttons drücken kannst.“ – „Sehr gerne. Anschließend werde ich ein paar Megabyte genetischer Daten in deinen Uterus hochladen.“

    Hör mir auf! Niemand braucht ein iphone und trotzdem brauchen alle ein iphone. Als sei menschliches Leben vor dem iphone praktisch gar nicht möglich gewesen. Die Urmenschen, die sind noch ohne sowas ausgekommen. Die hatten eine Höhle, ein Fell und genau zwei Apps: Einen faustkeil und einen angespitzten Stock, der über die beiden Funktionen „Feuermachen“ und „Mammut erlegen“ verfügte. Wer wollte, hat sich noch eine Keule gesucht und „Angry Cavemen“ gespielt.

    Mark Twain schrieb: „Zivilisation ist die unablässige Vermehrung unnötiger Notwendigkeiten“ und wenn das nicht hellsichtig war, weiß ich ja auch nicht. Wer so doof ist, sich ein iphone zu kaufen, wird schnell feststellen, dass es ein Zivilisationsbooster ist, denn mit seiner Anschaffung potenziert sich die Anzahl der unnötigen Notwendigkeiten auf der Stelle. Selber schuld, wer sich so einen Scheiß ins Haus holt, kann ich da nur sagen, und ich weiß wovon ich rede!

    Hab mir vor ein paar Tagen nämlich endlich selbst ein iphone gekauft. Von Samsung. Wenn Zewa Softies auch Tempotaschentücher sind, ist mein Samsung auch ein iphone. Nur viel besser. Weil es Android als Betriebssystem hat und man dafür zum Beispiel auch animierte Erotik-Bildschirmschoner runterladen kann, die es nie in Apples puritanischen Appstore schaffen würden. Nicht dass ich mir einen animierten Erotik-Bildschirmhintergrund installieren möchte, aber ich will die Möglichkeit dazu haben!

    Innerhalb der ersten Stunde nach dem Einrichten lud ich vier Spiele, einen Taskmanager, einen Businesskalender, einen Traffic-Monitor und einen C64-Emulator herunter, außerdem mehrere Musik- und Videoplayer, Apps für GMX, Facebook, Wikipedia, Flickr, WordPress und Twitter, dazu diverse Wetter-, Kalender-, Batteriestatus-, Taschenlampen- und To-Do-Listen-Widgets, i-beer für Android, einen Furztongenerator, diverse Musikvideos und eine isländische Kochsendung ohne Untertitel, einen animierten Erotik-Bildschirmhintergrund (einfach nur um ein Zeichen gegen die Zensurpolitik von Big Brother Steve Jobs zu setzen), einen Schlipsknotenassistent, einen interaktiven Makramee-Kurs, ein Kirgisisch-Wörterbuch, ein finnisches Reimlexikon und natürlich die allernötigste unnötige Notwendigkeit: So ein Programm, mit dem man Fotos machen kann, die dann wie alte Polaroids oder so aussehen.

    Und mit dem fotografierte ich in der folgenden Stunde eine Blume und eine Wolke und eine Wand, deren Putz bröckelte und ein „Fickt das System“-Grafitto, einen weggeworfenen Regenschirm, eine nackte Schaufensterpuppe,eine Oma, einen Mann, der ins Gebüsch pinkelte, diverse vorbeilaufende Frauenbeine, noch eine Wand mit bröckelndem Putz, meine Füße, einen Fahrkartenautomaten, einen Hund, einen Hundehaufen, ein umgekipptes Fahrrad, einen vollen Aschenbecker, eine Bratwurstbude, einen Zaun, eine überfahrene Taube, die ich mit der Bildunterschrift „Warum?“ versah und noch einiges mehr, und alles sah automatisch aus wie ganz große Kunst, und dann habe ich den ganzen Quatsch bei Facebook, Flickr, WordPress und jeder anderen Datenmüllkippe, die ich finden konnte hochgeladen, aber da war schon alles voll mit solchem Mist, und es hat niemanden interessiert. Und daraufhin habe ich mir hinter einer Hecke die Hose runtergezogen und meinen Hintern fotografiert mit so einem Tilt-Effekt, wo alles aussieht wie eine Modellbahnanlage, und dafür gab es dann immerhin zwei oder drei „Gefällt mir“-Klicks.

    Dann habe ich noch ein halbes Stündchen mit dem Furztongenerator gespielt, der wirklich sehr, sehr gut ist und über diverse Einstellmöglichkeiten verfügt. Anschließend habe ich verzweifelt versucht, die Onlinebezahlfunktion einzurichten, weil ich mir die Vollversion des  animierten Erotik-Bildschirmhintergrundes kaufen wollte, da die Gratisversion nur drei Damen enthält, scheiterte aber. Frustriert steckte ich das iphone weg, holte mein Schreibheft und meinen Füllfederhalter aus der Tasche, schrieb diese Geschichte und kam genau bis zu dieser Stelle …

    Aber mir wollte und wollte kein Ende einfallen. Wie gut, dass ich ein iphone hatte! Ich startete Facebook und schrieb: „Hat mal rasch jemand ein gutes Geschichten-Ende für mich?“

    Und schon trudelten die Vorschläge ein. „.“ von Tim, „Ich danke meiner Mutter“ von Frau Schnickschnack, „… woraufhin er explodierte“ (Marvin), „Rumsdibums. Und Ende.“ (Andreas), Sids „Er ließ den Motor laufen und stieg aus“ oder „Keine Hände, keine Kekse“ von Dan und das hochdramatische „Bleich wie ein ausgetrockneter Knochen starrte er auf sein Spiegelbild und erschrak – so konnte es doch nicht enden!“ von Daniela.

    Aber irgendwie schienen sie mir alle nicht so recht zu passen. Nachdenklich schaltete ich mein iphone aus, der Bildschirm wurde schwarz. Bleich wie ein ausgetrockneter Knochen starrte ich auf mein Spiegelbild im Display und erschrak – so konnte es doch nicht enden!

    Flattr this

    (VS)

  • Edel-Shooter

    Dafür, dass es finanziell grad nicht so rosig, sondern eher sumpfdotterblumig aussieht, lebe ich auf ganz großem Fuß. Im Februar habe ich mir zum Beispiel das teuerste Computerspiel aller Zeiten gekauft. Es heißt Unreal Tournament III und hat 10 Euro gekostet. Die habe ich online bezahlt und dann habe ich es heruntergeladen, was ziemlich lange dauerte mit meinem 1000er DSL. Außerdem brach der Download mehrmals ab, was ziemlich ärgerlich war, wenn der Rechner schon mühselig 5 GB geladen hatte und dann von vorne beginnen musste … aus den ursprünglichen 7 GB wurden so über 20. Was ich vergessen hatte, weil es in den letzten Jahren nie relevant gewesen war: Ich habe einen 4-GB-Volumentarif und zahle für jedes zusätzliche Megabyte einen Cent. Die Gesamtrechnung belief sich dann auf 217,12 Euro, was doch etwas über den 6,95 liegt, die ich sonst zahle. Das Spiel hat mich also insgesamt 220 Euro gekostet. Schade eigentlich, dass es so enttäuschend ist und gar keinen Spaß macht …

    Es ist das eine, wenn man sich ab und zu mal sagt: „Man bin ich blöd!“, aber es ist was ganz anderes, wenn das Leben dann mit lauter Stimme antwortet: „Aber hallo!“

    (VS)

  • Der innere Emmerich

    Mein Rekord sind 90 Minuten. Na gut: 88 Minuten. Gestern Nachmittag habe ich ihn aufgestellt. Ich saß an meinem Schreibtisch, vor mir die Tastatur, dahinter ein großer Pott Tee und ein aufgeschlagenes Heft mit handschriftlichem Text, den ich abtippen wollte, und es gelang mir tatsächlich volle 88 Minuten hindurch konzentriert an meinem Computer zu arbeiten, ohne auch nur einmal den Browser zu starten und die neuesten Nachrichten aus Japan zu lesen!

    Nach fast anderthalb Stunden wurde es aber wirklich Zeit, die Arbeit zu unterbrechen und mich katastrophenmäßig auf den aktuellen Stand zu bringen. Spiegel Online hatte wenig Neues zu berichten, obwohl doch soviel Zeit vergangen war. Auch auf sueddeutsche.de war nichts Spektakuläres zu finden. Enttäuscht drehte ich mich mit meinem Stuhl in Richtung Fernseher, nun alle Hoffnung auf ARD und ZDF richtend, doch auch die hatten keine neue Schreckensnachrichten zu bieten. Nur ein Upgrade der Opferzahlen und die Meldung, dass jetzt auch in Block sowieso eine Kernschmelze drohe – ich wusste schon nicht einmal mehr, ob es noch der selbe war wie 90 Minuten zuvor oder ob ein neuer dazugekommen war. Und waren wir nicht am Sonnabend schon mal einen ganzen Schritt weiter gewesen, hieß es da nicht schon, dass die Kernschmelze in Gang sei?

    Die Nachrichtenlage war also alles andere als befriedigend. Dafür hatte ich nun meine Arbeit unterbrochen! Wenn es wenigstens noch eine weitere Wasserstoffexplosion gegeben hätte, aber nein, auf die musste ich bis heute Morgen beim Frühstück warten. Missmutig griff ich nach dem letzten Strohhalm und zappte weiter, tief hinein in die Niederungen des Journalismus, zu zwei sogenannten Nachrichtensendern. Auf einem der beiden blubberte eine unfassbar unsympathische Frau, die man offenbar direkt von QVC wegengagiert hatte, irgendwas vom „Super Gau“ während am unteren Bildschirmrand die Schlagzeilen prangten: „Atomkatastrophe in Japan. Schon 6000 Tote.“ – als hätte ein Strahlentsunami die Küstenorte hinweggespült. Auf dem anderen Sender sagte ein Sprecher: „Immer wieder erreichen uns neue Amateuraufnahmen von der Katastrophe, die wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten.“ Ich setzte mich auf, der Sender fuhr die MAZ ab: Eine schwarze Flutwelle strömt in ein Hafenbecken, spült Autos vom Kai, zerknorkelt Schiffe unter einer Brücke, schwemmt ganze Häuser davon …

    Ungläubig, schockiert, ensetzt, fassungslos, die Hände um die Lehnen meines Drehstuhls geklammert starrte ich auf den Fernsehschirm: Das war dreister Betrug! Diese angeblich neuen Bilder hatte ich schon mindestens ein Dutzendmal gesehen! Die glaubten wohl, sie könnten mich verarschen! Ich schaltete auf den ersten Kanal zurück, doch auch dort zeigten sie jetzt dieselben alten Aufnahmen, nur dass sie sie mit trauriger Pianomusik untermalt hatten und gelegentlich einen Teddy im Matsch und eine explodierende Reaktorhülle dazwischen schnitten. Herrjeh, aus dem technikverliebten Japan musste es doch genug atemberaubendes Handyvideomaterial geben, warum speisten die uns mit den immer selben Bildern ab?!

    Räusper.

    Vielleicht habe ich oben ein bisschen übertrieben, aber ich muss wohl zugeben, dass ich ein Katastrophenjunkie bin. Ein Teil von mir ist nicht betroffen, sondern angefixt, ein Teil hat kein Mitleid, sondern will mehr sehen. Ein Teil wird enttäuscht sein, wenn die ganz große Katastrophe ausbleibt und die piefige deutsche Innenpolitik wieder die Nachrichten bestimmt.

    Klar, einem anderen teil von mir ist das zuwider, einem Teil der hervorkommt, wenn sie statt der coolen Action-Bilder vom Tsunami Menschen zeigen, die weinend in einer Trümmerlandschaft stehen und nicht wissen, wo ihre Angehörigen sind und ob sie noch leben. Als 2008 das schwere Erdbeben in China mehrere Städte verwüstete, war ich gerade in Tsingdao (also weit weg vom Erdbebengebiet) und auch damals hat sich mein innerer Emmerich über die spannenden News, die spektakulären Aufnahmen zerstörter Städte … ich will nicht sagen: gefreut, aber angesprochen fühlte er sich schon. Dennoch waren die Bilder von Müttern, die vor zusammengebrochenen Schulen nach ihren Kindern schrieen, unerträglich. Und als ich am nächsten Morgen auf dem Bahnhof von Tsingdao einen Mann telefonieren und dann heulend zusammenbrechen sah, hätte ich ihn am liebsten in den Arm genommen und mit ihm geheult.

    Was will uns dieser Text sagen? Dass ich ein kaltschnäuziger abgestumpfter Zyniker bin viellleicht, aber immerhin ein kaltschnäuziger, abgestumpfter Zyniker mit Herz. Keine Ahnung. Und mir fehlt leider die Zeit, jetzt nach einer „Moral von der Geschicht“ zu suchen – ich habe jetzt 113 Minutren an diesem Text geschrieben – neuer Rekord! – es wird wirklich höchste Eisenbahn, den Katastrophen-Live-Ticker auf Spiegel Online zu checken …

    [polldaddy poll=4723637]


    Flattr this

    (VS)