Kategorie: Zumutungen

  • Brille uff

    Ich erschrecke seit gestern jedesmal, wenn ich an einem Spiegel oder einer Schaufensterscheibe vorbeikomme und mich darin sehe. Huch!, denke ich dann immer. Ich habe nämlich seit gestern eine neue Brille, und sie sieht sehr anders aus als alle Brillen, die ich vorher hatte. Statt meiner üblichen kleinen, runden Drahtbrille ist es so ein Gestell „wie jetzt alle haben“, wie es jemand gestern kurz und treffend beschrieb. Dicker schwarzer Rahmen, große Gläser, eine Brille, die ganz laut „BRILLE!“ ruft, eine Brille, für die ich in meiner Jugend (zu Recht?) auf dem Schulhof verkloppt worden wäre, eine echte ZDFkultur-Brille, was freilich passend ist, da MonstaMovies und ich demnächst hoffentlich etwas für diesen Sender drehen werden.

    Jedenfalls sehe ich mir überhaupt nicht mehr ähnlich. Bekannte erkennen mich wundersamerweise noch, aber ichselbst erkenne mich nicht, beziehungsweise erst nach oben beschrieben Huch!-Moment. Und dann frage ich mich, was ich mir gedacht habe, als ich ich im Brillenladen für dieses Modell entschieden habe. Klar, ich wollte nach zwanzig Jahren, die ich einem Brillendesign treu war, mal anders aussehen. Aber trotzdem …

    Mir ist dann auch aufgefallen, was für ein teuflisches Verkaufskonzept Brillenläden haben: Um eine Brille aufzuprobieren, muss man die alte Brille abnehmen und das mit Fensterglas ausgestattete Vorführmodell aufsetzen – und sieht nur noch Schemen. Und wenn man die Brille abholt, kommt der große Schreck. Das einzige Gestell, das ich wirklich ausprobieren konnte, war dieses utopische Terminator-Steampunk-Ding, mit dem sie die Sehstärke prüfen, aber das wollten sie mir nicht verkaufen.

    Uli Hannemann meinte gestern: „Naja, irgedwann gewöhnen wir uns vielleicht daran. Und dann finden wir dich bestimmt schön.“ Ich mich hoffentlich auch.

    (Neue und alte Brille. Ein Foto von mir mit Brille auf traue ich mich noch nicht zu posten …)

    (VS)

    PS: Wegen der Überschrift … eine kurze, representative Umfrage unter 4 Personen ergab, dass zumindest Ostdeutsche mit einem Mindestalter von 33 Jahren den Ausspruch „Dann haste die Brille uff“ kennen. Jüngeren Menschen scheint er unbekannt zu sein. Ich werde mein Leben der Aufgabe widmen, ihn wieder fest in der deutschen Sprachkultur zu etablieren.

  • Erpel sind Schweine

    Ich war gerade auf Verwandtenbesuch in Dessau. Mein jüngster Neffe hatte sich ebenfalls angekündigt. Er lebt derzeit in den USA, wurde aber zur Feier seines zweites Geburtstages mit dem Flufßeug (wie ich es in diesem Alter genannt habe; er sagt Airplane) ins alte Europa gekarrt, damit er sieht, dass die diversen Großeltern, Tanten und Onkel auch lippensynchron sprechen können und nicht nur so komisch verzögert wie bei Skype.

    Wir machten einen Spaziergang durch den Dessauer Tierpark, der zwar sehr schön ist, aber nicht komplett jugendfrei, es sei denn, es ist wahr, dass die Kleinen heutzutage schon in der Krabbelgruppe über ihre liebsten Gangbang-Videos reden, aber ich will das ja nicht so recht glauben.

    (Liebe scheint mir da nicht im Spiel gewesen zu sein.)

    Zu Beginn unseres Rundganges gab es einen Moment der Panik, als wir feststellten, dass nicht jeder von uns fünf Erwachsenen einen Fotoapparat dabei hatte. Lohnte es sich überhaupt, mit nur einer Spiegelreflex- und einer Videokamera bewaffnet loszuziehen? Die Furcht erwies sich als unbegründet: Ich alleine schaffte in den 90 Minuten, die wir durch den Park liefen, an die 300 Kinderfotos (der Fratz ist aber auch süß!) plus die paar von und vom Vögeln.

    300 Kinderfotos. Soviele gibts von mir wahrscheinlich insgesamt, von meinem Vater vielleicht 3… heutige Kindheiten werden gut dokumentiert. Doof nur, dass es noch keine Geruchsfotografie gibt. Vielleicht ist es eine gute Idee bis zu deren Erfindung die eine oder andere volle Windel aufzuheben, die man dann zum 18. Geburtstag oder wenn der Sohn/ die Tochter das erste Mal Freundin oder Freund mit nach Hause bringt hervorholen kann …

    Kinder sind schon ne schöne Sache, zumindest die, die man kennt und solange sie nicht allzu zahlreich, sagen wir maximal alleine auftreten. Im Café im Tierpark saß eine Familie mit zwei Mädchen, das eine war vielleicht drei, das andere so fünf oder was weiß ich und das größere Mädchen sang dem kleineren ein Lied vor:

    Wozu ist der Kopf denn da, Kopf denn da, Kopf denn da?
    Der Kopf der ist zum Denken da, zum Denken da.
    Wozu sind die Ohren da, Ohren da, Ohren da?
    Die Ohren sind zum Hören da, zum Hören da.

    Die folgenden Strophen behandelten die Augen (zum Gucken), die Beine (zum Laufen), die Hände (zum Greifen) und den Mund – und das war die Stelle, wo ich das erste Mal gerne laut mitgesungen hätte und zwar: „Der Mund der ist zum Halten da, zum Halten da!“, denn längst war klar, dass ich dieses blöde Lied die nächsten fünf Tage als Ohrwurm haben würde. Aber man benimmt sich ja dann doch immer und lässt es bleiben. Ich habe sogar darauf verzichtet, dem Mädchen eine spontan von mir gedichtete Strophe vorzusingen (das Lied dauerte zwar ewig, schien mir aber nicht ganz vollständig): „Wozu ist der Hintern da, Hintern da, Hintern da? Der Hintern ist …“ – aber wie gesagt, ich habe es sein lassen.

    (VS)


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  • Ist Zivilisationskritik eigentlich eine Zivilisationskrankheit?

    (Spoilerwarnung: Teile dieser Geschichte werden wohl in den nächsten Kloß-und-Spinne-Film Eingang finden!)

    Nach einer Lesung in Olten tranken Micha, einige liebe Menschen und ich noch ein Bier in der Bar des Veranstaltungsortes. Ich staunte über ein altes Telefon, das an einem Pfeiler der Bar hing. Mit Wählscheibe, Münzeinwurfschlitz, grauem Hörer und allem drum und dran. Dazu wurde uns folgende Geschichte erzählt:

    Einige Tage zuvor hatte ein sehr junger Mann die Barfrau gefragt, ob er mal telefonieren könne, sein Handyakku sei alle. Die Barfrau wies stumm auf das altertümliche Gerät, der Mann nickte und stand dann unschlüssig vor dem Telefon, bis die Barfrau sich erbarmte und ihm erklärte, dass er seinen Zeigefinger in das Loch mit der zu wählenden Ziffer zu stecken und dann die Scheibe im Uhrzeigersinn bis zum Anschlag zu drehen habe. Begreifen und wohl auch eine vage Erinnnerung zeichneten sich auf dem Gesicht des Mannes ab; er machte sich umgehend ans Werk, wählte sichtlich aufgeregt Ziffer um Ziffer – und hob anschließend den Hörer ab.

    So siehts aus. Schon tauchen die ersten Leute auf, die nichteinmal mehr mit einem Slider-Handy mit Tasten klarkommen, sondern verzweifelt über das Display wischen, wenn man es ihnen in die Hände drückt.

    Das iphone wird uns alle zu Idioten machen. Ich weiß: Das ist auch schon vom Fernsehen und tausend anderen Dingen behauptet worden, aber diesmal stimmt es!

    Zu glücklichen Idioten immerhin, die niedliche Spiele mit witziger Cartoongrafik spielen, in sozialen Netzwerken vor sich hinschnattern und sich in Kneipen gegenseitig ihre tollsten Apps zeigen. Als H. G. Wells „Die Zeitmaschine“ schrieb, da schrieb er über uns, die selig über ihre Displays wischenden Eloi und die Morlocks von Apple und Co.

    Liebe im Jahr 2015, wie muss man sich das vorstellen? „Hallo Mädchen, bitte streiche mir mit den Fingern über den Hosenstall, um meine Penis-App zu starten.“ – „Ja, Junge. Und dann ziehe ich den BH aus, damit du meine beiden Gefällt-mir-Buttons drücken kannst.“ – „Sehr gerne. Anschließend werde ich ein paar Megabyte genetischer Daten in deinen Uterus hochladen.“

    Hör mir auf! Niemand braucht ein iphone und trotzdem brauchen alle ein iphone. Als sei menschliches Leben vor dem iphone praktisch gar nicht möglich gewesen. Die Urmenschen, die sind noch ohne sowas ausgekommen. Die hatten eine Höhle, ein Fell und genau zwei Apps: Einen faustkeil und einen angespitzten Stock, der über die beiden Funktionen „Feuermachen“ und „Mammut erlegen“ verfügte. Wer wollte, hat sich noch eine Keule gesucht und „Angry Cavemen“ gespielt.

    Mark Twain schrieb: „Zivilisation ist die unablässige Vermehrung unnötiger Notwendigkeiten“ und wenn das nicht hellsichtig war, weiß ich ja auch nicht. Wer so doof ist, sich ein iphone zu kaufen, wird schnell feststellen, dass es ein Zivilisationsbooster ist, denn mit seiner Anschaffung potenziert sich die Anzahl der unnötigen Notwendigkeiten auf der Stelle. Selber schuld, wer sich so einen Scheiß ins Haus holt, kann ich da nur sagen, und ich weiß wovon ich rede!

    Hab mir vor ein paar Tagen nämlich endlich selbst ein iphone gekauft. Von Samsung. Wenn Zewa Softies auch Tempotaschentücher sind, ist mein Samsung auch ein iphone. Nur viel besser. Weil es Android als Betriebssystem hat und man dafür zum Beispiel auch animierte Erotik-Bildschirmschoner runterladen kann, die es nie in Apples puritanischen Appstore schaffen würden. Nicht dass ich mir einen animierten Erotik-Bildschirmhintergrund installieren möchte, aber ich will die Möglichkeit dazu haben!

    Innerhalb der ersten Stunde nach dem Einrichten lud ich vier Spiele, einen Taskmanager, einen Businesskalender, einen Traffic-Monitor und einen C64-Emulator herunter, außerdem mehrere Musik- und Videoplayer, Apps für GMX, Facebook, Wikipedia, Flickr, WordPress und Twitter, dazu diverse Wetter-, Kalender-, Batteriestatus-, Taschenlampen- und To-Do-Listen-Widgets, i-beer für Android, einen Furztongenerator, diverse Musikvideos und eine isländische Kochsendung ohne Untertitel, einen animierten Erotik-Bildschirmhintergrund (einfach nur um ein Zeichen gegen die Zensurpolitik von Big Brother Steve Jobs zu setzen), einen Schlipsknotenassistent, einen interaktiven Makramee-Kurs, ein Kirgisisch-Wörterbuch, ein finnisches Reimlexikon und natürlich die allernötigste unnötige Notwendigkeit: So ein Programm, mit dem man Fotos machen kann, die dann wie alte Polaroids oder so aussehen.

    Und mit dem fotografierte ich in der folgenden Stunde eine Blume und eine Wolke und eine Wand, deren Putz bröckelte und ein „Fickt das System“-Grafitto, einen weggeworfenen Regenschirm, eine nackte Schaufensterpuppe,eine Oma, einen Mann, der ins Gebüsch pinkelte, diverse vorbeilaufende Frauenbeine, noch eine Wand mit bröckelndem Putz, meine Füße, einen Fahrkartenautomaten, einen Hund, einen Hundehaufen, ein umgekipptes Fahrrad, einen vollen Aschenbecker, eine Bratwurstbude, einen Zaun, eine überfahrene Taube, die ich mit der Bildunterschrift „Warum?“ versah und noch einiges mehr, und alles sah automatisch aus wie ganz große Kunst, und dann habe ich den ganzen Quatsch bei Facebook, Flickr, WordPress und jeder anderen Datenmüllkippe, die ich finden konnte hochgeladen, aber da war schon alles voll mit solchem Mist, und es hat niemanden interessiert. Und daraufhin habe ich mir hinter einer Hecke die Hose runtergezogen und meinen Hintern fotografiert mit so einem Tilt-Effekt, wo alles aussieht wie eine Modellbahnanlage, und dafür gab es dann immerhin zwei oder drei „Gefällt mir“-Klicks.

    Dann habe ich noch ein halbes Stündchen mit dem Furztongenerator gespielt, der wirklich sehr, sehr gut ist und über diverse Einstellmöglichkeiten verfügt. Anschließend habe ich verzweifelt versucht, die Onlinebezahlfunktion einzurichten, weil ich mir die Vollversion des  animierten Erotik-Bildschirmhintergrundes kaufen wollte, da die Gratisversion nur drei Damen enthält, scheiterte aber. Frustriert steckte ich das iphone weg, holte mein Schreibheft und meinen Füllfederhalter aus der Tasche, schrieb diese Geschichte und kam genau bis zu dieser Stelle …

    Aber mir wollte und wollte kein Ende einfallen. Wie gut, dass ich ein iphone hatte! Ich startete Facebook und schrieb: „Hat mal rasch jemand ein gutes Geschichten-Ende für mich?“

    Und schon trudelten die Vorschläge ein. „.“ von Tim, „Ich danke meiner Mutter“ von Frau Schnickschnack, „… woraufhin er explodierte“ (Marvin), „Rumsdibums. Und Ende.“ (Andreas), Sids „Er ließ den Motor laufen und stieg aus“ oder „Keine Hände, keine Kekse“ von Dan und das hochdramatische „Bleich wie ein ausgetrockneter Knochen starrte er auf sein Spiegelbild und erschrak – so konnte es doch nicht enden!“ von Daniela.

    Aber irgendwie schienen sie mir alle nicht so recht zu passen. Nachdenklich schaltete ich mein iphone aus, der Bildschirm wurde schwarz. Bleich wie ein ausgetrockneter Knochen starrte ich auf mein Spiegelbild im Display und erschrak – so konnte es doch nicht enden!

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    (VS)

  • Edel-Shooter

    Dafür, dass es finanziell grad nicht so rosig, sondern eher sumpfdotterblumig aussieht, lebe ich auf ganz großem Fuß. Im Februar habe ich mir zum Beispiel das teuerste Computerspiel aller Zeiten gekauft. Es heißt Unreal Tournament III und hat 10 Euro gekostet. Die habe ich online bezahlt und dann habe ich es heruntergeladen, was ziemlich lange dauerte mit meinem 1000er DSL. Außerdem brach der Download mehrmals ab, was ziemlich ärgerlich war, wenn der Rechner schon mühselig 5 GB geladen hatte und dann von vorne beginnen musste … aus den ursprünglichen 7 GB wurden so über 20. Was ich vergessen hatte, weil es in den letzten Jahren nie relevant gewesen war: Ich habe einen 4-GB-Volumentarif und zahle für jedes zusätzliche Megabyte einen Cent. Die Gesamtrechnung belief sich dann auf 217,12 Euro, was doch etwas über den 6,95 liegt, die ich sonst zahle. Das Spiel hat mich also insgesamt 220 Euro gekostet. Schade eigentlich, dass es so enttäuschend ist und gar keinen Spaß macht …

    Es ist das eine, wenn man sich ab und zu mal sagt: „Man bin ich blöd!“, aber es ist was ganz anderes, wenn das Leben dann mit lauter Stimme antwortet: „Aber hallo!“

    (VS)

  • Über so was kann ich mich aufregen

    Frank Nordhausen schreibt auf Seite 3 der BILD Berliner Zeitung vom 11.3.2011 über den Prozess gegen einen üblen Familientyrannen (sog. Patri-Arsch, oder ist das pietätlos?), der unter anderem Kinder missbrauchte, und der seit 2004 arbeitslos ist:  „Obwohl Hartz IV plus zigmal Kindergeld ihm ein gutes Leben garantierten, hat er die Mädchen regelmäßig für 20 bis 40 Euro wie Prostituierte drei türkischen Kumpanen ausgeliefert.“ Weiß der Autor nicht, dass Empfängern von Hartz IV das Kindergeld angerechtet und somit abgezogen wird? Ob ALG II ein gutes Leben garantiert, das wurde und wird ja nun wirklich ausgiebig diskutiert, aber egal welcher Meinung Nordhausen ist: „plus zigmal Kindergeld“ ist Quatsch. In dem Artikel geht es auch um Vorwürfe an Jugendamt und Verwaltung, die sich nicht um Hinweise auf die Verbrechen des Angeklagten geschert hätten. „Es ging auch niemand der Frage nach, wieso Detlef S. als Hartz-IV-Empfänger ein 190000-Euro-Haus besitzen und abzahlen konnte.“ Wieso sollte jemand, der bis vor wenigen Jahren gearbeitet hat, kein Haus haben dürfen? Wohngeld Bestandteil des ALG II. Ich könnte noch was zu den „türkischen Kumpanen“ schreiben, will ich aber nicht. Ich wollte nur mal den Ekel ablassen. Den Ekel davor, dass ganz offensichtlich Schicksale von Missbrauchsopfern missbraucht werden, um Stimmung gegen Arbeitslose (und Türken) zu machen.

    (Andreas Krenzke)

  • Der innere Emmerich

    Mein Rekord sind 90 Minuten. Na gut: 88 Minuten. Gestern Nachmittag habe ich ihn aufgestellt. Ich saß an meinem Schreibtisch, vor mir die Tastatur, dahinter ein großer Pott Tee und ein aufgeschlagenes Heft mit handschriftlichem Text, den ich abtippen wollte, und es gelang mir tatsächlich volle 88 Minuten hindurch konzentriert an meinem Computer zu arbeiten, ohne auch nur einmal den Browser zu starten und die neuesten Nachrichten aus Japan zu lesen!

    Nach fast anderthalb Stunden wurde es aber wirklich Zeit, die Arbeit zu unterbrechen und mich katastrophenmäßig auf den aktuellen Stand zu bringen. Spiegel Online hatte wenig Neues zu berichten, obwohl doch soviel Zeit vergangen war. Auch auf sueddeutsche.de war nichts Spektakuläres zu finden. Enttäuscht drehte ich mich mit meinem Stuhl in Richtung Fernseher, nun alle Hoffnung auf ARD und ZDF richtend, doch auch die hatten keine neue Schreckensnachrichten zu bieten. Nur ein Upgrade der Opferzahlen und die Meldung, dass jetzt auch in Block sowieso eine Kernschmelze drohe – ich wusste schon nicht einmal mehr, ob es noch der selbe war wie 90 Minuten zuvor oder ob ein neuer dazugekommen war. Und waren wir nicht am Sonnabend schon mal einen ganzen Schritt weiter gewesen, hieß es da nicht schon, dass die Kernschmelze in Gang sei?

    Die Nachrichtenlage war also alles andere als befriedigend. Dafür hatte ich nun meine Arbeit unterbrochen! Wenn es wenigstens noch eine weitere Wasserstoffexplosion gegeben hätte, aber nein, auf die musste ich bis heute Morgen beim Frühstück warten. Missmutig griff ich nach dem letzten Strohhalm und zappte weiter, tief hinein in die Niederungen des Journalismus, zu zwei sogenannten Nachrichtensendern. Auf einem der beiden blubberte eine unfassbar unsympathische Frau, die man offenbar direkt von QVC wegengagiert hatte, irgendwas vom „Super Gau“ während am unteren Bildschirmrand die Schlagzeilen prangten: „Atomkatastrophe in Japan. Schon 6000 Tote.“ – als hätte ein Strahlentsunami die Küstenorte hinweggespült. Auf dem anderen Sender sagte ein Sprecher: „Immer wieder erreichen uns neue Amateuraufnahmen von der Katastrophe, die wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten.“ Ich setzte mich auf, der Sender fuhr die MAZ ab: Eine schwarze Flutwelle strömt in ein Hafenbecken, spült Autos vom Kai, zerknorkelt Schiffe unter einer Brücke, schwemmt ganze Häuser davon …

    Ungläubig, schockiert, ensetzt, fassungslos, die Hände um die Lehnen meines Drehstuhls geklammert starrte ich auf den Fernsehschirm: Das war dreister Betrug! Diese angeblich neuen Bilder hatte ich schon mindestens ein Dutzendmal gesehen! Die glaubten wohl, sie könnten mich verarschen! Ich schaltete auf den ersten Kanal zurück, doch auch dort zeigten sie jetzt dieselben alten Aufnahmen, nur dass sie sie mit trauriger Pianomusik untermalt hatten und gelegentlich einen Teddy im Matsch und eine explodierende Reaktorhülle dazwischen schnitten. Herrjeh, aus dem technikverliebten Japan musste es doch genug atemberaubendes Handyvideomaterial geben, warum speisten die uns mit den immer selben Bildern ab?!

    Räusper.

    Vielleicht habe ich oben ein bisschen übertrieben, aber ich muss wohl zugeben, dass ich ein Katastrophenjunkie bin. Ein Teil von mir ist nicht betroffen, sondern angefixt, ein Teil hat kein Mitleid, sondern will mehr sehen. Ein Teil wird enttäuscht sein, wenn die ganz große Katastrophe ausbleibt und die piefige deutsche Innenpolitik wieder die Nachrichten bestimmt.

    Klar, einem anderen teil von mir ist das zuwider, einem Teil der hervorkommt, wenn sie statt der coolen Action-Bilder vom Tsunami Menschen zeigen, die weinend in einer Trümmerlandschaft stehen und nicht wissen, wo ihre Angehörigen sind und ob sie noch leben. Als 2008 das schwere Erdbeben in China mehrere Städte verwüstete, war ich gerade in Tsingdao (also weit weg vom Erdbebengebiet) und auch damals hat sich mein innerer Emmerich über die spannenden News, die spektakulären Aufnahmen zerstörter Städte … ich will nicht sagen: gefreut, aber angesprochen fühlte er sich schon. Dennoch waren die Bilder von Müttern, die vor zusammengebrochenen Schulen nach ihren Kindern schrieen, unerträglich. Und als ich am nächsten Morgen auf dem Bahnhof von Tsingdao einen Mann telefonieren und dann heulend zusammenbrechen sah, hätte ich ihn am liebsten in den Arm genommen und mit ihm geheult.

    Was will uns dieser Text sagen? Dass ich ein kaltschnäuziger abgestumpfter Zyniker bin viellleicht, aber immerhin ein kaltschnäuziger, abgestumpfter Zyniker mit Herz. Keine Ahnung. Und mir fehlt leider die Zeit, jetzt nach einer „Moral von der Geschicht“ zu suchen – ich habe jetzt 113 Minutren an diesem Text geschrieben – neuer Rekord! – es wird wirklich höchste Eisenbahn, den Katastrophen-Live-Ticker auf Spiegel Online zu checken …

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    (VS)

  • Ich überlege gerade, ob ich mein Blog nicht einfach in mySenf umbenennen soll. Ich überlege aber nicht ernsthaft.

    Ich habe zwei so gut wie fertige und eine dreiviertelfertige Kloß-und-Spinne-Folge rumliegen. Bei den beiden „so gut wie“-Folgen fehlt eigentlich nur noch Vor- und Abspann. Aber ich habe gerade so was von absolut überhaupt keine Lust, das zu machen, das glaubt ihr gar nicht. Vielleicht liegt es daran, das es für mich keine wirklich neuen Folgen sind – ich habe dazu zwei alte Geschichten von mir umgearbeitet. Ohne sie als Zitat kenntlich zu machen, aber bei sich selber klauen ist okay, finde ich, ansonsten hätte ich schon längst zurücktreten müssen. Ob und wie und wann und warum es mit Kloß und Spinne weitergeht, wird man sehen, wenn es so weit ist bzw. eben nicht, aber wo ich gerade schon von Guttenberg sprach: Ich weiß gar nicht genau, was mir am unsympathischsten ist. Die Tatsache, dass er sich offenbar ohne jeden Gewissensbiss für eine Doktorarbeit mit „gravierenden handwerklichen Mängeln“ (wie er seine Plagiate bezeichnet) die Höchstnote hat geben lassen, seine barschelesken Lügen, als die ganze Sache aufflog, seine Lügen, als klar wurde, dass er mit den ersten Lügen nicht durchkommt, der Größenwahn mit dem er vor ein paar Tagen erklärte, das deutsche Volk erwarte jetzt von Seiner Majestät ihm, dass er sich mit ganzer Kraft um sein Amt kümmere oder die Kaltschnäuzigkeit mit der er die getöteten deutschen Soldaten benutzt, um die ihm arg zusetzenden Journalisten zu diffamieren.

  • Schnipsel vom 9.2.2011


    (Backstage Übel & Gefährlich / Hamburg)

    Ich bin zur Zeit ziemlich viel unterwegs, deshalb ist hier auch nicht so viel los. Vorletzte Woche war ich in Hamburg, wo ich unter anderem erleben konnte, wie Laurin Buser beim Bunkerslam im Uebel & Gefährlich von allen Jurymitgliedern 10 Punkte bekam. Die 10 ist – so erklären es zumindest einige Moderatoren der Jury und dem Publikum – für Texte vorbehalten, die einen kollektiven Orgasmus auslösen. Und man muss sagen: Laurin hat genau das geschafft. Habe noch nie erlebt, dass ein Publikum bei einem Slam so ausrastet. Hammer.

    Vorgestern war ich in Augsburg, war eingeladen zum Dead-Or-Alive-Slam im ausverkauften Parktheater. Ein sehr, sehr schöner Abend. Und tolles Wetter haben die da unten!

    (Soundcheck im Parktheater)

    Außerdem gibt es in Augsburg, wie ich erfreut feststellte, nicht nur einen Roy-Black-Weg, sondern auch eine Frohsinnstraße. Spinne würde das sicher sehr gefallen.

    (Kein Roy-Black-Weg, keine Frohsinnstraße: In Meiersberg (MV) kann man auf jeden Schnickschnack bei der Straßenbenennung verzichten. Ach, auf dem Land ist alles so herrlich unkompliziert …)

    Ab Sonntag steht dann eine kleine Frankentour an, danach bin ich mit Micha als Team in Düsseldorf und der Schweiz unterwegs. Die nächste Gelegenheit, mich in Berlin zu hören gibt es am Freitag in der JVA Hakenfelde. Ich weiß nicht, ob es noch Plätze gibt. Vom Ambiente wird es sicher das genaue Gegenteil des Parktheaters.

    Gerade jetzt, wo ich soviel unterwegs bin, wurde mir von Seiten der Deutschen Bahn die ultimative Demütigung für einen fahrenden Schriftsteller zu teil. Meine neue Bahncard ist da:

    Nie mehr Omas von den Bahn-Comfort-Plätzen vertreiben 🙁

    Was ganz anderes: Neulich beklagte sich Norbert über den mangelnden Integrationswillen der Muslime was den Alkoholkonsum angeht, jetzt ist ihm der bayerische Brauereibund beigesprungen. An der Argumentation ist ja auch absolut nichts auszusetzen! Umso peinlicher ist es anzusehen, wie der Brauereibund jetzt halbherzig und feige zurückrudert, von Missverständnissen spricht und behauptet, mit Migranten habe man vor allem Nichtbayern aus anderen Teilen Deutschlands gemeint. Jaja, tolle Sache, auf Ausländer schimpfen und dann glauben, man mache es besser, indem man sagt, man habe ja eigentlich die Ostler gemeint!

    (Hotelhinterhof, Reeperbahn, Hamburg)

    Sehr unangenehm ist es übrigens, sich die Haut über dem Kehlkopf im Reißverschluss der hochkragigen Jacke einzuklemmen. Ich möchte behaupten, dass es die zweitunangenehmste Möglichkeit ist, sich etwas in einem Reißverschluss einzuklemmen.

  • Bug in Facedetection-Software

    Eine meiner unangenehmsten Macken oder besser gesagt: Eins meiner peinlichsten Defizite ist es, dass ich oft Leute nicht wiedererkenne. Es ist vielleicht noch verständlich, wenn es sich um Leute handelt, die ich mal bei einem Auftritt getroffen habe, denn das sind sehr viele Leute. Aber selbst da wird es schon bedenklich, wenn man zumindest mal miteinander geredet oder sogar ein Bier getrunken hat. Leider beschränkt es sich aber nicht darauf. Mit der folgenden Geschichte gelang es mir sogar, Kathrin Passig zu beeindrucken, die aus eigener leidvoller Erfahrung ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet ist.

    Es muss jetzt ungefähr zehn Jahre her sein. Damals fand LSD noch im Keller des Zosch statt und ich war noch Mitglied und stand jede Woche auf der Bühne. Eines Abends, es war sehr voll und ich drängelte mich fünf Minuten vor Beginn der Show zur Bar durch, um irgendetwas mit dem Licht oder dem Ton zu klären, sprach mich eine Frau an. Sie kam mir vage bekannt vor, aber ich wusste einfach nicht, woher und wie gut ich sie kannte. Ich hatte damals gerade beschlossen, das Problem offensiv anzugehen und in solchen Fällen nachzufragen, statt es durch irgendwelches unverbindliches Rumhalloen und Undwiegehtsgeplapper zu überspielen.

    Ich sage also: „Ah hi, ähm … entschuldige … woher kennen wir uns gleich nochmal?“
    Die Frau schaut mich mit riesigen Augen an und sagt: „Ich bin deine Schwester!“

    Wir waren schon im Keller, im Boden versinken fiel also zu meinem großen Leidwesen aus. Wahrscheinlich werde ich die Geschichte bis an mein Lebensende gelegentlich um die Ohren gehauen bekommen – und zwar völlig zu Recht! Ich versuchte es ihr – und vor allem mir selbst – zu erklären. Es muss daran gelegen haben, dass ich gerade im Stress war. Bei Auftritten bin ich oft ziemlich von der Rolle und dann war da noch das Problem, das schnell gelöst werden musste und in wenigen Minuten würde ich am Mikro das Publikum begrüßen müssen und außerdem: Meine Schwester war seit Jahren nicht bei einer unserer Veranstaltungen gewesen, sie gehörte nicht zu den Leuten, die ich mit unserer Show in verbindung brachte, ihr Besuch war eine Riesenüberraschung. Eine schöne eigentlich, wenn ich nicht alles verdorben hätte. Mann, war das peinlich.

    Ein paar Jahre später kam sie überraschend zu einem Auftritt, den ich irgendwo in Süddeutschland hatte, da sie mit Familie in der Nähe Urlaub machte. Sie schickte vorsichtshalber ihren Mann vor, der zu mir kam und sagte: „Hallo Volker, ich bin dein Schwager und guck mal, das dort hinten ist deine Schwester … nur um euch die Peinlichkeit zu ersparen …“ Aber eins weiß ich ganz sicher. Mit ihr wird mir das nicht noch einmal passieren.

    Heute, auf dem Rückweg von ein paar Besorgungen, in Gedanken versunken, kam mir ein Mann entgegen. Er schaute mich an, ich schaute zurück, wendete dann aber den Blick ab, weil ich keine Lust auf eins dieser Blickduelle im Vorübergehen hatte und außerdem meinen Gedanken zu Ende denken wollte. Wozu ich dann aber doch nicht kam, weil mir ein paar Meter später siedendheiß die Erkenntnis kam, dass das ein Bekannter und Nachbar war. Ich bleib stehen, drehte mich um, konnte mich aber doch nicht dazu durchringen, hinterherzurufen oder zu -laufen.

    So etwas ist natürlich für beide Seiten unangenehm. Für den Nichterkannten, der sichentweder zu Recht beleidigt fühlt oder, wenn er eher der Kloß-Typ ist, die Schuld bei sich sucht. Und für den Nichterkennenden, der sich wie ein Arsch fühlt und zudem an seinem Verstand zweifelt.

    Interessant ist natürlich die Frage, woran es liegt. Ich bin in allen Dingen ziemlich vergesslich, aber in diesem Bereich ist es doch ausgeprochen schlimm (vielleicht fällt es mir in diesem Bereich auch nur besonders auf, weil es mich immer wieder in größere oder kleinere soziale Bredouillien bringt). Die unangenehmste Interpretation ist natürlich, dass es an einem generellen Desinteresse den Mitmenschen gegenüber liegt, aber ich glaube lieber an eine ganz normale und irgendwie ja auch sympathische Prosopagnosie. Bleibt nur die Frage, ob apperzitiv, amnestisch oder kongenital. Und wie ich den Typen wieder loswerde, der mir immer beim Zähneputzen gegenübersteht und mich nachäfft.

    Vielleicht hat aber auch einfach Frau Passig Recht.

    Lesetip: Ira Strübel über die größte Gefahr im Internet. Mit Prosopagnosie-Bezug!


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  • Schnipsel vom 17.1.2011


    (Bei Bad Freienwalde)

    Es ist ein sicheres Anzeichen für Dummheit, wenn man denselben Fehler immer wieder wiederholt. Sich zum Beispiel ständig aufs Neue von Früchteteeverpackungen, die aufregende und exotische Genüsse versprechen, zum Kauf animieren lässt. Zur Zeit stapeln sich bei mir Ananas, Sauerkirsche, Sanddorn, Erdbeer-Rhabarber, Apfel-Feige und Himbeere – und alle schmecken nach Hagebutten.  Früchtetees schmecken immer nach Hagebutten, bestenfalls nach Hagebutten, denen jemand eingeredt hat, sie wären Äpfel oder Sauerkirschen, das müsste ich doch langsam mal begriffen haben!

    Zum Glück mag ich Hagebuttentee.

    Die Qualität von Brötchen verhält sich umgekehrt proportional zu ihrem Preis. Die zu 26 Cent von Kamps (dem Becks unter den Bäckereiketten) taugen zum Beispiel nur zum Entenfüttern oder dazu, sich das Wochenendfrühstück zu verderben. Sollte es jemals eine allgemeine Theorie von überhaupt allem geben, wird sie sich daran messen lassen müssen, ob sie auch diesen Zusammenhang vorraussagen kann.