Blog

  • Die FAZ erklärt die Welt (III)

    Ich frag mich manchmal schon, was ich hier eigentlich tue. Wie kann ich mir anmaßen, Artikel zu kommentieren, die Volkswirtschaftsdozenten im Wirtschaftsteil einer großen deutschen Tageszeitung veröffentlichen? Ich hab nicht mal studiert.
    Andererseits: Die Serie heißt „Erklär mir die Welt“ und es müsste schon ein schlechter Lehrer sein, der seine Schülern, wenn sie sich eigene Gedanken über das Gehörte machen, anbrüllt: „Du hast doch gar keine Ahnung!“

    In der letzten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beantwortete Ulrich van Suntum die Frage: „Warum ist Reichtum keine Sünde?

    Bevor ich auf den Artikel eingehe, eine kurze Erklärung: Ich halte Reichtum nicht grundsätzlich für Sünde, ich hege derzeit keine Enteignungspläne, und wenn ich plötzlich reich wäre, würde ich mich nicht schämen, sondern freuen.

    Obwohl … würde ich mich wirklich freuen? Wenn ich dem Artikel glauben darf, ist das Leben der Reichen sehr, sehr hart, denn: Wer reich ist, hat es schwer mit der Anerkennung in unserer Gesellschaft.“ Und: „Die Reichen tragen die Last“ (Überschrift Infografik). Und niemand will ihnen helfen: Einen Minderheitenschutz können sie für sich nicht reklamieren, auch wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.“
    Schutzlos dem Neid des Pöbels und den gierigen Klauen des Staates ausgesetzt, weinen sich die armen Reichen in ihren Villen in den Schlaf …

    Das größte Problem ist natürlich die Steuer. Im Artikel wird wieder einmal die traurige Weise von den 10 % der Bevölkerung, die mehr als die Hälfte der Einkommenssteuer bezahlen, gesungen. Die Strophe des Liedes, die erzählt, dass diese 10 % auch mehr als die Hälfte des Vermögens besitzen, wird allerdings weggelassen.

    Vorbild müssen die Vereinigten Staaten und die angelsächsischen Ländern sein, denn dort gilt Reichtum als „Beweis von harter Arbeit, Klugheit und Erfolg“. Irre ich mich, oder schwingt da ein Vorwurf an diejenigen mit, die es nicht zu Reichtum gebracht haben?
    Und was ist mit Leuten, die einfach nur geerbt haben? ist es Klugheit, sich die richtigen Eltern zu suchen? Was ist mit Leuten, die leistungsloses Einkommen aus ihrem Kapitalvermögen ziehen? Harte Arbeit?

    „Die moralische Beurteilung des Reichtums hängt nicht zuletzt auch davon ab, was man mit seinem Wohlstand anfängt.“

    Diesen Satz könnte ich sofort unterschreiben. Allerdings nicht das, was dann kommt: „Es ist darum auch kein Zufall, daß in den Ländern mit niedriger Einkommensteuer das private Mäzenatentum meist hoch im Kurs steht.“

    Also: Steuern runter, dann spenden die Reichen auch ordentlich?! Freiwillige Umverteilung von oben statt staatlichem Sozialsystem? Man sieht ja in den USA, wie gut das funktioniert! – Ups, jetzt habe ich einen dummen Denkfehler gemacht. Es geht ja gar nicht darum, allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu sichern, sondern darum, sie anzuspornen: „Im Merkantilismus (…) galt die Schaffung von Reichtum als gesellschaftlich erstrebenswert. (…) Selbst der zügelloseste Luxuskonsum hatte noch sein Gutes, spornte er doch den „faulen und liederlichen Pöbel“ dazu an, sich anzustrengen, um möglichst daran teilzuhaben. Eine vergleichsweise positive Sicht des Reichtums findet man heute noch in den angelsächsischen Ländern, namentlich in den Vereinigten Staaten.“

    Die meisten Reichen seien übrigens sehr bescheiden, schreibt der Autor, und kurz darauf wird der Artikel vollkommen merkwürdig: „Selbst diejenigen Reichen, die privat im Luxus schwelgen, geben anteilmäßig von ihrem Einkommen in aller Regel viel weniger für den Konsum aus als die Masse der Bevölkerung, vom Staat ganz zu schweigen.“

    Wie jetze? Der Reiche, der es nicht schafft, sein hohes Einkommen auf den Kopp zu hauen, als Vorbild für die Hartz-IV-Mutti, die schon 5 Tage vor Monatsende ihr ganzes Geld verpulvert hat? Häh? Ich nehme mal an, das ist irgendwie anders gemeint, mir ist aber nicht klar, wie.
    Ist es übrigens korrekt, zu schreiben, dass der Staat sein „Einkommen“ für den „Konsum“ ausgibt – konsumiert er Arbeitslose, wenn er ihnen Unterstützung zahlt? Hm, bestimmt – der Autor lehrt schließlich Volkswirtschaft und kennt sich aus.

    Vielleicht hätte ich dieses Posting in das FAZ-Forum zum Artikel setzen sollen. Dort wartet man sehnsüchtig auf „Gutmenschen“, über die man herfallen kann.

    (Die FAZ erklärt die Welt I: „Warum gibt es Zinsen?“)

    (Die FAZ erklärt die Welt II: „Warum Vollbeschäftigung möglich ist“)

  • Bin ich noch wettbewerbsfähig?

    „Dieses Jahr mach ich beim Open Mike mit!“ – das hatte ich mir ganz fest vorgenommen, denn es war die letzte Chance – nächstes Jahr bin ich zu alt. Ich glaube zwar nicht, dass die Juroren dort das Zeugs, das ich schreibe, lesen wollen, aber ich wollte nicht irgenwann auf meine alten Tage denken müssen: „Ich hätte ja wenigstens mal was hinschicken können!“

    Heute morgen wollte ich die Geschichte ausdrucken, nachdem ich sie mit Tinas Hilfe (vielen Dank nochmal!) am Wochenende überarbeitet und entfehlert habe. Und als ich in den Teilnahmebedingungen nach dem gewünschten Druckformat geguckt habe, fiel mir eine kleine Passage auf, die ich bisher geflissentlich überlesen habe: „Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter als 35 Jahre sind und noch keine eigene Buchpublikation vorzuweisen haben.“ Grrr…

    Auch verpasst: Den Telepolis Schreibwettbewerb „Schreibrecht“ (Bzw: „Wenn Orwell Realität ist, wie sieht dann die Zukunft aus?“). Eingereicht werden konnten Science-Fiction-Geschichten, Berichte oder Essays – ich wollte letzteres probieren, bin aber gescheitert wegen Zeitmangel, Hirncamembert und meiner Unerfahrenheit mit Sachtexten. Ich bin sehr gespannt, was andere Autoren dort so eingereicht haben. Die (laut Jury) 10 besten Texte können online gelesen und bewertet werden. Leider ist kein Essay dabei – es sind alles Kurzgeschichten. Nüscht gegen Kurzgeschichten, aber das Thema ist so interessant, dass ich auch den einen oder anderen Sachtext dazu lesen würde.

    Jetzt steht noch der Science-Fiction-Wettbewerb „What if? Visionen der Informationsgesellschaft“ aus. Ich sitze dran – und diesmal schaffe ich’s bevor ich zu alt oder zu veröffentlicht oder zu spät am Briefkasten bin!

  • Die Menschheit muss sich entscheiden, …

    … ob ich Geschichten für sie schreiben soll, oder ob sie lieber die Wohnung über mir besichtigen und zu Dutzenden über die abgeschliffenen Dielen trampeln will. Eins geht nur!

  • Die FAZ erklärt die Welt (II)

    Warum Vollbeschäftigung möglich ist, und wie man sie erreicht, erklärt Norbert Berthold auf Faz.net.

    Der Artikel ist leider langweilig und enthält nichts, was man nicht schon tausendmal gehört hätte: Wenn der Staat sich raushält und die Arbeitssuchenden sich endlich von der verrückten Vorstellung verabschieden, dass die Arbeit, die sie für andere machen, ihnen zumindest ein halbwegs sicheres, vielleicht sogar angenehmes Leben ermöglichen sollte, dann wird alles gut.

    Klar, wenn die Arbeiter jeden Hungerlohn akzeptieren, dann kann für jeden durch z.B. Automatisierung weggefallenen Arbeitsplatz ein neuer geschaffen werden: Tütenpacker,Wachschutzmänner, Luftzufächler (sie müssen nur billiger sein als der Strom für den Ventilator ), Rikschafahrer … Menschen sind vielseitig einsetzbar.

    Die Idee, die steigende Produktivität dazu zu nutzen, den Einzelnen zu entlasten und die Armut zu besiegen, wird nicht einmal einer Erwähnung für wert befunden. Nein, der Einzelne soll mehr arbeiten für weniger Lohn. Tatsächlich kann ich sogar die Argumentation nachvollziehen – im Rahmen des liberalen Weltbildes ist sie in sich schlüssig. Wenn aber aus dem (Markt-)Liberalismus logisch Irsinn und Ungerechtigkeit folgen, muss er eigentlich selbst von Grund auf irrsinnig und ungerecht sein.

    „Nur wenn wir eine ungleichere Gesellschaft akzeptieren, können wir verhindern, daß es zu schwerwiegenden Dammbrüchen auf den Arbeitsmärkten kommt.“ (Norbert Berthold)

    Das heißt doch nichts anderes, als: Dem Wohle des Arbeitsmarktes darf das Wohl der Menschen geopfert werden. Oder? Damit wäre dann auch der Sinn des Lebens erklärt: Das Funktionieren der Märkte zu sichern. Und was ist dann der Sinn der Märkte?

    Hm. Da muss ich nochmal in Ruhe drüber nachdenken.
    Nebenbei: Wenn er von einer „ungleicheren Gesellschaft“ spricht ist wohl eher eine ständig ungleicher werdende gemeint – denn auf jedes Zugestädnis der Arbeitenden und Arbeitssuchenden wird eine weitere Forderung nach noch mehr Flexibilität bei Arbeitszeiten und Bezahlung folgen. Ich glaube nicht, dass es ein Level der Ungleichheit gibt, mit dem sich die Profiteure der Ungleichheit zufrieden geben werden.

    (Editiert und ausgebaut um 20.00 Uhr)

    (Die FAZ erklärt die Welt I: „Warum gibt es Zinsen?“)

    (Die FAZ erklärt die Welt III: „Warum ist Reichtum keine Sünde?“ )

  • Füttern verboten

    „Las Vegas hat es als erste Stadt in den USA unter Strafe gestellt, Obdachlosen Lebensmittel zu spenden“ (SZ von heute, S. 11) , denn Lebensmittelspenden „hätten dafür gesorgt, dass Betrunkene in Parks herumlungerten und die Verbrechensrate angestiegen sei“ (Netzzeitung.de).

    Der bequemste Weg die Armut zu bekämpfen, ist, die Armen zu bekämpfen.

  • Ich mache mir Sorgen um: den Standort Berlin

    „Geh nicht nach Stuttgart!“ (Heiko Werning)

    Doch!“ (Nils Heinrich)

  • Entfremdete Arbeit

    Neulich habe ich im Fernsehen Aufnahmen aus einem israelischen Jet von der Zerstörung eines Gebäudes im Libanon gesehen – man kennt diese Bilder aus den Golfkriegen: Alles grau, grobkörnig und irgendwie unwirklich, ein Fadenkreuz und diverse Anzeigen über dem Bild, dann ein Blitz, und wo eben noch das Gebäude war, ist nur noch Rauch. Dazu gab es die in solchen Fällen übliche Ansage: „Dies ist kein Videospiel, auch wenn es so aussieht …“

    Irgendwann im ersten Irak-Krieg hat irgendein Journalist mal diesen Spruch gemacht, und seither plappern ihn alle gedankenlos nach. Aber: SO SEHEN VIDEOSPIELE NICHT AUS! (Es mag freilich inzwischen welche geben, die diesen Look imitieren – die Nachrichtenbilder aber waren zuerst da.)

    Ich weiß ja, was man damit sagen will: Dass die Piloten keinen Bezug mehr zu den Folgen ihrer Handlungen haben, weil sie die Opfer nicht sehen – aber das galt auch schon für die Bomberpiloten im 2. Weltkrieg.

    Das ist wohl einer der Aspekte des „asymetrischen“ Krieges: Auf der einen Seite Menschen, die eine technische Herausforderung so gut wie möglich meistern wollen und das selbst eher als „Ausschalten von Zielen“ oder „Schläge gegen die Infrastruktur des Feindes“, denn als Töten verstehen. Auf der anderen Seite Menschen, denen soviel Hass eingetrichtert wurde, dass sie es fertig bringen, sich mit einer Bombe in einen Bus zwischen ihre Opferzu setzen und nicht einmal durch den Anblick eines Kindes zwei Reihen vor ihnen von ihrem Vorhaben abzubringen sind.

    Beides unfassbar gruselig.

  • Komischer Ratschlag

    „Von wegen: schönes Wochenende! Ich muss meine Steuererklärung machen, und die Wohnung müsste ich auch mal wieder putzen!“

    „Wieso nimmste dir keinen Steuerberater?“

    „Weil selber putzen billiger ist.“

  • Warum an den See fahren, wenn man im Atlantik baden kann?

    Gestern Abend habe ich, während ich bei einem Bier vor dem „5 Ziegen“ saß und die laue Nachtluft genoss, an Mark Twain, den ich unbedingt zu meinen Lieblingsschriftstellern zählen würde, und seinen Aphorismus „Wenn der Deutsche in einen Satz eintaucht, sieht man erst einmal nichts mehr von ihm, bis er schließlich auf der anderen Seite des Atlantiks mit dem Verb im Mund wieder auftaucht.“ denken müssen.