Blog

  • Pfeffi, Zukunft, Bildersturm

    DSC03372

    Halle ist schön. Jena auch, aber Halle ist schöner, es hat sogar eine Hochstraße! In Halle war ich zur Wörterspeise eingeladen. Eigentlich ein Slam, aber im Sommer gibt es ein Spezialprogramm, wir waren nur zu dritt, Katja Hofmann, Nikita Gorbunov und ich, es gab keine Abstimmung und viel Zeit zum Singen (Nikita) bzw. Vorlesen (icke). Desweiteren eine Fragerunde, bei der Nikita und mir die Fragen gestellt wurden, die das Publikum zuvor auf Zettel geschrieben hatte. Ich wurde unter anderem gefragt, was ich von Katzen halte und wie die Welt aussähe, wenn es die Farbe grün nicht gäbe. Letzteres wollte ich mir nicht vorstellen und nutzte die Gelegenheit für ein leidenschaftliches Plädoyer für die Farbe Grün. Später, passenderweise beim Pfeffitrinken auf einem Balkon, diskutierten wir die Frage noch einmal. Die Vermutung wurde aufgestellt, dass das Fehlen der Farbe Grün auch das Fehlen von Blau und Gelb bedeuten würde, aus denen sich Grün ja zusammensetze, das also mithin alles rot wäre. Ich gab jedoch zu bedenken, dass eine Welt denkbar wäre, in der andere Farbgesetze herrschen und Grün aus dem einfachen Grund fehle, dass sich Blau und Gelb wie Öl und Wasser einfach nicht mischen würden. Dann schwiegen wir nachdenklich, aber nicht allzu lange, denn es gab noch andere Dinge zu besprechen, zum Beispiel ob man nach ausgiebigem Pfeffigenuss ohne Zähneputzen ins Bett dürfe.

    DSC03408

    (Apropos Grün: Am nächsten Morgen musste ich lange über dieses Plakat nachdenken. Seit wann grünt denn kein Strom mehr für Halle? Und warum nicht? Und wie sah das früher aus, als der Strom noch für Halle grünte?)

    DSC03396

    (Ich weiß nicht warum, aber dieses Schaufenster stimmte mich traurig.)

    Die Wörterspeise hat viel Spaß gemacht und fand an einem sagenumwobenen Ort statt, der Goldenen Rose oder so, Deutschlands ältestem Herrenhaus – so eine Art Club für Männer, heutzutage aber Personen jederlei Geschlechts zugänglich. Schon Mozart und George Bush sen. haben die Lokalität besucht. Einer von beiden, ich weiß nicht mehr welcher, habe sich gemeinsam mit einer Dame in einem der oberen Zimmer vergnügt, so wurde kolportiert, weshalb man dieses jetzt nicht mehr betreten dürfe, um eventuelle Rückstände der sozusagen übersprudelnden Freude besagter Herrschaft, aus denen diese sich wie die Saurier in Jurassic Park klonen ließe, nicht zu gefährden. Ich nehme an, dass mir die Hallenser/Halloren/Hallunken hier einen großen Bären aufgebunden haben, aber das taten sie mit diesem niedlichen Hallenser Anhaltinisch, dem man beinahe alles verzeihen kann.

    DSC03379

    Besonders gut gefällt mir an Halle, dass es eine Straßenbahnendhaltestelle namens „Frohe Zukunft“ gibt. Ich würde aber nie dorthin fahren, da sich die Frohe Zukunft bestimmt als gruseliges Neubaugebiet oder deprimierende Kleingartenanlage entpuppen würde. Außerdem hatte ich sowieso keine Zeit für einen Abstecher in die Frohe Zukunft, weil ich weiter musste – nach Jena Paradies, das ist doch auch was!

    DSC03413 1

    (Endstation Zukunft.)

    In Jena war ich zum Songslam eingeladen. Ich weiß nicht mehr, in welchem seltsamen Geisteszustand ich diese Einladung angenommen habe – ich habe (vom LSD-Schlusslied abgesehen) seit Ewigkeiten nicht mehr auf der Bühne gesungen und schon gar kein neues Lied geschrieben. Nun musste ich jedenfalls ran, und immerhin: Es war ein Grund, die Gitarre wieder auszupacken und der Abend hat mir Lust gemacht, mich doch mal wieder an einen Song zu setzen. Der Songslam fand im alten Jenaer Volksbad direkt am Bahnhof Jena Paradies statt, ein passender Ort bei diesen Temepraturen, nur hatte man seltsamerweise das Schwimmbecken abgedeckt und Stühle darauf gestellt. Ich hätte es ja schön gefunden, wenn die Zuschauer die ganze Zeit hätten schwimmen müssen. Gewonnen haben Tillmann Birr und Julius Fischer, die das sehr sehr gut gemacht haben, wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich sie im Verdacht habe, heimlich Singen und Gitarrespielen zu üben. Nachweisen kann ich natürlich nichts.

    DSC03432

    (Während in Halle kein Strom mehr grünt, ist in Jena das Ende der Fahnenstange in Sachen Individualisierung erreicht.)

    Zu gewinnen gab es eine Flasche Sekt und ein Bild, dass der Moderator Christian Meyer auf der Straße gefunden hatte und das offenbar Vater Abraham zeigt, als er mit seiner Oboe das Schlumpflied erfand. Als an sich lobenswerte Geste und Ausdruck der Hochachtung für alle teilnehmenden Künstler wurde das Bild noch auf der Bühne in sechs Teile zerbrochen. Ich war sehr traurig, weil ich mir die Frau oder den Mann Mitte älteren Semesters die oder der das Billd einst im Volkshochschulkurs Portraitmalerei oder so mit viel Enthusiasmus und Herzblut gemalt hatte. Im Backstageraum versuchte ich es wieder zusammenzusetzen, aber Julius hatte sich schon mit dem Gesicht aus dem Staub gemacht, weshalb ich mit einem orangenem Handtuch und meiner Brille improvisieren musste:

    DSC03446

    20130804_223214

    (Man muss ja nicht alles verstehen.)

  • Hagen in der Todesrinne

    Sehr geehrte Leser, bitte entschuldigen Sie die Verzögerungen im Blogbetriebsablauf. Grund dafür ist eine Wagner-Insezierung auf einem Nebengleis. Über Anschluss-Posts und -Videos werden wir Sie rechtzeitig informieren. Wir danken Ihnen für Ihre Reise auf den Schnipselfriedhof und wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre.

    Ich war noch einmal in Bayreuth, habe dort unter anderem die Generalprobe der Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ von Frank Castorf gesehen und, da ich darüber nicht schreiben darf, kurzerhand eine eigene Inszenierung geschrieben: Wagner in der Todesrinne – Eine Götterdämmerung für die ganze Familie. 

    Drei kurze Erklärungen für Nichtbayreuther: Die Todesrinne (eigentlich „das Rinnla“) ist ein kleiner schmaler Kanal über den Markt („das Stadtparkett“), der diesen Namen erhielt, nachdem immer wieder Leute versehentlich hineinfielen. Die erwähnte archimedische Schraube befindet sich ebenfalls in der Todesrinne. Die „Hörl’schen Wagnerzwerge“ sind 500 einen Meter große Wagner-Figuren von Ottmar Hörl, die in Bayreuth und vor allem um das Festspielhaus herum aufgstellt wurden.

    Heute hat die Castorf-Inszenierung auf dem Festspielhügel Premiere, und ich bin sehr gespannt auf die Kritiken.

    richie 03 web

    (Verzweifelt versucht eine Armee von Wagner-Klonkriegern den Ring (leicht lädiert im Hintergrund zu erkennen) vor spielenden Kindern und Regisseuren zu schützen.)

    Außerdem habe ich in Bayreuth den Staatsempfang zur Festspieleröffnung besucht – Party mit Merkel, Gauck, Genscher, Westerwelle, Seehofer, Ramsauer und wem nicht alles. Ein kurzer, unspektakulärer Bericht steht hier im Bayreuther Tagebuch.

  • Bayreuthbesuchung mit Personenüberfahrung unter besonderer Berücksichtigung veganer Fleischesser und der Kaffeeumschüttproblematik

    Was für eine muntere, joviale Stimme. „Liebe Fahrgäste, es ist Kaffeezeit. Wie wäre es jetzt mit einem Heißgetränk und einem Stück Butterkuchen im Bordbistro?“ – so in etwa klingt er, nur dass er stattdessen sagt: „Liebe Fahrgäste, aufgrund einer Personenüberfahrung eines vorausfahrenden Zuges hat unser Zug zur Zeit …“ Ist die Sache an sich nicht schlimm genug? Muss man auch noch die deutsche Sprache meucheln? Personenüberfahrung, was für ein Wort! Warum nicht „Personenüberquerung“? Und müsste es nicht statt „Personenüberfahrung eines vorausfahrenden Zuges“ richtig heißen „Personenüberfahrung durch einen vorausfahrenden Zug“? Oder aber: „Personenüberfahrt eines vorausfahrenden Zuges“, wobei „Überfahrt“ vielleicht zu sehr nach Schiffspassage klingt. Vielleicht sollte man einfach sagen: „aufgrund der unbezahlten und unsachgemäßen Benutzung des vorausfahrenden ICE durch eine Person“, das würde eine besonders schlimme Sprachverhunzung (eben die „Personenüberfahrung“) vermeiden und auch nicht so schlimme Bilder im Kopf provozieren. Ist übrigens mal jemanden aufgefallen, wie erleichtert die Verspätungsdurchsagen klingen, wenn man enen Personenschaden, ein Hochwasser, eine hochkant auf den Gleisen stehende Schneeflocke oder andere höhere Gewalten verantwortlich machen kann?

    Ich bin unterwegs nach Bayreuth, ein Dreitagesabstecher. Heute Abend Bardienst im Forum Phoinix, morgen Generalprobengucken im Festspielhaus, übermorgen: Bayreuth im Festspieltaumel und ich mittendrin.
    000DSC03361

    (Richtung Bayreuth heißt auch immer: Raus aus der Sonne.)

    Eine Frau mit Krücke setzt sich zu mir, sie hat mitbekommen, dass ich den Schaffner nach Anschlüssen Richtung Bayreuth gefragt habe. „Ich muss auch nach Bayreuth! Was halten Sie davon, dass wir uns ab Lichtenfels ein Taxi teilen?“ Nichts halte ich davon, da sie mit Taxi teilen vermutlich auch Taxirechnung teilen meint. Sie guckt verzweifelt, sie hat eine Karte für die Tannhäuser-Generalprobe heute Abend, die um fünf losgeht. Sie fürchtet, personenüberfahrungsbedingt nicht rechtzeitig anzukommen. Ich beruhige sie. 16.29 Uhr sollen wir ankommen, bis 16.50 Uhr ist Einlass, vom Bahnhof sinds 5 Minuten auf den Hügel, das ist auch mit Krücke zu schaffen. Vorrausgesetzt die vororausfahrenden Züge unterlassen diese unseligen Personenüberfahrungen.

    Ich frage, warum sie eine Krücke hat, erkläre, dass ich vor gar nicht allzulanger Zeit selber eine gehabt hätte und mein Knie immer noch nicht in Ordnung sei und dass mich interessiere, wie sie die Stunden auf den Wagnerwürdigungsstühlen des Festspielhauses durchstehen bzw. -sitzen will. Sie zuckt mit den Schultern: „Schmerztabletten. Schon vorher.“ Ich nicke, das ist auch mein Plan, und er hat sich beim Geburtstagskonzert bereits bewährt (allerdings hatte ich da nur 2 Nettostunden durchzuhalten). Aspirin oder Acesal beugen zudem der berüchtigten Wagner-Thrombose vor …

    Am Tisch auf der anderen Gangseite sitzt ein freundlicher Mann, Anfang, Mitte 60 wahrscheinlich, Maler und Musiker, DDR-Bürger und ehemaliger Dissident. Wir haben uns kennengelernt, als ich ihn bat, die Musik ein bisschen leiser zu machen. Was er auch tat, wenn auch verwundert, da er, als er die Kopfhörer absetzte, keine störenden Geräusche vernehmen konnte, was entweder daran lag, dass er Jazzgetrommel nicht als störendes Geräusch identifizieren kann, oder daran, dass er seit Jahrzehnten in Bands spielt (als Maler – lange Geschichte). Er kommt schließlich mit einer Frau an seinem Tisch ins Gespräch, ich kann gar nicht anders als zuzuhören, was soll ich denn machen?! Er erzählt von der Stasi, von FDJ-Sekretären an der Uni, die ihm das Leben schwer gemacht haben, von illegalen Kunstprojekten, Protestaufrufen, Freunden, die sich als Spitzel heraustellten, von Schikanen und der erdrückenden sozialistischen Spießbürgermentalität, die Hoffnung und das darauffolgende Entsetzen angesichts der Prager Frühlings und seines Endes. Aber wie bei praktisch allen Dissidenten und Künstlern aus der DDR schwingt auch ein Haufen Nostalgie mit. Immerhin hatte Kunst damals noch eine Bedeutung, eine Meinung erforderte Mut, man träumte davon, andere Dinge zu verwirklichen, als einfach nur sich selbst. Und dann natürlich der Zusammenhalt! „Auch wenn wir wussten, da waren Spitzel bei!“ Und wie fast alle Dissidenten und Künstler aus der DDR ist er mit dem jetzigen System unzufrieden. „Wir wollten die DDR nicht einfach aufgeben, wir wollten etwas anderes probieren, einen dritten Weg. Ein demokratischer Sozialismus mit freier Marktwirtschaft, das war mein Traum.“

    Seither denke ich darüber nach, wie das aussehen sollte. Meinte er wirklich „freie Marktwirtschaft“, den Kampfbegriff der Wirtschaftsliberalen? Sind Sozialismus und freie Marktwirtschaft vereinbar? Natürlich sind sie das, davon bin ich inzwischen überzeugt. Der demokratische Sozialismus mit freier Marktwirtschaft wird endlich das Paradies auf Erden bringen. Die Menschen werden vegane Gerichte mit Fleisch essen, keusche Sexorgien feiern und humane Kriege führen. Tolerante Nazis, gottesfürchtige Atheisten, bescheidene Investmentbanker und Supermodels mit Durchschnittsfigur werden sich an den Händen halten und gemeinsam die „Hymne des Demokratischen Sozialismus mit freier Marktwirtschaft“ singen:

    Dunkel war’s, der Mond schien helle
    als ein Auto blitzeschnelle
    langsam um die Ecke fuhr
    Drinnen saßen stehend Menschen
    schweigend ins Gespräch vertieft
    als ein totgeschossener Hase
    auf der Sandbank Schlittschuh lief.

    In der Zugkneipe ist die Klimaanlage ausgefallen. Gefühlte 40 Grad oder so. Das erklärt vielleicht einiges. Als ich den Menschen an der Bar bitte, mir einen Deckel zum Kaffeebecher zu geben, sagt er bedauernd, dass sie leider nur Deckel für die großen Kaffeebecher hätten. „Hm, na dannn gießen sie doch meinen Kaffee in einen großen Becher“, mache ich einen, wie ich finde, vernünftigen Vorschlag.

    „Nein, tut mir leid, ich kann ihnen keinen kleinen Kaffee in einem großen Becher rausgeben.“

    Ich schaue etwas verwundert drein. „Doch, das können Sie“, sage ich schließlich aufmunternd. „Umgedreht wäre es schwierig.“

    Er lacht freudlos. „Nein, das geht nicht! Die großen und die kleinen Becher sind unterschiedliche Kostenstellen, das darf ich nicht machen.“ – „Und Bahnchef Grube zählt abends nach, wieviele Becher von jeder Sorte rausgegeben worden und vergleicht das mit der Kaffeekasse?“ – „Haha, Sie haben gut reden, aber für mich geht’s um meinen Job!“ – „Sie werden gefeuert, wenn Sie mir einen großen Kaffeebecher geben?“ – „Die wollen Personalkosten sparen, denen ist jeder Anlass recht!“

    Nein, in der besten aller denkbaren Welten leben wir wohl nicht, wenn Leute unter Androhung des Jobverlustes dazu gezwungen werden, zu behaupten, man könne ein Getränk nicht in ein größeres Gefäß umfüllen.

    Noch eine Stunde bis Bayreuth. Dann gibt’s endlich Kraftraumkaffee und Heimathafenbier, bevor ich auf die andere Seite des Barbetriebs wechsle und verwirrten Menschen erkläre, dass ich aufgrund der Personenüberforderung eines ungeübten Barmannes leider keine großen Biere in Sektgläsern ausschenken könne.

  • Grüß Gott allerseits!

    Nach einer Woche Berlin lässt der Jetlag langsam nach. Sporadisch werde ich weiterhin im Bayreuther Tagebuch kleine Texte und Fotos posten (in zwei Wochen fahre ich zum Beispiel schon wieder für ein paar Tage „runter“), aber eigentlich ist es ja mein super geheimer Plan, den ich daher auch nur im Internet verrate, den Schnipselfriedhof wiederzubeleben. Nicht nur das. Ich habe heute auch eine neue Folge von Kloß und Spinne geschrieben. Sie ist wahrscheinlich sehr seltsam, da sie zur Hälfte in einem Artztwartezimmer entstand (eine Fränkische Zecke scheint mir ein hübsches Souvenir mitgegeben zu haben) und zur anderen Hälfte in praller Brutzelsonne.

    Image1

    Nein, nein, in der neuen Folge wird es nicht um Bayern, Franken, Bayreuth etc. gehen, sondern unter anderem um die Division durch unendlich und die Division durch Null, Themen also, die alle brennend interessieren. Am Mittwoch werde ich mit dem Aufnehmen und Animieren anfangen, aber da ich zur Zeit auch sonst einiges um die Ohren habe und oft unterwegs bin, kann es trotzdem ein bisschen dauern.

  • Zurück in Berlin

    Zurück in Berlin. Nur fünf Monate war ich weg und trotzdem hat bloß eine der beiden Baustellen in meiner Straße überlebt. Dafür wurde aber auch eine neue eröffnet, an die ich mich aber erst einmal gewöhnen muss. Wie an die ganze Stadt.

    DSC03211

    (Pankow vor dem Regen.)

    Hier draußen in Pankow geht es ja noch – die Häuser sind halt sehr groß und die Straßen so breit, das man zum Überqueren so lange braucht wie für einen Bummel über das Bayreuther Stadtparkett (den Marktplatz), aber alles in allem komme ich klar. Schlimmer war schon ein Bummel durch den Prenzlauer Berg nach Mitte. Diese vielen Menschen, die offenbar alle als Stadtsschreiber tätig sind, da sie entweder planlos durch die Gegend ziehen oder in Cafés rumsitzen. Die vielen Touristen. Die vielen Modepüppchen (die zum Teil der Fashion Week geschuldet sein mögen). Die vielen Spätverkäufe. Nach dem ich solange auf sie verzichten musste, fällt mir erst wirklich auf, wie viele es sind! Wenigstens ein Fünftel aller Geschäfte, wenn nicht sogar 20%, während es in Bayreuth nicht einen einzigen gibt. Vielleicht wäre das ein Geschäftsmodell? Der erste Bayreuther Späti, man würde sicher sehr schnell sehr reich werden (aber wer will das schon?).

    Recht angenehm ist die Anonymität der Großstadt. Ich war ja tatsächlich so eine Art Bayreuther F-Prominenz. Wenn es ein Oberfränkisches Dschungelcamp gegeben hätte, wäre ich bestimmt eingeladen worden. Letzten Sonnabend gab es ein hübsches Erlebnis: Ich saß mit meinem ersten Kaffee und meiner Morgenzigarette vor dem Kraftraum, meinem Stammcafé oder besser gesagt: meinem Stadtschreiberbüro, als eine Stadtführung vorbeispazierte und ich spontan in das Besichtigungsprogramm aufgenommen wurde (auch wenn ich wegen der etwas langen Nacht zuvor sicher keine Sehenswürdigkeit war). Zwanzig ältere Damen- und Herrschaften in beiger Funktionskleidung und mit bunten Regenschirmen lauschten den Ausführungen über den Stadtschreiber und ich grimassierte vor mich hin, probierte diverse Gesichtsausdrücke durch, weil ich mir noch keinen passenden für derartige Gelegenheiten zurechtgelegt hatte.

    (Ich muss dazu erwähnen, dass die Stadtführererin mit mir bekannt ist und sie mich erst privat grüßte, eine gute Heimreise wünschte und bedauerte, dass sie nicht zu meiner abendlichen Abschiedslesung kommen könne, bevor sie sich an die Touristen wandte: „Das muss ich Ihnen kurz erklären …“ 😉

    Das wird mir hier wohl nicht passieren, hier kennt mich ja nichtmal der Oberbürgermeister.

    DSC03236

  • Es ist warm!

    Und ob ich über die Hitze schimpfen darf! Warum denn nicht? Was sind das für Leute, die sagen: Es hat so lange gedauert, dass es warm wird, da solle man jetzt doch bitte schön froh sein und nicht meckern? Eben!, sage ich da. Es hat so lange gedauert! Ich musste bis Mitte Juni warten, um endlich über die Hitze schimpfen zu können, da lass ich mir das doch jetzt nicht von ein paar Lebensfreudediktatoren madig machen!

    Und wer weiß überhaupt, wie lange es so bleibt! Vielleicht ist das die einzige Chance dieses Jahr über die Hitze zu schimpfen, und die soll ich mir entgehen lasssen? Ich bin doch nicht blöd.

    Na gut, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Doch, ich bin blöd – wegen der Hitze! Der Hirnschweiß verklebt mir die Synapsen. Das ist kein Wetter zum Denken. Für alle schönen und wichtigen Sachen ist es zu heiß. Man kann nicht denken, nicht arbeiten, nicht spazierengehen, nicht schlafen; Essen macht keinen Spaß, sich gemütlich in eine dicke Daunendecke einkuscheln und fernsehen auch nicht; man mag nicht tanzen, nicht joggen, nicht schreiben. Kein Wetter für nichts Schönes. Wer unbedingt will, kann sich in Freibädern der massenhaften Rückverwandlung der vermeintlichen Krone der Schöpfung in eine primitive amphibische Lebensform anschließen und dicht an dicht auf den Laichplätzen herumlungern, aber davon abgesehen ist das einzig Schöne, was man bei dieser Hitze machen kann, auf die Hitze zu schimpfen und das darf uns niemand verbieten!

    Ich bezeichne mich ja gerne als Klima-Gourmet. Die kulinarische Entsprechung zu „Hauptsache schön heiß und die Sonne scheint!“ wäre doch wohl „Hauptsache schön fettig und mit möglichst viel Geschmacksverstärker, denn die brauche ich, weil ich selbst keinen Geschmack habe!“ Solche Leute hüpfen dann natürlich bei einem derartigen BigMäc-Wetter mit buntkarierten kurzen Hosen und irrem Lächeln durch die Gegend und erinnern überhaupt erschreckend an Ronald McDonald.

    Nein, ich bin Wetter-Feinschmecker. Es gibt einige wunderbar abgestimmte Kompositionen aus Temperatur, Sonneneinstrahlung, Wolkenbildung, Niederschlag etc., die ich über alles liebe, doch sie sind rare Köstlichkeiten und kommen vor allem in den Jahreszeiten vor, die Genießern, Feingeistern und Kulturmenschen die liebsten sind: Frühling, Herbst und Winter.

    Leider haben es Menschen wie ich nicht leicht, auf ihre Bedürfnisse wird wenig Rücksicht genommen. Seit Jahren war offenbar schon kein Geld für einen vernünftigen Frühling mehr da. Was an Temperatur zur Verfügung steht, wird nicht mehr sinnvoll über das Jahr verteilt, sondern in bratzelnde Sommerwochen gepumpt, Hauptsache schön heiß und fettig, so wollen es die Massen! Dann hats im April halt nur 3 Grad und den ganzen Regen tun wir in den Mai rein, und ich will hier wirklich keinen Verschwörungstheorien aufstellen, aber man fragt sich schon, wem es nutzt, wenn die Hitze den Menschen das Gehirn wegbrennt und sie in tropfende, dahinvegetierende Sonnencremezombies verwandelt, deren IQ nur knapp über der Tageshöchsttemperatur liegt.

    Aus gegebenem Anlass ein Kloß-und-Spinne-Repost

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=pRLqTRmZkls]

    PS: In zwei Wochen bin ich wieder in Berlin. Dann wird bestimmt auch wieder mehr geschnipselt.

  • Hurra! Eine Lesung in Berlin!

    Einen Monat bin ich noch in Bayreuth, dann geht es zurück nach Berlin und zwar wie es sich gehört mit einem lachenden und weinenden Auge. Dem Schnipselfriedhof wird meine Rückkehr sicher gut tun, hier wird sich wieder mehr rühren.

    Übermorgen mache ich schon mal wieder einen kleinen Abstecher in die Heimat. Am Freitag dem 31.5. lese ich um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Neues Kapitel in der Kopenhagener Straße 7 vor. Das Ganze findet im Rahmen der Aktion „24 Stunden Buch“ statt. Es gibt dafür irgendwelche Festivalbändchen oder – karten mit denen man zu urst vielen Lesungen gehen kann. Ansonsten beträgt der Eintritt 5 Euro.

    Ich freue mich sehr darauf, da ich in Berlin gar keine richtige Buchpremiere meines neuen Geschichtensammelbandes „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“ machen konnte. Es wird also auch eine Art Buchpremiere, und ich würde mich sehr über Besuch freuen!

     

  • Werbung zum Verlieben

    DSC09085

    Wenn die Blase brennt, kommt die Blasenfeuerwehr und verpasst Dir einen Blüteneinlauf!

    PS: Hier ist der angekündigte zweite Teil meiner Berlin-Abenteuer: Rap-Battle im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus

  • Repost: Little Big Brothers

    Sorry, habe diesen Beitrag vor ein paar Jahren online gestellt, er war aber nicht mehr zugänglich. Weil ich ihn gerade in einer Facebook-Verlinkung einer Sascha-Lobo-Kolumne verlinken wollte, poste ich ihn nochmal als normalen Beitrag.

    (Ausschnitt aus einer unveröffentlichten SF-Erzählung. Hier gepostet zur Illustration des Artikels: Daten brauchen keinen Schutz. Die können auf sich selbst aufpassen.)

    Die Daten sind da. Es gibt kein Zurück. Wir müssen uns entscheiden, wem sie gehören sollen – einer kleinen Elite oder allen.

    (F.L., 2016)

    Der private Raum wurde immer kleiner, was einerseits an der wachsenden staatliche Überwachung, andererseits an der freiwilligen Preisgabe von intimen Informationen im Web 2.0 lag. Mit der massenhaften Verbreitung von Video- und Kamerabrillen, für die sich bald die Bezeichnung „Visor“ durchsetzte, war das Ende der Privatsphäre so gut wie besiegelt. Äußerlich kaum von einer normalen Sonnenbrille zu unterscheiden, konnten sie mehrere Stunden Video aus der Ego-Perspektive aufzeichnen. Ursprünglich für die unkomplizierte Dokumentation des Urlaubs gedacht, wurde die Brille für viele Nutzer zu einem unverzichtbaren Alltagsgegenstand. Bald standen Geräte zur Verfügung, die den Videostream live ins Netz übertrugen.

    Das Problem lag auf der Hand: Wer sein Leben veröffentlichte, veröffentlichte auch das seines sozialen Umfelds.

    Viele Jugendliche stellten ihr gesamtes Leben ins Internet. Höchstens auf der Toilette, beim Sex oder wenn sie Straftaten begingen, schalteten sie die Übertragung ab – manche auch dann nicht.

    DasPortal „Little Big Brothers“ wurde zum Zentrum der Visor-Community.

    Little Big Brothers erlaubte es nicht nur, die Beiträge von Mitgliedern zu bewerten, sondern die User selbst, ihre soziale Kompetenz, ihre Intelligenz, ihr Aussehen, ihre Qualitäten im Bett etc. Tauchte ein anderes Community-Mitglied im Blickwinkel des eigenen Visors auf, wurde ein Link in das Realbild eingespiegelt, den man durch Doppelblinzeln aktivieren konnte, um auf das Profil und alle öffentlichen Daten des anderen zuzugreifen. Das Gegenüber wiederum wurde über diese Aktion informiert.

    Mit einer Gesichtserkennungssoftware und der von Usern angelegten „Population Data Base“, konnten auch Nichtmitglieder erkannt und bewertet werden.

    Es kam zu Gewalttätigkeiten gegen Personen, die Aufzeichnungsgeräte trugen. Dutzende, vielleicht Hunderte Menschen begingen Selbstmord, nachdem sie von der „Little Big Brotherhood“ wegen Nichtigkeiten mit Häme oder schlechten Bewertungen überschüttet worden waren. Wer nicht paranoid war, galt als geisteskrank.

    Doch die Situation normalisierte sich – auch wenn das Wort „normal“ in diesem Zusammenhang vielen Menschen so passend erschien wie die Kombination „gemütlich“ und Zahnschmerzen.

    Grund waren Rückkopplungseffekte, die teilweise in die Software integriert waren, teilweise aus der sozialen Interaktion resultierten. Wer mobbte, beleidigte, schlecht bewertete, schadete über kurz oder lang seinem eigenen Ansehen. Kooperation und soziale Kompetenz hingegen zahlten sich aus.

    Enthusiasten feierten die Little Big Brotherhood als sich selbst regulierende anarchistische Gemeinschaft und Vorbild für die ganze Menschheit. Kritiker sprachen von der „Selbsteinweisung einer verlorenen Generation in die digitale Besserungsanstalt“ – und gingen anschließend selbst online, um ihre neuesten Bewertungen abzurufen oder mit einer Kamerafliege dem Partner nachzuspionieren.

    Lange versuchte man, die Gesetze und Normen der Prä-Netz-Ära zu erhalten. Im Alltag war der freie Austausch von Informationen längst Realität – ob es sich dabei um Musik, Software oder Privates handelte. Wäre man ernsthaft dagegen vorgegangen, hätte man die halbe Bevölkerung vor Gericht stellen müssen. Die meisten Menschen konnten nicht einmal mehr einschätzen, wann sie Persönlichkeits-, Marken- oder Vervielfältigungsrechte verletzten.

     

  • Wir kamen in Frieden, obwohl Krieg draufstand

    Soviel Berlin! Ich bin schon wieder hingefahren. Letzte Woche war es ein Privatausflug, der natürlich trotzdem dem Ziel diente, die Achse Bayreuth-Berlin zu stärken, in dem ich in Berlin in meinen Geburtstag hinein- und in Bayreuth aus ihm hinausfeierte. Diesmal war ich in hochoffizieller Mission unterwegs: Als Berliner, der derzeit in Bayreuth lebt, fuhr ich von Bayreuth nach Berlin, um in der Bayrischen Landesvertretung an einer Veranstaltung über Jean Paul, einen aus dem preußischen Oberfranken stammenden Dichter, der in Berlin geheiratet hat und dann nach Bayreuth gezogen ist, teilzunehmen.

    Es gab für mich auf dieser Reise viele Premieren, vieles zu lernen, zu erleben und zu bestaunen. Das fing schon an mit dem Bus, der uns nach Berlin brachte:

    20130425_085929-1-1

    Ich hatte die Fahrzeuge dieses Unternehmens neulich schon bestaunt. Es ist schon ein Vorteil, wenn man als Unternehmer einen griffigen Namen hat. „Bustouristik Strübing“ wäre nicht besonders einprägsam, und auch ein Explosionsblitz im Logo hätte daran nichts geändert. Andererseits können natürlich auch griffige Namen problematisch sein. Unterwegs sah ich zum Beispiel einen Bus von Brust-Busreisen, was man sich ebenfalls gut merken kann, aber trotzdem ein irgendwie unangenehmer Name ist. Brüste sind zwar deutlich erfreulicher und nützlicher als Kriege, aber „Brust“ ist ein sehr hässliches Wort. Vor allem in Zusammensetzungen: Brust-Tee, Brust-Karamellen usw., das klingt alles sofort nach Auswurf, Schleim und Husten. Hmm, gerade fällt mir auf, dass „Krieg“ nun auch nicht gerade ein schönes Wort ist, aber als Busaufdruck macht es schon was her.

    In Berlin stieg eine Reiseführerin zu, und ich kam in den Genuss, mir meine Heimatstadt endlich einmal zeigen und erklären zu lassen. Leider konnte ich nur die ersten zwanzig Minuten der Stadtrundfahrt mitmachen, aber schon da gab es jede Menge Neues. Zum Beispiel erfuhr ich wieder mal, wie der Berliner Volksmund dieses oder jenes Gebäude angeblich nennt – als Berliner weiß man das ja normalerweise nicht. Ich nenne das jetzt mal „Reiseführerpoesie“. Und die Besucher der Stadt wären sicher enttäuscht, wenn sie wüssten, dass wir zur Gedächtniskirche einfach Gedächtniskirche sagen.

    Dank der Tour habe ich das erste Mal das Holocaust-Mahnmal gesehen; man muss eben erst nach Bayreuth ziehen, wenn man Berlin kennenlernen möchte. Für den Freitag stand auch noch ein Besuch im Reichstag auf dem Programm; super, da war ich auch noch nicht!

    Wir kurvten also mit unserem Bus, auf dem ganz groß „Krieg“ stand um das Mahnmal. Dieses schien, dem Gemurmel im Bus nach zu urteilen, bei den meisten nicht besonders gut anzukommen. Ich selbst kann gar nicht sagen, wie ich es finde. Sagen wir es so: Ich finde es nicht. Nicht „nicht gut“ und nicht „nicht schlecht“, sondern einfach nicht. Nicht schön und nicht hässlich, weder besonders angemessen, noch unangemessen. Ich finde es auf alle Fälle besser, als den Bayreuther Gedenkstein für die von den Nazis deportierten und ermordeten Sinti:

    DSC08446

    Als ich ihn zufällig entdeckte, fragte ich mich, wie damals wohl die Sitzung im Rathaus gelaufen war. „Hm, ich finde, Bayreuth bräuchte noch so’n Gedenkstein für die ermordeten Sinti.“ – „Super Idee! Ich weiß auch schon ne Stelle hinterm Bahnhof, wo er nicht weiter stört!“

    Na gut, das war ziemlich ungerecht. Und lag wohl an meiner eigenen langen Leitung: Es hatte etwas gedauert, bis ich kapierte, dass es ja durchaus sinnvoll ist, in Bahnhofsnähe an die Deportationen zu erinnern. Wie sinnvoll solche Gedenksteine generell sind, ist eine andere Frage und damit zurück zum Holocaustmahnmal, dessen Sinn ja auch sehr kontrovers diskutiert wurde. Beim langsamen Vorbeifahren war zu beobachten, dass es gerne zum Picknicken und Versteckspielen genutzt wird. Die Reiseführerin erklärte, es fordere die Besucher auf, sich ihre eigenen Gedanken zu machen, statt ihnen irgendwas aufzudrücken.

    „Die sehn aber ned aus, als würden ’s nachdenken!“, rief eine Mitreisende und zeigte aus dem Fenster auf die Stelen, auf denen sonnenbebrillte Hostelhonks mit Club-Mate-Flaschen in den Händen sich die Sonne auf den verkaterten Schädel scheinen ließen. Ich musste dem zustimmen, fand es aber eigentlich gar nicht schlimm oder schrecklich pietätlos. Vielleicht taugt es nicht als „Mahnmal“, aber dem Schrecken einen lebendigen Ort mit lachenden Menschen entgegenzusetzen, finde ich nicht gar nicht so schlecht. (Wobei ich wohl eher Bäume gepflanzt hätte, als diese Steine aufzustellen.) Als Ergänzung zu echten Orten des Erinnern zumindest. Es ist ja ohnehin kaum vorstellbar, dass sich echte Betroffenheit einstellt, wenn man Touristengruppen zwischen Mittagessen und Kuhdammshoppingbummel durch ein Denkmal scheucht.

    Ich wartete jedenfalls gespannt darauf, was „wir Berliner“ laut Reiseführerin angeblich zum Holocaust-Mahnmal sagen („Bermuda-Viereck“? „Hitlers letzte Rache“? „Mahnmal des verlorengegangen Touristen“?), aber da kam leider nichts.

    Ich desertierte zwischenzeitlich von der Truppe (wie komm ich denn auf einmal auf diese Kriegsmetapher?) und fuhr in meine Pankower Wohnung, um mal zu gucken, ob sie noch da ist. Am Abend trafen wir uns alle wieder in der Bayrischen Landesvertretung in der Behrenstraße zu einem Jean-Paul-Abend. Eingeladen hatte Hartmut Koschyk von der CSU in Bayreuth, Parlamentarischer Staatssekräter im Bundesfinanzministerium und erst das zweite Mitglied des Bundestages, das ich je kennengelernt habe. Ich hoffe, es stört ihn nicht, damit jetzt sozusagen in einer Reihe zu stehen mit Claudia Roth, die ich einst in Augsburg auf der After-Show-Party eines Slams zum Thema Brecht traf. (Promimäßig war das mein bisher erfolgreichster Abend, da war nämlich auch Udo Jürgens, und wir haben immerhin 11 Worte oder so gewechselt.)

    Die Details der Veranstaltung kann man hier nachlesen, da gibt es auch ein Foto von Hartmut Koschyk und mir, auf dem ich sehr staatstragend aussehe, wie ich finde. Eine Freundin meinte, ich sähe „leidend“ aus, aber das ist nicht richtig. Bei solchen Veranstaltungen ist die Leidensgefahr ja immer sehr hoch, aber das hat scho bassd (ich habe mich extra für diesen Satz über die Perfekt-Form von „bassd scho“ informiert). Es gab sehr schöne Musik, kurze Gesprächsrunden, drei Ausschnitte aus Jean-Paul-Werken, vorgetragen von Hans Jürgen Schatz, ich erfuhr auch noch etwas über den Bayreuther Volksmund, der Jean Paul „Dschiens Paul“ nennt, und erlebte eine große Überraschung: Die geplante Veranstaltungszeit wurde kaum überschritten.
    20130410_161612

    (Dieses Bild hat mit dem Text gar nichts zu tun, außerdem habe ich es in Bayreuth aufgenommen. Ich fand bloß, dass es mal wieder Zeit für eine kleine Bildoase in dieser Textwüste wurde. Und in Berlin hab ich  diesmal kaum fotografiert.)

    Normalerweise sind ja solche Sachen, insbesondere wenn sie minutengenau durchgeplant sind, wie große Bauprojekte, nur dass bei den Veranstaltungen nur der Zeitrahmen explodiert, bei den Bauprojekten sowohl der Zeitrahmen als auch die Kosten, und jedesmal aufs Neue sind Bauherren oder Veranstalter vollkommen überrascht davon.

    Hier blieb es tatsächlich bei zwei Stunden. Nun sind natürlich zwei Stunden an sich schon ziemlich lang. Ich bin ja langsam in dem Alter, wo man dauernd auf die Uhr schaut, weil man vor dem Tod noch was erledigen will, und die Zeit langsam knapp wird. Ich bin ein großer Freund des 90-Minuten-Zeitrahmens, der leider immer mehr aus der Mode kommt.

    Manchmal möchte ich ins Kino gehen, aber wenn ich die Längenangaben der Filme lese, habe ich gleich keine Lust mehr. Wann haben Hollywood-Regisseure eigentlich verlernt, eine Geschichte in anderthalb Stunden zu erzählen? Es mag ja Filme geben die zwei oder drei Stunden dauern müssen, aber meistens geht man doch mit wundgesessenem Hintern aus dem Kino und wünscht sich, sie hätten einfach die langweiligen, überflüssigen Stellen weggelassen. Und wenn der Film dann nur noch 20 Minuten gedauert hätte! So hätte man wenigstens nicht unnötig Lebenszeit an einen Regisseur verschwendet, der einfach nicht zu Potte kommt. Ich wäre mittlerweile bereit, im Kino statt dem Überlängenzuschlag einen Normallängenzuschlag zu bezahlen, wenn ich dafür nur … aber ich schweife ein bisschen ab.

    DSC08349

    (Und noch ein zusammenhangloses Bayreuth-Foto zum Augenausruhen für alle, die bis hierher durchgehalten haben.)

    Unbedingt erwähnen und über alle Maßen loben muss ich die Pellkartoffeln die es anschließend im Bierkeller der Bayrischen Botschaft gab. Der Hammer. Ich wusste zwar, dass man bei Pellkartoffeln nicht viel falsch machen kann, aber dass man soviel richtig machen kann, war mir neu. Dazu Jean-Paul-Bier und Frankenwein – super.

    Fortsetzung folgt (Arbeitstitel: „Battlerap im Bundestag und der traurige Nudelmann vom Paul-Löbe-Haus“)