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  • Schnipsel vom 19.12.2012

    Das geht mir alles noch nicht weit genug. Natürlich ist es gut, dass Zigarettenpackungen in Zukunft mit Schockfotos bedruckt und Zusatzstoffe, auch und besonders solche, die den Geschmack angenehmer machen, verboten werden. Schließlich, so erklärte irgendein EU-Kommissar im Radio, soll Tabak wie Tabak schmecken, nicht nach Vanille oder Kakao oder Menthol, da so etwas Jugendlichen den Einstieg in die Sucht schmackhaft machen. Doch das kann nur ein Anfang sein. Wann werden endlich alkoholische Getränken einem drakonischen EU-Reinheitsgebot unterworfen, laut dem sie nur Wasser und Alkohol enthalten dürfen? Schließlich soll Alkohol nach Alkohol schmecken, nicht nach Hopfen, vergammelten Trauben oder Torf. Hamburger sollten nur noch aus Fett bestehen dürfen, da Zusatzstoffe wie Salatblätter und traurige Tomatenscheiben den gefährlichen Inhalt verschleiern, den Konsum angenehmer machen und Kindern den Einstieg erleichtern. Und dann gibt es da ja auch noch Kondome mit Erdbeergeschmack, das ist doch Betrug, ganz davon abgesehen, dass es Jugendlichen den Einstieg usw., herrjeh, wenn es wenigstens Penisgeschmack wäre! Ach, es gibt noch so viel zu tun.

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    Quatsch, es gibt gar nichts zu tun, das geht alles schon viel zu weit, sagt dagegen die Tabakindustrie. Vorhin, als ich gerade Zucker aß, dem verschiedene Zusatzstoffe wie Teig, Kakao und Kirschen beigemengt waren, lief ein Interview mit dem Dings vom Sowieso – ich hab jetzt keine Lust nachzugucken, wer das genau war, da ich offline schreibe und nachher nur kurz zum Hochladen auf den Dachboden gehe, wo der DSL-Stecker ist, es war jedenfalls ein Sprecher eines Vereins der Tabakindustrie. Es hat viel Spaß gemacht, ihm bei seiner Sprachakrobatik zuzuhören. Da war dauernd die Rede von „gewissen Risiken“ beim Konsum von Zigaretten (wie auch beim unverantwortlichen Konsum anderer Genussmittel), ja natürlich, man gebe zu und habe nie bestritten, dass es „durchaus auch Risiken“ gebe, aber der freie selbstverantwortliche Bürger und so weiter und so weiter und außerdem: Die Arbeitsplätze in der Zigarettenindustrie, geraden jetzt, in der Krise! Das hat richtig Vorfreude auf die Pressekonferenz der amerikanischen Waffenlobby am Freitag gemacht.

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    Falls sie denn stattfindet, denn Freitag, da ist ja nun auch Weltuntergang oder eben auch nicht, auf alle Fälle will niemand mehr etwas davon hören. Trotzdem – „Hope for the best, prepare for the worst“ – ich möchte darauf hinweisen, dass es noch nicht zu spät ist, eine Weltuntergangsversicherung abzuschließen (siehe im verlinkten Artikel unter Punkt 10). Seltsamerweise bin ich mit dieser Idee nicht reich geworden, ich habe nur zwei Premiumpolicen verkauft. Wer glaubt, dass Gruselfotos auf Zigarettenpackungen die Leute vom Rauchen abhalten, wenn Sie sich nicht mal wegen einem ollen, bald abgelaufenen Kalender aus dem Urwald Sorgen machen?

     (VS)

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    PS: Ich finde es gut, diese Fotos auf die Zigarettenschachteln zu drucken. Wenn sie auch nur ein paar Jugendliche davon abhalten, mit Rauchen anzufangen, in diese fiese Falle zu geraten, wenn sie dazu beitragen, dass Rauchen noch ein wenig unattraktiver wird, dann ist das eine gute Sache. Das Verbot von Aromastoffen, zumindest die Begründung „Tabak soll nach Tabak schmecken, Aromen würden Jugendliche verführen“, halte ich für fragwürdig. Jugendliche steigen auch mit dem stinkigsten Kraut in die Raucherei ein (bei mir war es „Porti“ ;), wenn sie glauben, es sei attraktiv, cool, erwachsen oder einfach nötig, um nicht mit den Losern in einer Ecke zu stehen. Eher eine Frage der Einstellung der Gesellschaft zum Rauchen, als eine des Geschmacks.

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  • Im Grauen

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    Dort, wo hinter einem schmutzigbraunen Schilfgürtel das zugefrorene Haff und der Himmel eins wurden,

    wo die kahlen Ästchen knorriger Bäume wie Sprünge in einer Milchglasscheibe wirkten, wie Wurzeln, die im Nichts nach Halt und Nahrung suchten,

    wo der Schnee immer ein paar Tage länger liegen blieb und sich die Spuren der Rehe auf den Feldern in endlosem Grau verloren,

    dort, unter einer Kuppel aus mattem Glas,

    wo laut Wetterbericht „Dichternebel“ herrschte,

    wo es so still war, dass man die Tropfen, die das Tauwetter von den Bäumen fallen ließ, zählen konnte,

    wo der Flügelschlag einer Blaumeise Fluglärm war und der Klang der Kirchenglocken des nächstgelegenen Dorfes nur dumpf und erschöpft durch den Nebel drang, als habe er mit letzter Kraft einen letzten Menschen gesucht, in dessen Ohren er endlich sterben konnte,

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    dort, wo man die Einsamkeit nicht mit Tausenden teilen musste, wo allein sein nicht Schicksal, sondern Verheißung war,

    dort, am Ende der Welt,

    wo das Ende der Welt jeden Schrecken verlor, da es nur hundert Schritte vor einem begann und Nichts war, Nebel, eine leere Leinwand, weder Paradies noch Hölle, ein Nichts, dass alle Fehler und Sünden verschlucken würde, wenn man die hundert Schritte nur schneller liefe, als das Nichts vor einem fliehen konnte,

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    dort, fernab vom Tosen der Stadt, ihren Lichtern, ihren Farben, ihren Menschen,

    dort, im Land der Stille, wo die leisen Geräusche Asyl gefunden hatten,

    wo Zeit verging und nicht verschwand,

    wo Dinge nicht passierten, sondern waren,

    dort, wo man nichts brauchte als einen Kamin, Hühnerbrühe und einen guten Rotwein … dort gab es blöderweise auch einen Fernseher und das Handy meldete mit einem fröhlichen „Bi-ding“ ein offenes WiFi-Netzwerk. Es war trotzdem schön.

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    (Volker Strübing)

  • Bettel Star Galactica

    Mehrere Facebookfreunde haben das Video empfohlen, insgesamt wurde es fast 30.000 Mal bei Facebook geteilt und mehr als 15 Millionen mal auf youtube angeschaut. Na gut, ich guck’s mir auch an: Sentimentales Klaviergeklimper. Ein blinder Mann sitzt auf einer Treppe neben einem Fußweg. Eine Blechbüchse und ein Schild: „I’m blind. Please help me!“ Passanten eilen vorbei, einige werfen achtlos eine Münze hin. Nahaufnahmen des traurigen Mannes und einiger Leute, die von seinem Leid ungerührt ihren Geschäften und Vergnügungen nachgehen.

    Eine hübsche Frau (soweit man das trotz ihrer Puck-die-Stubenfliege-Brille beurteilen kann) stöckelt an ihm vorbei, hält inne, kehrt um und hockt sich vor ihn. Während er ihre Schuhe abtastet, schreibt sie wortlos etwas auf die freie Rückseite seines Pappschildes und stellt es wieder hin. Dann geht sie, und in der Folge kann sich der Bettler kaum noch vor Spenden retten, er kommt kaum mit dem Einsammeln der Münzen hinterher, die auf seine Sitzdecke herabregnen, niemand geht mehr vorbei, ohne sein Portemonnaie zu zücken, er sollte dringend über die Anschaffung eines Kartenlesegerätes nachdenken oder morgen zumindest eine Schubkarre mitbringen.

    Schließlich hockt sich die junge Frau erneut vor ihn, er erkennt sie an ihren Schuhen. „What did you do to my sign?“, fragt er.

    „I wrote the same“, antwortet sie lachend, etwa so, als würde sie einem kleinen Kind erklären, dass es doch nicht schlimm sei, dass es eingepullert habe, „but with different words!“

    Abgang der Frau, Schwenk auf das von ihr geschriebene Schild: „It’s a beautiful day and I can’t see it.“ Schwarzblende. 2 Schrifttafeln zu ausfadender Schnulzmusik. „Change your words. Change your world“, sagt die erste, die zweite stellt die Internetmarketingfirma vor, die mit diesem Rührstück für ihre Dienste wirbt.

    Ich lese ein paar Kommentare: „Wie schön, mir geht das Herz auf“, „Das ist so süüüüüüüüß“, „Wenn es doch mehr Menschen wie diese nette Frau gäbe“, „Teilt dieses Video, das sollten sich manche mal zu Herzen nehmen“, „Ich hätte fast geweint“. Statt zu weinen kotze ich in breitem Strahl auf die Tastatur (denkt einfach an die Restaurantszene aus „Der Sinn des Lebens“). Ich weiß vor Schreck gar nicht, was ich schlimmer finden soll: Das Video selbst, die angehängte Werbetafel oder die Kommentare. Mit einem Kotzkübel auf den Knien zwinge ich mich, mir das Video noch dreimal anzuschauen und noch ein paar Dutzend Kommentare zu lesen, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu finden, dass das alles nur Satire ist – erfolglos.

    Was für Menschen machen sowas? Was für Menschen klicken bei sowas „Gefällt mir“? Warum dauert es noch fast drei Wochen, bis die Welt endlich untergeht?

    Armut – ein Problem schlechten Marketings.

    Da war diese vollkommen besoffene Frau gestern am Nollendorfplatz. Parka, strähniges Haar, eine Goldkroneflasche in der einen, einen halbzerfetzten, nach oben geklappten Regenschirm in der anderen Hand stand sie im Schneeregen und blaffte ab und zu „Fuffzich Zent, mal ’n Euro“. Statt Pianokitsch gab es „Lasst uns froh und munter sein“ von Nena aus dem Ghettoblaster eines anderen Betrunkenen, der zehn Meter weiter Stellung bezogen hatte. Welche Worte würden die Welt dieser Frau ändern und zu einem signifikanten Umsatzplus führen? Vielleicht: „Es ist ein beschissener Tag. Und ich muss ihn doppelt sehen.“

    Gar nicht schlecht, oder? Ich war ja mal Werbetexter, vielleicht sollte ich mich in den Dienst der guten Sache stellen und (gegen eine faire Umsatzbeteiligung) die Armut in Deutschland besiegen. „Bettel Star Galactica“ wäre ein ziemlich cooler Name für die Agentur. Statt dem langweiligen „Bitte 50 Cent für Hundefutter“-Schild, würde ich dem Punk vor dem McDonalds einen „Lassen Sie ein Hundeherz höher schlagen“-Aufsteller gestalten, komplett mit vielen Herzchen und einem Link zur Facebook-Fanseite des Hundes, die ich gegen entsprechenden Aufpreis ebenfalls einrichten und pflegen würde.

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    (Dieses Bild hat mit dem Artikel nichts zu tun. Ich möchte mir nur nicht nachsagen lassen, ich würde immer nur meckern und vollkommen ignorieren, dass eigentlich alles immer besser wird.)

    Ich weiß gar nicht, warum ich mich über dieses Filmchen (und vor allem über die erschreckend dummen positiven Kommentare darunter) so aufrege. Es ist doch eigentlich viel schlimmer, dass es überhaupt bettelnde Menschen gibt, als dass irgendjemand diesen Umstand für klebrigen, paternalistischen Eigenwerbescheiß ausbeutet und Tausende dumme Menschen sich davon rühren lassen. Aber man kann sich ja auch nicht immer aussuchen, worüber man sich besonders ärgert.

    Vielleicht bin ich ja ein kaltherziger Zyniker, der den Menschen nur die Märchen kaputtmachen will, die sie doch brauchen, um in einer Welt ohne Happy Ends klarzukommen (dabei hat mir doch „Slum Dog Millionär“ selber so gut gefallen und wenn ich mir endlich mal „Pretty Woman“ angucken würde, müsste ich bestimmt auch weinen). Und überhaupt: Wenn es in Dritte-Welt-Slums kein fließendes Wasser gibt, dann sollen die Leute halt Milchkaffee trinken.

    (Volker Strübing)

    Ach so: Wer den Film sehen will: http://www.youtube.com/watch?v=Hzgzim5m7oU. Ein paar Klicks mehr machen jetzt auch nichts mehr.

     

  • Eine Zugfahr-Geschichte geht noch …

    Der Zug verlässt den Hauptbahnhof, ich packe die Zeitung aus, mache die Beine lang und freue mich: allein an einem Vierertisch lassen sich drei Stunden Zugfahrt gut aushalten. Ich bin selten so entspannt wie auf langen Zugfahrten. Aus dem Fenster schauen, lesen, mit offenen Augen träumen, Kaffee trinken – herrlich!

    In Spandau hält der Zug noch einmal, ein paar Leute tröpfeln ins Abteil, aber es gibt viele freie Plätze, mit etwas Glück setzt sich niemand zu mir. Vorsichtshalber ziehe mir trotzdem das schwarze Cap tief in die Stirn, setze eine Sonnenbrille auf, drapiere eine volle und zwei leere Hasseröder-Flaschen auf dem Tisch, lege die Zeitung weg, damit sie mein Tor-Steinar-T-Shirt nicht verdeckt und stelle ein Bein in den Gang, damit auch jeder die 18-Loch-Doc-Martens sieht. Ich habe überwiegend gute Erfahrungen mit meinem speziellen Bahnfahr-Outfit gemacht. Wenn sich dann allerdings trotzdem mal jemand zu mir setzt, ist der natürlich gleich besonders unangenehm. (mehr …)

  • SLAM2012 – Ab jetzt ist wieder vor der nächsten Meisterschaft

    Vorbei. Plötzlich wieder in Berlin und man läuft nicht ständig auf der Straße in Leute, die man umarmen kann. Überraschenderweise bin ich schon wieder halbwegs hergestellt, ich hatte eigentlich mit mindestens drei Tagen Rekonvaleszenz gerechnet.

    Aber erst mal das Wichtigste: Herzlichen Glückwunsch an die U20-Meisterin Jule Weber, Pierre Jarawan, den neuen amtierenden SLAM-Champion sowie an die beiden Zweitplatzierten Fatima Moumouni und Jan Philipp Zymny! Leider habe ich vom Finale selber kaum etwas mitbekommen, aber immerhin habe ich das U20-Stechen gesehen und Pierre Jan Philipp kenne ich gut genug, um zu wissen, dass das sehr verdient ist und mich für alle vier zu freuen. Vielen Dank an alle Organisatoren und die vielen ehrenamtlichen Helfer, ganz besonders an Kathrin und Frank, an die Sponsoren, an die Stadt Heidelberg und an das schöne Wetter. Und liebe Grüße nochmal an alle Poeten und Slammaster, die da waren. Ach, und an die, die leider nicht da waren, erst recht. Herzlichen Dank natürlich auch an das super Publikum … und an die Losfeen, die mich durchweg mit guten Startplätzen versorgt haben.

    Ich beiße mir ein bisschen in den Arsch, weil der Finalauftritt nicht so lief, wie ich gehofft hatte. War wahrscheinlich einfach kein Text fürs Finale, dann habe ich ihn auch noch beim Kürzen verstümmelt und bin hastig durchgestolpert, naja, schade. Vorrunde und Halbfinale liefen fantastisch, und ich hatte das Vergnügen und die Ehre, auch bei der Eröffnungsveranstaltung mitzumachen und (wenn auch aus unschönem Anlass) bei der ersten Teamvorrunde als Opferlamm aufzutreten. Es gibt also eigentlich keinen Grund zur Klage – obwohl es schon bitter ist, im Finale mit mehr Applaus auf die Bühne zu kommen, als von ihr runterzugehen.

    So Schluss damit, es waren sehr, sehr tolle Tage. Texte, Liebe, Alkohol, Adrenalin, was will man mehr? Ich war vor meinen Auftritten unglaublich aufgeregt, und das war schön. Ein paar fragten: „Wieso bist du denn so aufgeregt, du kennst das doch schon?“, aber ich hoffe, dass das Auftreten nie zur reinen emotionslosen Routine wird, und beim „National“ besteht diese Gefahr ohnehin nicht. Ich werde mir auch den nächsten nicht entgehen lassen, sei es, dass ich wieder teilnehmen kann oder einfach nur so hinfahre, um mitzufeiern.

    (Kurz vor dem Finale: Da es beim Slam zum Glück kein Dopingverbot gibt habe ich vorher noch einen ordentlichen Schluck  Mondquelle (Vollmondabfüllung) getrunken. Danke für das Foto und das Mondwasser an Hazel. Die Flache ist eine Erinnerung an einen Video-Abend mit der „Mondverschwörung„, einem Film, den ich hiermit jedem ans Herz lege.)

    Hab ich noch irgendwas vergessen? Bestimmt. Zum Beispiel muss ich unbedingt noch berichten, warum ich demnächst für fünf Monate nach Oberfanken ziehe. Aber jetzt will ich in die Badewanne, das ist doch auch mal wichtig.

    (Volker Strübing)

  • SLAM2012 – Vor dem Finale

    Okay, ich bin wie das kleine Strebermädchen, das vor jeder Klassenarbeit rumheult, dass es nicht gelernt habe und dann selbstverständlich eine 1+ schreibt. Hab meine Halbfinalrunde gewonnen und bin heute Abend im Finale der 16.deutschprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Heidelberg. Ich muss zu meiner Verteidigung anführen, dass das Halbfinale voll war mit großartigen Leuten und ich das letzte Mal vor 5 Jahren im Einzelfinale der Meisterschaften war – also nüscht von wegen: „war doch eh klar“. Aber die Jury hatte vorgestern in Mannheim ein Herz für ältere, ordentlich angezogene Herren – unter 30 und mit T-Shirt oder Kapuzenpulli hatte man keine Chance 😉

    Man kann sich das U20-Finale und das Einzelfinale heute ab 17.00 Uhr als Livestream bei arte.tv angucken:

    http://liveweb.arte.tv/de/video/Poetry_Slam_Meisterschaften_in_Heidelberg/

    Herzlichen Glückwunsch an das Team Totale Zerstörung, die gestern zum zweiten Mal den Teamwettbewerb gewonnen und damit Team LSD eingeholt haben. Herzlichen Dank an alle Teams dafür, dass ihr die etwas kühle Halle 02 ordentlich aufgeheizt  habt!

    Ich muss jetzt noch einen Text für heute Abend kürzen und einen neuen Anfang schreiben, mich außerdem auf heute Abend vorfreuen und richtig aufgeregt werden. Das schöne ist: Ich hab im Prinzip schon gewonnen, denn wie alle Finalisten bekomme ich heute Abend nochmal Getränkemarken!!! Hey!

    (VS)

  • SLAM2012 – Lieber Barth als Bond

    Endlich in Heidelberg, wo heute Abend die soundsovielten Meisterschaften der deutschsprachigen Poetry Slams, kurz der SLAM2012, bzw. der „National“, wie er sogar von Schweizern und Österreichern genannt wird, mit einer Eröffnungsgala anfangen. Ich hab mich schon lange darauf gefreut. Jetzt wird 5 Tage lang geslammt und gefeiert, danach bin ich im Eimer, verlasse mindestens drei Tage meine Wohnung nicht und beginne anschließend ein gesundes, verantwortungsvolles Leben – das wird schön.

    Wer nicht hiersein kann oder keine Karten mehr bekommen hat, muss aber nicht traurig sein: Poetry Slam ist sowieso Scheiße, wie Boris Preckwitz für das Feuilleton der SZ herausgefunden hat.

    Wer nicht glauben will, dass es sich beim Slam um nichts als billige Comedy, von Werbung kaum zu unterscheidenden Rap und generell um innovationslosen, gesellschaftskonformen Biedermaier handelt, findet den Beweis in untenstehendem Video. Es ist ein Mitschnitt des Hamburg-vs.-Berlin Poetry Slam Battles letzte Woche. Ab Minute 55 kann man mich als Mario-Barth-Atze-Schröder-Verschnitt sehen.

     

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=lGO-4Pbs9GE]

     

    Wer sich nun denkt: Na gut, dann geh ich eben nicht zum Poetry Slam, sondern gucke mir den neuen James Bond an – tut es nicht, der ist doof! Und wenn ihr es doch tut, obwohl ihr ja nun wisst, dass er doof ist, dann geht aus dem Kino, sobald der Vorspann anfängt, denn dann habt ihr das mmit Abstand Beste am Film (die Verfolgungsjagd durch Istanbul) schon gesehen und erspart euch auf eine fast zweieinhalb Stunden aufgeblasene bescheuerte Geschichte – wann haben die Regisseure eigentlich verlernt, 90-Minuten-Filme zu machen? -, viel Langeweile und vor allem: das nervige, kennermäßige Lachen der anderen Zuschauer, mit dem sie jeden „coolen“ Spruch, jeden mauen Gag und jede Anspielung auf frühere Filme quittieren.

    Ach nee, dann doch lieber Poetry Slam 😉

    (Lobenswert sind die Bemühungen Heidelbergs, die Stadt nicht zu hübsch werden zu lassen. Ein paar geschickt platzierte Neubauten sowie der Umbau der meisten Erdgeschosse in der Altstadt zu großflächig verglasten Schaukästen von Modekette und Handyläden tuen in dieser Hinsicht wahre Wunder.)

    (Volker Strübing)

  • Schnipsel vom 4.11.2012 – Sind Aktualisierungen Hitler?

    „Graphomanie (die Besessenheit, Bücher zu schreiben) wird zwangsläufig zur Massenepidemie, wenn die gesellschaftliche Entwicklung drei grundlegende Voraussetzungen erfüllt:

    1) hoher Grad, allgemeinen Wohlstands, der es den Leuten ermöglicht, sich unnützen Tätigkeiten zu widmen;

    2) hohes Maß an Atomisierung des gesellschaftlichen Lebens und daraus hervorgehend allgemeine Vereinsamung der Individuen;

    3) radikaler Mangel bedeutender gesellschaftlicher Veränderungen im inneren Leben eines Volkes. (In dieser Hinsicht scheint es mir bezeichnend, daß in Frankreich […] der Prozentsatz an Schriftstellern einundzwanzigmal höher ist als in Israel. […])“

    Milan Kundera, Das Buch vom Lachen und Vergessen, 1978

    Bin darüber gerade gestolpert und fand’s ganz hübsch, vor allem die Sache mit den unnützen Tätigkeiten. Wenn es 1978 schon Emoticons gegeben hätte, hätte Kundera bestimmt noch ein Minus und ein Klammer-zu hinter das Semikolon gesetzt Semikolonminusklammerzu.

    Der Schnipselfriedhof sieht seit Kurzem voll gerümpelig aus, die Fotos, die eigentlich genau die Breite der Textspalte haben sollten, sind plötzlich schmaler und mal rechts, mal links, mal mittig. Ich hab noch nicht nachgeguckt, was da passiert ist und ich werde auch den Teufel tun, mir damit den Sonntag Nachmittag zu verderben. Ich nehme an, dass WordPress irgendeine Aktualisierung der Software vorgenommen hat. Neulich habe ich Thunderbird aktualisiert, danach waren alle Mails und sämtliche Einstellungen samt aller sorgfältig eingerichteter Spamfilter und Ordnerweiterleitungen weg. Komplett und für immer. Zum Glück hatte ich zumindest die eingegangenen Mails des letzten Jahres noch auf meinem Laptop und irgendwo liegen Sicherungsdateien der Mails bis 2009 oder 2010 herum. „Aktualisierung“ wird für uns eines Tages einen ebenso bedrohlichen Klang haben wie „Jüngstes Gericht“ für frühere Generationen. Je stärker wir von elektronischer Kommunikation und digitalen Daten abhängig werden, je mehr wir deren Verwaltung und Speicherung an aus der Hand geben, desto müssen wir die nächsten Ideen der Software-Ingenieure und Marketing-Experten der Firmen, die uns so lieb bemuttern fürchten. Software-Aktualisierung als Schicksal.

    Dinge, in die wir viel Zeit und Nerven investiert haben (zum Beispiel das Erlernen der Bedienung eines DB-Fahrkarten-Automaten) werden von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen. Eines Tages schalten wir morgens den Rechner ein und stellen fest, dass uns Facebook eine neue Biografie entworfen hat, Amazon alle Bücher, die wir für den Kindle gekauft haben durch andere ersetzt und WordPress in allen Texten, die wir gepostet haben, schmutzige Wörter wie Blume, Regenbogen und Pinguin durch harmlose Wörter wie Blume, Regenbogen oder Pinguin ersetzt hat (huch!), weil sie mit Schmutz nichts mehr tun haben wollen, und irgendeine App hat unterdessen über Nacht allen Kontakten auf unserem Handy SMSe geschrieben, in denen sie Zalando oder irgendeine Dentalklinik angepriesen hat, und einen Tag nach Wahl führt die Partei, die man gerade gewählt hat, ein Software-Update durch und ist auf einmal doch für Krieg und mehr Armut und so weiter, heiliger Bimbam, uff nüscht kann man sich mehr verlassen!

    Und die Aktualisierungen, die man sich wirklich wünscht, kommen nie. Warte seit Ewigkeiten, dass die Sparkasse beim Homebanking eine Funktion zur selbstständigen Editierung des Kontostandes einführt, das kann doch nicht so schwer sein.

    (VS)

  • Schnipsel vom 25.10.2012

    Und nun Kurzmeldungen aus aller meiner Welt: Ich kann wieder Fahrradfahren! Und humpel schon wieder wie ein junges Reh durch die Weltgeschichte; vorbei sind sie vorbei die Zeiten, in denen ich die Immobilienteile der Zeitungen studiert habe, in der Hoffnung, einen Artikel über mich zu finden. Ich sag mal: Nicht richtig laufen können war eine interessante Erfahrung, man sieht die städtische Infrastruktur mit ganz anderen Augen, freut sich über die vielen Rolltreppen und Fahrstühle und wünscht den Leuten, die den Hauptbahnhof geplant und ungefähr eine Bank pro Bahnsteig vorgesehen haben, einen Meniskusriss … ähm, nicht an den Hals … ans Knie. Außerdem fällt einem erstmals auf, wieviele Menschen humpelnd unterwegs sind, es ist wirklich unglaublich.

    Wer nochmal sehen will, wie ich auf eine Bühne hinke (man muss mittlerweise aber schon genau drauf achten), kann zu einem der folgenden Termine kommen:

    Heute, 25.10.2012, 21.00 Uhr, Berlin, Café Ä, Rakete 2000

    26.10., Freitag, Leipzig, Musikalische Komödie, Best of Poetry Slam mit Theresa Hahl, Dalibor, Bleu Brode und mir.

    29.10., Montag, Dresden, Militärhistorisches Museum, Krieg/Frieden Poetry Slam (ach Du grüne Neune, was tue ich?) mit Harry Kienzler, Tobias Glufke, Pauline Füg, Dominik Bartels, Tobias Kunze und mir.

    31.10., Mittwoch, 19.30 Uhr, Gießen, Foyer der Universitätsbibliothek Gießen, icke solo

    5.11., Montag, Berlin, Volksbühne, Städtebattle Berlin vs. Hamburg mit Michel Abdollahi ,Fabian Navarro, Neurosenstolz, Bente Varlemann, Casjen Ohnesorge (für Hamburg) sowie Josefine Berkholz, Julian Heun, Bas Boettcher, Sebastian Lehmann und mir (für Berlin)

    8.11., Donnerstag, Wien, Poetry Slam (hab leider keinen Link gefunden)

    Wer nichts vorgelesen bekommen will, muss eben selber lesen. Man kann zum Beispiel in eine Buchhandlung gehen und, wie der dicke, etwas angegammelte Mann neulich im Buchladen in den Schönhauser Allee Arcaden, die Verkäuferin fragen: „Ham Sie außer Der Knochenbrecher und Der Vollstrecker noch andere Bücher von dem Autor?“ Literatur ist was Schönes.

    Wenn jemand nette Cafés oder Kneipen in Bayreuth kennt, bin ich für Hinweise sehr dankbar. Nächstes Jahr werde ich dort fünf Monate leben. Lange Geschichte. nach guter Schnipselfriedhof-Tradition verspreche ich, sie ein andermal zu erzählen.

    (Ich verstehe diese Werbung nicht. Ist die Frau mit dem Kaktus im Schritt ein Vorher- oder Nachherbild? Gruslig auf alle Fälle. Niemand sollte Kakteen zwischen den Beinen haben.)

    (VS)

  • Unter Verdacht

    (Moep  +++ Entschuldigung, das ist ein Repost. Hatte die Geschichte gestern schonmal veröffentlicht, aber da ist was schief gegangen. +++ Moep)

    „Ich kaufe nichts, und ich will auch nicht über Gott sprechen!“, schnauzte ich die beiden Idioten an, die mich aus dem Mittagsschlaf geklingelt hatten. Als ich ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen wollte, stoppte sie der größere der beiden mit seiner Möbelträgerpranke. Er schüttelte den Kopf.

    „Nicht über Gott sprechen, soso“, sagte der andere, ein abgebrochenes Männchen mit Mantel und Hut. „Worüber denn dann? Über Allah? Über Mohammed?“

    „Über Odin?“, grunzte der Schrankwandtyp und trat drohend einen Schritt nach vorn. Das Männchen legte ihm beruhigend eine Hand auf den Rücken. „Am besten, Herr S., Sie lassen uns erst einmal herein“, sagte er zu mir.

    „Das werde ich selbstverständlich nicht tun!“

    Die beiden glotzten sich an. „Huij, das fängt ja gut an. Widerstand gegen die Staatsgewalt…“

    „Welche Staatsgewalt?“

    Sie griffen in ihre Manteltaschen, holten irgendwelche Plastikkarten mit Bundesadler hervor und fuchtelten mir damit kurz vor dem Gesicht herum. „Schrader mein Name, Staatsschutz, und das hier ist mein Kollege Schlobach. Lassen Sie uns jetzt herein, oder bestehen Sie auf einer Zuführung durch ein SEK?“ (mehr …)