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  • Lens Baby Belle und kommende Auftritte

    Irgendwann wird es mal wieder eine richtige Seite mit Auftrittsterminen geben, die dann auch regelmäßig aktualisiert werden, aber irgendwann wird schließlich auch die Sonne erkalten, weil ihr der Brennstoff ausgeht, und deshalb kommen hier jetzt meine nächsten Auftrittstermine für alle, die mich vorlesen hören oder eben gerade auf garkeinen Fall vorlesen hören möchten. Die Fotos haben Hazel Brugger und ich gemacht und zwar mit ihrem Lens Baby, einem tollen Objektiv, mit dem man qualitativ minderwertige aber schöne Fotos machen kann ohne eine Fotoqualitätsverschlechterungsapp zu benutzen.

    (Das schönste Foto von einer der merkwürdigsten Statuen der Welt – dem ulkigen Mann im U-Bhf. Vinetastraße. Foto: Hazel Brugger)

    Sonnabend, 6.10., Heidelberg, Zirkuszelt auf der Neckarwiese,  Champions Potry Slam mit Patrick Salmen (Wuppertal, Sieger SLAM 2010), Yasmin Hafedh (Wien, U20-Siegerin SLAM 2009), Julian Heun (Berlin, U20-Sieger SLAM 2007), Nektarios Vlachopoulos (Mannheim, Sieger SLAM 2011), Bleu Broode (Marburg, U20-Sieger SLAM 2008) und mir.

    Sonntag, 7.10., Ilmenau, BD Club, Solo

    Donnerstag, 11.10., Zürich, Slam im Zelt mit Laurin Buser und mir.

    Dienstag, 16.10., Hamburg, Knust, NDR Comedy Contest, Aufzeichnung, Ausstrahlung Anfang November

    Mitttwoch, 17.10., Hamburg, Ernst Deutsch Theater, Best Of Poetry Slam

    Donnerstag, 18.10., Greifswald,  Kaisersaal der Stadthalle Greifswald, Best Of Poetry Slam

    So. Reicht erstmal. Jetzt noch ein paar Bilder.

    (Essen instagrammen ist so 2011. Jetzt wird lensgebabed!)

    (Icke. Foto von Hazel. Das nächste Bild: Auch icke. Auch von Hazel.)

    (Kastanien, Zahnbürste und Tomate – so verschieden, und doch in Harmonie und Frieden vereint. Warum können wir Menschen nicht von ihnen lernen?)

    (Dieses Bild trägt den Titel: Verblühende Tomatenpflanze, in Sauerkirschtee sich spiegelnd.)

    (Symbolbild „Herbst“)

    (Volker Strübing)

  • 60 Millionen Pralinen

    Ehrlich, ich mag Facebook. Und kann dieses von Unwissenheit und Neophobie geprägte „Meine Daten, meine Daten, ach du lieber Gott, meine Daten!“-Gejammer mancher Leute nicht mehr hören. Als sei eine Anmeldung bei Facebook dasselbe ist wie ein Einzug in den Big Brother Container!

    In letzter Zeit allerdings ist es sogar mir ein bisschen unheimlich geworden. Wahrscheinlich werde ich einfach mit dem Alter immer ängstlicher und konservativer. Ich kämpfe dagegen an, aber ganz kann ich es offenbar nicht verhindern.

    Neulich jedenfalls tauchte am rechten Rand Werbung für eine Single-Börsen-App auf. „60 Millionen Singles zum Greifen nahe“, versprach sie. Darunter standen die Namen zweier Facebookfreunde, die diese App benutzten. Dies warf einige Fragen auf. Zuallererst, welchen Sinn die Angabe meiner beiden Facebookfreunde haben sollte, handelte es sich bei ihnen doch um ältere Herren. Solange sich in meinem Freundeskreis keine Frauen fanden, die die App benutzten, musste sich eine eventuell erhoffte Werbewirksamkeit dieser Maßnahme in ihr Gegenteil kehren. Desweiteren fragte ich mich, ob die beiden wussten, dass ihre Namen von der App zu Werbezwecken verwendet wurden. Wahrscheinlich nicht, aber das war selbstverständlich ihre eigene Schuld, hätten sie sich doch die Nutzungsbedingungen etwas genauer angeschaut!

    Auch der Werbespruch verfehlte seine beabsichtigte Lockwirkung bei mir vollkommen: 60 Millionen Singles! Zum Greifen nahe! Das wollte ich nicht, das waren mir eindeutig zuviele, selbst wenn es sich bei diesen 60 Millionen nicht durchweg um ältere Herren handeln sollte, sondern um Frauen, die mir einzeln durchaus zu gefallen wüssten. Und auch wenn „zum Greifen nah“ sicher nicht wörtlich zu verstehen war, stellte sich bei mir dennoch sofort das Bild einer riesigen Menschenmenge ein.

    Menschenmengen sind mir gruselig, sie setzen das Schlimmste in ihren Mitgliedern frei, Menschenmengen sind böser als die Summe ihrer Teile; sie haben keinen Geschmack, kein Herz und kein Hirn. Seht euch nur einmal an, wo und wann sich Menschenmengen bevorzugt aufhalten, es sind schlechte Orte und falsche Zeiten. Man trifft sie bei Fußballspielen, im Berufsverkehr, bei Sommerschlussverkäufen und Tote-Hose-Konzerten. (Manchmal auch bei Lesebühnen und Poetry Slams. Darüber muss ich noch einmal nachdenken.)

    60 Millionen Singles! Zum Greifen nahe! Wie soll man sich denn da entscheiden? Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die sich aus 8 verschiendenen Pralinen eine aussuchen durften, hinterher glücklicher waren, als die Testpersonen, die die Wahl zwischen 30 Sorten hatten. Je größer die Auswahl desto größer die Angst, man hätte sich besser entscheiden können, desto größer die Unzufriedenheit; es folgen Streit, Scheidung, Alkoholismus und die regelmäßigen Familientragödien in der Tagesschau, bei denen Särge aus gesichtslosen Einfamilienhäusern getragen werden.

    Bei Singlebörsen greifen alle erst einmal nach den schönsten Pralinen, doch diese sind stets nur Lockvögel und so wühlen sich Ottonormalverlierer und Petra Mustermann schließlich frustriert durch den Grabbeltisch mit abgelaufener Ware in der Hoffnung, zwischen angeditschten Hallorenkugeln und zerdrückten Edlen Tropfen wenigstens noch ein halbwegs passables Raffaello zu finden – es ist ein Trauerspiel!

    (Was soll denn bei so einer Diskussion rauskommen?)

    Vor allem aber fragte ich mich, wie Facebook auf die Idee gekommen war, dass ich mich für Singlebörsen interessierte. Ich hatte meinen Beziehungsstatus im Profil nicht angegeben, und wahrscheinlich war genau das der Grund: Irgendein Algorhythmus, der für die Verteilung der Werbung zuständig war, ging vielleicht davon aus, dass Menschen, die glücklich in einer Beziehung lebten, dies auch stolz auf Facebook kundtaten, das war schließlich nichts, was man geheim halten würde, nichts wofür man sich schämte. Wer da Feld nicht ausfüllte war nach dieser Logik entweder Single oder mit seiner Beziehung unglücklich, auf jeden Fall aber auf der Suche. Ganz schön perfide. Dadurch, dass ich keine Aussage machte, machte ich eben gerade doch eine Aussage, „keine Antwort ist auch eine Antwort“!

    Während ich noch über die unheimlichen Implikationen meiner Entdeckung nachdachte, scrollte ich durch die Statusmeldungen. Es war die übliche Mischung aus Instagram-Bildern, Aphorismen und Links zu Musikvideos. Zwischendrin eine Menge Genörgel über die Änderungen an der Profilseite, die Facebook angekündigt hatte. Wieder so ein Sturm im Wasserglas, wie damals als die Chronik eingeführt wurde. Herrjeh, dann macht doch nicht mehr mit! Schließlich war es deren Website, sie konnten damit machen, was sie wollten und und wenn es uns hier nicht mehr gefiel, dann würden wir eben weiterziehen.

    Ich schloss die Seite, rief meine liebste Bastel-Website auf und arbeitete den Rest des Tages weiter an meiner Atombombe.

    Als ich mich am nächsten Tag wieder bei Facebook einloggte, stellte ich halb angewidert, halb amüsiert fest, dass anstelle der Singlebörse nun ein Sexshop für Masturbationshilfen warb. Darunter wie gehabt eine Aufzählung von Freunden, die diesen Sexshop besucht hatten. Die nächste Anzeige warb seltsamerweise für Handcreme von Nivea; eine weitere für Thor Steinar Klamotten. Man, jetzt dreht ihr aber echt durch, dachte ich. Da klingelte das Telefon.

    „Strübing?!“

    „Guten Tag, hier ist Wiebke Schmidt von Facebook Customer Care. Wir rufen sukszessive alle Facebook-Teilnehmer, die ihre Telefonnummer angegeben haben an, um eventuelle Fragen zur neuen Profilseite zu beantworten und mögliche Fehler und Missverständnisse auszuräumen.“

    „Ähm, die neue Profilseite?“

    „Ja, wir haben ein paar Änderungen vorgenommen, damit sie ihr Profil noch besser auf ihre Person anpassen können. Wurde heute nacht freigeschaltet, schauen Sie doch mal nach.“

    Ich tat, wie mir geheißen.

    Und kippte fasst vom Stuhl.

    Es gab plötzlich Dutzende von Feldern für persönliche Angaben – und alle waren ausgefüllt.

    „Habt ihr ein Rad ab?“, brüllte ich ins Telefon.

    „Stimmen die Angaben nicht? Eine Software hat die wahrscheinlichsten Antworten für alle Felder auf Basis ihrer bisherigen Angaben und ihres Nutzerverhaltens errechnet, um ihnen das Leben leichter zu machen. Falls unser Algorhytmus Fehler gemacht hat, können Sie die natürlich jederzeit korrigieren.“

    „Beziehungsstatus: Ich bin ein einsamer Loser und kriege langsam Hornhaut an der rechten Handfläche?!“, schrie ich. Das erklärte dann wohl die Nivea-Werbung.

    „Wenn Sie Linkshänder sind, können Sie im Menü auch die linke Handdfläche auswählen.“

    „Verarschen Sie mich doch nicht! Wie kommen Sie überhaupt auf diesen Scheiß?!“

    „Naja, Sie haben keinen Beziehungsstatus angegeben, sich nicht für Singlebörsen interessiert und nie ‚Gefällt mir‘ gedrückt, wenn jemand ein Kitschbild mit einem schmalzigen Spruch über die Liebe gepostet hat, und daraus hat die Software extrapoliert, dass sie wahrscheinlich ein notorischer Masturbierer ohne Interesse an wirklichen Beziehungen und echtem Sex sind. Es ist doch auch in Ihrem Interesse! Damit Sie nur Statusmeldungen und Werbung zu sehen bekommen, die sie wirklich interessieren.“

    Ich rang nach Luft, Fassung und Worten. Wiebke Schmidt plapperte weiter: „Und es ist doch auch nichts dabei, wir verurteilen Sie ja gar nicht.“

    „Es ist aber nicht wahr!“

    „Dann ändern Sie es eben!“

    Ich öffnete das Auswahlmenü und überflog die angebotenen Alternativen. Es war eine lange Liste, aber …

    „Ähm, hören Sie, ich finde ‚Keine Angabe‘ nicht.“

    „Ja, das gibt’s ja auch nicht mehr. Das haben wir durch ‚Ich bin so pervers, dass ich nicht darüber sprechen will‘ ersetzt. Wissen Sie, die Idee hinter Facebook ist doch das Teilen von Informationen mit Freunden. Es ist doch ein ziemlich unsoziales Verhalten, bei anderen den Beziehungsstatus zu checken und den eigenen geheimzuhalten. Wir wollen Facebook gerechter und sozialer machen. Hand auf’s Herz, haben Sie noch nie bei jemandem nachgeguckt, ob er oder sie in einer Beziehung ist?“

    „Naja … schon, aber …“

    „Und außerdem, um mal unseren Chef, den Marc, zu zitieren: ‚Wer nichts zu verstecken hat, hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten.‘ Gerade Ihnen als Nazi müsste das doch gefallen!“

    „Was?!“ Tatsächlich, unter „Politische Ansichten“ stand „Faschist“.

    „Sie sind doch Nazi, oder? Weil, wenn Sie ein verfassungstreuer Demokrat wären, hätten Sie ja kein Problem damit gehabt, die Spalte auszufüllen und da hat der Algorhythmus gefolgert …“

    „Ja, ich verstehe schon!“, sagte ich. „Und ich weiß ja auch, dass die Idee dahinter gut ist, aber wissen Sie … ich weiß nicht, ob das noch was für mich ist, löschen Sie doch bitte mein Profil. “

    „Ich kann ihren Login gerne löschen. Dann können Sie aber auch Fehler in ihrem Profil nicht mehr ändern, denn das bleibt natürlich bestehen. Das ist Eigentum von Facebook. Wenn Sie sich mit ihrer Mutter verkrachen, gehen Sie doch auch nicht zu ihr und reißen sämtliche Fotos von sich selbst aus Muttis Fotoalben. Und außerdem: Das finde ich sehr unanständig von ihnen, Herr Strübing. Jahrelang haben Sie unseren Service genutzt und nichts haben Sie je zurückgegeben. Nicht auf eine einzige Werbeanzeige haben Sie geklickt, wie ich gerade sehe. Sie haben unsere Arbeit, unsere Server, unsere Energie genutzt, um ihren Spaß zu haben, Sie Schmaotzer, Sie haben, wie ich gerade sehe, kostenlos bei uns Werbung für ihre Lesungen gemacht, und als einzige klitzekleine Gegenleistung bitten wir um ein paar Informationen, und die wollen Sie uns jetzt wieder wegnehmen! Was für ein schlechter Mensch Sie doch sind“

    Sie weinte. Und ich sah nun ein, dass sie Recht hatte und ich ein schlechter Mensch war. Zum Glück war das entsprechende Feld in meinem Profil schon korrekt ausgefüllt.

    „Ist ja gut, ist ja gut“, lenkte ich ein. „Ich bin Ihnen allen ja auch dankbar für ihre Arbeit. Also gut. Ich lass mir das alles nochmal durch den Kopf gehen.“

    Ich legte auf, änderte meine politische Anschauung in „Islamist“, meine Religion in „Hinduismus“ und meinen Beziehungsstatus in „Ich ficke deine Mutter und es ist kompliziert“, dann schaltete ich den Computer aus und ging in den Park, um meine Atombombe endlich einmal auszuprobieren.

    (Volker Strübing)

  • Morgen: Groovestation!

    Ich lese morgen (Mittwoch) solo in der Groovestation in Dresden. Um acht. Es gibt Bier und Brause an der Bar und allerlei Texte von mir. Der Eintritt beträgt 5 Euro, dazu kommen gegebenfalls noch Fahrtkosten, wenn man zum Beispiel aus Wuppertal oder so anreist.

  • Schnipsel vom 17.9.2012 – Spirelli und gestiefelte Netzbarbaren

    • Apropos Spirelli mit Tomatensauce: Ich vermute ja, dass das ein typisches DDR-Gericht ist oder dass zumindest der Name DDR-typisch ist, aberich  maße mir darüber  keine Aussage an, da mir Sprach- und Esskultur der Vorwende-BRD nicht gut genug bekannt sind.

      Dieselbe Zurückhaltung wünsche ich mir manchmal von den Autoren altbundesländischer Zeitungen, die ihr Halbwissen über DDR-Sprache gerne mit einem ironischen Schmunzeln in ihre Texte einfließen zu lassen. So zum Beispiel heute Camilla Blechen in der FAZ in einem Artikel über Friedrich den Großen und seine Rolle als PR-Mann der Kartoffelmafia: „Bis heute erfüllen die mehligen Feldfrüchte – nicht nur im weiterlebenden Sprachgebrauch der DDR – ihre Funktion als ‚Sättigungsbeilage’“. Das ist Quatsch. Kartoffeln wurden im Osten „Kartoffeln“ genannt (so wie man übrigens für gewöhnlich Weihnachtsengel „Weihnachtsengel“ nannte). Die Sättigungsbeilage waren irgendwelche sauer eingelegten Gemüse und Ähnliches.

      So! Das war vielleicht kleinlich, aber was gesagt werden muss, muss gesagt werden, und es heißt nunmal „Rös’chenhof“ und nicht „Röschen-Hof“!

    • Bevor ich jetzt gleich auch noch über einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung herziehe, möchte ich anmerken, dass FAZ und FAS zu meinen Lieblingszeitungen/-zeitschriften gehören, obwohl – und auch ein bisschen weil – ich die Meinungen der Autoren oft nicht teile.
    • Von allem, was ich dieses Jahr im Internet gesehen habe, hat mir das Jesus-Monchichi wohl die meiste Freude bereitet, der misslungene Versuch einer spanischen Rentnerin, ein Jesus-Fresko zu restaurieren. Ich muss ehrlich gesagt noch immer kichern, wenn ich daran denke.

      Wie viele der besten lustigen Geschichten ist sie gleichzeitig ein bisschen traurig; eine Erzählung von Anspruch und Scheitern, und damit noch ein ganzes Stück großartiger als niesende Pandas oder so.Wie man hört, ist die Rentnerin ziemlich unglücklich über die mediale Aufmerksamkeit: Ich glaube gern, dass es schlimm für sie ist, dass ihr Versuch, dem Bildnis ihres Erlöser seine Erhabenheit zurückzugeben, dazu geführt hat, dass die ganze Welt darüber lacht. Und nur ein herzloser Utalitarist würde das Unglück dieser Frau gegen die Freude, die sie Millionen Menschen gemacht hat, aufrechnen.

      Andererseits: Das ändert nichts daran, dass es nunmal verdammt lustig ist.

      Für manche Leute ist die ganze Geschichte allerdings ein (weiterer) Beleg für den Untergang des Abendlandes. Zum Beispiel für Paul Ingendaay, der sich in der FAS von gestern darüber beklagte, dass es doch wohl wichtigere Themen gäbe – als müssten erst Euro, Umwelt und das deutsche Rentensystem gerettet, Hunger, Krieg und Krebs beseitigt werden, bevor irgendjemand es wagen darf, die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Anschließend beschreibt er kurz die Geschichte des Bildes und seiner missglückten Restaurierung, um dann mit Ekel zu konstatieren:„Nicht, dass sich die Spaßgemeinde im Netz für diese Zusammenhänge interessiert hätte. Sie wäre wohl auch über größere Kunstwerke ohne Bedenken hinweggestiefelt. Denn hier siegt Albernheit über Ernst, Gelächter über Feierlichkeit, das Säkulare über die Religion.“ – hallelujah, wir werden alle sterben.

      Allerdings nimmt der Autor kurz darauf den Vorwurf der Gottlosigkeit zurück, indem er praktisch behauptet, die alles Schöne und Wahre niederstiefelnden Netz-Orks hätten den Witz an sich zu ihrem Gott erklärt. Oder, wie er in einem anderen, online verfügbaren Artikel zum selben Thema schreibt: „Die neue, von den sozialen Netzen heraustrompetete Frömmigkeit gilt dem Scherz, der peinlichen Lachnummer, der Banalisierung und Blasphemie.“ –  niesender Panda, geheiligt werde Dein Schnupfen, Dein Reich komme, wie im Tierpark so auch auf Erden. (Ich habs in letzter Zeit irgendwie mit Neufassungen des Vater Unser)

    (Herbst 1972: Der Autor dieses Beitrages auf der Motorhaube eines F8. 16.9. 2012 (leider ohne Foto): Der Autor dieses Beitrages und ein F8 im Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz. Wie sich die Zeiten ändern. Der F8 stand nur rum, ich durfte immerhin ein paar Geschichten vorlesen und hinterher wieder nach Hause.)

    • Nebenher läuft gerade der Fernseher und Angela Merkel behauptet in den Nachrichten: „Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung.“ Aber hallo ist sie das! Auch wenn es bedauerlich ist.

    (Volker Strübing)

  • Schnipsel vom 15.9.2012 – SEK & Birkenschnaps

    Gestern war ich zu Hochzeitsfeierlichkeiten nach Weißensee eingeladen. Schön war es, dem wunderbaren Paar sei eine glückliche Ehe beschieden und zur goldenen Hochzeit mache ich gerne wieder Bouletten. Unvergesslich wird mir das Fest unter anderem wegen des SEK-Einsatzes und des Birkenwodkas bleiben. Hier mag der Leser stutzen; falls es sich bei ihm um eine Comicfigur handelt, wird eine Gedankenblase mit einem großen Fragezeichen über seinem Kopf erscheinen: Birkenwodka, wtf? Eigentlich handelte es sich nicht um echten Birkenwodka, sondern um normalen Wodka mit Birkenaroma. Wie er schmeckt, ist leicht zu beantworten: Wie Birkenpudding oder Birkenkompott, nur eben mit Wodka, ist doch logisch.

    (Hochzeitstorte -hackherzen)

    Der SEK-Einsatz wurde durch eine Schießerei auf dem Hof der zum Feiern gemieteten Lokalität ausgelöst bzw. durch das, was ein besorgter Nachbar für eine Schießerei hielt. Eigentlich waren nur ein paar Knaller und eine Feuerwerksbatterie gezündet worden, trotzdem rückte ein Sondereinsatzkommando an, man muss das ja auch verstehen, die hatten eben nur die Info: Schießerei auf finsterem Weißenseer Hof. Von einer Erstürmung des Anwesens wurde nach gründlicher Prüfung der Lage Abstand genommen.

    Mein Lieblingssatz heute stammt aus dem FAZ.net-Artikel „Die langfristige Perspektive: Inflation oder Schuldenschnitt“ und lautet: „Berechnungen […] zeigen, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten in einem Drittel aller Jahre jeweils mehr als ein Fünftel der Staaten zahlungsunfähig war.“ Da fragt man sich doch: Kann es nicht auch sein, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten an der Hälfte aller Tage in zwei Dritteln der Zeitungen aus vier Fünfteln aller Länder in einem Viertel aller Artikel gut ein Zehntel aller Sätze seltsam war? Lesenswert ist der Artikel übrigens allemal.

    Wo ich einmal bei schönen Sätzen bin: Im Buchladen fragte vorgestern jemand: „Ham Sie von dem Autor noch andere Bücher außer ‚Der Knochenbrecher‘ und ‚Der Vollstrecker‘?“

    Schönes Wochenende!

  • Einhornkacke

    Okay. Ich hab also eine Schreibblockade. Schreibblock adé sozusagen. Wie schlimm sie ist,  sieht man schon daran, dass ich darüber schreibe. Darüber zu schreiben, dass man nicht schreiben kann, ist nun wirklich das Letzte. Das ist noch schlimmer als wilde Geschichten über Monster, Einhörner und Wackelpudding, die damit enden, dass der Protagonist aufwacht und erleichtert feststellt, dass alle – puh! – nur ein Traum war. Und dann beim Aufstehen in ein Häuflein Einhornkacke tritt, das vor seinem Bett liegt … uijuijui, war es vielleicht doch nicht nur ein Traum? Gähn … aber immer noch besser als „Ich kann nicht schreiben“-Gejammere. „Dann lass es doch!“, möchte man dem Autor zurufen, außer man ist es zufällig selbst.

    Nichts geht. Dabei ist es garnicht so, dass ich keine Themen hätte, nö, ich kann gerade einfach nur nicht schreiben. Nicht denken. Wenn ich eine Idee zu fassen versuche, fühle ich mich sofort, als würde ich mit einem Nudelsieb Wasserschöpfen wollen oder bei einem Ramstein-Konzert Sudokus lösen. Als würde ich probieren, mich mit der einen Hand am Fuß zu kitzeln, während die Finger der anderen in der Steckdose stecken.

    Naja. So ungefähr. Seit Wochen kein neuer Text, die längerfristigen Sachen kommen nicht voran, eine neue Kloß-und-Spinne-Folge ist seit drei Monaten halb fertig und will es wohl noch eine ganze Weile bleiben. Ich bringe keinen Gedanken zu Ende, denke in Halbsätzen, springe von Thema zu Thema, werde von Ohrwürmern gemartert, zum Teil sind es Sätze oder Halbsätze, die sich selbstständig gemacht und plötzlich eine Melodie haben und in meinem Kopf in Endlosschleife laufen. Ich öffne Textverarbeitung oder Notizbuch und, schwupps, laufen tausend Männchen durch meinen Kopf und brüllen durcheinander. Und ich gebe auf und lenke mich stattdessen mit Computerspielen, Videos, Büchern ab, die einzige Möglichkeit, mich auf irgendwas zu konzentrieren.

    (Symbolbild Schreibkrise: Ungefähr so wie auf der Wand hinter mir im Backstageraum des Substanz vor einem halben Jahr sieht es in meinem Kopf aus, wenn ich zu schreiben versuche. Nur leider nicht ganz so zotig.)

    Natürlich kenne ich das.  Gehört wohl dazu. Aber es ist jedesmal auf’s Neue Scheiße.

    Immerhin gibt es diesmal im Vergleich zu früheren Schreibblockaden zwei unschätzbare Vorteile: Zum einen geht es mir davon abgesehen und nichtsdestotrotz prima, zum anderen habe ich (seit 3 Wochen) eine Superausrede: Mein Knie ist angemurkst, ich kann nicht richtig laufen, bin also krank, da kann ich doch nicht arbeiten!
    Man könnte natürlich spitzfindig anmerken, dass ich mir den Meniskus angerissen habe und nicht den Frontallappen und dass es meinem Knie egal ist, ob ich vor dem Fernseher sitze oder am Schreibtisch, aber das würden nur sehr böse, herzlose Menschen machen, Humankapitalverwertungsfanatiker, Menschen, die auch nichts dabei finden, selbst noch Beinamputierte zum Hürdenlauf zu prügeln und Armlose in Olympiaschwimmbecken zu schubsen, hör mir auf! Aber ich will jetzt gar nicht abschweifen, nein, ich versuche, schnell fertig zu werden, bevor meine Schreibkrise merkt, dass ich schon 435 Wörter geschrieben habe – seien sie auch noch so belanglos – und mich dazu bringt den Laptop zuzuklappen und mich mit Kaffee und Zigarette auf den Balkon zu setzen, vorgeblich um Nachzudenken, während ich in Wirklichkeit nur stumm „Tötet Onkel Dittmayer“ oder „Komm mutier mit mir zu etwas ganz besonders Merkwürdigem“ vor mich hinsinge und und wie ein irrwisch auf dem Balkontisch herumklopfe. Nein, Volker, los, du schaffst das, du kriegst diesen Artikel fertig, nein, nein, leg das Handy weg, nicht „Bubbleshoot“ starten, nicht …

    Ich erwachte. Zum Glück war alles nur ein schlechter Traum gewesen. Ich wischte mir mit der Bettdecke den Schweiß von der Stirn. Ich setzte mich auf und schüttelte lächelnd den Kopf. Was für eine Scheiße man manchmal zusammenträumte … da fiel mein Blick auf ein leeres weißes Blatt auf dem Boden vor meinem Bett … NEEEIIIINNN!

    Solidarische Grüße an Kirsten und Micha!

    (VS)

  • O! So phil Philosophie!

    Die lange totgeglaubte Philosophie boomt derzeit wie seit den Tagen der ollen Griechen nicht mehr. Gar nicht so sehr wegen der Beststeller von Precht und anderen populärwissenschaftlichen Philosophieerklärern , sondern wegen der starken Philosophienachfrage seitens der Wirtschaft. Jede popelige Schraubenbude braucht ja heutzutage eine „Philosophie“, wenn sie sich am Markt behaupten will, Produkte alleine reichen schon lange nicht mehr. Ein Glück für alle Studenten dieser edlen Geisteswissenschaft, die früher dazu verdammt waren, in Holzfässern, schimmligen Wohnungen oder Feuilletons vor sich hinzuvegetieren. Endlich werden sie gebraucht. Manche Unternehmen scheinen sich regelrechte Philophieabteilungen aufgebaut zu haben.

    Zum Beispiel der Fernsehhersteller Loewe, für den irgendein Manager in einem Interview auf Inforadio nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei Firmenphilophien präsentieren konnte. Ich stelle mir gern ein Großraumbüro voller sympathisch angetrottelter Philosophen vor, überall stehen Kaffeetassen, Teller mit Rühreiresten, halbleere  Schierlingsbecher (oder halbvolle? Ein ewiger Streit in der Abteilung!) herum, die Luft ist aufgeladen von kreativer Energie, die sich hin und wieder in Geistesblitzen entlädt: „Platon!“, brüllt da plötzlich einer  und Krümel des  Pflaumenstreuselkuchens, an dem er gerade gekaut hatte, als die Erleuchtung ihn ereilte, fliegen durch den Raum. „Höhlengleichnis!“, fügt er hinzu und plötzlich ist kein Halten mehr. Die Philosophen laufen wild gestikulierend durcheinander, Haare werden gerauft, Bärte gezupft, Kaffeetassen umgekippt. Natürlich! Das Höhlengleichnis, das ist es! Was könnte besser zu einem Fernsehhersteller passen!

    Sieben Monate später, nachdem sich meherere miteinander unversöhnlich streitende philosophische Schulen gebildet, wieder aufgelöst und neu gruppiert haben, die Hälfte der Belegschaft in den Selbstmord getrieben wurde und die Mitarbeiter in der Beschwerdeabteilung eine Etage tiefer wegen des Geschreis und Getrampels über ihnen kaum noch arbeiten konnten, ist es soweit: Die Philosophen legen der Geschäftsführung die von ihnen ausgearbeitete Unternehmensphilosophie vor, ein 4000 Seiten dickes Manifest in drei Bänden, ledergebunden, die ersten beiden Bände in Schweinsleder, der dritte in die Haut eines Neopositivisten, der bei der Kaffeekasse beschissen hatte.
    Die Geschäftsführung ist beeindruckt und gibt das Werk an die Marketingabteilung weiter mit der Bitte, es ein wenig zu kürzen, man habe morgen einen Interviewtermin auf der IFA und wolle der Öffentlichkeit gerne drei Unternehmensphilosophien vorstellen.

    Und so durfte ich mir schließlich folgendes anhören (Gedächtniszitat): „Unsere erste Philosophie ist Qualitätsarbeit. Unsere zweite Philosophie ist verantwortungsvolles Unternehmertum. Und unsere drittte Philophie ist ‚Made in Germany’“ Sich des Umstandes, dass nicht alle Zuhörer Philosophie studiert haben, voll bewusst fügte er noch einen besonders schönen Satz an: „Und diese Philosophie können wir in Deutschland am besten leben„. Yeah! Soviel „lebenswerte“ Philosophie war selten.

    (Zur Philosophie dieses Unternehmens liegen mir leider keine Informationen vor.)

    (Volker Strübing)

    PS: Bin noch etwas irritiert, weil die berühmte Schweizer Philosophin Hazel Brugger kürzlich darauf hinwies, das „Volker Struebing“ ein Anagramm zu „Kotversilberung“ darstellt. Klingt jedenfalls nach ner prima Geschäftsidee, man möchte fast sagen, nach einer Philosophie: Aus Scheiße Silber machen.

  • SNAFU und die New Nerd Order

    „Was heißt hier Nerd? Du willst ein Nerd sein?“, schrie TFM. „Bloß weil du ne Brille hast, eine Wifi-Verbindung einrichten und stundenlang über Theorien zu Lost quasseln kannst? Du bist genausowenig Nerd, wie diese Idioten mit Fußballer-Iros Punks sind! Du bist genausowenig Nerd, wie irgendein Werbefuzzi Revolutionär ist, weil er nach Feierabend im Che-Guevara-T-Shirt zu einem Indi-Pop-Konzert mit gesellschaftskritischen Texten geht! Du bist ein Pseudo, du Pupnase! Du bist wie ein Bier, das sich „Fun“ nennt, obwohl es alkohol- und spaßbefreit ist! Du bist ein menschgewordenes Tofu-Würstchen mit Nerd-Simulator-App! Du hast dich doch nur als Nerd verkleidet, Mann, geh doch zum Fasching!“
    TFM war außer Kontrolle, sein Kopf war rot und glänzte von Schweiß; anklagend zeigte er auf Mischas T-Shirt, auf dem „Angry Nerds“ stand – und es war keine Frage, wer hier in Wahrheit der Angry Nerd war.

    (Symbolbild „Angry Nerds“)

    „Hey, Peace, ist ja gut!“, sagte Mischa und hob beschwichtigend die Arme, doch an Frieden war nicht zu denken, TFM brüllte ihn nieder: „Du bist kein Nerd! Du bist nur ein verschissener Hipster, denn du – hast eine Freundin.“
    Das letzte Wort spie er mit solcher Verachtung aus, das man meinen konnte, „Freundin“ sei ein Synonym für „kinderschändendes Nazi-Alien mit Mundgeruch“.

    Ich bereute langsam, TFM mitgebracht zu haben. Wir kannten uns aus der C64-Crackerszene der späten 80er-Jahre in der DDR. Eigentlich hieß er Christian, TFM stand für The Floppy Monk. Später, gegen Ende der 90er Jahre, als sich immer mehr alte Bekannte, die früher nie etwas mit ihm zu tun haben wollten, bei ihm meldeten, weil er sich doch mit Computern auskenne, und naja, ihnen sei ihr Windows abgestürzt, und da dachten sie, ob vielleicht und so weiter und so fort, übersetzte er TFM gerne selbstironisch mit „The Fucking Manual“. Für uns war TFM immer The Fat Man gewesen, das passte super, und er hatte es nach einigem Gegrummel akzeptiert. Das mit den Szenenamen war damals ein großes Ding, ich nannte mich Syntax Terror, aber egal, das war lange her. Für mich zumindest – TFM war offensichtlich auf dem ganzen Scheiß hängengeblieben.

    (Symbolbild „Syntax Terror“)

    „Ja, na gut, ich hab ne Freundin“, sagte Mischa. „Aber das ist doch kein Grund …“, doch da unterbrach ihn TFM schon wieder: „Nein, das ist kein Grund, das ist ein Symptom! Für Nichtnerdigkeit. Echte Nerds leben wie Mönche, nur mit Youporn. Die einzigen Titten, die ein echter Nerd zu befummeln kriegt, sind seine eigenen!“ Er grabschte sich an den stattlichen Busen und ich zog ihn, entschuldigende Grimassen in Mischas Richtung machend, aus dem Backstageraum.

    Scheiße. Ich hatte TFM vor ein paar Stunden zufällig getroffen, wir hatten uns seit mindestens 10 Jahren nicht gesehen und ein paar Bier zusammen getrunken. Als ich losmusste, weil ein Poetry Slam anstand, hatte ich ihn gefragt, ob er mitkommen wolle und jetzt hatte ich ihn an der Backe.
    „Ich war schon Nerd, da bist du noch mit nem Luftballon um die Russenkolonne rumgerannt!“, grölte er, bevor sich die Backstagetür vor Mischas fragendem Gesicht schloss. „Da gab’s das Wort noch gar nicht! Freaks haben sie uns genannt und Mode-Typen wie du haben uns ausgelacht, weil wir Computer hatten! Lutsch meinen Joystick, du Apple-Affe!“
    Ich schob den dicken, vor sich hinschimpfenden Mann vor mir her zur Bar. „’Angry Nerds‘, haha, wie witzig. Der wird sich noch umgucken. Denn wir sind wütend, oh ja!“

    Bis zu einem gewissen Grad konnte ich seine Wut verstehen. 1986, als ich das erste Mal an einem Computer saß, galten diese allgemein noch als nutzlose Spielerei für weltfremde, nicht lebensfähige, asoziale Trottel der Marke „verrückter Professor“. Programmierkenntnisse waren der sichere Weg in die Isolation und die Kombination Computer, Brille, Science-Fiction-Literatur bewahrte einen zuverlässig vor frühzeitigem Geschlechtsverkehr, denn die Mädchen verschleuderten ihre Jungfräulichkeit lieber an windige Typen mit Mopeds, Blousons und Popperfrisuren. Ich lernte Assembler, hörte und schrieb dreistimmige 8-Bit-Musik und hing auf Crackerparties ab, auf denen wir Grafikdemos programmierten und nach neuen, spektakulären Möglichkeiten suchten, einen Text von links nach rechts über den Bildschirm scrollen zu lassen – wer hätte das alles gegen einen Kuss tauschen wollen?! Mit 16 entdeckte ich zum Glück Punkmusik, sie bewahrte mich vor TFMs Schicksal.

    (Dieses Bild heißt: „Nerds don’t come easy“, aber nur, weil ich dieses Wortspiel unbedingt noch unterkriegen wollte und mir sowieso keine sinnvolle Bildunterschrift einfällt.)

    Ich glaube, es ist nicht übertrieben, TFM und seinesgleichen als Märtyrer zu bezeichnen und auf eine Stufe mit jenen mutigen Männern zu stellen, die in den finsteren Zeiten der Inquisition die Stimme und den Zeigefinger erhoben und sagten: „Momentmal. Die Erde ist keine Scheibe!“ und damit nachfolgenden Generationen das Tor zu Aufbruch aus der Unmündigkeit und den Weg in eine neue Zeit wiesen. Diese Männer riskierten den Scheiterhaufen, wir das Fegefeuer einer ungeküssten Jugend. Wir waren die Wegbereiter. Heute sind Computer Mainstream, du bist raus, wenn du keinen hast, und niemand wird wegen seiner Brille diskriminiert, im Gegenteil, ich wette, es rennen sogar ein paar Leute mit Fensterglas vor den Augen rum, weil Brillen ja so cool sind – Brillen übrigens, das sei noch angemerkt, für die wir damals völlig zu Recht auf dem Schulhof verkloppt worden wären.

    „Genau. Und wie danken sie’s uns? Indem sie uns ironisieren und nachäffen und Atari-T-Shirts tragen, als hätten sie ein Recht dazu! Retro, Retro, Retro! Zu blöd sich was eigenes auszudenken.“
    „Jugend von heute, hör mir uff.“, pflichte ich ihm bei, denn ich will nur noch, dass er sich abregt und von hier verschwindet.
    „Nee, kannste so nicht sagen. Es gibt schon noch echten Nerd-Nachwuchs. Leute, die richtig was drauf haben und sich nicht für Experten halten, weil sie ein bisschen Flash können und einen C-64-Emulator auf ihrem iphone installiert haben. Aber ich sag dir was: bald wird die Spreu vom Weizen getrennt. Denn diese Modenerds, die beherrschen nur die Oberfläche. Wer hat denn die Betriebssysteme geschrieben, mit denen die Arbeiten? Wer hat denn die Compiler programmiert, auf denen sie ihre armseligen Hipster-Apps schreiben? Wer hat die Protokolle entwickelt, auf denen ihr geliebtes Internet basiert. Das waren wir, die echten Freaks und Nerds, die wahren Ausgestoßenen und jetzt …“, er blickte sich misstrauisch um und bedeutete mir näher heranzurücken, „jetzt schlägt unsere Stunde, Angriff der Nerd-Krieger, The Dark Nerd Rises, Nerd Alert!“

    Und so erfuhr ich von der Verschwörung der „Serious Nerds And Freaks United“ (SNAFU), der Illuminerdi, wie sie sich auch nennen, und ihrem Projekt „New Nerd Order“. Am 21.12. schlagen sie los. „Und die alte Welt wird untergehen und eine neue Zeitrechnung beginnen“, wie TFM mit übertrieben viel Pathos und gen Clubdecke gerichtetem Blick verkündete. „Seit den frühen 60er Jahren bereitet unsere Bruderschaft diesen Tag vor. Wir mussten Geduld haben. Wir mussten warten, bis sich die Menschen sich an die Computer gewöhnt hatten, bis sie von ihnen abhängig waren und sich in dem Glauben wiegten, sie würden sie beherrschen. Aber tief unter all den Touchscreens, Menüs, Icons, unter den Bedien- und Programmieroberflächen für Idioten, liegt das Reich der Maschinensprache, die Welt der Nullen und Einsen, unsere Welt, die Welt von: SNAFU.
    Die Pseudos paddeln an der Oberfläche und glauben sie hätten Durchblick, wenn sie mal ein bisschen schnorcheln, doch ganz unten in der dunklen Tiefe lauern wir …

    Wie die überflüssigen Abschnitte einer DNS stecken in jedem Programm und jeder App irgendwo ein paar seltsame Bytes, die scheinbar keine Funktion haben. Bis wir sie in 4 Monaten aktivieren. Und dann ist es vorbei mit all den hübschen Buttons und Schiebreglern und Fingergesten, mit Fenstern und Apps. All die schicken Smartphones und Ultrabooks werden nur noch Kommandozeileneingaben auf der untersten Betriebssystemebene und Zahlen im hexadezimalformat akzeptieren. Die Bildschirme von ipads, Fahrkartenautomaten, in Auto- und Flugzeugcockpits werden nur noch einen blinkenden Cursor vor grünem Hintergrund zeigen. Und dann werden sie angekrochen kommen und wir werden sie betteln und kriechen lassen!“ TFM lachte und rammte seine Bierflasche gegen meine. „Wir werden ihnen das neue Glaubensbekenntnis eintrichtern: Am Anfang – war der Nerd! Und sein ist die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen! Sein Reich ist gekommen, sein Wille geschieht, wie im Rechner so auch auf Erden! Verstehst du?! Nichts wird mehr laufen ohne uns! Wir haben sie im Sack!“

    (Symbolbild „Nerd Domination“)

    Ich starrte ihn an, während er sein Bier herunterstürzte und die Hände selbstzufrieden auf seinem beeindruckenden Bauch faltete …

    Bis heute weiß ich nicht, ob er mich verarscht hat, ob das nur das größenwahnsinnige Gebrabbel eines ewig Ungeküssten war, oder ob … nun, ich denke, wir werden es rausfinden, in nicht einmal 4 Monaten.

    (Volker Strübing)

    PS: Ein paar Tage beruhigte ich mich damit, dass ich mir einredete, dass er mir sicher nichts von der Verschwörung erzählt hätte, wenn es sie wirklich gäbe. Doch dann fiel mir ein, dass alle erfolgreichen Verschwörungen ganz offen operiert haben. Nicht umsonst heißt es: Im Licht der Öffentlichkeit ist gut munkeln. Und außerdem wusste TFM verdammt gut, dass mir mal wieder niemand glauben würde. Kassandra wäre ein guter Künstlername für mich.

    PPS: Eine weltweite Machtübernahme durch SNAFU gilt nicht als Versicherungsfall im Sinn meiner Weltuntergangsversicherung.

  • Die gefährlichsten Jobs der Welt – Heute: Autor

    Ich suche Menschen, die mit mir eine Selbsthilfegruppe für Leute gründen, die sich ebenfalls den Meniskus verletzt haben, als sie nachts durch ein Fenster in eine medizinische Fußpflegepraxis eingestiegen sind. Bitte meldet euch, ich kann doch unmöglich der einzige sein, dem das passiert ist!

    Aber immer langsam mit den jungen Pferden, bzw. alten Gelenken, lasst mich meine Geschichte erzählen …  (mehr …)

  • In einem Aufwasch: Comedy, Kabarett, Lesebühnen, Poetry Slam.

    Es passiert gar nicht so selten, dass mich nach einer Lesung jemand leicht verwirrt fragt, was ich da eigentlich mache, weil ihm die passende Schublade fehlt, in die er es stecken kann. Ich würde natürlich gerne behaupten, dass das, was Lesebühnenautoren machen in keine Schublade passt, aber wenn die Schublade groß genug ist und man sich nicht daran stört, dass ein paar Ecken raushängen, passt alles. Meist kommt dann noch ein Zusatz wie: „Also, es ist ja schon Comedy oder Kabarett, aber irgendwie doch nicht, aber irgendwie doch, weil die Leute lachen.“ Comedy und Kabarett scheinen für viele die einzigen Kategorien zu sein, die für lustige Bühnenauftritte zur Verfügung stehen. Ich sage dann meistens: „Nein, Comedy ist es nicht. Wir erzählen Geschichten. Keine Witze. Auch wenn in den Geschichten Witz ist. Und nein, Kabarett ist es auch nicht. Wir versuchen mit unseren Geschichten für uns selbst ein bisschen Sinn in eine absurde Welt zu bringen, statt sie aus einer allwissenden Position zu erklären.“

    Um es kurz zusammenzufassen und grobschlächtig und unfair zu kategorisieren:

    Comedian: „Kennste och, wa?!“

    Kabarettist: „Jetzt sag ich euch mal schonungslos eure Meinung.“

    Lesebühnenautor: „Ich erzähl euch eine Geschichte.“

    Die Grenzen zwischen den Bereichen sind fließend und genauso wie es großartige Comedy gibt, gibt es grauenhafte Lesebühnengeschichten (ich weiß das, ich hab genug geschrieben). Aber im Großen und Ganzen kann man das zur Abgrenzung verwenden, wenn man denn abgrenzen möchte.

    Ganz schwierig wird es, wenn jemand wissen will, was denn nun Poetry Slam eigentlich ist und partout nicht begreift, dass es sich einfach um ein Veranstaltungsformat handelt. Poetry Slam ist offen für alles. Für lustige Geschichten, ernste Lyrik, Prosa, Rap, Aufrufe zur Revolution und Texte über den WG-Abwasch. Ich trete dort mit meinen Geschichten an, und die sind lustig, weil meine Texte eben immer lustig werden. ich kann nicht anders; wenn ich es gelegentlich mit einem ernsten oder traurigen Text versuche, wird das eher peinlich.

    Ich liebe Poetry Slam unter anderem dafür, dass es so vielfältig ist, dass es mich davor bewahrt, nur mit Leuten aufzutreten, die so was Ähnliches wie ich machen. Ich sehe dort Leute, die Worte zu Musik werden lassen, die Wut in Schönheit verwandeln können, ohne ihr ihre Kraft zu nehmen, die Traurigkeit in Schönheit verwandeln können, ohne ihr ihren Schmerz und ihre Tiefe zu nehmen; Leute, die mit ihren Texten wirklich alle Schubladen aufreißen und alte Socken, Reizwäsche, Pullover und Krawatten wild durcheinanderschmeißen.

    Toll. Und wie schön, dass ich da mitspielen darf.

    (Und wie passt das jetzt zusammen? Abstimmungsboxen beim Comedy-Slam in Dresden. Von links nach rechts:  Nektarios Vlachopoulos, Andy Strauß, icke, Jan Philipp Zymny, ein Wasserkocher, Silvester Klement)

    (VS)