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  • Fernsehpfingsten

    Da ich jetzt ein paar Tage unterwegs bin und wohl kaum zum Schnipseln komme, hier ein paar Fernsehtips:

    Am Pfingstmontag werden auf ZDF kultur die Serien „Nicht der Süden“ und „Mister & Missis.Sippi“ wiederholt. Komplett. Von 12.45 bis 15.45 laufen die vier Teile von Nicht der Süden, danach geht es gleich weiter mit allen drei Teilen unserer Mississippi-Floßfahrt. Von 18.00 Uhr bis 21.00 Uhr hat man dann Freizeit, bevor man sich von 21.00 Uhr bis 0.00 Uhr ebenfalls auf ZDF kultur die sechsteilige Reihe „Die Donauten“ anschauen sollte. Ebenfalls von Monstamovies und mit märchenhaften Texten von Kirsten Fuchs.

    Wer ZDF kultur nicht empfangen kann, kann sie sich auch per Internetstream angucken. Mit Zattoo oder so, aber fragt mich nicht, wie das geht!

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=ZwOCZEXTWT8]

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=nOV04STLm0E]

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=_8pK7hb07Ps]

    (VS)

  • Schorfheide

     

     

     

     

    (VS)

  • Sommerhit

    Hurra, es gibt die Mariachis noch! Und Ivo sowieso! Und eine tolle Sängerin haben sie sich dazu geholt. Ein schönes Lied:

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=m2HTzbSO3oM]

  • Erpel sind Schweine

    Ich war gerade auf Verwandtenbesuch in Dessau. Mein jüngster Neffe hatte sich ebenfalls angekündigt. Er lebt derzeit in den USA, wurde aber zur Feier seines zweites Geburtstages mit dem Flufßeug (wie ich es in diesem Alter genannt habe; er sagt Airplane) ins alte Europa gekarrt, damit er sieht, dass die diversen Großeltern, Tanten und Onkel auch lippensynchron sprechen können und nicht nur so komisch verzögert wie bei Skype.

    Wir machten einen Spaziergang durch den Dessauer Tierpark, der zwar sehr schön ist, aber nicht komplett jugendfrei, es sei denn, es ist wahr, dass die Kleinen heutzutage schon in der Krabbelgruppe über ihre liebsten Gangbang-Videos reden, aber ich will das ja nicht so recht glauben.

    (Liebe scheint mir da nicht im Spiel gewesen zu sein.)

    Zu Beginn unseres Rundganges gab es einen Moment der Panik, als wir feststellten, dass nicht jeder von uns fünf Erwachsenen einen Fotoapparat dabei hatte. Lohnte es sich überhaupt, mit nur einer Spiegelreflex- und einer Videokamera bewaffnet loszuziehen? Die Furcht erwies sich als unbegründet: Ich alleine schaffte in den 90 Minuten, die wir durch den Park liefen, an die 300 Kinderfotos (der Fratz ist aber auch süß!) plus die paar von und vom Vögeln.

    300 Kinderfotos. Soviele gibts von mir wahrscheinlich insgesamt, von meinem Vater vielleicht 3… heutige Kindheiten werden gut dokumentiert. Doof nur, dass es noch keine Geruchsfotografie gibt. Vielleicht ist es eine gute Idee bis zu deren Erfindung die eine oder andere volle Windel aufzuheben, die man dann zum 18. Geburtstag oder wenn der Sohn/ die Tochter das erste Mal Freundin oder Freund mit nach Hause bringt hervorholen kann …

    Kinder sind schon ne schöne Sache, zumindest die, die man kennt und solange sie nicht allzu zahlreich, sagen wir maximal alleine auftreten. Im Café im Tierpark saß eine Familie mit zwei Mädchen, das eine war vielleicht drei, das andere so fünf oder was weiß ich und das größere Mädchen sang dem kleineren ein Lied vor:

    Wozu ist der Kopf denn da, Kopf denn da, Kopf denn da?
    Der Kopf der ist zum Denken da, zum Denken da.
    Wozu sind die Ohren da, Ohren da, Ohren da?
    Die Ohren sind zum Hören da, zum Hören da.

    Die folgenden Strophen behandelten die Augen (zum Gucken), die Beine (zum Laufen), die Hände (zum Greifen) und den Mund – und das war die Stelle, wo ich das erste Mal gerne laut mitgesungen hätte und zwar: „Der Mund der ist zum Halten da, zum Halten da!“, denn längst war klar, dass ich dieses blöde Lied die nächsten fünf Tage als Ohrwurm haben würde. Aber man benimmt sich ja dann doch immer und lässt es bleiben. Ich habe sogar darauf verzichtet, dem Mädchen eine spontan von mir gedichtete Strophe vorzusingen (das Lied dauerte zwar ewig, schien mir aber nicht ganz vollständig): „Wozu ist der Hintern da, Hintern da, Hintern da? Der Hintern ist …“ – aber wie gesagt, ich habe es sein lassen.

    (VS)


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  • Endlich erwachsen!

    Seit dreieinhalb Wochen bin ich nun 40 Jahre alt, somit ins zweite Lebensdrittel eingetreten und fühle mich gut damit. 39 sein ist doof, 40 sein ist gut. Zumal ich es geschafft habe, meinen großen Vorsatz für das 41. Lebensjahr zu erfüllen: Ich hatte beschlossen, endlich erwachsen zu werden. Also jetzt nicht gleich esstisch-erwachsen, aber doch immerhin brieftaschen-erwachsen.

    Ja, ich habe mir eine Brieftasche gekauft, ein Portjuchhe, wie wir es früher genannt haben. Meine letzte hatte ich soweit ich mich erinnere in der Schule, mit 12 oder 13 vielleicht, und darin habe ich Kaugummibilder gesammelt. Das mache ich nicht mehr, sondern ich verwende die Brieftasche, um darin Münzen, Scheine, Kassenbons und Karten (und – als kleine Reminiszenz ans Kaugummibildersammeln – ein Passbild von Renato Kaiser) aufzubewahren. Falls ihr noch nie eine Brieftasche benutzt habt, kann ich das nur empfehlen: Man kommt sich unfassbar seriös vor, wenn man sie hervorzieht und dann weltmännisch im Münzfach kramt.

    Außerdem habe ich festgestellt, dass es eine verdammt praktische Angelegenheit ist. Das hätte mir ruhig schon früher mal jemand sagen können. Ich hielt mich immer für clever, weil ich dachte: Bevor ich in die Hosentasche greife, das Portemonnaie herausziehe, dann das Portemonnaie öffne, dort in diversen Fächern das Geld zusammensuche, dann das Wechselgeld nach Scheinen und Münzen sortiert in den entsprechenden Fächern verstaue, die Brieftasche zuklappe und sie in die Hose zurückbugsiere, bin ich doch viel schneller, wenn ich das Geld direkt aus der Gesäßtasche fördere. Allerdings hatte diese Technik den kleinen Nachteil, dass ich oftmals Kleingeld, alte Kassenzettel und vergessene Pfandbons großzügig auf dem Boden des Kassenbereichs verteilte (fragt mich nicht, wie oft ich den Spruch „Na, Sie müssen’s ja ham, wenn ses einfach so wegschmeißen könn!“ gehört habe). Ganz zu Schweigen von dem allabendlichen Münzregen in meiner Wohnung, wenn ich meine Hose ausgezogen habe.

    Meistens habe ich an der Kasse dann nur nach einem Schein gefischt, weil ich keine Lust darauf hatte, den Schaufelhandbagger einzusetzen und zu riskieren, das wieder die Hälfte des Hosentascheninhalts dem Ruf der Schwerkraft folgt. Das hatte natürlich zur Folge, dass der Anteil an kleinen Münzen im Laufe des Tages ständig wuchs und damit von Abend zu Abend auch die Schicht aus Kupfermünzen, durch die ich in meiner Wohnung waten muss.

    In den letzten Wochen kam es gelegentlich vor, dass ich jemandem mit strahlenden Augen und stolzgeschwellter Brust meine Brieftasche zeigte und sie mich ungläubig anguckten: Wie ich denn die ganzen Jahren ohne Brieftasche ausgekommen sei? Ich erklärte dann mein (doch nicht ganz so) geniales Hosenbrieftaschenkonzept. Und die Karten? Was ich denn mit den Karten gemacht hätte? Die fanden selbstverständlich im perfekten Notizbuch Platz.

    (Symbolbild: Brieftasche / Münzregen / Schweiz)

    Das Leben mit einer Brieftasche bringt auch ganz neue Abentuer und Erfahrungen mit sich: Vor Kurzem war ich zu einem Poetry Slam im Schiffbau in Zürich und leider war deutlich mehr Alkohol im Spiel, als für mich (und einige andere) gut gewesen wäre – in der Schweiz passiert das irgendwie immer, das muss an der absinth- und whiskygesättigten Schweizer Luft, vor allem der im Großraum Zürich liegen. Nach dem Slam standen F. (vollständiger Name ist der Redaktion bekannt), ein paar andere Leute, der Siegerschnaps, den F. gewonnen hatte, und ich an der Bar herum. Schließlich beschloss F. noch einen Abstecher nach Winterthur zu machen, wo ebenfalls ein Slam stattgefunden hatte und einige gute Freunde und Kollegen den Abend in einer Karaoke-Bar ausklingen lassen wollten. Ich wollte ins Bett und machte mich ein paar Minuten, nachdem er aufgebrochen war, auf den Weg zum Hotel.

    Am nächsten Morgen zog ich mich an und stellte fest, dass meine Hose ziemliche Steuerbordschlagseite und meine Brieftasche offensichtlich über Nacht deutlich an Umfang gewonnen hatte. Schnell stellte sich heruas, das sie schlank wie eh und je war – allerdings war eine zweite Brieftasche hinzugekommen. Beide sahen identisch aus, aus der einen grinsten mich wie gewohnt ich selbst und Renato an, aus der anderen der Kollege F. …

    Genau lässt sich nicht mehr rekonstruieren, was geschehen war: Entweder hatte er seine Brieftasche auf die Bar gelegt und ich hatte sie während er daneben stand in der Annahme eingesteckt, es sei meine. Oder er hatte sie selbst vergessen und ich hatte sie erst nach seinem Aufbruch eingesackt, ohne zu merken, dass da schon was in meiner Hosentasche steckte.

    Ich rief ihn natürlich sofort an – und erwischte ihn direkt auf der Polizeiwache, wo er gerade eine Anzeige wegen Taschendiebstahls machte. Er war glücklich, von mir zu hören, flüsterte aber, er könne jetzt nicht reden, er müsse das jetzt durchziehen, er könne doch jetzt nich sagen, April, April, ein Kumpel hat sie besoffen eingesteckt …

    Später trafen wir uns zur Übergabe und er erzählte mir, dass er den Verlust bemerkt habe, als er in die Bahn nach Winterthur einstieg und am Automaten eine Fahrkarte ziehen wollte. Und weil der Schreck über die vermeintlich geklaute Brieftasche nicht reichte, kam prompt auch noch eine Fahrkartenkontrolle. Ich bin sicher, F. hatte schon entspanntere Partynächte.

    Ich wüsste zu gern, ob ich ihm die Brieftasche quasi gemopst oder sie im Gegenteil unbewusst gerettet habe, nachdem er schon aufgebrochen war. Aber das wird sich wohl nie klären lassen. Ersteres ist mir durchaus zuzutrauen, Letzteres halte ich aber auch nicht für ausgeschlossen, wenn ich daran denke, dass F., nachdem er die Anzeige erstattet hatte, seine Notizbücher auf der Polizeiwache liegen ließ …

    (VS)


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  • Bericht zur Lage der Nation

    Ganz offensichtlich ist hier gerade tote Hose. Das liegt nicht so sehr daran, dass ich nicht wüsste, worüber und was ich schreiben sollte, sondern daran, dass ich mich nicht dazu aufraffen kann, es zu tun. Aber das ist kein grund zur Besorgnis, das kenne ich schon, das geht vorbei.

    Deshalb jetzt auch bloß zwei Veranstaltungshinweise:

    Morgen bin ich in Winterthur und nehme am Casino-Slam teil. Für Berliner ist das natürlich ein bisschen abgelegen, aber die 9 Stunden Zugfahrt lohnen sich bestimmt, zumal wir, wie gemunkelt wird, hinterher noch in eine Karaokebar gehen. Außerdem kann man vor der Rückfahrt noch für die Lieben daheim Schoki kaufen (ich hoffe, ich finde nocheinmal diese unglaubliche mit Krokantsplittern und Salzbrocken … aber zur Not tuts auch die Malzschokolade).

    Am Sonntag trete ich dann das erste mal in Weißensee auf, dem bezirk, in dem ich meine erste Wohnung hatte. Zu diesem Slam muss ich Folgendes erzählen: Am Sonnabend startet der neue Sender ZDF Kultur, ein Sender, der sehr interessant zu werden verspricht und schon deshalb meine vollen Sympathien hat, weil er gleich am zweiten Sendetag, nächstem Sonntag also, einen Poetry Slam ausstrahlt. Es ist außerdem meines Wissens nach der erste wirklich live ausgestrahlte Slam im deutschen Fernsehen. Mit dabei sind: Mit dabei sind: Franziska Holzheimer (München), Yasmine Hafedh (Wien), Pierre Jarawan (Kirchheim), Moritz Kienemann (München), Sebastian23 (Bochum), ich (Berlin) und als Special Guest das wunderbare Team Totale Zerstörung (Leipzig). Moderieren werden Nina „Fiva“ Sonnenberg und Jo Schück.

    Der Eintritt ist, glaub ich zumindest, frei, aber begrenzt. Wer hinkommen möchte, schreibt bitte eine Mail an poetry-slam@studio-tv-film.de. Beginn ist halb 10, Einlass ist ab 20.30 uhr im Studio Weißensee, Langhansstraße 86, 13086 Berlin. (Ich hätte das Studio gern verlinkt, aber Googeln nach „Studio Weißensee“ bringt mir so Sachen eine Muckibude und „Ellen’s Nagel Studio in Weißensee“. Es ist aber ganz leicht zu finden: auf halbem Weg zwischen Sonnenapotheke und Reseda-Apotheke, wenn man Google-Maps vertrauen darf.)

    Ein schönes Wochenende!

    (VS)

  • Die frohe Botschaft

    Ich, ich, ich wusstes als erster! Hab schon vor 14 Jahren ein Lied über den heutigen Tag geschrieben:

    Mit einem komischen Gefühl bin ich heute aufgewacht

    irgendwas hatte sich verändert, verändert über Nacht

    hell schien die Sonne ins Zimmer rein,

    dabei sollte eigenlich Regen sein

    ich sprang aus dem Bett, es war grad mal halb zehn

    doch ich spürte es war was Besond´res geschehn

    mein Blümchen am Fenster blühte wieder, ich dachte es sei längst verdorrt

    und vor dem Haus warf ein alter Mann seine Krücken fort

    Kinder lachten im Sonnenschein

    kein Auto fuhr und die Luft war rein

    mein Nachbar lud mich zu Kaffee und Kuchen

    und ich dachte immer, er könne nur fluchen

    ich hörte frohes Glockenläuten, Vögel sangen ein Lied

    was war nur geschehen, daß die Welt plötzlich so schön aussieht ?

    die Gummizellen sind offen, die Gefängnisse leer

    die Polizei spielt Federball, man braucht sie nicht mehr

    ich konnt´s nicht begreifen, ich war verstört

    doch dann habe ich im Radio die Neuigkeit gehört :

    ein Freudenschrei geht um die Welt, der schwarze Mann ist tot

    die Menschen fall´n sich in die Arme und tanzen bis ins Abendrot

    Viel zulange hat er uns geplagt,

    doch jetzt ist er tot, sie ham´s im Radio gesagt

    ich konnt´s nicht begreifen, ich war verstört

    doch dann habe ich im Radio die Neuigkeit gehört :

    ein Freudenschrei geht um die Welt, der schwarze Mann ist tot

    die Menschen tanzen auf den Straßen vom Frühstück bis zum Abendbrot – der schwarze Mann ist tot

    (VS)

  • Kloß und Spinne 21 – Ein Hoch auf die chinesische Arbeiterklasse!

    So. Hier isser. Basiert, wie angekündigt auf einem Text, den ich hier vor ein paar Tagen gepostet habe, aber Norbert hat ja auch noch ein Wörtchen mitzureden …

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=b9WEHDRsMZ4]

    Eigentlich sollte er schon Donnerstag Abend fertig sein, aber sowohl Anime Studio als auch Video Deluxe haben sich gegen mich verschworen. Musste gestern nochmal eine 7-Stunden-Schicht einlegen, aber am Ende habe ich die Software bezwungen!


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  • Ist Zivilisationskritik eigentlich eine Zivilisationskrankheit?

    (Spoilerwarnung: Teile dieser Geschichte werden wohl in den nächsten Kloß-und-Spinne-Film Eingang finden!)

    Nach einer Lesung in Olten tranken Micha, einige liebe Menschen und ich noch ein Bier in der Bar des Veranstaltungsortes. Ich staunte über ein altes Telefon, das an einem Pfeiler der Bar hing. Mit Wählscheibe, Münzeinwurfschlitz, grauem Hörer und allem drum und dran. Dazu wurde uns folgende Geschichte erzählt:

    Einige Tage zuvor hatte ein sehr junger Mann die Barfrau gefragt, ob er mal telefonieren könne, sein Handyakku sei alle. Die Barfrau wies stumm auf das altertümliche Gerät, der Mann nickte und stand dann unschlüssig vor dem Telefon, bis die Barfrau sich erbarmte und ihm erklärte, dass er seinen Zeigefinger in das Loch mit der zu wählenden Ziffer zu stecken und dann die Scheibe im Uhrzeigersinn bis zum Anschlag zu drehen habe. Begreifen und wohl auch eine vage Erinnnerung zeichneten sich auf dem Gesicht des Mannes ab; er machte sich umgehend ans Werk, wählte sichtlich aufgeregt Ziffer um Ziffer – und hob anschließend den Hörer ab.

    So siehts aus. Schon tauchen die ersten Leute auf, die nichteinmal mehr mit einem Slider-Handy mit Tasten klarkommen, sondern verzweifelt über das Display wischen, wenn man es ihnen in die Hände drückt.

    Das iphone wird uns alle zu Idioten machen. Ich weiß: Das ist auch schon vom Fernsehen und tausend anderen Dingen behauptet worden, aber diesmal stimmt es!

    Zu glücklichen Idioten immerhin, die niedliche Spiele mit witziger Cartoongrafik spielen, in sozialen Netzwerken vor sich hinschnattern und sich in Kneipen gegenseitig ihre tollsten Apps zeigen. Als H. G. Wells „Die Zeitmaschine“ schrieb, da schrieb er über uns, die selig über ihre Displays wischenden Eloi und die Morlocks von Apple und Co.

    Liebe im Jahr 2015, wie muss man sich das vorstellen? „Hallo Mädchen, bitte streiche mir mit den Fingern über den Hosenstall, um meine Penis-App zu starten.“ – „Ja, Junge. Und dann ziehe ich den BH aus, damit du meine beiden Gefällt-mir-Buttons drücken kannst.“ – „Sehr gerne. Anschließend werde ich ein paar Megabyte genetischer Daten in deinen Uterus hochladen.“

    Hör mir auf! Niemand braucht ein iphone und trotzdem brauchen alle ein iphone. Als sei menschliches Leben vor dem iphone praktisch gar nicht möglich gewesen. Die Urmenschen, die sind noch ohne sowas ausgekommen. Die hatten eine Höhle, ein Fell und genau zwei Apps: Einen faustkeil und einen angespitzten Stock, der über die beiden Funktionen „Feuermachen“ und „Mammut erlegen“ verfügte. Wer wollte, hat sich noch eine Keule gesucht und „Angry Cavemen“ gespielt.

    Mark Twain schrieb: „Zivilisation ist die unablässige Vermehrung unnötiger Notwendigkeiten“ und wenn das nicht hellsichtig war, weiß ich ja auch nicht. Wer so doof ist, sich ein iphone zu kaufen, wird schnell feststellen, dass es ein Zivilisationsbooster ist, denn mit seiner Anschaffung potenziert sich die Anzahl der unnötigen Notwendigkeiten auf der Stelle. Selber schuld, wer sich so einen Scheiß ins Haus holt, kann ich da nur sagen, und ich weiß wovon ich rede!

    Hab mir vor ein paar Tagen nämlich endlich selbst ein iphone gekauft. Von Samsung. Wenn Zewa Softies auch Tempotaschentücher sind, ist mein Samsung auch ein iphone. Nur viel besser. Weil es Android als Betriebssystem hat und man dafür zum Beispiel auch animierte Erotik-Bildschirmschoner runterladen kann, die es nie in Apples puritanischen Appstore schaffen würden. Nicht dass ich mir einen animierten Erotik-Bildschirmhintergrund installieren möchte, aber ich will die Möglichkeit dazu haben!

    Innerhalb der ersten Stunde nach dem Einrichten lud ich vier Spiele, einen Taskmanager, einen Businesskalender, einen Traffic-Monitor und einen C64-Emulator herunter, außerdem mehrere Musik- und Videoplayer, Apps für GMX, Facebook, Wikipedia, Flickr, WordPress und Twitter, dazu diverse Wetter-, Kalender-, Batteriestatus-, Taschenlampen- und To-Do-Listen-Widgets, i-beer für Android, einen Furztongenerator, diverse Musikvideos und eine isländische Kochsendung ohne Untertitel, einen animierten Erotik-Bildschirmhintergrund (einfach nur um ein Zeichen gegen die Zensurpolitik von Big Brother Steve Jobs zu setzen), einen Schlipsknotenassistent, einen interaktiven Makramee-Kurs, ein Kirgisisch-Wörterbuch, ein finnisches Reimlexikon und natürlich die allernötigste unnötige Notwendigkeit: So ein Programm, mit dem man Fotos machen kann, die dann wie alte Polaroids oder so aussehen.

    Und mit dem fotografierte ich in der folgenden Stunde eine Blume und eine Wolke und eine Wand, deren Putz bröckelte und ein „Fickt das System“-Grafitto, einen weggeworfenen Regenschirm, eine nackte Schaufensterpuppe,eine Oma, einen Mann, der ins Gebüsch pinkelte, diverse vorbeilaufende Frauenbeine, noch eine Wand mit bröckelndem Putz, meine Füße, einen Fahrkartenautomaten, einen Hund, einen Hundehaufen, ein umgekipptes Fahrrad, einen vollen Aschenbecker, eine Bratwurstbude, einen Zaun, eine überfahrene Taube, die ich mit der Bildunterschrift „Warum?“ versah und noch einiges mehr, und alles sah automatisch aus wie ganz große Kunst, und dann habe ich den ganzen Quatsch bei Facebook, Flickr, WordPress und jeder anderen Datenmüllkippe, die ich finden konnte hochgeladen, aber da war schon alles voll mit solchem Mist, und es hat niemanden interessiert. Und daraufhin habe ich mir hinter einer Hecke die Hose runtergezogen und meinen Hintern fotografiert mit so einem Tilt-Effekt, wo alles aussieht wie eine Modellbahnanlage, und dafür gab es dann immerhin zwei oder drei „Gefällt mir“-Klicks.

    Dann habe ich noch ein halbes Stündchen mit dem Furztongenerator gespielt, der wirklich sehr, sehr gut ist und über diverse Einstellmöglichkeiten verfügt. Anschließend habe ich verzweifelt versucht, die Onlinebezahlfunktion einzurichten, weil ich mir die Vollversion des  animierten Erotik-Bildschirmhintergrundes kaufen wollte, da die Gratisversion nur drei Damen enthält, scheiterte aber. Frustriert steckte ich das iphone weg, holte mein Schreibheft und meinen Füllfederhalter aus der Tasche, schrieb diese Geschichte und kam genau bis zu dieser Stelle …

    Aber mir wollte und wollte kein Ende einfallen. Wie gut, dass ich ein iphone hatte! Ich startete Facebook und schrieb: „Hat mal rasch jemand ein gutes Geschichten-Ende für mich?“

    Und schon trudelten die Vorschläge ein. „.“ von Tim, „Ich danke meiner Mutter“ von Frau Schnickschnack, „… woraufhin er explodierte“ (Marvin), „Rumsdibums. Und Ende.“ (Andreas), Sids „Er ließ den Motor laufen und stieg aus“ oder „Keine Hände, keine Kekse“ von Dan und das hochdramatische „Bleich wie ein ausgetrockneter Knochen starrte er auf sein Spiegelbild und erschrak – so konnte es doch nicht enden!“ von Daniela.

    Aber irgendwie schienen sie mir alle nicht so recht zu passen. Nachdenklich schaltete ich mein iphone aus, der Bildschirm wurde schwarz. Bleich wie ein ausgetrockneter Knochen starrte ich auf mein Spiegelbild im Display und erschrak – so konnte es doch nicht enden!

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