Es ist phantastisch (und sehr lustig) einem Kind zuzusehen, das gerade dabei ist, das Laufen zu lernen. Wie es aus der Bauchlage den dickeingewindelten Po in die Höhe schiebt und sich nach oben drückt. Der erstaunte Blick, wenn es steht – schwankend, Beide Arme von sich gestreckt. Wie es dann einen Fuß ein paar Zentimeter nach vorn setzt, wieder ein paar Sekunden herumwackelt, bevor es den anderen Fuß hinterherziehen kann. Und spätestestens nach dem dritten Schritt setzt es sich auf die (im Idealfall warm und weich gepolsterte) Windel, guckt sich kurz um, ob die Mami es gesehen hat. Wenn ja, wird ein bisschen geheult, denn dann nimmt Mami es auf den Arm und das ist immer so schön. Wenn nicht, dann rollt es sich auf den Bauch und das Ganze beginnt von vorn.
Man könnte fragen, warum es das eigentlich tut. Es hat ja keinen unmittelbaren Nutzen davon: Krabbeln geht viel schneller und es fällt dabei nicht dauernd hin, außerdem kümmern sich Mami und Papi doch um alles und wenn es erst laufen kann, wird es nicht mehr bequem getragen oder im Kinderwagen geschoben.
Ich bin jedenfalls froh, dass ich trotzdem Laufen gelernt habe und möchte mich auch ausdrücklich bei dem wackelnden, umkippenden, staunenden Kind bedanken, dem ich letztens mit großem Vergnügen eine Weile zugesehen habe – hey, nee du, ich hab dich nicht ausgelacht!
So, und weil ich zu faul bin, einen neuen Weblogeintrag aufzumachen, kommt jetzt ein ziemlich großer Themensprung. Wobei es schon eine gewisse Beziehung gibt. Es geht um jemanden, dem es wahrscheinlich nicht ganz geheuer ist, wenn Menschen aufrecht stehen und die Welt erkunden, der sie wohl lieber knieend und zu Kreuze kriechend sehen will: Ich muss nochmal auf Erzbischof Mixa zurückkommen, der den Nationalsozialismus und den Bolschewismus als Beweis für „die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus“ angeführt hat. Ich weiß, das ist zwei Wochen her und damit eigentlich Schnee von gestern, aber das ganze Christentum ist Schnee von vorvorvorgestern, basierend auf Geschichten, die sich vor Jahrtausenden irgendwelche Dörfler in einem (man möchte sagen: gottverlassenen) Landstrich fernab der damaligen Zentren der Zivilisation erzählt und aus noch älteren Geschichten zusammengebastelt haben. Und trotzdem muss man sich immer noch damit herumplagen. Zeit, das endlich richtig Frühling wird und der alte Schnee taut. Egal, ich neige manchmal dazu, Bilder überzustrapazieren.
Jedenfalls:
Die europäischen faschistischen Diktaturen des 20.Jahrhunderts (Italien, Spanien, Portugal etc.) konnten auf das Wohlwollen oder sogar die Unterstützung des Vatikans bauen. Das Verhältnis der katholischen Kirche zum deutschen Nationalsozialismus ist ambivalent – dass der „unfehlbare“ Papst Pius XII. im Nationalsozialismus jedenfalls nicht die „Hölle auf Erden“ sah, ist bekannt und auch dass die katholische Zentrumspartei bei ihrer Selbstauflösung 1933 ihre Mitglieder zur Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern aufforderte .
Was nun den Stalinismus angeht, muss man Mixa in einem Recht geben: „Wo der christliche Glaube schwinde, so soll Mixa weiter erklärt haben, komme nicht etwa das ‚helle Licht irgendeiner fröhlichen Aufklärung‘ zum Vorschein.“ (pro – christliches Medienmagazin)
Denn das helle Licht der Aufklärung kann nur dort zum Vorschein kommen, wo nicht eine düstere Religion durch eine andere ersetzt wird, wie es in Russland der Fall war. Ich übertreibe nur leicht. Man kann den Stalinismus mit einigem Recht als politische Religion bezeichnen. Die Parallelen sind auffällig, nicht nur in der Inszenierung (zum Beispiel beim Reliqiuen- und Totenkult), sondern vor allem im Vorraussetzen von Dogmen, angeblichen Wahrheiten, die, teilweise um den Preis des eigenen Lebens, nicht in Frage gestellt werden durften, sowie im Unfehlbarkeitsanspruch, der entweder auf einem nichtexistenten (allermindestens einem nichtbeweisbaren) Gott oder auf einer Theorie, die zu einem unumstößlichen Gesetz umgedeutet wurde, beruht. Insofern war der Stalinismus antiaufklärerisch und intelligenzfeindlich wie die katholische Kirche, aber er war keineswegs die logische Folge des schwindenden christlichen Glaubens.
Umgekehrt ist es richtig: Das helle Licht einer fröhlichen Aufklärung lässt den Glauben schwinden. Und auch wenn wir uns noch einige Male auf den Hosenboden setzen werden, hoffe ich doch, dass die Menschheit als Ganzes irgendwann aufrecht steht, statt vor einem Hirngespinst aus der Bronzezeit zu kriechen. (Bei soviel Pathos müsste ich eigentlich noch Hollywoodmusik unter diesen Weblogeintrag legen 😉
V.S.