Autor: vstr@gmx.de

  • Toni Erdmann / Ascheland

    Toni Erdmann / Ascheland

    Toni Erdmann

    Ich verstehe die Begeisterung um Toni Erdmann nicht. Klar, für einen deutschen Film ist er gar nicht mal sooo schlimm (was in etwa der Aussage „für einen Kopfschmerz ist dieser Kopfschmerz eigentlich ganz nett“ entspricht) und, wenn ich ehrlich bin und die aufmerksamkeitsheischenden Übertreibungen beiseite lasse, muss ich auch zugeben, dass er in Wirklichkeit gar nicht schlecht ist, sondern sich das Prädikat „geht so“ verdient hat. Wobei das fast schon wieder zu enthusiastisch klingt und – wenn ich noch mal in Ruhe darüber nachdenke – auch nur für die ersten anderthalb Stunden gilt.

    00adventure

    (Die Hoffnung auf ein Abenteuer lauert überall. Genauso wie die Enttäuschung.)

    Es fängt ganz nett an, ein bisschen lustig, ein bisschen tragisch, ein bisschen grotesk, ein bisschen realistisch, ein bisschen Fisch, ein bisschen Fleisch, mit langen Szenen, die im Nichts enden, aber „ihre Momente“ haben, mit Komik, die an fehlendem Timing scheitert aber einem doch ab und zu ein Schmunzeln wegen der ganz hübschen Idee entlockt und natürlich mit gefälliger Kapitalismus- und Selbstoptimierungskritik, die hier einen etwas brackigen Beigeschmack von „Frauen in Führungspositionen sind einsam und gestört“ hat. Dazu eine Story, die auf einer tollen Idee beruht, an die der Film dann selbst nicht richtig glaubt oder die er nicht zu fassen kriegt. Ganz nett, wie gesagt, sehr deutsch, auch in dem Bemühen es nicht zu sein, aber doch, doch ganz nett, wenn man sich nur nicht das Geld für einen Editor gespart hätte, der das ganze um zwei Drittel hätte kürzen können, ohne das irgendwas verloren gegangen wäre, aber ansonsten wirklich gar nicht mal so schlecht, zumal man ja immer schon glücklich ist, wenn nicht die ganzen beknackten Schranzen mitspielen, die in jedem deutschen Film mitspielen. Wie gesagt, ganz nett, der Toni Erdmann. Weil aber „ganz nett“ ein Todesurteil für einen Film mit Anspruch ist, bemühte man sich in der letzten halben Stunde des Films erfolgreich, das Ruder herumzureißen und einen richtig miesen Film daraus zu machen.

    00 reycled

    (Okay, wenn das recyclete Batterien sind, ist olle Erdmann ein guter Film.)

    Man kann vielleicht noch sagen, dass der Film über weite Strecken wie das Leben ist: ohne Pointen, ohne Spannung, ohne Sinn für Timing und immer ein bisschen peinlich.  Aber da hätte ich die zwei Stunden auch einfach vor die Tür gehen können.

    Ich habe die große Hoffnung, dass der Stoff noch nach egal wohin verkauft und noch einmal (mit komplett neuem Drehbuch) verfilmt wird.

    Ascheland

    Zum Ausgleich bin ich durch Zufall auf ein sehr gutes Buch gestoßen. Wobei der Zufall in Wirklichkeit der „Kunden die X kauften, kauften auch Y“-Algorithmus von Amazon war. Ich habe mich wirklich das allererste Mal davon beeinflussen lassen, na gut, dass elfundfünfzigtse Mal, aber immerhin habe ich mir dort nur ein paar Rezensionen durchgelesen und das Buch dann wie immer als epub beim Landbuchhändler gekauft (Hashtag Ätschebätsche).

    00sofa

    (Prä-Apokalypse: Wenn die Sofas Trauer tragen)

    Ascheland klang nach echtem Trash: Die Geschichte eines Mannes, der nach der obligatorischen Apokalypse durch ein zerstörtes entvölkertes Deutschland wandert und überall für große Aufregung sorgt, da er der letzte zeugungsfähige Mann ist und allerorten gegen ein bisschen Essen und eine Nacht am Feuer junge Frauen befruchtet. Da ich mich selbst zum illustren Kreis der Verfasser deutscher Postapokalypsen-Trash-Romane, zählen darf (wobei es sich bei meinem Worstseller Das Paradies am Rande der Stadt selbstverständlich um anspruchsvollen Edel-Trash für Damen und Herren mit Anspruch handelt), verfolge ich gelegentlich, was sich sonst noch so in diesem Bereich tut, immer in der heimlichen Hoffnung, nach der Lektüre entrüstet schnauben und „so’n Scheiß kaufen die Leute also“ brummen zu können. Das hat diesmal so gar nicht funktioniert.

    00todmagazin

    (Prä-Apokalypse: Beim Arzt liegt das neue Tod-Magazin aus.)

    Ascheland ist sehr sehr schön. Das ist eine komische Aussage über einen dystopischen Roman, aber manchmal passt das (Children of men beispielsweise war ein schöner dystopischer Film). Ascheland ist langsam, melancholisch, manchmal fast poetisch und voller … vielleicht nicht Liebe, aber doch Mitgefühl für die Menschen, diese schrecklichen, unschuldigen Monster. Ein Buch über Kinder. Ein Buch über die Zukunt und damit über die Gegenwart. Und trotz aller Poesie und obwohl es wenig Action und null Zombies gibt, sehr sehr spannend. Ziemlich genau das Gegenteil von Walking Dead etc. (wozu ich eines Tages, hoffentlich noch vor der Apokalypse, spätestens aber eine Woche danach noch mal extra etwas schreiben werde, versprochen!).

    00allestot

    (Prä-Apokalypse: Alles halb tot!)

    Zugabe (der eine oder andere hat’s vielleicht schon bei Facebook gelesen):

    Lang lebe das Zementwerk Berlin!

    Man soll sich über die kleinen Dinge freuen. Manchmal gelingt es mir. Obwohl. So klein war das Ding gar nicht: Ich hab mich heute über einen Betonmischfahrzeug gefreut. Eigentlich habe ich mich über den Firmennamen auf der Betonmischtrommel gefreut: „Zementwerk Berlin“ – schlicht, informativ, ohne eitles Wortgeklingel, das kreativ oder nach einem weltumspannenden Unternehmen klingen soll oder gar – Ogottogott! – nach einer Philosophie (Unternehmen haben ja heutzutage alle eine Philosophie, und wenn Leichen tatsächlich in ihren Gräbern rotieren könnten, ließen sich aus Aristoteles, Kant und Co. prima Vortriebswerkszeuge für den Bergbau fertigen) . Kein „International Concrete Solutions“, kein „Zemento – ein Unternehmen der Schlibrowski Gruppe“ oder gar „Deutsche Beton“ (habe ich jemals erwähnt, dass „Deutsche Pop“ der albernste Name für irgendwas überhaupt ever der Welt ist?), kein „Wir leben Beton“ oder „Zement neu denken“. Das Logo zeugt ebenfalls von Geschmack, ehrlichem Kommunikationswillen und Bescheidenheit: Ein großes Z und ein Berliner Bär, alles andere wäre Firlefanz.

    Leute, kauft Zement vom Zementwerk Berlin! Lang lebe das Zementwerk Berlin, der Fels (oder Betonblock) in der Brandung des Zeitgeists! Hurra!

  • 2016 – Das Jahr des Staubsaugers

    2016 – Das Jahr des Staubsaugers

    Das Jahr 2016 brachte einige bemerkenswerte Neuanschaffungen mit sich. Unter anderem einen AEG Ultra Silencer Öko, eine goldene Spätzlepresse, einen C64 und eine Tochter.

    Der AEG Ultra Silencer Öko ist offiziell ein Staubsauger, ich würde ihn aber eher als Offenbarung, Wunder und Erlösung bezeichnen, denn der Ultra Silencer ist ultra silent! Stets war das Staubsaugen für mich die schrecklichste aller Hausarbeiten, was wahrscheinlich zurückgeht auf Traumata aus der Zeit der Pubertät, auf verdrängte Erinnerungen an die schrecklichen Sonntagmorgende nach den ersten mit massivem Alkoholkonsum verbundenen Diskobesuchen, wenn die Mutter im Flur den Staubsauger aufheulen ließ und extra lange und gründlich mit dem … ähm … Staubschnabel oder wie das heißt, das Ding halt, das vorne am Staubsaugerrohr dran ist … die Türschwelle meines Zimmers reinigte. Mutter und Staubsauger – Scylla und Charybdis der Adoleszenz!

    aeg snapshot

    Allen Staubsaugertraumatageschädigten sei hiermit der AEG Ultra Silencer Öko ans verwundete Herz gelegt! Macht euren Frieden mit dem Staubsaugen! Mit dem AEG Ultra Silencer Öko wird es zum puren Vergnügen, zu einem Tanz, wenn ihr wollt, im Takt der Bachschen Cello-Suiten, die leise aus einer Box in der Zimmerecke tröpfeln und sich mühelos gegen das sanfte Waldesrauschen des AEG Ulta Silencer Öko durchsetzen!

    Bevor sich jemand fragt: Ich werde nicht von AEG oder sonstwem für diese Empfehlung bezahlt, nein, hier spricht ein Mann, der nur dies will: die Welt zu einem saubereren, ruhigeren, lebenswerterem Ort machen, dem Fortschritt zum Durchbruch verhelfen und flüsternd den Staub der dunklen Vergangenheit aus den Ecken saugen, auf dass die Zukunft hell erstrahle!

    (Wobei ich nichts dagegen hätte, wenn der Chef oder so von AEG über diesen Blogartikel stolperte und sich mit einem Paket Ersatzbeutel oder meiner Ernennung zum offiziellen, hochbezahlten AEG Hof-Dichter erkenntlich zeigte.)

    Um es mit Manfred Maurenbrecher zu sagen: „Da muss ein Staubsauger ran!“

    presse

    (Die goldene Spätzlepresse)

    Eine weitere bemerkenswerte Neuanschaffung war eine goldene Spätzle-Presse. Diese freute mich aus zwei Gründen, zum einen wurden wir von den Nachbarn schon lange scheel angeschaut, weil wir der letzte Haushalt in Prenzlauer Berg ohne Spätzle-Presse waren, zum anderen hat es etwas Besonderes damit auf sich: Die Spätzle-Presse ist nämlich der Preis für den Sieg bei den deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2016 in Stuttgart. (Die ganze Geschichte habe ich hier schon einmal aufgeschrieben: Make Team LSD Great Again!)

    Irgendwann im Sommer war es mal wieder Zeit, mir einen neuen Computer zuzulegen. Ermüdet von den halbgaren Rechnern und Betriebssystemen, mit denen die heutigen Hard- und Softwarehersteller ihre Kunden als zahlende Betatester und Bug-Scouts missbrauchen, beschloss ich, auf ein gut eingeführtes System zu setzen. Mit einem C64 konnte ich nichts falsch machen und tatsächlich: bis heute hat er sich nicht ein einziges Mal während der Arbeit heruntergefahren, um irgendein Update zu installieren.

    c64 2

     

    Okay, der eigentliche Grund,mir den C64 (und bei der Gelegenheit gleich noch einen KC85/3) zuzulegen, war der: Zusammen mit monstamovies wollte ich für ZDF info eine Doku über die Heim-Computerszene in der DDR drehen. Wir haben ein paar Monate daran gearbeitet, haben tolle Interviewpartner gefunden – von Leuten, die bei Robotron Homecomputer entwickelten über Computerclub-Leiter bis zum digitalen Untergrund der Cracker- und Demoszene – ich hatte für ein paar Specials und Reenactments die oben erwähnten Rechner nebst jeder Menge Zubehör besorgt, wir hatten Probedrehs für die Special FX gemacht (im Film sollten ab und zu ein paar Original-Sprites durchs Bild turnen), wir hatten die ersten Interview- und Drehtermine festgesetzt, ich hatte eine ganze Reihe von Auftritten im vorgesehenen Dreh- und Schnittzeitraum abgesagt … und dann kam von ZDF info die … haha …Info, dass die mündlich bereits fest zugesagte Produktion leider ein wenig aufgeschoben werden müsse. Nach monatelangem Hinhalten kam Ende des Jahres die Nachricht, dass unser Projekt gestorben sei und wir alles Geld und alle Arbeit in den Wind schreiben könnten. Klar, das Geld ist knapp, und bevor man es für kleine unabhängige Produktionsfirmen und obskure Themen verplempert, spart man lieber auf die nächste Helene-Fischer-Show oder was weiß ich, schließlich sind die Großproduktionen im Hauptprogramm wichtiger und teurer.

    c64 1

    Aber immerhin: Ohne das Ganze hätte ich mir vielleicht keinen C64 geholt, so hat eben alles auch sein Gutes. (Naja, sofort fallen mir auch einige Dinge ohne ihr Gutes ein, aber ihr wisst schon, was ich meine.)

    kunds snap

    (Okay, nur ein kleiner Test zum Spaß, andererseits … hm …)

    ***UPDATE, April 2017: WIE ES WEITERGEHT MIT „Kloß und Spinne – 8bit edition“ STEHT HIER: 

    http://schnipselfriedhof.de/wp-admin/post.php?post=6765&action=edit ***

    Den 64er werde ich nicht alleine benutzen, er soll natürlich auch zur Informatikgrundausbildung meiner Tochter dienen. Sobald sie ihn beherrscht,  können wir über ein iPad oder einen Laptop reden. 

    Ach so, ja, apropos. Eine Tochter habe ich 2016 auch noch bekommen. Aber leider ist der Beitrag jetzt zu Ende.

    symbolbild

    (Symbolbild Tochter)

    Achtung, Achtung! Es geht weiter mit:

    raubtier 64 schnapshot

    Und jetzt die Raubtiernummer! 29.1.2017, 20.00 Uhr im Café Butter, Pappelallee 73. Mit Renee van Bavel, Volker Strübing und Supersondergaststar Lea Streisand!

    PS: Die Grafiken habe ich mit GangEd 2 ins C64-Format konvertiert, die Screenshots habe ich mit dem VICE-Emulator gemacht, aber es sind echte 64er-Grafiken.

  • Make Team LSD great again!

    Make Team LSD great again!

    Team LSD ist Sieger im Teamwettbewerb der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2016!
    Am Sonnabend gewannen wir im Theaterhaus Stuttgart vor 1100 Zuschauern den Teamwettbewerb der diesjährigen deutschsprachigen Meisterschaften! Wie schade, dass diese Nachricht jetzt von einer ganz anderen Siegesnachricht überschattet wird, aber ich habe es nicht eher geschafft, etwas zu schreiben, da es gleich danach noch auf Tour ging und ich erst jetzt langsam wieder zu mir komme.
    15016397_10207742024452411_6184409894502486056_o

    Poetry Slam Team Finale im Theaterhaus Stuttgart
    (Foto: Fabian Stürtz / Website / Facebook / Instagram)

    2006 und 2008 hatten wir – Micha Ebeling und ich – schon einmal das Glück, die Ehre und die olfaktorische Extremerfahrung, den nach Generationen von Slammerschweiß duftenden Team-Siegerkranz für ein Jahr beherbergen zu dürfen. Damit sind wir rein meisterschaftstechnisch gesehen das erfolgreichste deutschsprachige Poetry Slam Team aller Zeiten der Welt des Universums mit Sahne!

    unspecified (7)

    Max Kennel und Indiana Jonas aka Das Lumpenpack moderierten das Teamfinale.
    Unscharf im Hintergrund: Wir! (Foto: Marvin Ruppert / Website / Facebook / Instagram)

    Ich danke (sicher auch im Namen von Micha) allen, die den SLAM2016 möglich und toll gemacht haben, dem Orga-Team, das zwei Jahre mit den Vorbereitungen beschäftigt war und allen Helfern, die letzte Woche wahrscheinlich kaum ein Auge zugetan haben. Den Moderatorinnen und Moderatoren und Featured Poets und allen, die mit ihren Slams irgendwo in Deutschland geholfen haben, die Szene zu der „alles verschlingenden Hydra“ (Team LSD) zu machen, die solche Festivals ermöglicht. An alle Slammerinnen und Slammer, im Team und Einzeln, die in Stuttgart dabei waren und gelacht, getrunken, geslammt und geheult haben. Danke auch an das Team vom maritim-Hotel, das mit großer Geduld Textfassung um Textfassung für uns ausdruckte und das ewige „Bitte nicht stören“-Schild an meiner Zimmertür vorbildlich beachtete. Vielen Dank auch an Marvin Ruppert und Fabian Stürtz für die vielen grandiosen Fotos vom Slam2016 (und sorry, dass wir keine Actionmotive bieten konnten 😉
    Und ganz besonders danke ich Micha, meinem Teampartner für Visionen, Ideen, Kraft, Ausdauer, Witz und Worte und dass er den Siegerkranz nach Hause getragen hat!

    unspecified (11)

    „Freudentaumel LSD-Style“ hat Marvin dieses Bild genannt.

    Herzlichen Glückwunsch an Casino Wetzlar und Zum Goldenen Schmied (Fatimah Moumouni / Laurin Buser), die mit uns im Finalstechen waren und überhaupt alle Teilnehmer des Finales! Herzlichen Glückwunsch an Philipp Scharrenberg TAFKA Philipp Scharri, der am Freitag den Einzelwettbewerb gewonnen hat, hey, ho! Das Ulkige daran ist, dass Phillipp ebenfalls schon einmal gewonnen hat, 2009 war das, weshalb jetzt allenthalben von einer Rückkehr der alten Herren die Rede ist, worüber ich mich beschweren würde, wenn wir es nicht selber angekündigt hätten („Das geht raus an alle Hater / heut‘ verkloppen euch die Väter“ – Team LSD).

    Wahrscheinlich sind nicht alle glücklich mit diesem Ausgang und mir selbst ist das ganze ein bisschen unheimlich. Es wären doch mal andere dran gewesen! Das stimmt. Bis auf die einfache Tatsache, dass es beim Slam, und erst recht bei den Meisterschaften, offensichtlich kein Dran-Sein gibt.

    Ganz ohne Zweifel haben wir extrem von einer glücklichen Startplatzauslosung profitiert – wir waren die Vorletzten. Nach sechs Teams (zwölf für die Zuschauer, die schon das unmittelbar vorher stattfindende Halbfinale gesehen hatten), die ihre Texte auswendig und oftmals sehr expressiv und hervorragend choreografiert vortrugen, war es plötzlich eine Abwechslung, dass da zwei Leute einfach rumstanden und vom Blatt ablasen. Auf Startplatz Drei hätten wir sicher keine Chance gehabt.
    Dazu kommt, dass bei den Meisterschaften das Publikum ganz anders als bei regulären Slams ist. Der Anteil an Leuten, die noch nie bei einem Slam waren ist höher, der Altersdurchschnitt wahrscheinlich auch.

    14940115_10207742013732143_1281855241664883297_o

    (Foto: Fabian Stürtz)

    Performance mal so, mal so. Oben das wunderbare Team Interrobang ( Manuel Diener / Valerio Moser) aus der Schweiz, die 2015 den Kranz nach Hause trugen. Unten: Team LSD.

    unspecified (4)

    (Foto: Marvin Ruppert)

    Aber wie auch immer: Offensichtlich haben wir es gut gemacht. Das war vielleicht der krasseste Auftritt meines Lebens. Ich war so unsicher vorher, so aufgeregt, hatte wacklige Knie und dann standen wir auf der Bühne und als wir fertig waren, fegte uns ein Applaus-Tsunami von der Bühne und ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich stand ersteinmal bloß mit offenem Mund herum, zu den wackligen Knien, kamen zittrige Hände; ich rannte zur vorsorglich für solche Fälle bereitstehenden Backstage-Whiskey-Flasche und nahm einen großen Schluck und der Rest rauschte dann an mir vorbei. Auch, dass wir dann nochmal im Finalstechen auf der Bühne standen und irgendwann klar war, dass wir wirklich noch einmal gewonnen haben.

    20161105_213528

    Toll: Im Backstage des Theaterhauses hing noch ein Plakat der Meisterschaften 2004. Micha und ich hatten damals (allerdings noch nicht als Team) teilgenommen. Für mich war es das Ereignis, bei dem ich mich unrettbar in den Slam und die Menschen beim Slam verliebte.

    Danke für alle Glückwünsche, ich hoffe, dass nicht allzuviele sauer auf uns sind. Wir wollen die Meister aller Slammer sein! Jetzt ist die Zeit die Wunden zu verbinden und zusammenzukommen! Die vergessenen Slammer und Slammerinnen unseres Landes werden nicht länger vergessen sein! Millionen Slammer werden Startplätze bekommen, wir werden uns um die Veteranen kümmern, wir werden das Wachstum verdoppeln! Wir werden die Team-LSD-Interessen zuerst im Blick haben, aber immer fair bleiben und Partnerschaft statt Konflikt suchen!

    15002313_10207742026652466_1070839682757767917_o

    Aida-Fotobombing nach dem Finale während ein netter Mensch uns zu interviewen versucht. Micha hat sogar erschöpfend antworten können, während ich nur „Schnaps“, „Ich glaube, ich freu mich“ und „Sind wir bald fertig?“ hervorstammeln konnte.
    (Foto: Fabian Stürtz)

    Die Team LSD-SLAM2016-FAQ

    F: Hattet ihr die besten Texte?
    A: Nein!
    F: Hattet ihr die beste Performance?
    A: Nein! (Aber zum Zeitpunkt unseres Auftritts eine voll freshe, in diesem Finale nie zuvor gesehene!)
    F: Saht ihr besser aus als alle anderen?
    A: Nein! (Obwohl … an irgendwas muss es ja gelegen haben …)
    F: Schreibt ihr eure Texte wirklich im Zug auf dem Weg zur Meisterschaft?
    A: Micha meint ja, wir sollten diesen Mythos ruhig pflegen, und ich bin auch geschmeichelt davon, dass man uns das zutraut, aber: Nein! In den Texten stecken Zeit, Schweiß und Tränen (vor allem Michas Tränen – ich werde leider immer zu einem unerträglichen Drecksack, wenn wir Texte schreiben).
    F: Wollt ihr nicht langsam mal aufhören und andere ranlassen?
    A: Nein! Aufhören jedenfalls nicht.
    F: Seid ihr der Donald Trump des Poetry Slam?
    A: Nein! Wir sind der Harald Juhnke des Poetry Slam!

    unspecified (10)

    (Foto: Marvin Ruppert)

  • Kloß und Spinne – Das Buch

    Kloß und Spinne – Das Buch

    Das Buch ist da! Sonnabend, über einen Monat vor der offiziellen Premiere am 30.10. im Café Butter, kam das Paket an! Ab sofort ist es im Buchhandel oder beim Verlag bestellbar oder bei Auftritten mit Unterschrift und allem Drum und Dran direkt bei mir zu erwerben. Kost‘ 10 Euro!

    Damit man weiß, worum es geht, folgt: Das Vorwort!

    Tach allerseits!

    Das Leben ist wie ein Glas Bier. Für die einen halbvoll, für die anderen halb leer. Und manchmal eben auch einfach ganz leer oder ganz voll. Oder vielleicht gar kein Glas Bier, sondern ein Glas Brause.
    Wenn das Leben wie ein Glas Bier ist, dann ist eine Kneipe wie das Universum, und wir können alle Geheimnisse des Lebens ergründen, indem wir uns an die Bar setzen und beobachten. Stephen Hawking hat einen Bestseller mit dem Titel „Das Universum in der Nussschale“ geschrieben. Hier nun also: „Das Universum in der Eckkneipe“.

    Die Kneipe, von der wir hier erzählen, befindet sich irgendwo in Ostberlin. Gegenüber ihren Paralleluniversen in Westberlin, München oder Eisenhüttenstadt hat sie einen entscheidenden Vorteil: Sie ist gleich bei mir um die Ecke.

    klein P1080242

    (www.quasimodo.de)

    Den Namen der Kneipe möchte ich nicht verraten, nennen wir sie „Schrödingers“, denn solange man nicht hineinschaut, weiß man nie, ob die Katze auf der Fensterbank noch lebt oder schon tot ist. Man könnte also sagen, dass die Kneipenkatze gleichzeitig lebendig und tot ist und würde damit eindrucksvoll beweisen, dass man keine Ahnung von Quantenmechanik hat. Wenn man sich die Mühe macht, hineinzuschauen wird man jedenfalls erleichtert feststellen, dass die Katze noch lebt.
    Außer der Katze haben es sich noch ein paar Stammgäste bequem gemacht: An seinem Platz direkt am Zapfhahn, dort, wo das nächste Bier nie weit entfernt ist, sitzt Kloß. Kloß würde das Leben niemals mit so erfreulichen Analogien wie Biergläsern oder Pralinenkästen beschreiben, denn Kloß hat schlechte Laune. Immer. Kloß ist die Mutter aller Miesepeter und das uneheliche Kind von Bernd dem Brot und Marvin dem Roboter. So wie Licht für jeden Beobachter stets die selbe Geschwindigkeit hat, hat Kloß für jeden Beobachter unabhängig von dessen eigener Stimmung konstant die schlechteste Laune im ganzen Universum, sprich der ganzen Kneipe.
    Sein Kumpel Spinne ist das genaue Gegenteil: Nichts tut seiner Lebensfreude Abbruch, kein Thema ist so deprimierend, dass er ihm nicht auch etwas Positives abgewinnen könnte, und selbst wenn all seine Versuche, in seiner Stammkneipe ein schönes Glas Brause zu bekommen, am archaischen Kneiperstolz des Wirtes scheitern, kann das nichts an seiner guten Laune ändern. Man kann auch ohne Brause glücklich sein!

    klein P1080257

    (www.raubtiernummer.de)

    Auf dem Platz an der Wand hockt manchmal Wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Dirk und sagt unvermittelt »Hitler«. Ganz selten verirrt sich sogar ein gänzlich Fremder in die Kneipe; meist ein junger Mann mit Bart, der aber in der Regel nur mal schnell aufs Klo will, weil er woanders so viel Kaffee oder Beck’s to go getrunken hat.

    Und schließlich ist da noch Horst: ein rosa bepulloverter Geist, ein bebrillter blinder Fleck, eine kleine verschüchterte Bewegung im Augenwinkel. Man muss schon sehr genau hinschauen, um ihn überhaupt zu bemerken. So genau schaut aber niemand hin. Horst ist tatsächlich wie Schrödingers Katze, nur eben leider keine Katze, sondern ein derart langweiliger und eigenschaftsloser Mensch, dass sich auf Teufel komm raus niemand findet, der sich die Mühe machen würde, seinen zwischen Existenz und Nichtexistenz oszillierenden Zustand durch Beobachtung festzulegen.

    Germanistikstudenten späterer Generationen werden kluge Arbeiten schreiben, in denen sie Horst mit dem Autor dieser Zeilen gleichzusetzen versuchen. Totaler Quatsch, aber immer noch besser, als wenn sie Marketing studieren würden.

    klein P1080282

    (Ich hätte vielleicht Marketing studieren sollen. Dann dürfte ich für andere Werbung machen und nicht immer nur für mich selbst.)

    In jeder Galaxie und jeder Kneipe dreht sich alles um das Zentrum beziehungsweise den Wirt. Im Falle der Milchstraße handelt es sich um ein gigantisches Schwarzes Loch von 4,3 Millionen Sonnenmassen, im Falle der Kneipe handelt es sich um Norbert, der auch ein bisschen Übergewicht hat. Ein ärmelloses Unterhemd bringt seinen Bierbauch bestens zur Geltung. Wenn ihn nicht gerade ein Gast stört, verbringt Norbert seinen Arbeitstag in stummer Meditation, wobei er oft zu Einsichten von erhabener Weisheit gelangt, an denen Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf den folgenden Seiten teilhaben können.

    Viel Spaß beim Lesen! Um mit den Helden dieses Buches zu sprechen: “Hihi, das ist lustig!” — “Isses nich.”

     

  • Schnipsel vom 15.9.2016 – Über die  Weltverbesserungsformel und asoziale Technologie

    Schnipsel vom 15.9.2016 – Über die Weltverbesserungsformel und asoziale Technologie

    1. Das Wichtigste zuerst

    2. Asoziale Technologie

    3. Weltverbesserungsformel

    4. Sprachsoftware

    02 rand

    (Deprimierte Technologie – besser als deprimierende Technologie.)

    1. Das Wichtigste zuerst:

    Ein bisschen Werbung in eigener Sache: Am 25.9.2016 geht es weiter mit „Und jetzt die Raubtiernummer!“ – Texte, Musik, Quiz und Leuchtkaninchen, jeden letzten Sonntag im Monat, mit Renee van Bavel und mir. Am 25. sind der Musiker Luutzen und mein Schnaps-und-Würde-Kumpel Malte Rosskopf zu Gast. Hier habe ich eine schöne Website gebastelt: www.raubtiernummer.de und hier findet man die Raubtiernummer auf Facebook: www.facebook.com/raubtiernummer/

    Am Donnerstag, dem 29.9. mache ich das erste Mal seit Jahren (und sicher das Letzte Mal für lange lange Zeit) eine Solo-Show in Berlin – hurra! Im Quasimodo! Ja, genau, dem Quasimodo! Präsentiert von den Wühlmäusen und natürlich werde ich nicht nur lesen, sondern auch singen und was mir noch so einfällt. Und es gibt einen Überraschungsgast! Sei auch Du Überraschungsgast! Komm vorbei!

    03 rand

    Sicher habe ich am 29.9. auch schon die ersten Exemplare des Kloß-und-Spinne-Buches bei. Offzielle Buchvorstellung ist aber erst am 30.10. im Rahmen der Oktoberausgabe der Raubtiernummer.

    2. Asoziale Technologie

    Ich glaube fest, dass es so etwas gibt wie asoziale Technologie: Dinge, die keinen anderen Zweck haben, als die Welt schlechter und einige wenige Menschen reich zu machen. Viele dieser Dinge sind Gegenstand von Waffenkontrollgesetzen. Laubgebläsen leider nicht …
    Man könnte sogar argumentieren, dass Waffen besser sind als Laubgebläse, immerhin ist ja denkbar, dass sie nicht aus asozialen Beweggründen entwickelt und angeschafft wurden (man denke etwa an das Manhattan-Projekt). Für Laubgebläse gibt es absolut keine Rechtfertigung. Laubgebläse auf Straßen und Gehwegen sind vollkommen sinnlos, es ginge immer schneller mit einem Besen. Sie wurden entwickelt aus Menschenhass und Profitgier und werden von Stadtreinigungsbetrieben und Kleingärtnern aus Menschenhass oder Blauäugigkeit angeschafft.

    04 rand

    (Erst ma eene roochen!)

    3. Weltverbesserungsformel

    Meine Formel zur Weltverbesserung: Weniger Laubgebläse, mehr Damentoiletten.

    (Damit wären noch nicht alle Probleme gelöst, aber ein erster Schritt wäre getan.)

    01 rand

    (Erst ma eene roochen II – Gesichter des Todes)

    4. Sprachsoftware

    Bei asozialer Technologie denkt man natürlich schnell an Telefonwarteschleifen und Telefonantwortsysteme, die partout den Satz „Ich hab WEITER GESAGT, DU SCHEISSBLÖDES KACKDRECKSARSCHLOCH-TEIL“ nicht verstehen und mit ruhiger Computerstimme antworten: „Sie haben BEENDEN gesagt. Vielen Dank für Ihren Anruf. Wir hoffen, dass wir Ihnen helfen konnten.“ Mit dieser elegenaten Überleitung wären wir beim Thema „sprechende Computer“.

    Nachdem ich neulich schon über Neuronale Netze und Bockwurstbilder schrieb, stieß ich jetzt auf Artikel über WaveNet, eine Text-To-Speech-Software. (Links:  Artikel in der NZZ, Artikel im DeepMind-Blog)WaveNet wird entwickelt von von Google Deep Mind, von denen auch AlphaGo stammt – die Software, die erstmals besser Go spielte als menschliche Profis. Wie AlphaGo oder Deep Dream basiert WaveNet auf neuronalen Netzen. Die Software generiert die Sprache Sample für Sample, statt mit einer Datenbank von Soundschnipseln zu arbeiten, die dann zu Wörtern und Sätzen zusammengebaut werden. Das Netzwerk lernt sozusagen von menschlichen Vorbildern. Das ganze klingt noch nicht ganz perfekt, aber doch schon besser als, ick sach ma: die automatisierten Ansagen auf Bahnhöfen oder die besonders grusligen „Fahrstuhl fährt“-Nachrichten in manchen Fahrstühlen. WaveNet hat von den menschlichen Sprechern sogar die Atempausen und Mundbewegungsgeräusche gelernt. Ganz nebenbei kann die Software auch noch ein bisschen Musik komponieren.

    05 rand

    (Das A sieht ein bisschen wie ein R aus, aber eigentlich steht da DLAG (Das Leucht-Augen Gesicht).)

    Ich nehme an, dass Computer nie so klug sein werden wie Menschen. Im Sinne von: auf die selbe Art klug (oder dumm) wie wir. Aber – nach dem alten DDR-Motto „Überholen ohne einzuholen“ – irgendwann in nicht allzuferner Zukunft wesentlich klüger. Vielleiht werden wir echte künstliche Intelligenz erst einmal gar nicht bemerken, weil wir immerzu nach etwas Ausschau halten, das genauso tickt wie wir, mit Bewusstsein, Emotionen und dem ganzen Krempel.

  • Ich sehe kackende Menschen

    Ich sehe kackende Menschen

    Immer wieder für interessante Situationen sorgt der nur für Menschen mit einem Abschluss in Philosophie, Informatik und Raumfahrttechnik durchschaubare Schließvorgang der Behinderten-WCs in ICEs, für welchen die Bedienung bzw. Beachtung von drei Knöpfen (zwei rot, einer grün) und einer Leuchte, die je nach Status der Toilettentür verschieden blinkt oder leuchtet, nötig ist. Während die beiden mit Pfeilen und relativ leicht verständlichen Worten („Öffnen“, „Schließen“), den Benutzer in dem trügerischen Glauben wiegen, die Toilettentürtechnik meistern zu können, lässt der dritte Knopf mit der für einen Knopf doch relativ komplexen Beschriftung „Bei Blinklicht bitte verriegeln“ die meisten Benutzer scheitern.

    P1050702(Statt Klo-Fotos ein paar romatische Impressionen von der niederländischen Nordseeküste)

    Vielen ist es wahrscheinlich einfach zu viel Text und hoffen, durch Betätigung des Schließen-Knopfes für hinreichende Privatsphäre gesorgt zu haben, andere lesen vielleicht das ganze knopfgroße Handbuch durch, sind guten Willens alle Anweisungen zu befolgen, geben jedoch irgendwann aufgrund steigenden inneren Drucks die Suche nach einem Riegel, den sie verriegeln könnten, auf und kommen bei einer kurzen Risikoabwägung zu dem Schluss, dass die Möglichkeit auf der Toilette von fremden Menschen gesehen zu werden der sicheren Peinlichkeit einer vollgemachten Hose vorzuziehen ist.
    Warum die Türen nicht einfach über einen Riegel verfügen bleibt ein Geheimnis. Wenn man den Knopf wenigstens mit „Bei Blinklicht bitte drücken“ beschriftet hätte, wäre wahrscheinlich auch schon vielen geholfen. Wie so oft kommen zwei Erklärungen in Frage: Achtlosigkeit und Bosheit und wie so oft frage ich mich, welche von ihnen ich schlimmer finden soll.

    P1050919

    Ich selbst habe übrigens dank meiner wirklich sehr sehr großen und genialischen Geisteskräfte die Bedienung äußerst schnell verstanden und in der Praxis umsetzen können. Seither traue ich mir auch zu, ein Atomkraftwerk zu leiten oder einen Jumbo mit drei brennenden Triebwerken bei Sturm auf dem Aldi-Parkplatz zu landen.
    Dennoch versuche ich die Benutzung zu vermeiden Zum einen, weil selbst ein erfahrener ICE-Behinderten-WC-Tür-Kommandant wie ich eine quälende halbe Minute braucht, bis er endlich dem zu verrichtenden Geschäft nachgehen kann, da sich sich Tür mit der Gemächlichkeit einer Blüte öffnet und wieder schließt. Zum anderen weil – ihr ahnt es – man sehr häufig mit Menschen konfrontiert wird, die von diesem Intelligenz- und/oder Aufmerksamkeitstest überfordert wurden. Schön sind solche Begegnungen nicht, für keine der beiden Seiten.

     

    P1060053

    (Zu diesem Bild gehört eine ebenso lustige wie dramatische Geschichte, für die im Internet aber grad kein Platz mehr ist.) 

    Gestern habe ich mal wieder einen kackenden Mann gesehen (ich nehme an, dass es um das große Geschäft ging, da er bereits Toilettenpapier in der Hand hielt). Er guckte mich aus großen Augen an, als die Tür sich langsam öffnete und uns einander offenbarte wie Kandidaten einer Datingshow aus der Hölle. Sein Blick ließ mich unwillkürlich an ein angeschossenes Rehkitz denken, wobei ich noch nie ein angeschossenes Rehkitz gesehen habe und mich frage, ob ich, falls ich je ein angeschossenes Rehkitz sehen sollte, dann wiederum denken würde, dass es wie ein kackender Mann im Behinderten-WC des ICE 526 guckt, aber ich schweife ab!

    Wie leid er mir tat! Wie gern ich ihn irgendwie getröstet hätte, ihm gesagt hätte, dass es alles nur halb so schlimm sei, 80 Prozent der Menschen seien zu blöd, die Tür richtig zu bedienen, und 100 Prozent der Menschen müssten auch ab und zu auf Klo, sogar Chuck Norris und deine Mutter! Wie gern ich ihn in den Arm genommen hätte, naja, das nun nicht, zumindest nicht während er auf dem Klo saß, aber natürlich verbat sich all das. Es blieben drei Optionen:
    1. Wegrennen
    2. Smartphone zücken und ein lustiges Bild für Facebook machen
    3. Helfen

    P1050929
    Ich entschied mich für Option 3, denn ich bin nicht nur sehr, sehr klug, sondern auch sehr, sehr freundlich.
    Ein hübsches perfides Detail ist, dass die Toilettentür weder von außen (wo es nur einen Knopf zum Öffnen, aber nicht zum Schließen der Tür gibt), noch vom WC aus bedienbar ist, so dass ich einen beherzten Schritt ins Innere des Klos auf den kackenden Mann (dessen Augen aus diesem Anlass noch ein bisschen größer wurden) zu machen musste, um den Schließknopf betätigen zu können. Vielleicht sind die Behinderten-WC-Türen deshalb so langsam: Um die Menschen die die Klotür öffnen, während jemand anders darauf sitzt, nicht mit ihnen eingesperrt werden, wenn sie helfen wollen. Ich drückte den „Schließen“-Knopf, hechtete aus dem WC, warnte einen mir entgegenkommenden Klogänger vor dem Behinderten-WC (selbstverständlich konnte ich es nicht verriegeln, denn dazu hätte ich mich wirklich mit, nennen wir ihn Kacki, einschließen müssen).

    P1050809

    Die kleine Pointe an der Geschichte ist, dass der kackende Mann mir seit seit mehren Stunden an einem Vierer-Tisch gegenüber saß und jetzt, während ich dies schreibe wieder sitzt. Wir ignorieren uns, er hat sich nicht bedankt, mir nur kurz mit schiefem Mund zugenickt, als er an den Platz zurück kam. Etwas anderes habe ich nicht erwartet, solche Dinge regeln wir Männer auf sehr diskrete Art.
    Diese Geschichte ist für Dich, Kacki, auch wenn ich hoffe, dass Du sie nie lesen wirst …

  • Der König hat gehustet

    Der König hat gehustet

    „Der König hat gehustet“ – die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, auch wenn keiner genau sagen konnte, wie. Es stand nicht in der Zeitung, es wurde nicht im Radio bekanntgegeben und niemand war so unschicklich, es laut auszusprechen und doch wusste es bald jeder. So wie man nicht erst den Donner hören muss, um zu wissen, dass ein Gewitter aufzieht. „Der König hat gehustet“ – die Spatzen pfiffen es von den Dächern, die Bienen tanzten es über der Wiese, die Wolken schrieben es in den Himmel.

    IMG_0020

    („Der König hat gehustet“ – die Waschmaschinen flüsterten es den Wäschekörben.)

    Natürlich rief dies sofort die Übereifrigen auf den Plan. Lange bevor die Nachricht die Runde gemacht hatte, begannen sie selbst zu husten, leise erst, doch immer lauter und selbstbewusster, demonstrativer. Endlich zahlte sich ihre Aufmerksamkeit aus, endlich machte es sich bezahlt, dass sie ihre Nase höher trugen als andere, um im Wind auch noch die leiseste Ahnung einer Nachricht zu erschnüffeln. In den nächsten Wochen würden sie uns bei jeder Gelegenheit spüren lassen, dass sie schon vor uns mit dem König husteten, sie würden uns geringschätzig anschauen und sarkastische Bemerkungen über die Gesundheit unserer Kehlen machen. „Ich huste ja schon beinahe immer“, würden sie sagen, „es ist praktisch ein Teil von mir.“

    Sie würden freilich nie so weit gehen, sich mit dem König zu vergleichen oder auch nur des Königs Husten zu erwähnen und doch wäre ihre Botschaft klar: Wir sind die wahren Untertanen, wer seid ihr?
    Wenn Sie mich fragen, sind das alles Angeber und Heuchler und auf die Gefahr hin, dem einen oder anderen Unrecht zu tun: Ich glaube, sie missbrauchen und betrügen unseren König, indem sich sein Husten wie einen Mantel umhängen, um sich selbst zu erhöhen.

    IMG_0019

    Natürlich habe auch ich gehustet! Wie konnte ich nicht husten, wenn der König gehustet hat! Sind wir nicht alle nur Glieder des großen Körpers, dessen Geist, Herz und Seele der König ist?!
    Natürlich habe auch ich gehustet! Doch ich hustete im Stillen. Warum sollte ich dem Pöbel meine Loyalität demonstrieren, wer würde es wagen, an ihr zu zweifeln?! Warum sollte ich Vorgesetzte beeindrucken und Gleichgestellte beschämen, in dem ich doppelt so oft und doppelt so laut wie sie hustete? Ich wollte nichts als meinem König nahe zu sein und indem ich sein Husten teilte, ein immaterielles Band zwischen uns zu knüpfen.

    Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bilde mir nicht ein, durch mein Husten selbst königlich geworden zu sein, nein mein Husten und ich blieben stets ganz gewöhnlich menschlich. Doch indem ich mir dessen bewusst war, konnte ich mich ihm spirituell nähern, ohne der Versuchung der Anmaßung zu erliegen. Ich war wie ein Kind, das mit Armgefuchtel von einem Stuhl springt und sich für einen winzigen Moment den Vögeln am Himmel nahe fühlt.

    IMG_0017

    („Sie da, ja, Sie. Nun tun Sie mal nicht so!“)

    Zwei Wochen husteten wir, die einen hohl und laut, die anderen, wie ich, still und demütig, doch als schließlich die Nachricht kam (unhörbar und doch klar wie eine frische Brise an einem drückenden Sommertag), dass ein Fehler und falscher Alarm gewesen war, waren wir alle doch insgeheim froh, weil unsere Kehlen gerötet waren, vor allem aber, weil es bedeutete, dass es dem König gut ging.
    Unnötig zu erwähnen, dass jene, die zuerst und am lautesten gehustet hatten nun auch die ersten waren, die sich (mit rauher Kehle) über das Husten mokierten. „Also dieses Gehuste ist ja äußerst peinlich“, sagten sie laut und genossen die entsetzten Blicke jener, die etwas länger brauchten, um zu begreifen. Was man mit dem Husten überhaupt andeuten wolle, fragten sie, ob man etwa an der Gesundheit des Königs zweifle?
    Nun, mir, der ich stets im Stillen gehustet — was mir kurz zuvor noch einige scheele Blicke seitens der Demontrationshuster eingebracht hat — konnte niemand etwas vorwerfen.
    Da! Hören — oder besser: Spüren Sie es auch? Es ist etwas geschehen … der König hat gefurzt …

    IMG_0018

    (Glücklich, wer keine Nase hat.)

  • Jenga Welt

    Jenga Welt

    Ob die Welt bald untergeht ist heftig umstritten. Und auch innerhalb der Pro-Weltuntergangsfraktion ist man sich uneins wie sie untergeht, wenn sie untergeht und was mit Welt eigentlich gemeint ist: die ganze oder nur unsere kleine, mehr oder weniger heile, auf alle Fälle recht friedliche europäische Welt.

    _wb 00

    (Ja, also, es war ja ganz nett mit den Bärten, aber jetzt können sie dann auch mal wieder ab. Ich meine: Sie sind sie in der S-Bahn-Werbung angekommen, wie cool ist das denn?!)

    Die Anti-Weltuntergänger beruhigen sich derweil mit Links zu Artikeln (prompt finde ich natürlich keinen), die beweisen, dass dies gar nicht die schlimmsten Zeiten ever sind, sondern auch nicht schlimmer als die 60er, 70er, 80er Jahre, die gute alte Zeit also, als man Kindern beibrachte, wie sie sich im Falle eines durch 99 Luftballons ausgelösten Atomkrieges zu verhalten hätten. (Für jüngere Leser kurz zusammengefasst: Auf den Bauch legen mit den Füßen Richtung Atompilz. Oder am allerbesten: Direkt unter die Bombe stellen, denn die Lebenden werden die Toten beneiden etc.)

    Und schließlich ging trotz Kuba-Krise und Schulterpolstern damals letztlich alles gut aus (zumindest für uns), warum soll es nicht diesmal auch gut gehen?

    Sobald ich anfange, mich mit der Frage zu beschäftigen, tendiere ich in Richtung Pro-Weltuntergangsfraktion, weshalb ich es in den letzten Wochen immer öfter vermieden habe, mich damit zu beschäftigen.
    Es gibt ein paar gravierende Unterschiede zur Situation im kalten Krieg. Damals gab es zwei Blöcke, die sich gegenseitig das Messer an die Kehle hielten – ein Patt, das die Welt vor dem schlimmsten bewahrte (wenn auch nur mit viel Glück, wie wir heute wissen).
    Dieses Patt gibt es nicht mehr und die unübersichtliche, zerfaserte Situation lässt den Psychopathen an der Macht viel Raum für Großmachtsträume und die begründete Hoffnung, hier und da ein bisschen Krieg führen oder den weltpolitischen Gegner bis aufs Blut reizen zu können, ohne sofort den ganz großen Knall auszulösen. Und macht es vielleicht viel wahrscheinlicher, dass der große Knall passiert als damals, weil er aus einer  Kaskade gegenseitiger Provokationen und schließlich Auseinandersetzungen entstehen kann, ohne dass irgendjemand es wirklich wollte oder die alleinige Verantwortung dafür trägt.

    Wer sich ein bisschen gruseln möchte:  „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ – ein Artikel über das Verhältnis Donald Trumps zu Atomwaffen.

    Der ehemalige CIA-Chef Hayden hatte kurz vorher Donald Trump als unberechenbar und unvorhersehbar bezeichnet. „Sowas jagt deinen Freunden Angst ein und fordert deine Feinde heraus“, sagte Hayden.

    Kurz darauf wurde Hayden, der unter Präsident Bill Cinton und George W. Bush auch Chef des Geheimdienstes NSA gewesen war, gefragt, wie genau das Auslösen durch einen amerikanischen Präsidenten ablaufen würde. „Das Verfahren kann variieren, aber es ist definitiv auf Schnelligkeit und Entschlossenheit ausgelegt. Zeit für Diskussionen gibt es dann nicht mehr“, sagte Hayden im Fernsehen.

    Auch der Zeitgeist ist ein Faktor, der nicht unbedingt in Richtung Friede, Freude, Eierkuchen tendiert. In den 60ern, 70ern, 80ern entstanden und wuchsen mächtige Bürgerbewegungen, die ich für Gleichberechtigung, Frieden, Gerechtigkeit und dergleichen Zeugs einsetzten, und einen starken Einfluss auf Politik und Gesellschaft nahmen. Bürgerbewegungen gibt es wieder, und was ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft angeht, sind sie sicher mit jenen von damals zu vergleichen. Nur dass es jetzt um eher entgegengesetzte Werte geht.

    Es gibt diese Redewendung: Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Niemand sagt, dass das nur für gute Ideen gilt.

    _wb 01

    (Solange noch junge Menschen für ihre Überzeugungen und supergünstige Mode kämpfen, sind Hopfen und Malz nicht verloren.)

    Manchmal muss ich an Jenga denken, dieses Spiel, bei dem man reihum Holzbausteine aus einem Turm ziehen und oben wieder drauflegen muss, bis der Turm schließlich umfällt. Der Vergleich ist so wackelig wie ein Jengaturm nach drei Runden, aber zwei Details passen ganz gut:

    1.) Jeder Versuch, die Situation zu stabilisieren alles scheinbar nur noch schlimmer macht. Wenn milliardenschwere Rettungsschirme aufgespannt oder seltsame Deals mit der Türkei getroffen werden, scheint das wie der Versuch, einen Stein in den Turm zurückzuschieben (was genauso gefährlich ist, wie einen herauszuziehen).

    2.) Niemand kann sagen, wer Schuld ist, wenn der Turm irgendwann umkippt. Klar, jemand hat den letzten Stein herausgezogen, aber alle in der Runde haben doch mit daran gearbeitet, ihn löchrig zu machen. Die einen haben mit bösem Grinsen besonders knifflige, feste Steine extrahiert, um es dem nächsten Spieler extra schwer zu machen, die anderen haben sehr vorsichtig gespielt und (so dass den anderen Spielern gar nichts übrig blieb, als sich an gefährlicheren Steinen zu versuchen).

    Wofür in dieser Metapher der Einsturz des Turmes steht, ist ein ganz anderes Thema und man könnte jetzt prima Worte wie „Babylon“ oder … ähm … „Babylon“ in die Runde werfen, aber man muss vielleicht auch nicht jedes schlechte Gleichnis zu Tode reiten.

    Womit ich wieder bei den Zeitvergleichen wäre. Ist es wieder wie in den 70ern? Ist es wie 1933? Wie 1914? Oder wie damals als Rom unterging? Wahrscheinlich nichts davon. Ich bin zuversichtlich, dass wir es auf völlig neue Art verkacken werden.

    _wb 02

    (Symbolbild Untergang (man beachte den Pfeil, der Richtung Seeboden zeigt!!!))

    Bei all meinem Pessimismus bleibe ich doch optimistisch 😉 Vielleicht ist ja alles gar nicht wie in den 70er Jahren sondern wie 1422, dann haben wir noch fast 600 Jahre bis Pokemon Go erscheint!

    Zum Happy End noch ein Link zu einem Interview mit Steve Pinker, der die These aufgestellt (und gut begründet) hat, dass allem Anschein zum Trotz die Welt tendentiell immer friedlicher wird. Sein Buch mit dem wenig fröhlichen Titel „Gewalt“ war das einzige Sachbuch, das ich in den letzten Jahren las, das einen positiven Ausblick auf die Zukunft wagt, ohne albern zu sein (oder eine Utopie zu propagieren, die beinahe noch grusliger als die Untergangsszenarien ist).

    Der ewige Friede kommt also doch?
    Gewalt wird niemals ganz aus der Welt verschwinden. Auf unserem Planeten leben sieben Milliarden Menschen. Es wird immer junge Kerle geben, die in einer Kneipe durchdrehen oder eine „Volksfront zur Befreiung von Was-auch-immer“ gründen, um ihrem Lebensfrust Ausdruck zu verleihen. Aber die Gewalt kann auch in Zukunft weiter zurückgehen.

    Und wir können uns zurücklehnen, die Weltgeschichte erledigt den Job?
    Diese Frage ist albern! Aber ich höre sie nicht zum ersten Mal. Wenn ich Ihnen jetzt sagen würde: „Ich prognostiziere, Ihre Zähne werden heute Nacht geputzt sein, wenn Sie ins Bett gehen.“ Was würden Sie antworten? „Toll! Das heißt, ich muss meine Zähne heute nicht putzen“? Die Welt ist friedlicher geworden, weil sich Menschen in der Vergangenheit erfolgreich dafür eingesetzt haben. Und wir können die Welt noch friedlicher machen.[…]

    (https://www.amnesty.de/journal/2015/dezember/herr-pinker-rechnet-mit-frieden)

    PPS: Hier habe ich schonmal über Pinkers Buch „Gewalt“ gebloggt und den Artikel mit schönen Collagen verziert:

    http://schnipselfriedhof.de/2014/07/gewalt/