Kategorie: Nachrichten aus der Scheinwelt

  • Wenn es schon keine guten Nachrichten gibt, kann man sie ja wenigstens lustig präsentieren

    Bei der Arte-Nachrichtenredaktion arbeiten aber auch ein paar Schelme:

    Schachmatt für Gary Kasparow. Der ehemalige Schachweltmeister wird nächstes Jahr nicht Präsidentschaftskandidat sein. Keine gute Nachricht für die zersplitterte russische Opposition. Kasparow verzweifelt an den Verhältnissen. In ganz Moskau, sagt er, haben wir keinen Raum gefunden, in dem wir uns versammeln können.
    Nach so viel ausführlicher Information jetzt in aller Kürze unser Überblick.

    (Arte Info, 12.12.07, 19.45 Uhr)

     

    🙂

     

    Okay, ich will fair sein. Davor gab es für eine Nachrichtensendung wirklich ausführliche Berichte über den LKW-Streik in Italien, die Blocher-Pleite in der Schweiz und anderes. Aber lustig fand ich das schon.

     

    (Volker Strübing)

  • „Der Standort Amerika ist in Gefahr!“ (anonymer Sklavenhalter um 1861)

    Die PIN AG steht wegen der Mindestlöhne vor dem Aus, weil Großaktionär Springer (das sind die mit der Zeitung, die immer auf Seiten des kleinen Mannes steht) sagt, dass sich das Geschäftsmodell dann nicht rechnet. Das Geschäftsmodell bestand darin, Leute richtig hart arbeiten zu lassen zu Löhnen, von denen sie nicht leben können.

    Wahrscheinlich haben die Baumwollplantagenbesitzer dasselbe gesagt, als damals die Sklaverei abgeschafft werden sollte. Gut, dass sich damals niemand davon beeindrucken ließ. Heute wäre es wahrscheinlich schwer, so etwas durchzusetzen. Die Sklavenhalter würden eingeschnappt gucken und mit Entlassungen und Produktionsverlagerungen drohen, und die Sache wäre vom Tisch.

    (Volker Strübing)

  • Neuer Service: Statt meiner eigenen gründe ich Deine eigene Religion!

    Gestern Abend kam auf dem Ersten eine Reportage über Fundamentalisten – christliche, jüdische und islamische. Unter anderem begleitete das Kamerateam eine Raftingfahrt für strenggläubige Christen durch den Grand Canyon, der ihrer Auffassung nach nur durch die Sinflut entstanden sein kann. Der Reiseleiter sagte: “ Wenn man hierher kommt und an die Evolution glaubt, wird man natürlich auch Indizien dafür finden, dass das alles in Jahrmillionen entstanden ist. Doch wenn man hierher kommt und an die Bibel glaubt, sieht man sofort die Beweise dafür, dass er nur eine Folge der Sinflut sein kann.“ (Gedächtniszitat)

    Es ist schon phantastisch, dass dieser Mann nicht sofort auf die Idee gekommen ist, dass er möglicherweise auch nur das sieht, was zu seinem Weltbild passt. Aber so funktioniert wohl Fundamentalismus. Oder echter Glauben. Oder Ignoranz, was weiß ich. Ich kann mich da nicht reinversetzen. Wie erklären sich eigentlich Fundamentalisten einer Religion, dass sie das richtige Wort Gottes in Händen halten, während ihre Kollegen (ich sag das jetzt mal so salopp) bei den anderen Religionen auf einen Fake hereinngefallen sind?
    Okay, wahrscheinlich sagen sie: Gott hat mir den Weg zu sich gewiesen. Insbesondere bei den Erweckungschristen ist das  so üblich. Aber wie erklären sie dann, dass ein strenggläubiger Moslem auch behauptet, Gott habe ihm den Weg gezeigt? Sagen sie dann, der würden sich das ja nur einbilden oder sei auf Satan reingefallen, der sich als Gott ausgegeben habe, um ihn auf den falschen Weg zu schicken? Aber wie können sie dann sicher sein, dass sie nicht auf eine Einbildung oder auf den Teufel reingefallen sind?

    Blöde Fragen, die nur ein Ungläubiger stellen kann. Diese Leute müssen sich nichts erklären, denn sie haben ja ihren von allen Zweifeln freien Glauben.
    Aber wie gesagt, der Schuh passt mir nicht, dass kann ich nicht nachvollziehen. Irgendetwas nicht in Zweifel zu ziehen ist mir wohl unmöglich. Ich hoffe, diese Unmöglichkeit wird mir bei der großen Endabrechnung als Behinderung und mildernder Umstand gutgeschrieben.

    Fast noch merkwürdiger finde ich übrigens nichtfundamentalistische Gläubige. Also beispielsweise Christen, die die Bibel nicht wortwörtlich nehmen.
    Es ist doch so: Entweder man glaubt daran, das die Bibel Gottes Wort ist, dann muss man ihr bedingungslos glauben. Und wenn Gott den Bibelschreibern gesagt hat, sie sollen jetzt mal aufschreiben, dass die Erde in 6 Tagen geschaffen wurde, dann ist das auch so und basta! Da kann man doch nicht daher kommen und sagen: Naja, böh, also man darf jetzt Gottes Wort ooch wüller nich so supergenau nehmen … vülleicht hatter n bisschen genuschelt, als er das gesagt hat oder das war  nur als Gleichnis gemeint oder so … Mannomann, wenn ich Gott wäre, würde ich denen aber ordentlich die Hölle heiß machen! Da wären mir doch Ungläubige tausendmal lieber! Die würden mich wenigstens in Ruhe lassen und mich nicht mit ihren Gebeten behelligen und mir zum Dank das Wort im Munde umdrehen.

    Wie kann man an den christlichen Gott glauben, aber die Bibel als selbstzuinterpretierendes, fehlerbehaftetes Werk ansehen? Als Steinbruch für die Bausteine einer letztlich völlig eigenen Religion? Warum schreibt man sich dann nicht gleich eine eigene Bibel? Oder lässt sich von einem Autor seiner Wahl eine schreiben? (Braucht noch jemand eine? Über den Preis lass ich mit mir reden! Individuelle Kurzbibeln mit einem Grundschatz an nach ihren Wünschen erstellten Geboten und Weisheiten schon ab 1000 Euro! Aufpreis für innere Konsistenz: 5000 Euro! (Sowas gibt’s auf dem Religionsmarkt bis jetzt schließlich noch nicht))

    (Volker Strübing)

  • Dialog der Organe

    Ich bin gegen religiöse Indoktrination in der Schule. Aber ist das nicht ein bisschen zu hart: eine Lehrerin brummen zu lassen, weil sie einen Teddybären Mohammed getauft hat? Mein atheistisches Gehirn sagt nein, aber mein mildes Herz sagt doch.
    Mein sportfeindlicher Bregen sagt auch, es sei immerhin ein Schritt in die richtige Richtung, Fußballspiele abzusagen, die Italiener seien uns eben einen Schritt voraus, nicht nur beim Rauchverbot, und der Zweck heilige die Mittel – aber auch hier meldet sich mein pazifistisches Herz: „Nein, Erschießen ist keine Lösung, jedenfalls keine gute!“ Meine zynische Leber sagt: „Entweder alle abknallen oder gar keinen!“ Aber auf die hört zum Glück keiner.

    (Andreas Krenzke)

  • Niemand hat die Absicht, einen Überwachungsstaat zu errichten

    Ich gebe es zu: Ich gehörte zu den kleingeistigen Schissern, die sich wegen Vorratsdatenspeicherung & Co. Sorgen gemacht haben. Aber jetzt hat Bundesjustizministerin Zypries zum Glück klargestellt: „Das ist nicht der Weg in den Überwachungsstaat.“ Na dann. Die Frau wird schon wissen, was sie sagt („Browser? Was sind jetzt nochmal Browser?„). Die ist immerhin Ministerin und ich bin nur ein kleiner, dummer Bürger, dessen Telefon- und Internetverbindungsdaten gefälligst gespeichert gehören als „notwendiger Schritt zur Kriminalitätsüberwachung“. Ich bin jetzt zwar gerade gar nicht so kriminalitätsmäßig unterwegs, aber Kontrolle ist besser.

    Spaß beiseite.

    Ein CDU-Abgeordneter namens Kauder sagte: „Wer das Schreckgespenst des Orwell’schen Überwachungsstaates an die Wand malt, der zündelt.“ (Und muss deshalb überwacht werden?)
    Ich sage: Wer das Schreckgespenst des Orwell’schen Überwachungsstaates an die Wand malt, der malt das Schreckgespenst des Orwell’schen Überwachungssaates an die Wand. Wer den Orwell’schen Überwachungsstaat Schritt für Schritt per Gesetz festschreibt, der zündelt. Und außerdem: Selber Schreckgespenst, Herr Kauder!

    (Volker Strübing)

  • Schnipsel vom 4.11.07

    • Es gibt natürlich keinen guten Zeitpunkt, um wieder mit Rauchen anzufangen, aber doch einige extra dämliche. Zum Beispiel, wenn ein Kollege gerade nach schrecklichen Wochen an Lungenkrebs gestorben ist.
      Na, ich machs wie letztes Jahr. Höre am 27. Dezember wieder auf. Mist. Bei Diäten nennt man sowas glaub ich Jojo-Effekt.
    • Gestern nachmittag habe ich endlich meine Steuererklärung per Internet abgegeben. Mit ELSTER, der ELekronischen STeuer ERklärung. Und ich hab mich gefragt, ob dass eine glückliche Abkürzung ist. Die diebische Elster als Symboltier für den Fiskus … da hat sich wohl ein Anarchist oder Neoliberaler in die für Abkürzungen zuständige Stelle eingeschlichen …
    • Am Donnerstag Morgen war ich in einem Café in dem ein Fernseher lief, was normalerweise ein Grund wäre, schnurstracks wieder rauszurennen. Aber es war früh und ich brauchte den Kaffee. Und so bekam ich die Nachberichterstattung zur am Tag zuvor stattgefunden gehabt gewest wordenen Po-Weltmeisterschaft mit. Bei den Männern gewann den Wettbewerb ein Rumäne, der auch einen durchaus netten Po hatte (wie er damit die WM gewinnen konnte, ist mir dennoch unklar – ich kenne Männer mit viel größeren Hintern!), und der hinterher von Glückseligkeit übermannt in die Kamera schrie: „Oh my god! I can’t believe it! I am the ass!“. Der Sprecher übersetzte mit ungerührter Stimme: „Oh mein Gott. Ich kann es nicht glauben. Ich bin der Arsch!“
      Da dachte ich, dass sich die Wertmaßstäbe innerhalb einer Generation doch sehr verschoben haben. Ich hab mich auch schon gelegentlich für den Arsch schlechthin gehalten, aber eher in meinen trübesten Stunden.
  • Schnipsel vom 1.11.2007

    • Letzten Freitag war ich zu Gast bei der Darmstädter Dichterschlacht – dem größten regelmäßig stattfindenden Poetry Slam Deutschlands (und einem sehr schönen noch dazu). Ebenfalls dabei war Björn Högsdal, den ich vorher nur vom Hörensagen und mal kurz sehen kannte und der zwei wirklich sehr, sehr tolle Texte vorgetragen hat. Und hinterher sagte er etwas sehr Schönes über das Rauchen: „Wenn Zigaretten gesund und kostenlos und lecker wären, würde ich Kette rauchen.“
    • Am Dienstag gab es dann so eine Art privaten Kochslam in Ueckermünde. Ich trat an mit Eierschecke mit Fraktalgemüse, wurde aber im zweiten Gang von Axel mit einem metaphysischen Wunderakt im nietzscheschen Sinne vom Minderheitenblech ausgestochen (unter anderem waren Schafskäse und Honig im Spiel).
    • In meinen Schnipseln vom 19.10.2007 berichtete ich über peinliche Werbeplakate in Köln, die ich leider nicht mehr zu fotografieren geschafft hatte. Jetzt wurden mir Beweisfotos zugespielt.
      Das folgende hatte mich besonders beschäftigt und dazu geführt, dass ich mich in Köln unter der Dusche sehr, sehr unwohl fühlte:

      imgp7678.jpg

      Und das hier ist auch nicht schlecht gut:

      imgp7679.jpg

      Sowas passiert, wenn Werbetexter „frech“ sein wollen …

      Vielen Dank an Lukas für die Fotos!

    • Märchenbücher sind ja das neue große Ding, wenn man reich und berühmt werden will. Darum habe ich jetzt auch eins geschrieben und lese es heute bei der Chaussee der Enthusiasten vor. Es ist das Märchen vom lieben König und dem bösen Monster.

      maerchenbuch.jpg

    • Auch ’ne neue Erfahrung: Im Regionalexpress an der Steuererklärung arbeiten …
  • Omas sind auch nicht mehr, was sie mal waren

    oma.jpg

    Selige Kindheitserinnerungen: Wenn Oma uns zur Flimmerstunde vor den Fernseher rief und hinzufügte: „Ich habe euch auch Fingerfood und einen Schoko Lattecino Grande mit Milchschaum zum Hiertrinken gemacht. Und heute Abend gibt’s Omas leckeres selbstgemachtes Heringshäckerle Sushi!“

  • Zettelwirtschaft

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  • Schnipsel vom 19.10.07 – Köln

    • Ach, das ist ärgerlich. In ganz Köln hängen Plakate, die ich sehr gerne fotografiert hätte. Aber da sie in ganz Köln hingen, dachte ich mir: Och, nö, jetze bin ich zu faul den Fotoapparat rauszukramen, dis kann ich och später noch machen. Und dann bin ich vor der Abfahrt meines Rückfahrzuges zwanzig Minuten lang mit meinem schönen neuen Rollkoffer um den Kölner Hauptbahnhof gewetzt und habe natürlich keins gefunden. Blöd.
      Das Plakat stammte von der Firma Rheinenergie, welche gerade ihr 150jähriges Bestehen oder so feiert, und die in Köln für die Versorgung mit Strom und Warmwasser und dussligen Plakaten zuständig ist. Es zeigte einen Kindernachttopf. Darunter stand (Gedächtniszitat): „Wir sind nicht die einzigen die Warmwasser herstellen. Aber die Ältesten.“
      Wahrscheinlich hat sich der Werbetexter etwas dabei gedacht. Ich habe aber keine Idee, was. War er von der Konkurrenz eingeschleust? Mir war beim Duschen jedenfalls überhaupt nicht wohl zumute.
    • Apropos „Was hat der sich dabei gedacht“: Das frage ich mich auch beim Architekten dieser komischen schwarzen Kirche:

      koeln-dom01.jpg

      Die passt doch so überhaupt nicht zu den umliegenden Gebäuden und stört den harmonischen Gesamteindruck der Bahnhofsgegend.

    • Beim Frühstück im Hotel schaute ich aus den verglasten Türen und dachte für einen Moment, ich sei am Strand der Ostsee. Dabei war ich mitten in der Kölner Innenstadt! Was so ein paar Dekoelemente doch an Atmosphäre zaubern können!

      koeln-hotel.jpg

    • Am Hotelfahrstuhl war folgendes Schild angebracht:

      koeln-fahstuhl01.jpg

      Ist das korrektes Englisch? Normalerweise steht da doch „In case of fire …“ Event klingt in diesem Zusammenhang doch etwas … ulkig. Oder handelt es sich um eine subtile Kritik an der modernen Mediengesellschaft, die Katastrophen, Attentate und Kriege beim Abendbrot vor dem Fernseher zur Unterhaltung komsumiert? Soll damit darauf hingewiesen werden, wie schnell man selbst zum Komparsen in einem unterhaltsamen Event werden kann, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort (bzw. zur richtigen Zeit am richtigen Ort) ist?Vor vielen Jahren haben Uwe Beneke und ich mal einen Gedichtzyklus mit dem Titel „Das Opfer“ geschrieben. Darin ging es um ein Opfer und drei Steuerberater („… der eine klein, der andre klein, der dritte würd‘ gern größer sein …“) die von der U-Bahn überfahren werden. Lange Geschichte. Egal. Ein Gedicht des Zyklus beschäftigt sich mit dem Ansturm der Reporter, die von dem Unglück berichten wollen. Einer von ihnen schnappt sich einen zeugen und fragt ihn aus, doch dieser hat nur Langweiliges zu berichten, keine blutigen Details. Schließlich beginnt er, dem Reporter von seiner Frau und allerlei privaten Problemen zu berichten. Der Reporter ist sehr erleichtert, als sein Handy klingelt und sagt zu dem Mann:

      Jaja, vielen Dank, das war’s auch schon
      Grad klingelt mein Taschentelefon
      Wir müssen weiter zum nächsten Event
      wo, wie ich grad höre, das Waisenhaus brennt …

     

    • Gestern Abend war ich dann schon wieder im RAW bei der Chaussee der Enthusiasten und habe auch dem Herrenklo folgendes Symbol entdeckt. Keine Ahnung, was es bedeuten soll, aber irgendwie fand ich’s niedlich:

      raw01.jpg

     

     

    (Volker Strübing)