Autor: vstr@gmx.de

  • Mein Senf für Gaza

    Waffenruhe im Nahen Osten – „Gottseidank“ hätte ich fast geschrieben, allerdings hat sich Gott in Sachen Nahost-Konflikt nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Nicht, dass die Menschen Gott bräuchten, um Dummheiten zu machen, aber er ist doch ein willkommener Vorwand. (Ich fürchte, die Waffenruhe ist schon längst wieder vorbei – ich bin gerade in einem klitzekleinen Urlaub und ein bisschen aus der Zeit und dem Netz gefallen.)

    Was Israel und Palästina jetzt vor allem brauchen ist: Senf. Hier kommt ein großer Klacks von mir. Eigentlich ist es mein Senf zu anderer Leute Ketchup …

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  • Bilder der Woche 31/2014 – Poetry Slam Zirkus

    Nach einigen wunderbaren Abendsonnenopenair-Slams musste das ja mal passieren:

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    Einige Tage nachdem Münster quasi komplett in den Fluten versunken war („die Vineta gemacht“, wie man bei uns in Pankow so sagt, wobei „man“ in diesem Fall nur ich bin und sowas eigentlich auch nicht sage, sondern nur in mein Blog schreibe, um seltsam zu wirken), regnete es schon wieder, obwohl doch der Tatwort Poetry Slam im Schlossgarten, an dem ich letztes Jahr schon teilnhenmen konnte, wieder stattfinden sollte. Doch da Münster nun schon untergangserfahren ist, sah man das ganze gelassen: Das Publikum wurde, solange es regnete, auf die Bühne geholt, und als es pünktlich zu Veranstaltungsbeginn nur noch ein bisschen tröpfelte, nahmen sie klaglos auf den nassen Bänken Platz. Super Abend!  (mehr …)

  • Bilder der Woche 30/2014 – Krücken, Quark und ein Konfettikanonendidgeridoo

    Es ist unfassbar: ich war an der Ostsee und habe nicht ein einziges Ostseefoto mitgebracht! Dafür einen verstauchten Knöchel, das ist doch auch was. Ich hatte eine sehr schöne Sololesung im Atelier Niemeyer-Holstein auf Usedom. Eigentlich war auch eine Inselfahrradtour geplant, aber mein Fahrrad hatte bereits einen verstauchten Knöchel (den es sich aber redlich verdient habe, so wie ich dieses kleine City-Bike in den letzten Monaten  hemmungslos überladen über Ofroadstrecken gejagt habe), also war ich zu Fuß unterwegs. Nachts. Im Wald. Im dunklen Wald. Im sehr, sehr dunklen Wald. (Da war Wald zwischen mir und der Ostsee, was sollte ich tun?) Und im Wald war ein Loch und da bin ich reingetreten und …

    So konnte ich endlich mal die Quarkwickel ausprobieren, die mir schon vor ziemlich genau 2 Jhren anlässlich meiner Knieverletzung empfohlen wurden. Keine Ahnung, ob sie nun wirklich geholfen haben, aber gefetzt hat es, ein sehr seltsames Gefühl, aber urst angenehmen, müsst ihr mal machen! Man muss sich ja nicht gleich was verstauchen, gegen eine kleine Zerrrung oder Sonnenbrand oder Mückenstiche soll es auch helfen.

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    So ging es denn hochgelegten Fußes zu einem Open Air Poetry Slam nach Stuttgart. Got segne die 1.-Klasse-Up-Grade-Gutscheine des Bahn-Bonus-Systems!

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    Eine der seltsamsten Backstages, die ich je erlebt habe: Mit Schaufenster zum Publikum, das mit verlöschendem Außenlicht immer mehr zu einem Schaufenster für das Publikum in den Backstageraum wurde: (mehr …)

  • Lunge, komm bald wieder

    Meine tolle Nichtraucher-App verrät mir, dass ich jetzt, in diesem Moment, seit 256 Tage, 18 Stunden und 50 Minuten insgesamt 6487 Zigaretten nicht geraucht und dabei 929,80 € gespart habe. Eine andere App kommt mit denselben Eingabewerten auf 941,5623 € und 6419,74 nicht gerauchte Zigaretten. Egal. Ne Menge jedenfalls. Das Geld für meine beiden neuen Fahrräder habe ich also gerade wieder reingenichtraucht, das ist doch toll. Außerdem habe ich laut der zweiten App Zwei Tage, sieben Stunden und eine Minute an Zeit gespart, aber das ist Quatsch, weil ich die meisten von den 6500 Zigaretten soweiso nebenher bei irgendwas geraucht hätte ohne sie wirklich wahrzunehmen.

    Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass es sich wegen der Freude über die steigenden Zahlen in der Nichtraucherapp, ein hinreichender Grund sind, mit Rauchen anzufangen, um später wieder aufhören zu können. Aber wenn man schon Raucher ist, dann sollte man sich das Glück des Aufhörens nicht entgehen lassen. (Ich bitte um fruendliche Würdigung der Tatsache, dass ich auf bei Mark Twain abgeklatschte Witze der Bauart: „Darum höre ich zwanzigmal am Tag auf“ verzichte, danke.)

    Es ist nicht mein erstes Mal. Ich habe einmal dreieinhalb Jahre und zweimal je ein Jahr nicht geraucht. Das letzte Mal liegt schon 6 Jahre zurück. Meine Methode hatte ich immer bei Allen Carr abgeschaut, umso dööfer mit Doppel-Ö war es, dann wieder anzufangen, da Carr den Rückfall zur größten anzunehmenden Katastrophe erklärt. Wenn man aufhört, solle man sich schwören für immer aufzuhören oder auf ewig in der Hölle zu schmoren.

    Mit diesem Extremismus kann ich nicht mehr soviel anfangen. Jetzt halte ich es lieber mit zwei anderen Menschen, die mir zum Vorbild geworden sind: meinem Vater und Micha Ebeling. Mein Vater hat (nach etlichen vergeblichen Versuchen) vor mittlerweile bestimmt 15 Jahren erklärt, er würde jetzt mit Rauchen aufhören. Aber nicht immer, nö, nur bis zur Rente, wenn er dann später im Schaukelstuhl sitze, dann wolle er auch wieder rauchen und so gäbe es etwas worauf er sich im Alter freuen könne, wo doch die meisten Menschen Angst davor haben alt zu werden.

    Inzwischen ist er in Rente, sitzt nicht im Schaukelstuhl und raucht noch immer nicht, weil er schlicht und einfach keine Lust mehr auf den Quatsch hat. Aber der Gedanke: Irgendwann in vielen Jahren rauche ich wieder, der hat ihm vor vielen Jahren sehr geholfen.

    Um einen ähnlichen Gedanken dreht sich Micha Ebelings Buch „Lunge, komm bald wieder“ (satyr Verlag), das genauso lustig ist, wie sein Titel verspricht, darüberhinaus aber auch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Rauchen und mit anderen Aufhörmethoden (insbesondere der von Allen Carr). Bei Micha geht es um Rauchpausen, die einige Tage oder viele Jahre lang sein können. Ich will nicht behaupten, dass ich nach seinem System und seinem Buch vorgehe, aber es hat mich bei meinem jetzigen Rauchstopp inspiriert. Ich habe nicht für immer aufgehört, sondern bis zu dem Tag, wo ich beschließe wieder mit Rauchen anzufangen. Wenn ich in Rente bin und im Schaukelstuhl sitze, denke ich …

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    Das Buch von Micha ist aber nicht nur für Raucher und Exraucher und Co-Raucher interessant. Für mich die tollsten Passagen sind die, in denen Micha seine Raucherbiografie erzählt, mit Witz und Sprachgewalt, wie man es aus seinen besten Geschichten kennt. Das ist ganz nebenher noch ein toller Mini-Comig-of-Age- und Coming-out-of-the-deepest-DDR-Provinz-Roman, für den allein sich das Buch schon lohnt. Und es kostet gerade mal so viel wie zwei Schachteln Kippen …

    Viel Spaß bei Lesen – und viel Erfolg mit der Rauchpause, falls ihr Raucher seid!

    Das Buch gibt’s überall , aber ihr kauft es hoffentlich in einer schönen Buchhandlung oder online beim  Landbuchhändler des Vertrauens.

  • Wendezeit?

    Ich hab das Gefühl, dass die Dämme brechen. Und statt mit Sandsäcken rennen alle mit Spitzhacken los.  Verdammt, nicht einmal ein Krieg mit Russland scheint mehr komplett ausgeschlossen, es ist, als seien alle komplett durchgedreht oder hätten kollektiv die Medikamente abgesetzt. Alle. Von oben bis unten, von rechts bis links. Ob ich die Nachrichten lese oder die Kommentare darunter, es kommt mir vor, als würden wir sehenden Auges in die Katastrophe rennen. Und dabei jubeln. Eine kaum verhohlene Lust am Untergang bricht sich Bahn, eine Vorfreude auf den Moment, wo man inmitten von Trümmern stehend sagen kann: „Seht ihr, hab ich gleich gesagt“.

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  • Bilder der Woche 29/2014 – Der Bund Deutscher Deprimatoren macht eine Party

    Fast geschafft. Ich bin der vorletzten Woche angekommen. Meine Wege führten mich ins Frankenland.

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    Dort fuhr ich des Nachts mit dem Klapprad durch die Gegend, eigentlich auf der Suche nach einem See, aber dann sprang statt einem Bad nur ein bisschen Autobahnfotografie dabei heraus.

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    Der Bund Deutscher Ingenieure lud ein zur gepflegten Wochenenddepression in Nürnberg. Kinder auf Sedgways und der wohl unelvispreslichste Elivs-Presley-Imitator der Welt. An einer anderen Stelle durfte man Fuchs-ABC-Spürpanzer der Bundeswehr anfassen. Es war alles sehr schön. (mehr …)

  • Bilder der Woche 28/2014 – Gespenster, Fußball, Gartenzwerge

    Jetzt will ichs wissen. Keine Ahnung, ob die Bild-Wochennummern-Blogeintrag-Zuordnung in allen Fällen so stimmt, aber ich werde noch diesem Woche mit meinem Wochenrückblick in der Gegenwart ankommen. Keine Ahnung, wie mein großes Vorbild André das immer so gut und schnell schafft. Und dann schreibt er auch noch soviel dazu!

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    (Aus der beliebten Rubrik:“ Erklär ich vielleicht ein andermal“)

    Dass ich hier in letzter Zeit soviele Fotos poste, die aussehen, als wären sie mit einer Retro-App am Handy bearbeitet, liegt daran, dass sie mit einer Retro-App am Handy bearbeitet sind. Ein weiterer Schritt auf dem Weg um Effektivitätsmonster: Die kleinen Wartezeiten, die ich früher für Rauchen, Bubble Shooter oder Gucken, Träumen und Sinnieren verschwendet habe, nutze ich jetzt, zum Bearbeiten der Fotos. Toll, oder?

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    Aus gewissen Gründen verschlug es mich in jener Woche in einen Raum voller Niederländer, die, anfangs guter Dinge, am Schluss eher verkatert einem Spiel zusahen, dessen Namen einige von ihnen zum Glück für uninformierte Ignoranten wie mich auf dem T-Shirt trugen:

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    Ich versuchte mich derweil in anspruchsvoller Sportfotografie:

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    Nach dem ganzen entsättigten Mist ist es mal Zeit für ein paar knallige Farben (Filter „Velvia“ statt „Portra“ bzw. „Vignette“ in der App „Vignette“ plus ein entsprechendes Motiv):

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    Der „Platt vs. Berliner Schnauze-Slam“ führte mich in die Schleswig-Holsteinsche Landesvertretung. NAch der Show, als Bühne und Sitzbänke abgebaut waren, hielten die Gespenster Einzug:

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    Zugabe:

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  • Bilder der Woche 27/2014 – Attack of the Killer-Duck

    Hier werde ich mitten in Zürich von einer Ente in den Finger gebissen!!! In Zukunft: Enten futtern statt Entenfüttern, das habt ihr nun, davon, einmal die 57a, bitte!

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    Luzern: 157% Schweiz:

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    Nicht schön, aber …:

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  • Bilder der Woche 26/2014 – Seefahrt und Seekuh

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    Doppeltes Touriprogramm – eine Hafenrundfahrt in Hamburg und ein Besuch im Tierpark Berlin. Aus Gründen des Anstands und der Pietät verzichte ich auf die Fotos von kopulierenden Geparden, mäuseessenden Vögeln und betrunkenen Slammern auf See. Dafür ein betrunkenes Foto: (mehr …)

  • Gewalt

    Gewalt

    Anders als man bei dem Titel denken könnte, ist dies hier ein positiver Beitrag. Er beschäftigt sich mit dem gleichnamigen Sachbuch von Steven Pinker, dessen Grundthese zwischen all den populären Welt- oder wenigstens Zivilisationsuntergangsprognosen deutlich heraussticht:

    Dieses Buch halndelt vom Wichtigsten, was in der Menschheitsgeschichte jemals geschehen ist. Ob sie es glauben oder nicht – und ich weiß, dass die meisten Menschen es nicht glauben: Die Gewalt ist über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen, und heute dürften wir in einer der friedlichsten Epochen leben, seit unsere Spezies existiert.

    Man muss nur an die Ukraine oder an den Gazastreifen denken, an die Konfrontation zwischen China und Japan, an nordkoreanische Atombomben, die Wars on Drugs und Terror oder die Völkermorde in Afrika in den letzten Jahrzehnten, um daran zu zweifeln. Ganz unglaublich wird es, wenn er davon spricht, dass Gewalt in jeder Form und auf jedem Gebiet rückläufig ist: von Krieg über Mord bis hin zu häuslicher Gewalt.

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    Lassen wir die Zweifel für einen Moment beiseite und stellen uns vor, er hätte recht: Es wäre nicht nur eine gute Nachricht, sondern auch eine, die viele beliebte Denkmuster umwirft, all das „Früher war alles besser“, „die Moderne führt in die Katastrophe“, „das ist nunmal die menschliche Natur“ und „der Mensch ist des Menschen Mensch“ etc.pp. Die Frage, ob die Gewalt in der Geschichte der Menschheit zugenommen hat, auf dem Rückzug ist oder völlig unabgängig von allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen Entwicklungen ausbricht oder ausbleibt, ist ein entscheidender Faktor für die Beantwortung der Frage, ob es letztlich überhaupt Fortschritt gibt und ob dieser Fluch oder Segen ist.

    Die Vorstellung, die Gewalt habe zugenommen, legt die Vermutung nahe, unsere von uns selbst gestaltete Welt habe uns – vielleicht unwideruflich – vergiftet. Die Vorstellung, dass sie abgenommen hat, lässt dagegen darauf schließen, dass wir anfangs garstig waren und dass die Hervorbringungen der Zivilisation uns in eine edle Richtung gelenkt haben, die wir hoffentlich weiterhin beibehalten können.

    Auf mehr als 1000 Seiten sammelt Pinker Belege für seine These und geht dann möglichen Ursachen auf den Grund, wobei er außer in der Quantenphysik und Musiktheorie auf so gut wie jedem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften unterwegs ist. Das Ganze ist äußerst spannend, mörder interessant und überwiegend prima zu lesen.

    Na gut: Auf den ersten paar hundert Seiten zieht es sich manchmal ein wenig. Dort erzählt er die Geschichte der menschlichen Gewalt und unterlegt sie mit Dutzenden Statistiken, die ihren Rückgang belegen sollen. Tatsächlich veranstaltet er hier einigen Zahlenzauber und ich bin sicher, dass einige der Statistiken auf tönernen Füßen stehen, aber die Gesamtheit ist überzeugend, zumal die Interpretation mir stets plausibel schien.

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    An eins muss man sich dabei gewöhnen: Pinker arbeitet mit Maßeinheiten, die dem Herz erst mal an die Nieren gehen (sozusagen): Kriegstote/Mordopfer/Hingerichtete pro 100.000 Menschen, solches Zeug. Und wenn vor 500 Jahren in einem Land mit zehntausend Einwohnern 100 pro Jahr Opfer von Gewalt wurden, dann wertet er es als Fortschritt, wenn im selben Land 300 Jahre später von 100.000 Einwohnern nur 200 umgebracht wurden. Mit solchen Rechnungen kommt man schnell dahin, dass der Zweite Weltkrieg zwar eine Beule nach oben in der nach unten weisenden Kurve der Gewalt war, aber nur hab so schlimm, wenn man ihn mit dem Dreißigjährigen Krieg vergleicht. So etwas kann schnell einmal zynisch klingen:

    Nimmt man die massenhaften Gräueltaten der Menschheitsgeschichte zum Maßstab, so ist die Giftspritze für einnen Mörder in Texas oder ein gelegentliches Hassverbrechen […] eine recht harmlose Angelegenheit.

    Das Buch ist aber keineswegs zynisch (im Gegenteil: es ist ein Apell gegen Zynismus und Fatalismus), und auch wenn solche Rechenspiele jedem menschlichen Gefühl widersprechen, sind sie doch legitim, wichtig und aussagekräftig.

    Der spannendere Teil ist die Suche nach den Ursachen für den Gewaltrückgang. Pinker findet viele Kandidaten, aber (Achtung Spoiler!), die meisten davon lassen sich auf ein Schlagwort zurückführen: „Zivilisation“ – ausgerechnet das, was vielen als der Weg des Menschen in die Verderbnis erscheint. Der Autor zeigt eindrucksvoll, wie unhaltbar alle Theorien von „im Einklang mit der Natur und sich selbst lebenden“ Wilden und Urhippies sind. Er identifiziert die Aufklärung als eins der Ereignisse (bzw. eine der Epochen), die den größten positiven (also negativen) Einfluss auf die Gewaltentwicklung hatten und widerspricht allen Behauptungen, die Aufklärung habe etwa zum Holocaust geführt.

    Er beschäftigt sich mit der Biologie, Psychologie, Ökonomie und Moral der Gewalt. Einiges, was er bei der Ursachenforschung findet, behagt mir nicht, ist deshalb aber nicht einfach von der Hand zu weisen und jedenfalls lesenswert und diskussionswürdig. Pinker stimmt der „Broken window“-Theorie und folglich auch der „Zero Tolerance“-Politik im Kampf gegen das Verbrechen zu, erklärt eine dem Trend entgegenstehende extreme Zunahme des Verbrechens in den USA in den 60er- und 70er-Jahren mit dem schlechten Einfluss der Popkultur und sieht eher freien Handel als „Wohlstand für alle“ als befriedenden Einfluss.

    Ich schrieb oben, dass ich sein Buch in weiten Teilen sehr überzeugend und die meisten seiner Thesen plausibel fand. Ich kann aber nicht sagen, inwieweit das daran liegt, dass ich ihm glauben wollte. Weil es gut tat, nach all dem Gekeife, dem Zynismus oder Fatalismus mit dem der Untergang beschworen (und, zumindest was die Demokratie angeht, vielleicht auch als selbsterfüllende Prophezeiung herbeigeschrien) wird, etwas zu lesen, was Mut macht, was einem das Gefühl gibt, es sei nicht alles verloren und es ergäbe Sinn, auf die Zukunft zu hoffen.

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    Der Autor selbst würde wohl zustimmen, dass die insgesamt nach unten weisende Zickzacklinie der Gewalt gerade wieder nach oben ausschlägt. Kriege, Bürgerkriege, Aufstände und vor allem das Revival von religiösem Fanatismus und Nationalismus mit all ihren schlimmen Begleiterscheinungen lassen nichts Gutes für die nächsten Jahre erwarten. Aber dennoch gibt es Hoffnung.

    Bei allem Kummer in unserem Leben, bei allen Schwierigkeiten, die auf der Welt noch bleiben, ist der Rückgang der Gewalt eine Leistung, die wir würdigen können, und ein Impuls, die Kräfte von Zivilisation und Aufklärung, durch die sie möglich wurde, hoch zu schätzen.

    So. Und jetzt kauft euch alles das Buch, ich suche Leute, mit denen ich darüber diskutieren kann:

    Statt Amazon: Taschenbuch oder Ebook beim Landbuchhändler bestellen.

    Making-of-Notes: Gestern (Sonnabend) kam es beinahe zu einem Ausschlag nach oben in den Gewaltstatistiken der Deutschen Bahn, als ich im ICE nach Augsburg eine halbe Stunde lang die FAZ zerriss, weil ich viel Zeit und die Idee mit den Collagen hatte. „Krrrrcccht!“, „Krrrrrchcchchchchchchchchcht-Ratsch!“, „Krchk!“ – ich hätte mich gehasst!