Wer Dielen abschleift oder abschleifen lässt, handelt bewusst unsozial. Zuerst natürlich durch das Dielenabschleifen selber, eine stundenlange Tortur für alle Nachbarn. Der böse Mensch nimmt dies bewusst und achselzuckend als Kollateralschaden in Kauf. Dies ist umso verwerflicher, als sich Dielenabschleifer häufig ausgerechnet in Nachbarschaften niederlassen, in denen es einen großen Anteil an Heimarbeitern, lernenden Studenten und auschlafenmüssenden Künstlern gibt. Um den Effekt zu verstärken, wird stets bei offenen Fenstern abgeschliffen. Dabei wäre es ein leichtes für den Abschleifer, alle Fenster und Türen beim Abschleifen geschlossen zu halten und alsbald am Staub zu ersticken, womit allen gedient wäre.
Für den Menschen, der eine Etage unter den nun abgeschliffenen Dielen wohnt, beginnt das Martyrium erst, wenn es für alle anderen überstanden ist. Wenn nicht eine Trittschalldämmung eingebaut wurde (und wo wird sie das schon?), wird ihn in in den folegenden Jahren täglich, allabendlich, oft genug auch mitten in der Nacht das Getrampel des über ihm wohnenden bösen Menschen (in Zukunft kurz Überbös genannt) quälen. Gern rennt der Überbös in Schuhen durch die Wohnung, weil doch das Parkett so kalt ist, dass er nicht barfuss gehen kann und so rutschig, dass Socken nicht in Frage kommen. Und am meisten Spaß macht es natürlich, immer und immer wieder über die eine knarzende Diele zu latschen!
Es mag übrigens durchaus unböse Menschen unter den Dielenabschleifern geben – abgeschliffene Dielen sind nur ein Indiz, kein Beweis für Bosheit und man muss im Einzelfall sicher auch mildernde Umstände (wie etwa eine behütete, großbürgerliche Kindheit) prüfen.
Was soll man von Menschen halten, die statt kuschelig-weicher Auslegware kalte, menschenverachtende Holzdielen bevorzugen? Geht es ihnen nur darum, dass sie sich darin zumindest ansatzweise spiegeln können? Das klingt nach einer guten Arbeitshypothese, denn dass es sich bei Dielenabschleifern um Menschen handelt, die vor allem oder ausschließlich sich selbst lieben, habe ich wohl hinreichend belegt.
Gut, abgeschliffene Dielen sehen schön aus, das gebe ich zu, die Farbe fetzt, das Muster fetzt, das wäre mal ein schönes Motiv für kuschlig-weiche Auslegware und wer unbedingt echte Dielen braucht, kann sie doch auch hochkant an die Wand nageln, dann braucht er nicht einmal den Blick senken, um sie zu bewundern. Und abschleifen soll er sie irgendwo außerhalb der Wohnung. Kann man nicht auf irgendeinem Flughafen oder Truppenübungsplatz ein Eckcken für Abschleifer freiräumen? Eine bessere Welt ist möglich.
(Volker Strübing)
PS: Jaja. Ich hab auch abgeschliffene Dielen. Von meiner Vormieterin übernommen, die mir noch ganz andere schlimme Dinge angetan hat – egal, anderes Thema.