Kategorie: Literatur / Lesebühne / Poetry Slam

  • Dead Or Alive

    Dead Or Alive Poetry Slams fetzen. Die Idee stammt wohl aus München, vorgestern aber fand ein besonders schöner in Hamburg statt, organisiert von Kampf der Künste. Beim Dead Or Alive Poetry Slam treten lebende Dichter gegen tote Dichter an, die sich von Schauspielern vertreten lassen. In Hamburg waren auf Seiten der Toten unter anderem Erich Mühsam, Erich Kästner und Bert Brecht dabei. Bukowski hatte leider kurzfristig abgesagt.

    Und weil Dead Or Alive Poetry Slams eine ganz besondere Form sind, finden sie üblicherweise an ganz besonderen Orten statt – Theatern. Bei den Schauspielern uff Arbeit sozusagen. In Hamburg hat sich das Schauspielhaus zur Mitarbeit bereitgefunden und den großen Saal zur Verfügung gestellt, der mit 1200 Zuschauern ausverkauft war. Irre.

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    Probe. Auf der Moderatorencouch: Michel Abdollahi.

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    Julian Heun und Ken Yamamoto, der am Ende auch für die lebenden Dichter den Team-Sieg holte.

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    Auftritt Sebastian 23.

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    Sind das jetzt die aktuellen Verkaufspreise für die jeweiligen Orte? Ich nehme Usedom!

    (Volker Strübing)

  • Zwei kleine Lesehinweise

    Im 3sat-Magazin ist ein Text von Kirsten Fuchs über „Nicht der Süden“. Das 3sat-Magazin kann man unter auf 3sat.de bestellen oder abonnieren. Man kann sich aber auch erstmal die Leseprobe (PDF) angucken – die Geschichte von Kirsten ist mit drin; man findet sie, wenn man ein bisschen runterblättert. Ich war in meinem früheren Leben übrigens keine Galeere, sondern ein Tretboot.

    Außerdem gibt es ein kleines Interview mit mir bei „Gedanken in Aspik“. Einen herzlichen Gruß an Tobias!

    (Volker Strübing)

  • Handarbeit

    Ich liebe es, per Hand zu schreiben. Ich habe meinen Roman per Hand geschrieben, und jetzt, da ich meinen Teil des Buches zu Nicht der Süden schreiben muss, kann ich wieder Heft um Heft füllen. Keine „Neue Datei“ und erst recht kein Seitenumbruch können es mit dem Öffnen eines neuen Buches mit wunderbaren leeren Seiten aufnehmen, mit dem umblättern, kein Tastaturgeklapper kann das Gleiten eines guten Füllfederhalters über glattes Papier ersetzen … ach, schade, dass ich nicht schnurren kann!

    Natürlich nur, wenn es voran geht. Wenn der Kopf grad doof ist und das Papier leer bleibt, nutzt auch der teure Füller und das schön gebundene Buch nichts. Aber – und damit komme ich zum nächsten Vorteil des Schreibens per Hand – wenn man feststeckt, tippt man den Ertrag besserer Stunden ab. Klingt nach doppelter Arbeit, das ist es aber nicht. Weil das Abtippen gleichzeitig der erste Korrekturdurchgang ist und man viele kleine und größere Fehlerchen beseitigt. Rechtschreibfehler, Inhaltsfehler, Ausdrucksfehler, all solches Zeugs.

    Inzwischen gebe ich ziemlich viel Geld aus, wenn ich mir ein neues Schreibgerät oder ein neues Heft kaufe. Ich muss damit ja auch eine ziemlich enge Bindung eingehen, wir werden einiges zusammen erleben. Vorbei sind die Zeiten als ich mit Lotto-Kulis in Hefte aus Connys Container geschrieben habe. Geht auch, klar, wenns sein muss mach ich das auch wieder, aber schöner ist es mit gutem Arbeitsgerät.

    Ich arbeite und schreibe viel, es gibt Zeitdruck, aber keinen Stress. Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Zumindest, wenn es so gut läuft, wie im Moment. Morgens (wenn ich es morgens schon aus dem Bett schaffe), wird abgetippt, Mittags gehe ich für zwei Stunden in ein Café schreiben, dann wird wieder daheim getippt und Krempel erledigt, abends gehe ich noch einmal für zwei oder drei Stunden schreiben, dann eher in die Kneipe als ins Café. So schön kann Arbeit sein. (Wobei das Glas Wein darauf hindeutet, dass ich zum Zeitpunkt des Fotos schon Feierabend gemacht habe.)

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    Das sind die Bücher und Hefte, die ich für Nicht der Süden bisher vollgeschrieben habe. Die bunten sind eher für Notizen, die mit dem Film zu tun haben, das große Buch „Notes“ habe ich während der Reise mit (gerne selbstmitleidigen) Tagebucheinträgen gefüllt, die anderen enthalten das, was einmal ein hoffentlich netter Teil des Buches von Kirsten und mir wird.

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    Der Schnipselfriedhof macht jetzt, zumindest was mich betrifft Weihnachtsurlaub bis Sonnabend oder so. Kein Bloggen mehr, bis ich die Rohfassung fertig habe!

    Frohe Weihnachten!

    (Volker Strübing)

    PS: Einen lieben Gruß (unbekannterweise?)

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  • Slam 2008 Zürich (3)

    Oh, wie wir euch lieben, Schweizerinnen und Schweizer, ihr schnuppeligen Pupspüppchen, ihr Ameisennäschen, ihr Gummibärchenpopos, ihr gemütserwärmenden Schokischnütchen, ihr Weltschmerztrösterli. Ach, ihr niedlichen Wuselputze mit euren ricolaschweizerkräuterzuckrsüßen Händchen und Füßchen und Öhrchen und Äugleinschön.

    Ihr seid fürwahr die Toblekrone der Schöpfung

    (Team LSD)

    Vielen, vielen Dank an alle, die phantastischen Tage in Zürich möglich gemacht haben. Es war grandios. Echt jetze, ohne Scheiß!

    Neuer Slam Champion ist Sebastian 23, neuer U20-Champ Bleu Broode (den ich leider verpasst habe, aber der bestümpt genauso verdient gewonnen hat wie Sebastian). Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch auch an an dieser Stelle nochmal an Micha, der sich noch zwei ganz besondere Orden an die Brust heften kann: Zum einen ist er der erste Slammer, der jemals 0 Punkte bekommen hat und trotzdem als Slam Championnach Hause ging, zum anderen ist er (soweit ich weiß) der erste Berliner, der je Schweizer Meister geworden ist. Und das kam so:

    Im Einzelfinale, das Micha nach einer gewonnenen Vorrunde und einem gewonnenen Halbfinale erreicht hatte, gab es ein spezielles Abstimmungssystem. Die 8 Finalisten traten in Zweiergruppen gegeneinander an. Nach dem Auftritt von jeweils 2 Teilnehmern entschieden 13 Leute aus dem Publikum, wer von beiden einen Schritt weiterkommt, in dem sie entweder ein X für den ersten oder ein O für den zweiten hochhielten.
    Micha hatte das Pech gegen Gabriel Vetter anzutreten – immer ein schweres Los, aber Gabriel hatte einen Text auf Schweizerdeutsch im Gepäck und ich muss neidvolllos eingestehen, dass ich noch nie erlebt habe, dass ein Saal so getobt hat. Beim normalen Jurybewertungssystem erklären die Moderatoren vorher gerne, dass eine 1 für einen Text steht, der nie hätte geschrieben werden dürfen, eine 10 für einen, der im Raum einen kollektiven Orgasmus auslöst. Das war ne 10, aber hallo. Schade, dass ich den Text kaum verstanden habe … bei Hochgeschwindigkeitsschweizerdeutsch muss ich kapitulieren. Und da ich Gabriel und seine (hochdeutschen) Texte kenne, gehe ich davon aus, dass ich dadurch etwas wirklich schönes verpasst habe.

    Armer Micha. Musste danach auf die Bühne vor das sich immer noch in den wohligen Nachwehen des Orgasmus wiegte (kann man das so sagen? Hm, naja, offensichtlich). Sie haben ihn trotzdem gefeiert, haben gejubelt und gelacht; es war ein klasse Auftritt und trotzdem hat nicht einer sein Schild für Micha gehoben, wo er doch gegen jeden anderen Text im Finale (auch Gabriels zweiten!) zumindest nur knapp verloren hätte. So: Keine Chance. Pech gehabt.Ihm nicht einmal einen Trostpunkt zu geben fand ich trotzdem ziemlich garstig …

    Ironischerweise ist er trotzdem offizieller Schweizer Meister geworden, obwohl er von einem Schweizer mit einem Text auf Schweizerdeutsch aus dem Finale geschmissen wurde – denn Micha war für den Slam in Baden nominiert, Gabriel Vetter aber für den Slam in Bochum und damit war Micha der einzige für einen Schweizer Slam angetretene Poet im Finale, ergo der höchstplatzierte Schweizer Slammer.

    Ist schon lustig, das alles! Micha, wehe, Du lässt Dir davon länger als 3 Tage die Laune verderben, alter Meisterschweizer!

    So. Und hier noch ein Foto von Andy Strauss mit einer Unbekannten Dame vor seinem Auftritt im Halbfinale.

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    (Volker Strübing)

    Update: Hier kann man sich die Beiträge des Einzelfinales angucken!

  • Vierte Spiderworld

    Uiuiui, schon die vierte Spiderworld. Und immer noch aufgeregt.

    Die dritte hatte ich ganz vergessen hier anzukündigen – dabei war sie die bisher schönste. Montmorensy and his orchestra musizierten über Wissenschaft, Heiko Werning hielt einen Vortrag über das bizarre Fortpflanzungsverhalten der Nasenfrösche und Jochen Falck half beim betreuten Lachen. Jochen und ich haben dann noch unseren Tierfilm gezeigt, wobei wir alle Tiere selbst auf der Bühne dargestellt haben, und ich sogar eine Pflanze.

    Heute Abend wird es aber bestimmt noch besser: Hans Krüger präsentiert sein ökologisch korrektes Indoor-Feuerwerk, Konrad Endler sing Midipop mit Video und Volker Strübing zeigt Kloß-und-Spinne-Filme – und wer weiß, vielleicht sogar welche aus der Arktis.

    Kommt heute Abend alle zu uns!

    (Andreas Krenzke)

  • Slam 2008 (2) – Der seltsam muffige Geruch des Sieges

    Verrückt. Micha und ich haben den Teamwettbewerb gewonnen und den Siegerkranz, den wir 2006 schon mal hatten, von Smaat zurückbekommen. Schon vor 2 Jahren hat diese seit 2001 in Umlauf befindliche Trophäe ziemlich gemüffelt und das ist in dem Jahr bei Smaat zuhause nicht besser geworden. Jetzt stinkt er mein Etap-Hotelzimmer voll und nur darauf bezieht sich die Überschrift dieses Beitrages!

    Der SLAM 2008 ist großartig, alles fetzt, das meiste sogar urst (bis auf die Pommes beim Abendessen eben und diese Eckspiegel im Etaphotel, wo ich immer Angst habe, verrückt zu sein, weil mich ein fremder Mann daraus anguckt, der sich ulkig bewegt (immerhin weiß ich Dan sei Dank inzwischen aber, warum: Weil man sich nämlich in diesem Spiegel nicht spiegelverkehrt sieht sondern richtig rum, wegen der Ecke und so (was andererseits den beunruhigenden Gedanken aufwirft, dass ich für andere Leute immer so aussehe wie der komische Mann im Etapspiegel)), also jedenfalls ist alles schön, aber ich habe auch leicht reden, weil es mir zum Beispiel erspart geblieben ist, schon in der Vorrunde an einer unglücklichen Startplatzauslosung zu scheitern … als Team hatten Micha und ich riesiges Glück in dieser Hinsicht. In der Teamvorrunde hatten wir den letzten Startplatz, da war die Stimmung schon am Kochen und die Jury verteilte freigiebig Höchstnoten, was sie am Beginn einer Show nie tut. Im Halbfinale waren wir zwar ziemlich früh dran, als vierte von zwölf, aber auch das hat sich als Glücksfall entpuppt, denn wir hatten einen Text über Texte und über Slam geschrieben, voll die superoriginelle Idee; prompt hatten noch vier oder fünf andere Teams denselben Gedanken, und als schließlich das grandiose Team Totale Zerstörung an ihrem eigentlich superen späten Startplatz nochmal über Texte und Slam texteten und slammten, hatten sie keine Chance mehr … tat mir übrigens ein bisschen leid fürs Publikum. Die müssen den Eindruck gewonnen haben beim Slam würde sich alles nur um den Slam drehen, so, als kämen im Kino nur Making-Ofs. Naja, sowas passiert.

    Mann, Mann, Mann, haben wir echt nochmal gewonnen! So ganz genau weiß ich nicht warum. Wir haben uns zwar viel Mühe gegeben und schöne Texte geschrieben (sogar einen, den wir selbst immer nur „den schönen Text“ nennen) und die Lottofee hat es bei der Auslosung gut gemeint, aber das trifft alles auch auf andere Teams zu. Naja, irgendjemand muss ja gewinnen, wir haben da nicht lange rumgezickt. Und den anderen bleibt der Trost, dass sie noch ein himmlisches unbeschwertes Jahr ohne müffelnden Kranz vor sich haben. Und wenn wir ihn nächstes Jahr weiterreichen, hängen wir vielleicht einen Wunderbaum dran, so sind wir!

    Das wars für heute, ich muss zurück in den Schiffbau und noch ein paar Halbfinaldaumen drücken, eigentlich für alle, aber aber für einige ein bisschen doller und ganz besonders für Micha.
    (Volker Strübing)

    PS: Gerade kurz nachgedacht, ob für die Vermeldung von Meisterschaftssiegen nicht langsam die Blogkategorie „Alltag“ die richtige wäre 😉

  • Slam 2008 in Zürich (1)

    (Mittwoch Nachmittag)

    Die Meisterschaften der deutschsprachigen Poetryslams finden heuer in Zürich statt, einem hübschen Städtchen, das von Berlin aus bequem und angstfrei mit der Eisenbahn zu erreichen ist. Aber Micha will lieber schnell sein und Geld sparen und das Klima erwärmen und die Gravitationsüberwachungsbehörde herausfordern, also fliegen wir. Wie durch ein Wunder stürzt auch diesmal das Flugzeug nicht ab; Glück gehabt; dann eben auf dem Rückflug. Es war mein erster Flug mit einer Pilotin und ich muss sagen: Sie hat das gut gemacht. (Warum auch nicht?) Auch das Einparken am Terminal hat sie souverän gemeistert. Und sie hat das Flugzeug nicht so wackeln lassen, wie viele ihrer männlichen Kollegen, aber vielleicht lag das auch am Wetter. Wäre sie Lokführerin oder Kapitänin würde ich gerne wieder mit ihr reisen.
    Am Flughafen schnell eine rauchen, Fahrkarte in die Innenstadt kaufen, zum Gleis flitzen, auf den Zug warten, beim Einfahren des Zuges bemerken, dass der Handgepäcksrucksack fehlt, die Kollegen alleine fahren lassen und zurückrennen, nach 10 Minuten endlich einen Informationsschalter finden und zum nächsten Informationsschalter und von diesem zum Lost-And-Found-Büro geschickt werden, unterwegs einen einsamen, unbeaufsichtigten Rucksack in einer Raucherlounge sehen und nicht, wie es Vorschrift gewesen wäre, das Koffersprengkommando alarmieren, sondern ihn an sich nehmen, weil es der eigene ist, zum Gleis zurückhetzen, weil die Fahrkarte nur eine Stunde gültig ist, kurz bevor sich die Türen schließen in den abfahrbereiten Zug springen, losfahren und auf Nachfrage erfahren, dass es der falsche ist … naja, so habe ich gleich noch Winterthur kennengelernt …

    (Mittwoch Nacht)
    Die ersten Vorrunden sind gelaufen, die ersten Tränen geflossen. So ein Slam ist wie ein guter Espresso. Das Bittere gehört dazu … bäh … als ich mir den Vergleich ausgedacht habe, dachte ich, boh, so ein schöner Vergleich, dabei ist er gar nicht schön, wie ich jetzt feststelle, sondern sehr sehr kitschig, das röhrende-Hirsche-Gemälde unter den Vergleichen. Egal.

    Neben den Vorrunden-Slams gab es gestern auch noch die CD-Premiere und Geburtstagsshow von Renato Kaiser. So sah das aus:

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    Und weil ich diesen Durchblick so schön fand, habe ich gleich noch ein Foto von Mischa gemacht:

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    (Donnerstag Mittag)

    Es ist alles sehr schön hier und die Schoki schmeckt und das beste an der jährlichen Meisterschaft ist sowieso, dass man soviele Menschen wiedertrifft, die man gern hat und mit denen man schöne Erinnerungen an tolle Veranstaltungen in ulkigen Orten teilt. Dabei sein ist alles! (Aber in der Vorrunde rauszufliegen ist trotzdem hart.) Ich trete dieses Jahr nicht im Einzelwettberwerb an, was das Zittern erträglicher macht. Nachher sind Micha Ebeling und ich als Team LSD in der Teamvorrunde dran, dort sind die Chancen weiterzukommen rein rechnerisch viel besser als beim Einzel, weil die Hälfte aller Teams ins Halbfinale kommen und außerdem können wir gemeinsam ein bisschen weinen, wenn wir rausfliegen oder uns gegenseitig die Schuld daran geben, je nachdem.

    (Volker Strübing)

    PS: Große Freude! Das erste mal das schöne Wort „heuer“ verwendet, nachdem ich neulich erst erfahren habe, dass es wohl gar nicht wie von mir gemutmaßt „heutzutage“ bedeutet, sondern „dieses Jahr“.

  • Dis kann ja jeder

    Die BZ hat sich des „unfassbar aggressiven Liedes“ von Marc-Uwe Kling über Joseph Ackermann angenommen: „Ist ein Mord-Aufruf Kunst, wenn er gesungen wird?„, nachdem der Stern darüber berichtet und es mit Drohbriefen gegen Ackermann in Zusammenhang gebracht hatte und sich diverse Politiker ebenso vorraussehbar wie routiniert entrüstet hatten:

    Der Vize-Fraktionschef Fritz Felgentreu (SPD) sagte: „Es gibt eine Freiheit der Kunst. Aber das geht zu weit. Das ist eine bewusste Grenzverletzung.“

    (Quelle: Morgenpost)

    Bewusste Grenzverletzungen sind natürlich eine ganz, ganz schlimme Sache, ein Fall für den Bundesgrenzschutz möchte man meinen. Vor 20 Jahren wurde man dafür im Ostteil Deutschlands noch erschossen oder eingesperrt.

    Die BZ hat einen „Star-Anwalt“ auf die Sache angesetzt. Der findet das auch ganz schlimm und meint, dass Ackermann Kling auf jeden Fall verklagen könnte und Recht bekäme. Aber:

    Dieser Text ist so ein saudummes Gewäsch, dass man vielleicht besser sagt, ich kümmere mich nicht darum. Denn man gibt diesem Idioten dadurch eine Publizität, die er nicht verdient hat.

    Da hätte er natürlich auch drüber nachdenken können, bevor er selbst „diesem Idioten“ durch das Interview Publizität verschafft …
    Der Anwalt Professsor Peter Raue gehört laut BZ übrigens „international zu den profiliertesten Juristen“ und sollte wissen, dass es sich bei der Bezeichnung „Idiot“ um eine Beleidigung handelt, für die er mit guter Aussicht auf Erfolg angezeigt werden könnte. Wahrscheinlich handelt es sich hier seinerseits um eine „bewusste Grenzverletzung“, schlimm, schlimm, das alles …

    Professor Rauhe ist übrigens auch „Kunstkenner“ und als solcher sagt er: „diese Form des Gedichts beherrscht jeder Depp.“ Hat eigentlich jemals irgendjemand, der so etwas behauptet hat, bewiesen, dass das jeder Deppoder wenigstens er selbst kann? Nein, natürlich nicht, da redet man sich damit heraus, dass das unter dem eigenen Niveau wäre. Ich habe zum Beispiel gelegentlich zu hören bekommen, dass das, was wir bei den Lesebühnen machen, doch jeder könne, aber natürlich hat der, der das behauptet hat, nie eine Demonstration folgen lassen. Als ich als Jugendlicher miene ersten Musiken am C-64 geschrieben habe, sagte mein Stiefvater im Verlaufe irgendeines Streites um irgendwas: „Und dein Gepiepe da, das kann ich auch, mach lieber was vernümpftiges!“ (Gedächtniszitat) Dabei hätte er den Computer wahrscheinlich nicht einmal angekriegt – geschweige denn das Musikprogramm laden können …

    Ich will gar nicht viel zum Ackermann-Song schreiben. Ehrlich gesagt ist es nicht grad mein Lieblingslied von Marc-Uwe, obwohl einem die gepfiffene Melodie nicht aus dem Kopf geht. Finde es tatsächlich etwas zu krass. „Unfassbar aggressiv“ und verhetzend finde ich aber eher die Berichterstattung der BZ – nicht über Marc-Uwe, sondern generell.

    (Volker Strübing)

  • In jenen finsteren Tagen, als die Kommunisten vor den Kneipen rauchten …

    Gerstern Abend: Neukölln wie man es kennt und liebt. Auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz (ja gut, das ist Berlin Mitte, aber nicht zu Unrecht wird  Mitte ja das „Neukölln Venedigs“ genannt oder auch „Neuköllsche Schweiz“ bzw. „Neukölln der Herzen“), auf dem U-Bahnhof Alex, am Bahnsteig der U8 jedenfalls brabbelt und schimpft ein Betrunkener die Leute an: „Wohßn Heinrich Heine? Muss nach Heinrich-Heine-Straße, ey, scheiße, Wohßndis?“ Eine junge Frau auf der Wartebank erklärt ihm, dass er zwei Stationen Richtung Hermannstraße fahren müsse und zeigt ihm das Gleis. „Watt? Will nach Heinrich-Heine-Straße, Alter. Weeßicke wo dis is!“ Sie erklärt es ihm noch einmal. „Watt? Da? Die een saren so, die andern so, ehmt sacht noch jemand, musste da fahrn, jetze kommt die und sagt, musste da fahren. ACH LECKT MICH DOCH ALLE AM ARSCH! Wo mussick jetzt lang?“ Sie erklärt es ihm nochmal, wird wieder nur angeblafft und erklärt es ihm nochmal, steht auf, geht zu ihm und zeigt es ihm, als die Bahn einfährt, damit er auch wirklich die richtige nimmt, wird dafür von ihm angemault. Bewundernswert. Also nicht, dass der Typ sie anmault, sondern die Geduld und Freundlichkeit, die sie diesem Mann schenkt, ein Geschenk, dass so offensichtlich verschwendet ist.

    Ich hätte ihm einmal gesagt, wo er lang muss, er hätte mich vollgenörgelt und ich hätte ihn daraufhin achselzuckend sich selbst überlassen. Soll er doch sehen wie er hinkommt, wo er hin will oder besser noch dahin wo der Pfeffer wächst. Ich gebs nur ungern zu, aber ich habe für sowas nicht mehr viel Geduld und Nerven. Ist das Abstumpfung? Habe ich einfach zuviel davon gesehen? Macht das Leben einen hart? Ich weiß noch, dass mich die ersten Bettler nach der Wende ziemlich schockiert haben – obwohl ich ja durch das Fernsehen darauf vorbereitet war. Heute werfe ich etwas in den Hut und das war’s dann, schnell weiter und bitte, bitte, jetzt keine Musiker oder Obdachlosenzeitungsverkäufer in der Bahn, ich will einfach nur meine Ruhe.

    Dank der Frau nimmt der Betrunkene die richtige Bahn, was freilich kein Anlass für ein „Dankeschön“ ist. Mit uns steigen zwei Wachschutzleute ein, offenbar vom Fahrer oder Fahrgästen alarmiert, um einen Obdachlosen, der mit vollgekackter Hose bewusslos im Gang der U-Bahn liegt, herauszuschleifen. Ich verziehe mich ganz nach hinten, soweit es geht weg vom Gestank und dem die ganze Zeit weiterschimpfenden und brabbelnden Mann. Stelle schaudernd fest, dass mein Ekel mindestens so groß ist wie mein Mitleid und ich unglaublich erleichtert bin, dass sich andere um den Mann mit der vollen Hose kümmern.

    Später, vor der Lesung, vor der Kneipe, rauchen wir eine Zigarette (hallo Peter!), als uns ein Hund mit Mann, naja, mit Männchen entgegenkommt. Der Mann trägt schlabberige Stonewashedjeansklamotten und schlabberige Haare – 10 Euro, dass er einen Kamm in der Gesäßtasche hat! – , er hat den tapsigen Gang eines Alkoholikers im Endstadium; alter deutscher Trinkeradel. Er bleibt bei uns stehen, sieht unsere Zigaretten, seine Augen schlackern zwischen uns umher, dann sagt er: „Ja, ja, dis könnter! Hier in der Kälte stehen und rauchen! Aber mal ’n Schild an die Tür machen mit der Aufschrift Raucherkneipe, dis könnter nich! Nee, nee, nee, was is nur aus der deutschen Jugend geworden?“ Und, an seinen Hund gewandt: „Komm Adolf! Lass die doch stehen. Sieg heil!“ Dann tappert das Herrenrassenanschauungsexemplar weiter, dreht sich nach 10 Metern noch einmal um und ruft: „Ihr seid doch Kommunisten! Euch muss man verfolgen! Sieg heil!“

    Die Lesung war übrigens sehr schön und hinterher haben wir noch das seltsamste indische Restaurant der ganzen Welt kennengelernt, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte. Vielleicht schreibt sie ja Uli Hannemann in sein Blök, der hat uns schließlich dorthin hingelotst!

    (Volker Strübing)

  • Zurück aus Köln

    Schön war’s. Von den doofen Sachen abgesehen, natürlich. Am Donnerstag bin ich zusammen mit vielen anderen bei der Eröffnungsveranstaltung des Köln Comedy Festivals aufgetreten. Die Bühne war toll, der Backstageraum gemütlich, das Essen gut und die Party hinterher auch. Nur der Auftritt war doof. Dachte, das wird kein Problem, zehn Minuten innerhalb eines 2-Stunden-Programms, lieste zwei schöne Geschichten vor und alles wird gut. Aber die ganze Show war merkwürdig zäh, der Funke wollte nicht recht überspringen. Ging aber nicht nur mir so, sondern auch den meisten Kollegen.

    Dafür war der Solo-Auftritt am Sonnabend im Ateliertheater, vor dem ich soviel Angst gehabt habe (ich habe vor Solo-Auftritten immer ganz viel Angst!) sehr, sehr gut …

    Am Donnerstag war ich auf Kosten des Festivals in einem schönen Hotel umtergebracht. Donnerstag bin ich dann auf eigene Kosten in ein anderes, billigeres Hotel umgezogen. Das war aber sowas von an der falschen Stelle gespart, jungejunge …

    Der Boden des winzigen Zimmers mit Bad war durchgehend gekachelt. Das ist sehr praktisch gedacht, weil sich so das Blut leichter aufwischen lässt, wenn sich dort drin jemand die Pulsadern aufschneidet, was sicher häufiger vorkommt.
    Ich wollte den Freitag Nachmittag eigentlich im Hotel verbringen und ein bisschen schreiben. Nüscht kreatives, nur so Textverwaltungs- und -bearbeitungskram, aber in diesem düsteren Neubauhinterhofzimmer, mit kalten Füßen, an einem Sperrholzschreibtisch … nee, nee, nee. Was soll man da schon schreiben? Gnadengesuche?
    Beim Duschen schmiegte sich sofort der dünne Duschvorhang an meinen Körper, keine Chance, das zu verhindern. Wie der Tod, der einen in seine kalten Arme nimmt und eine Aufforderung zum Pas de deux ins Ohr flüstert. Zum Kompott ließ sich der Duschkopf nicht richtig drehen. 50 % des Wassers spritzten gegen den Vorhang und je 25% auf mich und in den nicht zu schließenden Spalt zwischen Duschvorhang und Wand und damit direkt auf den Boden. Danach fühlte man sich im ganzen Zimmer wie in einem Schwimmbad mit seinen nassen Kacheln …

    Die nächste Nacht verbrachte ich in der Künstlerwohnung des Ateliertheaters. Die ist toll. Vom Klo führt eine  Wendeltreppe direkt hinter die Bühne, sehr praktisch. Einziger Wermutstropfen: Die Wohnung grenzt an ein türkisches Tanzlokal. Mir war prophezeit worden, dass ich vor um 5 in einer Sonnabendnacht keinen Schlaf finden würde. Hab mich dann bis um 4 rumgetrieben und mich in einen Zustand versetzt, in dem ich auch im Tanzlokal hätte schlafen können.

    (Volker Strübing)