Kategorie: Sonst so

  • Das ging schnell

    Keine zwei Stunden, nachdem ich den letzten Artikel geschrieben habe, kam die Nachricht, dass die Bücher frisch aus der Druckerei beim Verlag angekommen sind. Und ich dachte, ich habe noch genug Zeit, in den nächsten Tagen in aller Ruhe in den nächsten Tagen für das andere Buch von mir, das bei Voland & Quist erscheint, Werbung zu machen. Es heißt: „Das Paradies am Rande der Stadt“ und wer jetzt ein Déjà-vu hat, der kennt sich aus mit guten Büchern 😉

    paradies

    „Das Paradies am Rande der Stadt“ ist der beste Roman, den ich je geschrieben habe (zufälligerweise auch der einzige), und er erschien ursprünglich im Münchener yedermann Verlag. Dieser hat seine Arbeit leider vor einiger Zeit eingestellt, und mein Roman war seit längerem nur noch antiquarisch. Jetzt hat ihn Voland & Quist erfreulicherweise wieder aufgelegt. Er ist nocheinmal sehr behutsam überarbeitet worden. Ich musste einige Jahreszahlen anpassen (allerdings keine für die Geschichte relevanten) und habe zwei blöde Witze rausgeschmissen, die mich schon lange geärgert haben. Wer Rechtschreib- und Kommafehler mag, sollte sich lieber eine der alten Auflagen besorgen. (Naja, es gibt sicher noch immer welche, aber man muss sich ein bisschen mehr Mühe beim Suchen geben.) Zwei weitere Vorteile der Neuausgabe: Sie ist großformatiger und sogar ein bisschen teurer, also viel wertvoller.

    Als ich es in Vorbereitung der Neuauflage nach Jahren mal wieder gelesen habe, war ich doch sehr erfreut, festzustellen, dass es noch immer aktuell ist, obwohl Science-Fiction-Romane, die in naher Zukunft spielen, oft schnell überholt sind. Außerdem musste ich erstaunlich oft kichern, obwohl ich ja eigentlich alles kennen müsste. Hatte trotzdem schon vieles vergessen. Ach doch. Ist schon ein schönes Buch …

    Neben der Papierfassung wird es auch eine Ebook-Ausgabe geben.

  • Werbepause

    So, ich meld mich mal wieder auf meinem Heimat-Weblog. Eigentlich schreibe ich ja zur Zeit alles, was ich ins Internet schreiben will in mein Bayreuther Tagebuch, aber zu Werbezwecken mache ich gerne eine Ausnahme:

    Am 11.3. erscheint bei Voland & Quist mein neues Buch „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“. Es wird sehr schön und enthält einen ganzen Haufen Geschichten. Die meisten davon sind in den letzten drei, vier Jahren entstanden (bis auf die Titelgeschichte und ein, zwei weitere). Außerdem steckt hinten eine CD drin. Wenn man sich mehrere Bücher kauft, man aus diesen CDs ein sehr hübsches Mobilé basteln, man kann sie aber auch in einen CD-Player stecken und sich anhören.

    maedchen

    Das Buch ist mit echter Tintenfischtinte auf feinstem Papier aus edlen Tropenhölzern gedruckt (hoffe ich zumindest; das ist schließlich mein Buch, das soll was ganz besonderes werden!), wem das nicht passt, der muss eben das Ebook kaufen. Hauptsache, ihr kauft es. Ich habe ausgerechnet, dass ich, wenn jeder Mensch der Welt auch nur ein einziges meiner Bücher kauft, das nächste nicht mehr selber schreiben muss, weil ich eine Million chinesischer Ghostwriter anheuern kann, wäre das nicht toll?!

     

  • Neues von Niki

    Neues von Niki

    Danke! Allen Helferinnen, Helfern, Unterstützern und Spendern! Danke!

    WICHTIG: Bitte, liebe Spender, legt eine Spende-Pause ein! Zum ersten haben wir vorläufig genug Geld zur Verfügung, zum anderen löst sich der Verein „Artist Met Autist“ e.V. auf. Aber keine Sorge, das Spielraumprogramm läuft weiter. Für künftige Spenden wird demnächst ein anderes Konto zur Verfügung stehen. Wir geben Bescheid!

  • Komplementärfarben. Heute: Rot und Grün.

    „Aus heutiger Sicht gibt es mindestens zwei Punkte, die eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei auf Bundesebene unmöglich machen. Der eine ist die national-chauvinistische Haltung, die gerade bei der Europapolitik immer wieder durchkommt. Und der andere ist die Unberechenbarkeit, wenn es um außenpolitische Fragen geht.“ sagt die Bundestags-Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen Göring-Eckardt in einem Interview auf berliner-zeitung.de. Eine von der Partei, die Deutschland in den ersten Krieg seit 1945 verwickelte, ich meine den Nato-Angriff auf Jugoslawien 1999. Wenn ich Wähler der Linkspartei wäre, würde ich genau anders herum darauf bestehen, dass diese nicht mit Bündnis 90/Die Grünen zusammenarbeitet. Aber so kann es mir eigentlich auch…

    (Andreas Krenzke)

  • SLAM2012 – Lieber Barth als Bond

    Endlich in Heidelberg, wo heute Abend die soundsovielten Meisterschaften der deutschsprachigen Poetry Slams, kurz der SLAM2012, bzw. der „National“, wie er sogar von Schweizern und Österreichern genannt wird, mit einer Eröffnungsgala anfangen. Ich hab mich schon lange darauf gefreut. Jetzt wird 5 Tage lang geslammt und gefeiert, danach bin ich im Eimer, verlasse mindestens drei Tage meine Wohnung nicht und beginne anschließend ein gesundes, verantwortungsvolles Leben – das wird schön.

    Wer nicht hiersein kann oder keine Karten mehr bekommen hat, muss aber nicht traurig sein: Poetry Slam ist sowieso Scheiße, wie Boris Preckwitz für das Feuilleton der SZ herausgefunden hat.

    Wer nicht glauben will, dass es sich beim Slam um nichts als billige Comedy, von Werbung kaum zu unterscheidenden Rap und generell um innovationslosen, gesellschaftskonformen Biedermaier handelt, findet den Beweis in untenstehendem Video. Es ist ein Mitschnitt des Hamburg-vs.-Berlin Poetry Slam Battles letzte Woche. Ab Minute 55 kann man mich als Mario-Barth-Atze-Schröder-Verschnitt sehen.

     

    [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=lGO-4Pbs9GE]

     

    Wer sich nun denkt: Na gut, dann geh ich eben nicht zum Poetry Slam, sondern gucke mir den neuen James Bond an – tut es nicht, der ist doof! Und wenn ihr es doch tut, obwohl ihr ja nun wisst, dass er doof ist, dann geht aus dem Kino, sobald der Vorspann anfängt, denn dann habt ihr das mmit Abstand Beste am Film (die Verfolgungsjagd durch Istanbul) schon gesehen und erspart euch auf eine fast zweieinhalb Stunden aufgeblasene bescheuerte Geschichte – wann haben die Regisseure eigentlich verlernt, 90-Minuten-Filme zu machen? -, viel Langeweile und vor allem: das nervige, kennermäßige Lachen der anderen Zuschauer, mit dem sie jeden „coolen“ Spruch, jeden mauen Gag und jede Anspielung auf frühere Filme quittieren.

    Ach nee, dann doch lieber Poetry Slam 😉

    (Lobenswert sind die Bemühungen Heidelbergs, die Stadt nicht zu hübsch werden zu lassen. Ein paar geschickt platzierte Neubauten sowie der Umbau der meisten Erdgeschosse in der Altstadt zu großflächig verglasten Schaukästen von Modekette und Handyläden tuen in dieser Hinsicht wahre Wunder.)

    (Volker Strübing)

  • Schnipsel vom 25.10.2012

    Und nun Kurzmeldungen aus aller meiner Welt: Ich kann wieder Fahrradfahren! Und humpel schon wieder wie ein junges Reh durch die Weltgeschichte; vorbei sind sie vorbei die Zeiten, in denen ich die Immobilienteile der Zeitungen studiert habe, in der Hoffnung, einen Artikel über mich zu finden. Ich sag mal: Nicht richtig laufen können war eine interessante Erfahrung, man sieht die städtische Infrastruktur mit ganz anderen Augen, freut sich über die vielen Rolltreppen und Fahrstühle und wünscht den Leuten, die den Hauptbahnhof geplant und ungefähr eine Bank pro Bahnsteig vorgesehen haben, einen Meniskusriss … ähm, nicht an den Hals … ans Knie. Außerdem fällt einem erstmals auf, wieviele Menschen humpelnd unterwegs sind, es ist wirklich unglaublich.

    Wer nochmal sehen will, wie ich auf eine Bühne hinke (man muss mittlerweise aber schon genau drauf achten), kann zu einem der folgenden Termine kommen:

    Heute, 25.10.2012, 21.00 Uhr, Berlin, Café Ä, Rakete 2000

    26.10., Freitag, Leipzig, Musikalische Komödie, Best of Poetry Slam mit Theresa Hahl, Dalibor, Bleu Brode und mir.

    29.10., Montag, Dresden, Militärhistorisches Museum, Krieg/Frieden Poetry Slam (ach Du grüne Neune, was tue ich?) mit Harry Kienzler, Tobias Glufke, Pauline Füg, Dominik Bartels, Tobias Kunze und mir.

    31.10., Mittwoch, 19.30 Uhr, Gießen, Foyer der Universitätsbibliothek Gießen, icke solo

    5.11., Montag, Berlin, Volksbühne, Städtebattle Berlin vs. Hamburg mit Michel Abdollahi ,Fabian Navarro, Neurosenstolz, Bente Varlemann, Casjen Ohnesorge (für Hamburg) sowie Josefine Berkholz, Julian Heun, Bas Boettcher, Sebastian Lehmann und mir (für Berlin)

    8.11., Donnerstag, Wien, Poetry Slam (hab leider keinen Link gefunden)

    Wer nichts vorgelesen bekommen will, muss eben selber lesen. Man kann zum Beispiel in eine Buchhandlung gehen und, wie der dicke, etwas angegammelte Mann neulich im Buchladen in den Schönhauser Allee Arcaden, die Verkäuferin fragen: „Ham Sie außer Der Knochenbrecher und Der Vollstrecker noch andere Bücher von dem Autor?“ Literatur ist was Schönes.

    Wenn jemand nette Cafés oder Kneipen in Bayreuth kennt, bin ich für Hinweise sehr dankbar. Nächstes Jahr werde ich dort fünf Monate leben. Lange Geschichte. nach guter Schnipselfriedhof-Tradition verspreche ich, sie ein andermal zu erzählen.

    (Ich verstehe diese Werbung nicht. Ist die Frau mit dem Kaktus im Schritt ein Vorher- oder Nachherbild? Gruslig auf alle Fälle. Niemand sollte Kakteen zwischen den Beinen haben.)

    (VS)

  • 60 Millionen Pralinen

    Ehrlich, ich mag Facebook. Und kann dieses von Unwissenheit und Neophobie geprägte „Meine Daten, meine Daten, ach du lieber Gott, meine Daten!“-Gejammer mancher Leute nicht mehr hören. Als sei eine Anmeldung bei Facebook dasselbe ist wie ein Einzug in den Big Brother Container!

    In letzter Zeit allerdings ist es sogar mir ein bisschen unheimlich geworden. Wahrscheinlich werde ich einfach mit dem Alter immer ängstlicher und konservativer. Ich kämpfe dagegen an, aber ganz kann ich es offenbar nicht verhindern.

    Neulich jedenfalls tauchte am rechten Rand Werbung für eine Single-Börsen-App auf. „60 Millionen Singles zum Greifen nahe“, versprach sie. Darunter standen die Namen zweier Facebookfreunde, die diese App benutzten. Dies warf einige Fragen auf. Zuallererst, welchen Sinn die Angabe meiner beiden Facebookfreunde haben sollte, handelte es sich bei ihnen doch um ältere Herren. Solange sich in meinem Freundeskreis keine Frauen fanden, die die App benutzten, musste sich eine eventuell erhoffte Werbewirksamkeit dieser Maßnahme in ihr Gegenteil kehren. Desweiteren fragte ich mich, ob die beiden wussten, dass ihre Namen von der App zu Werbezwecken verwendet wurden. Wahrscheinlich nicht, aber das war selbstverständlich ihre eigene Schuld, hätten sie sich doch die Nutzungsbedingungen etwas genauer angeschaut!

    Auch der Werbespruch verfehlte seine beabsichtigte Lockwirkung bei mir vollkommen: 60 Millionen Singles! Zum Greifen nahe! Das wollte ich nicht, das waren mir eindeutig zuviele, selbst wenn es sich bei diesen 60 Millionen nicht durchweg um ältere Herren handeln sollte, sondern um Frauen, die mir einzeln durchaus zu gefallen wüssten. Und auch wenn „zum Greifen nah“ sicher nicht wörtlich zu verstehen war, stellte sich bei mir dennoch sofort das Bild einer riesigen Menschenmenge ein.

    Menschenmengen sind mir gruselig, sie setzen das Schlimmste in ihren Mitgliedern frei, Menschenmengen sind böser als die Summe ihrer Teile; sie haben keinen Geschmack, kein Herz und kein Hirn. Seht euch nur einmal an, wo und wann sich Menschenmengen bevorzugt aufhalten, es sind schlechte Orte und falsche Zeiten. Man trifft sie bei Fußballspielen, im Berufsverkehr, bei Sommerschlussverkäufen und Tote-Hose-Konzerten. (Manchmal auch bei Lesebühnen und Poetry Slams. Darüber muss ich noch einmal nachdenken.)

    60 Millionen Singles! Zum Greifen nahe! Wie soll man sich denn da entscheiden? Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die sich aus 8 verschiendenen Pralinen eine aussuchen durften, hinterher glücklicher waren, als die Testpersonen, die die Wahl zwischen 30 Sorten hatten. Je größer die Auswahl desto größer die Angst, man hätte sich besser entscheiden können, desto größer die Unzufriedenheit; es folgen Streit, Scheidung, Alkoholismus und die regelmäßigen Familientragödien in der Tagesschau, bei denen Särge aus gesichtslosen Einfamilienhäusern getragen werden.

    Bei Singlebörsen greifen alle erst einmal nach den schönsten Pralinen, doch diese sind stets nur Lockvögel und so wühlen sich Ottonormalverlierer und Petra Mustermann schließlich frustriert durch den Grabbeltisch mit abgelaufener Ware in der Hoffnung, zwischen angeditschten Hallorenkugeln und zerdrückten Edlen Tropfen wenigstens noch ein halbwegs passables Raffaello zu finden – es ist ein Trauerspiel!

    (Was soll denn bei so einer Diskussion rauskommen?)

    Vor allem aber fragte ich mich, wie Facebook auf die Idee gekommen war, dass ich mich für Singlebörsen interessierte. Ich hatte meinen Beziehungsstatus im Profil nicht angegeben, und wahrscheinlich war genau das der Grund: Irgendein Algorhythmus, der für die Verteilung der Werbung zuständig war, ging vielleicht davon aus, dass Menschen, die glücklich in einer Beziehung lebten, dies auch stolz auf Facebook kundtaten, das war schließlich nichts, was man geheim halten würde, nichts wofür man sich schämte. Wer da Feld nicht ausfüllte war nach dieser Logik entweder Single oder mit seiner Beziehung unglücklich, auf jeden Fall aber auf der Suche. Ganz schön perfide. Dadurch, dass ich keine Aussage machte, machte ich eben gerade doch eine Aussage, „keine Antwort ist auch eine Antwort“!

    Während ich noch über die unheimlichen Implikationen meiner Entdeckung nachdachte, scrollte ich durch die Statusmeldungen. Es war die übliche Mischung aus Instagram-Bildern, Aphorismen und Links zu Musikvideos. Zwischendrin eine Menge Genörgel über die Änderungen an der Profilseite, die Facebook angekündigt hatte. Wieder so ein Sturm im Wasserglas, wie damals als die Chronik eingeführt wurde. Herrjeh, dann macht doch nicht mehr mit! Schließlich war es deren Website, sie konnten damit machen, was sie wollten und und wenn es uns hier nicht mehr gefiel, dann würden wir eben weiterziehen.

    Ich schloss die Seite, rief meine liebste Bastel-Website auf und arbeitete den Rest des Tages weiter an meiner Atombombe.

    Als ich mich am nächsten Tag wieder bei Facebook einloggte, stellte ich halb angewidert, halb amüsiert fest, dass anstelle der Singlebörse nun ein Sexshop für Masturbationshilfen warb. Darunter wie gehabt eine Aufzählung von Freunden, die diesen Sexshop besucht hatten. Die nächste Anzeige warb seltsamerweise für Handcreme von Nivea; eine weitere für Thor Steinar Klamotten. Man, jetzt dreht ihr aber echt durch, dachte ich. Da klingelte das Telefon.

    „Strübing?!“

    „Guten Tag, hier ist Wiebke Schmidt von Facebook Customer Care. Wir rufen sukszessive alle Facebook-Teilnehmer, die ihre Telefonnummer angegeben haben an, um eventuelle Fragen zur neuen Profilseite zu beantworten und mögliche Fehler und Missverständnisse auszuräumen.“

    „Ähm, die neue Profilseite?“

    „Ja, wir haben ein paar Änderungen vorgenommen, damit sie ihr Profil noch besser auf ihre Person anpassen können. Wurde heute nacht freigeschaltet, schauen Sie doch mal nach.“

    Ich tat, wie mir geheißen.

    Und kippte fasst vom Stuhl.

    Es gab plötzlich Dutzende von Feldern für persönliche Angaben – und alle waren ausgefüllt.

    „Habt ihr ein Rad ab?“, brüllte ich ins Telefon.

    „Stimmen die Angaben nicht? Eine Software hat die wahrscheinlichsten Antworten für alle Felder auf Basis ihrer bisherigen Angaben und ihres Nutzerverhaltens errechnet, um ihnen das Leben leichter zu machen. Falls unser Algorhytmus Fehler gemacht hat, können Sie die natürlich jederzeit korrigieren.“

    „Beziehungsstatus: Ich bin ein einsamer Loser und kriege langsam Hornhaut an der rechten Handfläche?!“, schrie ich. Das erklärte dann wohl die Nivea-Werbung.

    „Wenn Sie Linkshänder sind, können Sie im Menü auch die linke Handdfläche auswählen.“

    „Verarschen Sie mich doch nicht! Wie kommen Sie überhaupt auf diesen Scheiß?!“

    „Naja, Sie haben keinen Beziehungsstatus angegeben, sich nicht für Singlebörsen interessiert und nie ‚Gefällt mir‘ gedrückt, wenn jemand ein Kitschbild mit einem schmalzigen Spruch über die Liebe gepostet hat, und daraus hat die Software extrapoliert, dass sie wahrscheinlich ein notorischer Masturbierer ohne Interesse an wirklichen Beziehungen und echtem Sex sind. Es ist doch auch in Ihrem Interesse! Damit Sie nur Statusmeldungen und Werbung zu sehen bekommen, die sie wirklich interessieren.“

    Ich rang nach Luft, Fassung und Worten. Wiebke Schmidt plapperte weiter: „Und es ist doch auch nichts dabei, wir verurteilen Sie ja gar nicht.“

    „Es ist aber nicht wahr!“

    „Dann ändern Sie es eben!“

    Ich öffnete das Auswahlmenü und überflog die angebotenen Alternativen. Es war eine lange Liste, aber …

    „Ähm, hören Sie, ich finde ‚Keine Angabe‘ nicht.“

    „Ja, das gibt’s ja auch nicht mehr. Das haben wir durch ‚Ich bin so pervers, dass ich nicht darüber sprechen will‘ ersetzt. Wissen Sie, die Idee hinter Facebook ist doch das Teilen von Informationen mit Freunden. Es ist doch ein ziemlich unsoziales Verhalten, bei anderen den Beziehungsstatus zu checken und den eigenen geheimzuhalten. Wir wollen Facebook gerechter und sozialer machen. Hand auf’s Herz, haben Sie noch nie bei jemandem nachgeguckt, ob er oder sie in einer Beziehung ist?“

    „Naja … schon, aber …“

    „Und außerdem, um mal unseren Chef, den Marc, zu zitieren: ‚Wer nichts zu verstecken hat, hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten.‘ Gerade Ihnen als Nazi müsste das doch gefallen!“

    „Was?!“ Tatsächlich, unter „Politische Ansichten“ stand „Faschist“.

    „Sie sind doch Nazi, oder? Weil, wenn Sie ein verfassungstreuer Demokrat wären, hätten Sie ja kein Problem damit gehabt, die Spalte auszufüllen und da hat der Algorhythmus gefolgert …“

    „Ja, ich verstehe schon!“, sagte ich. „Und ich weiß ja auch, dass die Idee dahinter gut ist, aber wissen Sie … ich weiß nicht, ob das noch was für mich ist, löschen Sie doch bitte mein Profil. “

    „Ich kann ihren Login gerne löschen. Dann können Sie aber auch Fehler in ihrem Profil nicht mehr ändern, denn das bleibt natürlich bestehen. Das ist Eigentum von Facebook. Wenn Sie sich mit ihrer Mutter verkrachen, gehen Sie doch auch nicht zu ihr und reißen sämtliche Fotos von sich selbst aus Muttis Fotoalben. Und außerdem: Das finde ich sehr unanständig von ihnen, Herr Strübing. Jahrelang haben Sie unseren Service genutzt und nichts haben Sie je zurückgegeben. Nicht auf eine einzige Werbeanzeige haben Sie geklickt, wie ich gerade sehe. Sie haben unsere Arbeit, unsere Server, unsere Energie genutzt, um ihren Spaß zu haben, Sie Schmaotzer, Sie haben, wie ich gerade sehe, kostenlos bei uns Werbung für ihre Lesungen gemacht, und als einzige klitzekleine Gegenleistung bitten wir um ein paar Informationen, und die wollen Sie uns jetzt wieder wegnehmen! Was für ein schlechter Mensch Sie doch sind“

    Sie weinte. Und ich sah nun ein, dass sie Recht hatte und ich ein schlechter Mensch war. Zum Glück war das entsprechende Feld in meinem Profil schon korrekt ausgefüllt.

    „Ist ja gut, ist ja gut“, lenkte ich ein. „Ich bin Ihnen allen ja auch dankbar für ihre Arbeit. Also gut. Ich lass mir das alles nochmal durch den Kopf gehen.“

    Ich legte auf, änderte meine politische Anschauung in „Islamist“, meine Religion in „Hinduismus“ und meinen Beziehungsstatus in „Ich ficke deine Mutter und es ist kompliziert“, dann schaltete ich den Computer aus und ging in den Park, um meine Atombombe endlich einmal auszuprobieren.

    (Volker Strübing)

  • Morgen: Groovestation!

    Ich lese morgen (Mittwoch) solo in der Groovestation in Dresden. Um acht. Es gibt Bier und Brause an der Bar und allerlei Texte von mir. Der Eintritt beträgt 5 Euro, dazu kommen gegebenfalls noch Fahrtkosten, wenn man zum Beispiel aus Wuppertal oder so anreist.

  • Schnipsel vom 15.9.2012 – SEK & Birkenschnaps

    Gestern war ich zu Hochzeitsfeierlichkeiten nach Weißensee eingeladen. Schön war es, dem wunderbaren Paar sei eine glückliche Ehe beschieden und zur goldenen Hochzeit mache ich gerne wieder Bouletten. Unvergesslich wird mir das Fest unter anderem wegen des SEK-Einsatzes und des Birkenwodkas bleiben. Hier mag der Leser stutzen; falls es sich bei ihm um eine Comicfigur handelt, wird eine Gedankenblase mit einem großen Fragezeichen über seinem Kopf erscheinen: Birkenwodka, wtf? Eigentlich handelte es sich nicht um echten Birkenwodka, sondern um normalen Wodka mit Birkenaroma. Wie er schmeckt, ist leicht zu beantworten: Wie Birkenpudding oder Birkenkompott, nur eben mit Wodka, ist doch logisch.

    (Hochzeitstorte -hackherzen)

    Der SEK-Einsatz wurde durch eine Schießerei auf dem Hof der zum Feiern gemieteten Lokalität ausgelöst bzw. durch das, was ein besorgter Nachbar für eine Schießerei hielt. Eigentlich waren nur ein paar Knaller und eine Feuerwerksbatterie gezündet worden, trotzdem rückte ein Sondereinsatzkommando an, man muss das ja auch verstehen, die hatten eben nur die Info: Schießerei auf finsterem Weißenseer Hof. Von einer Erstürmung des Anwesens wurde nach gründlicher Prüfung der Lage Abstand genommen.

    Mein Lieblingssatz heute stammt aus dem FAZ.net-Artikel „Die langfristige Perspektive: Inflation oder Schuldenschnitt“ und lautet: „Berechnungen […] zeigen, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten in einem Drittel aller Jahre jeweils mehr als ein Fünftel der Staaten zahlungsunfähig war.“ Da fragt man sich doch: Kann es nicht auch sein, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten an der Hälfte aller Tage in zwei Dritteln der Zeitungen aus vier Fünfteln aller Länder in einem Viertel aller Artikel gut ein Zehntel aller Sätze seltsam war? Lesenswert ist der Artikel übrigens allemal.

    Wo ich einmal bei schönen Sätzen bin: Im Buchladen fragte vorgestern jemand: „Ham Sie von dem Autor noch andere Bücher außer ‚Der Knochenbrecher‘ und ‚Der Vollstrecker‘?“

    Schönes Wochenende!

  • O! So phil Philosophie!

    Die lange totgeglaubte Philosophie boomt derzeit wie seit den Tagen der ollen Griechen nicht mehr. Gar nicht so sehr wegen der Beststeller von Precht und anderen populärwissenschaftlichen Philosophieerklärern , sondern wegen der starken Philosophienachfrage seitens der Wirtschaft. Jede popelige Schraubenbude braucht ja heutzutage eine „Philosophie“, wenn sie sich am Markt behaupten will, Produkte alleine reichen schon lange nicht mehr. Ein Glück für alle Studenten dieser edlen Geisteswissenschaft, die früher dazu verdammt waren, in Holzfässern, schimmligen Wohnungen oder Feuilletons vor sich hinzuvegetieren. Endlich werden sie gebraucht. Manche Unternehmen scheinen sich regelrechte Philophieabteilungen aufgebaut zu haben.

    Zum Beispiel der Fernsehhersteller Loewe, für den irgendein Manager in einem Interview auf Inforadio nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei Firmenphilophien präsentieren konnte. Ich stelle mir gern ein Großraumbüro voller sympathisch angetrottelter Philosophen vor, überall stehen Kaffeetassen, Teller mit Rühreiresten, halbleere  Schierlingsbecher (oder halbvolle? Ein ewiger Streit in der Abteilung!) herum, die Luft ist aufgeladen von kreativer Energie, die sich hin und wieder in Geistesblitzen entlädt: „Platon!“, brüllt da plötzlich einer  und Krümel des  Pflaumenstreuselkuchens, an dem er gerade gekaut hatte, als die Erleuchtung ihn ereilte, fliegen durch den Raum. „Höhlengleichnis!“, fügt er hinzu und plötzlich ist kein Halten mehr. Die Philosophen laufen wild gestikulierend durcheinander, Haare werden gerauft, Bärte gezupft, Kaffeetassen umgekippt. Natürlich! Das Höhlengleichnis, das ist es! Was könnte besser zu einem Fernsehhersteller passen!

    Sieben Monate später, nachdem sich meherere miteinander unversöhnlich streitende philosophische Schulen gebildet, wieder aufgelöst und neu gruppiert haben, die Hälfte der Belegschaft in den Selbstmord getrieben wurde und die Mitarbeiter in der Beschwerdeabteilung eine Etage tiefer wegen des Geschreis und Getrampels über ihnen kaum noch arbeiten konnten, ist es soweit: Die Philosophen legen der Geschäftsführung die von ihnen ausgearbeitete Unternehmensphilosophie vor, ein 4000 Seiten dickes Manifest in drei Bänden, ledergebunden, die ersten beiden Bände in Schweinsleder, der dritte in die Haut eines Neopositivisten, der bei der Kaffeekasse beschissen hatte.
    Die Geschäftsführung ist beeindruckt und gibt das Werk an die Marketingabteilung weiter mit der Bitte, es ein wenig zu kürzen, man habe morgen einen Interviewtermin auf der IFA und wolle der Öffentlichkeit gerne drei Unternehmensphilosophien vorstellen.

    Und so durfte ich mir schließlich folgendes anhören (Gedächtniszitat): „Unsere erste Philosophie ist Qualitätsarbeit. Unsere zweite Philosophie ist verantwortungsvolles Unternehmertum. Und unsere drittte Philophie ist ‚Made in Germany’“ Sich des Umstandes, dass nicht alle Zuhörer Philosophie studiert haben, voll bewusst fügte er noch einen besonders schönen Satz an: „Und diese Philosophie können wir in Deutschland am besten leben„. Yeah! Soviel „lebenswerte“ Philosophie war selten.

    (Zur Philosophie dieses Unternehmens liegen mir leider keine Informationen vor.)

    (Volker Strübing)

    PS: Bin noch etwas irritiert, weil die berühmte Schweizer Philosophin Hazel Brugger kürzlich darauf hinwies, das „Volker Struebing“ ein Anagramm zu „Kotversilberung“ darstellt. Klingt jedenfalls nach ner prima Geschäftsidee, man möchte fast sagen, nach einer Philosophie: Aus Scheiße Silber machen.